Stadt der Chemiker und Lokisten

cache/images/article_1789_bruno_140.jpg Leipzig ist ein umkämpftes Terrain. Hier wurde Fußballgeschichte geschrieben, trotzdem trifft die Bezeichnung Traditionsverein auf keinen Klub wirklich zu. Zu oft wurde fusioniert, umbenannt, neu gegründet, ausgelöscht. Der Fußballkampf um die Stadt droht mit einem Treppenwitz der Geschichte zu enden.
Hans Georg Egerer | 13.02.2012
Der 22. April 1987 ist der Tag von René Müller. Halbfinale des Europacups der Cupsieger, Lok Leipzig gegen Girondins Bordeaux: Gleichstand nach zwei Spielen, torlose Verlängerung und dann Elfmeterschießen. Es steht 5:5, als der routinierte Bordeaux-Verteidiger Zoran Vujovic vorlegen muss. Im Leipziger Zentralstadion herrscht ohrenbetäubender Lärm. Die Zuschauer pfeifen den Schützen gnadenlos aus. Vujovic schießt den Ball flach in die Mitte. Lok-Leipzig-Tormann René Müller hält ohne Probleme. Zum entscheidenden Elfer tritt er selbst an und versenkt den Ball im linken Kreuzeck. Der 1. FC Lokomotive Leipzig steht im Europacupfinale. Der Jubel der 73.000 Lok-Fans kennt keine Grenzen. Es können auch mehr gewesen sein. René Müller erinnerte sich in einem 11Freunde-Interview: »Das Zentralstadion hatte offiziell 95.000 Sitzplätze, aber es war kein Gang mehr zu sehen, der Umlauf war voller Menschen. Eine gigantische Kulisse, die ich vor- oder nachher nie wieder erlebt habe.«


Das Endspiel in Athen verliert Lok gegen Ajax Amsterdam. Es war das letzte Europacupfinale, an dem ein Klub aus Ostdeutschland teilnehmen sollte. 1974 gewann der 1. FC Magdeburg den Cup der Cupsieger. 1981 scheiterte Carl Zeiss Jena im selben Bewerb an Dynamo Tiflis. Drei Jahre nach dem Finale von Athen ist die DDR Geschichte. Der Fußball aus den neuen Bundesländern hat danach auch Mühe, im nationalen Wettkampf mitzuhalten. Seit der Saison 2009/10 ist kein Verein aus dem Osten in der ersten deutschen Bundesliga vertreten.

Ende des bürgerlichen Sports
Auch die Anfänge des DDR-Fußballs waren bescheiden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden nach einem alliierten Kontrollratsbeschluss die bestehenden Sportvereine in der sowjetischen Besatzungszone aufgelöst. Lokale Sportgemeinschaften, die von den Gemeinden und dem kommunistischen Jugendverband FDJ organisiert wurden, traten die Nachfolge der »bürgerlichen« Vereine an. Dennoch blieben Traditionslinien zu den Vorkriegsvereinen gewahrt. Im Leipziger Stadtteil Probstheida brachten sich die Spieler des ehemals dominierenden VfB Leipzig, der 1903 die erste deutsche Meisterschaft errungen hatte, in die SG Probstheida ein. Die Bezeichnung »bürgerlich« traf auch Klubs, die sich selbst als Arbeitervereine verstanden, etwa den TuRa Leipzig. Dessen Nachfolger wurde die SG Leipzig-Leutzsch.


Nach sowjetischem Vorbild vertrat die DDR-Sportpolitik bald die Linie des »Sports auf Produktionsbasis«. Damit war die gemeinsame sportliche Betätigung der Beschäftigten eines Betriebs gemeint. Die eben erst gegründeten Sportgemeinschaften wurden Trägerbetrieben zugeordnet, die Organisation übernahm der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund. Die Leutzscher wurden dem Volkseigenen Betrieb Lacke und Farben unterstellt. Entsprechend der Industriesparte wurde der Name 1949 auf Betriebssportgemeinschaft Chemie Leipzig geändert. Der Verein hatte unmittelbar Erfolg und gewann in der Saison 1950/51 die Meisterschaft. Die Probstheidaer wurden der Stadtverwaltung zugeteilt und erhielten den Namen BSG Einheit Ost Leipzig. Die Spieler würden einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Arbeitsplatz in der Stadtverwaltung erhalten, schrieb die Leipziger Volkszeitung am 6. August 1950.

