Spiel mir das Lied vom Leben

NEAPEL II Für den Weltmusiker Pino Daniele ist Diego Maradona der ein Erlöser der Neapolitaner im 20. Jahrhundert. Als der Argentinier im Frühjahr 2004 fast stirbt, rettet ihm der feinfühlige Gitarrenpoet aus Neapel mit einem Lied voll von Glück das Leben, weiß Martin Schreiner.
Martin Schreiner | 05.06.2008
Sonntag, 18. April 2004: Diego Maradona geht es wirklich schlecht. Nachdem er ein Heimspiel seiner Boca Juniors besucht hat, wird er wegen zu hohen Blutdrucks, Atemnot und einer Lungenentzündung in eine Klinik in Buenos Aires eingeliefert. Er ist stark übergewichtig und muss künstlich beatmet werden. Die Medien spekulieren über eine neuerliche Überdosis Kokain. Seine Fans beten und bangen um das Überleben ihres Lieblings. Auf dem Fußballplatz hat ihnen »El Diez« im Laufe seiner Karriere intensive Emotionen geschenkt. Jetzt braucht er ihre Liebe und Unterstützung, um nicht zu sterben.


Argentinischer Wind der Hoffnung


Jede Menge lebensrettende »good vibes« für Diego kommen aus Neapel. Dort veröffentlicht zur gleichen Zeit der Sänger Pino Daniele sein neues Album »Passi d'autore«. Zusammen mit dem besten Fußballer aller Zeiten und Sophia Loren bildet er für die Neapolitaner die Stardreifaltigkeit ihrer Stadt. In instinktiver Zufälligkeit befindet sich auf der CD zwischen den intimen Jazzaufnahmen der Maradona gewidmete Song »Tango della buena suerte«. Als Pino Daniele das Lied 2003 schrieb, wusste er nicht, wie sehr Diego bereits ein Jahr später den »Viel Glück-Tango« brauchen würde.
Diese oberflächliche Zufälligkeit wird bei näherer Betrachtung zur schicksalhaften Verkettung zwischen den Lebensgeschichten der Menschen in Neapel und ihrem »Cico«. Mit seinem genialen und leidenschaftlichen Fußballspiel hat er ihnen das einzige kollektive Erfolgserlebnis ihrer jüngeren Geschichte geschenkt. Die Stadt Neapel stirbt seit Jahrzehnten langsam an Chaos, organisierter Kriminalität und Schattenwirtschaft vor sich hin. »Er ist ein Magier mit dem Ball«, singt Pino Daniele, »ich habe ihn von der Erde aufstehen und aufs Tor schießen sehen/es bläst der Wind aus Argentinien, vor aufgerissenen Augen, voll großer Hoffnung/und im richtigen Moment spielt der Zaubertango/er ist der richtige Mann, der uns gewinnen machen kann.«


Das Leben, die wichtigste Partie


Für sein Spiel haben ihn die Süditaliener rund um den Vesuv vor Liebe fast aufgefressen. Jetzt, da er sie wirklich braucht, sind sie aber mit ihren Herzen bei ihm, denn in der Wirklichkeit des Frühjahres 2004 geht es für den Ballzauberer Diego weniger magisch zu. Mit durchdringender Falsettstimme singt Pino Daniele: »Die wichtigste Partie ist mit dem Leben zu spielen, mitten auf dem Feld stehend«. Es scheint in jenen Tagen, als ob der schwerkranke Star die zentrale Spielmacherposition in seinem Leben endgültig verloren hat. Als fehle ihm der Überblick und die geniale Intuition, das Richtige zu tun. Hinweg gesnifft mit Kokain, zugepanzert durch Fettleibigkeit und weggeblendet durch das Scheinwerferlicht der sensationssüchtigen Paparazzi-Medien. Als Pino Daniele seine Gitarre in die Zauberhände nimmt und singt, erreicht Maradona der neapolitanische Tango voll von dankbarer Anerkennung und sensibler Zuneigung »und bei ausgeschaltetem Licht spielt der Zaubertango, er wird immer hier bleiben, wie ein Standbild; Cico viel Glück!«
Und siehe da, wie durch ein Wunder überlebt Diego jene dramatischen Wochen im April 2004 in der »Clinica Suiza Argentina« von Buenos Aires. Er begibt sich auf den Weg der körperlichen Regeneration und bis zum heutigen Tag auf eine scheinbar endlose Werbeweltreise, um seine leeren Kassen zu füllen. Nur seine Napoletani haben den Weg aus der Krise auch Ende 2006 noch immer nicht gefunden. »Während Cico in der Welt umherläuft, haben wir diese Lektion immer noch nicht gelernt« heißt es am Ende des Liedes. Jetzt bräuchten die Napoletani seine Zuneigung. Sie lieben ihn immer noch, heute mehr als damals.               

Hörtipp: Pino Daniele Project: »Passi d'autore« (2004)

Referenzen:

Heft: 25
ballesterer # 121

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