Spaziergang im Vertrauten

cache/images/article_1755_prohaska_b_140.jpg Bei den Stationen in der Karriere von Herbert Prohaska gibt es einen fixen Bezugspunkt: die Wiener Austria. In ihrem vertrauten Umfeld bewegte sich der vom Verein soeben zum Jahrhundertfußballer gekürte Mittelfeldregisseur stets sicher wie ein Fisch im Wasser.
»Es muss 1971 oder 1972 gewesen sein. Teamchef Leopold Stastny hat mich angerufen und gemeint, es gebe da einen 16-Jährigen bei Ostbahn, den ich mir anschauen soll.« Peter Linden, Fußballchef der Kronen Zeitung, erinnert sich noch lebhaft an seine erste Begegnung mit Herbert Prohaska. »Der Wuschelkopf hat die zwei Unterweltler in der Verteidigung vom Prater SV verzaht. Eine Körpertäuschung und die zwei sind mit den Schädeln zusammengekracht. Dann hat er den Ball ins Tor gegaberlt. Der Stastny hat Tränen gelacht.«


Herbert Prohaskas außergewöhnliches Talent bleibt im Wien der 1970er Jahre nicht lange unentdeckt. Gepaart mit einer ordentlichen Portion Ehrgeiz führt es den Arbeitersohn nach Paris ins Europacupfinale, nach Mailand, Rom und zu insgesamt drei WM-Endrunden als Spieler und Trainer. Auf dem Feld bewegt sich »Schneckerl« mit tänzerischer Selbstsicherheit. Er macht dem tschechischen Ursprung seines Nachnamens (Prochazka = Spaziergang, Anm.) alle Ehre, spaziert mit Eleganz und Übersicht durch die Reihen der Gegner. Jahrelang kennt seine Karriere nur eine Richtung: nach oben. Stößt er auf ein Hindernis, zieht er sich in vertraute Gefilde zurück. Und Prohaska kann sich stets auf ein funktionierendes Netzwerk verlassen, seine Familie, seine Förderer, seine Freunde. Die Loyalität zu ihnen prägt Prohaskas Leben.

Bescheidenes Glück
»Früher ist in der Hasenleitengasse kein einziges Auto gestanden, heute muss ich beim Durchfahren jedes Mal lachen«, sagt Herbert Prohaska im Gespräch mit dem ballesterer. »Es gibt nie einen freien Parkplatz.« Die Gegend, in der er aufgewachsen ist, hat sich verändert und präsentiert sich frisch saniert. Gepflegte Grünanlagen lockern die Blocks der dreistöckigen Häuser auf. Bis zur Fertigstellung der Gemeindebausiedlung 1951 standen hier Holzbaracken, in denen die Ärmsten der Armen untergebracht waren. Diese Vergangenheit wirkte Anfang der 1960er Jahre noch nach. Die Polizei soll in der Hasenleiten nach Einbruch der Dunkelheit kaum auf der Straße zu sehen gewesen sein.


Herbert Prohaska wird am 8. August 1955 in bescheide Verhältnisse geboren. Der Vater ist Hilfsarbeiter, die Mutter Bedienerin. In der Zweizimmerwohnung muss auch noch der Großvater untergebracht werden. Der kleine Berti teilt sich mit seinen Eltern ein Bett. Obwohl das Haus erst ein paar Jahre alt ist, bildet sich schon bald Schimmel an der Wand. Der eine Koksofen, der für die ganze Wohnung reichen muss, kommt mit dem Heizen kaum nach. Die Familie wäscht sich in einer Bassena im Wohnraum kalt. Dennoch wird sich Prohaska später nie über seine Kindheit beschweren. »Ich war in der Hasenleiten das glücklichste Kind, das man sich nur vorstellen kann«, schreibt er in seiner Autobiografie »Mein Leben«, die er seinen Eltern »in Dankbarkeit« widmet. »Ich hatte eine liebe Familie, die zu mir hielt, und jede Menge Freunde, denen es keinen Deut besser ging. Ich ahnte ja nicht einmal, dass es Leute gab, die mehr hatten.«

Purple Haze und der schwindlige Sara
Am glücklichsten ist der schmächtige Bub, wenn er den Ball am Fuß hat, egal ob im Käfig mit anderen Kindern oder mit seinem Vater auf der Wiese. Beim »Servierer«, dem Eins gegen Eins im Käfig, spielt er mit so viel Einsatz, dass seine Mutter glaubt, er sei zusammengeschlagen worden. »Weinen war verboten, sonst hätten mich die älteren Burschen nicht mehr mitspielen lassen«, sagt Prohaska. Der als Jugendtrainer tätige Vater bringt seinen neunjährigen Sohn 1964 zu Vorwärts XI, ein Jahr später wechseln beide zu Ostbahn XI, dem Simmeringer Traditionsklub. Weit hat es der Knirps nicht zum Training. Der Sportplatz von Ostbahn liegt nur ein paar hundert Meter von der elterlichen Wohnung entfernt. Bei den Knaben setzt Prohaska neue Maßstäbe bei Zeitausschlüssen alle wegen Schiedsrichterkritik. Ostbahn-Trainer Rudolf Sabetzer wirft ihn mehrmals aus der Mannschaft, pardoniert ihn aber stets wegen seines auffälligen Talents.


Den Eltern will Herbert Prohaska unnötigen Ärger ersparen. »Ich war für Hasenleitner Verhältnisse ein braves Kind«, schreibt Prohaska in seinem Buch. »Viele meiner Bekannten sind mit dem Gesetz in Konflikt geraten.« Nur kurz leistet er sich eine rebellische Phase. Die ausklingenden 1960er Jahre sind auch in Simmering eine Zeit des Umbruchs. Prohaska schaut sich den Woodstock-Film »ungefähr 30-mal« an. Nach dem Hauptschulabschluss spielt er in der Simmeringer Kombo »Electric Army« die Bassgitarre. »Purple Haze, Jimi Hendrix war immer mein Liebling, aber die Band war eine Kinderblödheit«, sagt Prohaska. »Ich habe sogar davon geredet, mit dem Fußballspielen aufzuhören. Das wäre wirklich das Dümmste gewesen.«


1970 kommt Herbert Prohaska in die Erste von Ostbahn XI, wo er in der 1. Klasse A auf Anhieb Meister wird. Der jugendliche Mittelfeldspieler der drittklassigen Mannschaft macht von sich reden. Robert Sara, zu dieser Zeit schon erfahrener Außendecker der Austria und seit 1965 in der Nationalmannschaft, erinnert sich: »Das erste Mal begegnet bin ich ihm bei einem Testspiel gegen Ostbahn XI im Prater. Da er hat fast die komplette Defensive des Nationalteams schwindlig gespielt.«

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 68, Jänner/Februar 2012) Ab 13.12. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 68
Rubrik: Thema
ballesterer # 113

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.08.2016.

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