Argentinischer Wind der Hoffnung
Jede Menge lebensrettende »good vibes« für Diego kommen aus Neapel. Dort veröffentlicht zur gleichen Zeit der Sänger Pino Daniele sein neues Album »Passi dautore«. Zusammen mit dem besten Fußballer aller Zeiten und Sophia Loren bildet er für die Neapolitaner die Stardreifaltigkeit ihrer Stadt. In instinktiver Zufälligkeit befindet sich auf der CD zwischen den intimen Jazzaufnahmen der Maradona gewidmete Song »Tango della buena suerte«. Als Pino Daniele das Lied 2003 schrieb, wusste er nicht, wie sehr Diego bereits ein Jahr später den »Viel Glück-Tango« brauchen würde.
Diese oberflächliche Zufälligkeit wird bei näherer Betrachtung zur schicksalhaften Verkettung zwischen den Lebensgeschichten der Menschen in Neapel und ihrem »Cico«. Mit seinem genialen und leidenschaftlichen Fußballspiel hat er ihnen das einzige kollektive Erfolgserlebnis ihrer jüngeren Geschichte geschenkt. Die Stadt Neapel stirbt seit Jahrzehnten langsam an Chaos, organisierter Kriminalität und Schattenwirtschaft vor sich hin. »Er ist ein Magier mit dem Ball«, singt Pino Daniele, »ich habe ihn von der Erde aufstehen und aufs Tor schießen sehen/es bläst der Wind aus Argentinien, vor aufgerissenen Augen, voll großer Hoffnung/und im richtigen Moment spielt der Zaubertango/er ist der richtige Mann, der uns gewinnen machen kann.«
Das Leben, die wichtigste Partie
Für sein Spiel haben ihn die Süditaliener rund um den Vesuv vor Liebe fast aufgefressen. Jetzt, da er sie wirklich braucht, sind sie aber mit ihren Herzen bei ihm, denn in der Wirklichkeit des Frühjahres 2004 geht es für den Ballzauberer Diego weniger magisch zu. Mit durchdringender Falsettstimme singt Pino Daniele: »Die wichtigste Partie ist mit dem Leben zu spielen, mitten auf dem Feld stehend«. Es scheint in jenen Tagen, als ob der schwerkranke Star die zentrale Spielmacherposition in seinem Leben endgültig verloren hat. Als fehle ihm der Überblick und die geniale Intuition, das Richtige zu tun. Hinweg gesnifft mit Kokain, zugepanzert durch Fettleibigkeit und weggeblendet durch das Scheinwerferlicht der sensationssüchtigen Paparazzi-Medien. Als Pino Daniele seine Gitarre in die Zauberhände nimmt und singt, erreicht Maradona der neapolitanische Tango voll von dankbarer Anerkennung und sensibler Zuneigung »und bei ausgeschaltetem Licht spielt der Zaubertango, er wird immer hier bleiben, wie ein Standbild; Cico viel Glück!«
Und siehe da, wie durch ein Wunder überlebt Diego jene dramatischen Wochen im April 2004 in der »Clinica Suiza Argentina« von Buenos Aires. Er begibt sich auf den Weg der körperlichen Regeneration und bis zum heutigen Tag auf eine scheinbar endlose Werbeweltreise, um seine leeren Kassen zu füllen. Nur seine Napoletani haben den Weg aus der Krise auch Ende 2006 noch immer nicht gefunden. »Während Cico in der Welt umherläuft, haben wir diese Lektion immer noch nicht gelernt« heißt es am Ende des Liedes. Jetzt bräuchten die Napoletani seine Zuneigung. Sie lieben ihn immer noch, heute mehr als damals.
Hörtipp: Pino Daniele Project: »Passi dautore« (2004)






erscheint am 12. Juli 2013.
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