Schwankende Sportpolitik
1952 trat die DDR der FIFA bei. Die internationalen Begegnungen gegen die Bruderstaaten Polen, Rumänien und Bulgarien in den nächsten zwei Jahren brachten fünf Niederlagen und ein torloses Unentschieden. Sportlicher Erfolg, so der Schluss der DDR-Führung, war in den Strukturen der Betriebssportgemeinschaften kein Selbstläufer. Zur Leistungsdifferenzierung wurde nun von der zentralen Sportvereinigung der jeweiligen Industriesparte je ein Sportclub gegründet, um eine Konzentration der besten Spieler zu erreichen. Die leistungsorientierten SCs erhielten gegenüber den Betriebssportgemeinschaften Vorrechte bei der Zuteilung von Nachwuchsspielern und bei Transfers.


Der Sportclub für den Bereich Chemie sollte in Halle entstehen. Das bedeutete für die Leipziger Chemiker, entweder ihre besten Spieler nach Halle zu verlieren oder die Sparte zu wechseln. Sie entschieden sich für einen Übertritt zur Sportvereinigung der Reichsbahn und spielten ab 1954 unter dem Namen SC Lokomotive Leipzig in Leipzig-Gohlis. Die BSG Einheit Ost wandelte sich zum SC Rotation, spielte aber weiter im Bruno-Plache-Stadion in Probstheida. Große Erfolge in der höchsten Spielklasse, der DDR-Oberliga, gelangen zunächst jedoch keinem der beiden Vereine. Deshalb beschlossen die Stadtoberen im Jahr 1963, für klare Verhältnisse zu sorgen und den SC Leipzig zu gründen, der zum Pool der besten Spieler werden sollte. 1966 benannte er sich nach einem abermaligen Schwenk in der DDR-Sportpolitik in FC Lokomotive um. Der »Rest von Leipzig« versammelte sich in der wiederbelebten BSG Chemie, die nach Leutzsch zurückkehrte. Doch die darauffolgende Saison entwickelte sich nicht wie vorhergesehen. Die von Alfred Kunze gecoachten Leutzscher Betriebssportler holten die DDR-Meisterschaft und ließen den privilegierten Stadtrivalen drei Punkte hinter sich. Der Mythos vom widerständigen Underdog Chemie, der mit dem »Systemclub« 1. FC Lokomotive um die Vorherrschaft in Leipzig streitet, war geboren.

Der Rest vom Rest 2011
Heute ist von den beiden Vereinen nicht mehr viel übrig geblieben. Am 27. November 2011 treffen vor knapp 3.000 Zuschauern im inzwischen nach Alfred Kunze benannten Stadion in Leutzsch zwei Mannschaften aufeinander, die sich beide auf die Tradition der »Leutzscher Legende« berufen: Die Ballsportgemeinschaft Chemie Leipzig und die SG Leipzig-Leutzsch. Beide Vereine spielen in der sechstklassigen Sachsenliga. Eine Leistungsstufe darüber ist Lok Leipzig mit einem Schnitt von 2.300 im Bruno-Plache-Stadion der Zuschauermagnet der NOFV-Liga Süd. Die Nummer eins im Leipziger Fußball ist ein Newcomer. Als aktueller Tabellenführer der viertklassigen Regionalliga Nord kann RasenBallsport Leipzig durchschnittlich 8.500 Besucher im Zentralstadion begrüßen, das mittlerweile Red Bull Arena heißt.


Das Interesse an den Leipziger Vereinen hatte schon Ende der 1980er Jahre nachgelassen. In der letzten DDR-Oberliga-Saison 1989/90 sahen durchschnittlich 4.700 Fans den 1. FC Lok. Der heutige Lok-Sicherheitsbeauftragte und Ex-»Rowdy« Steffen Kubald, der seit 1973 auf den Platz geht, sagt: »Viele waren schon im Westen, anderen war anderes wichtiger.« Leipzig war die Stadt der großen Montagsdemonstrationen, die das Ende der DDR einläuteten.

 

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Referenzen:

Heft: 69
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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