Stand up and sing

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Die Premier League ist erfolgreich, die Stadien sind voll, doch unter englischen Fans macht sich Unmut breit: Sie protestieren gegen hohe Ticketpreise, fordern die Rückkehr der Stehplätze und bringen den Ultrasupport des Kontinents auf die Insel.

Nicole Selmer | 12.11.2014

Der englische Fußball ist am Boden. Keiner der Klubs ist im Europacup vertreten. Die Stadien haben einen schlechten Ruf, und die Krise des Sports beschäftigt selbst das Parlament: "Es ist ein dreckiges Spiel, bei dem Rüpel auf dem Platz stehen und Hooligans auf den Tribünen", erklärt ein Mitglied des Oberhauses. Wenige Wochen später, im April 1989, sterben bei der Stadionkatastrophe von Hillsborough 96 Menschen. Im englischen Fußball sollte danach kein Stein auf dem anderen bleiben.

Heute gilt die Premier League als attraktivste Meisterschaft der Welt: Die Stadien sind voll, die Spielergehälter so hoch wie sonst nirgends, und für Kapitalanleger ist die Liga ein einträgliches Investitionsumfeld. In der Saison 2013/14 wurden umgerechnet knapp zwei Milliarden Euro Fernsehgelder an die 20 Klubs der oberen Spielklasse ausgeschüttet, ein Anstieg von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der neue, ab 2016 geltende Vertrag soll Medienberichten zufolge fünf Milliarden jährlich einbringen. Anfang Oktober kursieren gar Pläne der Premier-League-Klubs in den Medien, eine Runde der Liga im Ausland auszutragen. In den letzten 25 Jahren ist viel geschehen. Der Preis für die Lösung der Probleme des englischen Fußballs war jedoch hoch: die Zerstörung der Fankultur.

Der große Bruch
Die englischen Klubs der oberen Ligen gehören reichen Männern und Konzernen. Das sei nichts Neues, sagt Martin Cloake. Der Londoner Journalist hat im August mit "Taking Our Ball Back" eine Sammlung seiner Artikel zur Entwicklung des Fußballs und der Fankultur veröffentlicht. Die Kommerzialisierung präge den Fußball seit Beginn des 20. Jahrhunderts - früher allerdings mit klaren Regeln. "Die Football Association legte 1899 fest, dass die Geschäftsführer kein Geld erhalten, ein Verkauf der Stadien untersagt ist und Gewinne in den Klub investiert werden", sagt Cloake. 1983 jedoch wurde Tottenham Hotspur mit Erlaubnis des Verbands als erster Klub zu einer Aktiengesellschaft. "Das war der große Bruch." Aus Institutionen, die einem sportlichen und sozialen Zweck verpflichtet waren, wurden Unternehmen mit geringem Risiko für die Investoren und hohem für den Verein: Heute schreiben die Besitzer ihre Schulden auf den Klub um; sie spekulieren auf Erlöse, die im schwer berechenbaren Sport ausbleiben; machen Vereinseigentum zu Geld oder betrachten den Klub als Spielzeug. Mehr als 50 Vereine sind in den oberen fünf englischen Ligen seit 1992 in Insolvenz gegangen, einige davon gleich mehrfach.

Die Möglichkeiten der Fans, auf die Führung ihrer Klubs Einfluss zu nehmen, sind begrenzt. "Es gibt keine Mitbestimmungsrechte wie in Mitgliedervereinen", sagt Ben Shave von "Supporters Direct". Die im Jahr 2000 von der britischen Regierung ins Leben gerufene Organisation stärkt demokratische Mitbestimmung, zum Beispiel durch "Supporters' Trusts", die inzwischen bei mehr als 100 Klubs existieren und Faninteressen gegenüber der Vereinsführung vertreten. Die Zahl der Klubs, die - meist nach finanziellem Kollaps und in unteren Ligen - von Trusts übernommen und geführt werden, steigt.

Hyperinflation
Auch in anderen Bereichen artikulieren die Fans ihre Interessen immer lauter: Anhänger von Hull City protestierten gegen die geplante Umbenennung ihres Klubs, Fans von Cardiff City gegen die Veränderung von Klubfarben und -wappen. "Es ist wieder eine Art gemeinschaftlicher Kampfgeist spürbar", sagt Andy Lyons, Chefredakteur des Fußballmagazins When Saturday Comes. Widerstand formiert sich auch über Vereinsgrenzen hinweg. Am letzten Septemberwochenende fand an der Anfield Road das Liverpooler Stadtderby statt. Bereits ein Monat vor der Partie veröffentlichten Liverpools Fangruppe "Spirit Of Shankly" und Evertons "The Blue Union" ein gemeinsames Statement: Unter der Überschrift "Die Gier des modernen Fußballs" forderten sie ihre Vereine zu einer Senkung der Derbypreise für Auswärtsfans auf - vergeblich. Am Spieltag versammelten sich die Fans zu einer Kundgebung vor der Liverpooler Filiale der Barclays-Bank, dem Namenssponsor der Premier League. Die Überwindung von Rivalität für ein gemeinsames Ziel sei wichtig, sagt Paul Gardner von "Spirit of Shankly": "Wir können viel mehr Druck auf die Verantwortlichen ausüben, wenn wir nicht gegeneinander ausgespielt werden können."

Die Proteste der Liverpooler Fans sind nur ein Beispiel in einer Reihe von Kampagnen gegen die hohen Ticketpreise. Die im Oktober veröffentlichten Zahlen einer BBC-Studie geben dem Anliegen zusätzliche Nahrung: Seit 2011 ist der durchschnittliche Preis für die billigste Matchkarte in den oberen vier Ligen um 13 Prozent gestiegen und damit doppelt so stark wie die Inflation im gleichen Zeitraum. Immer mehr Anhänger können sich den Fußball schlicht nicht mehr leisten. Im Jänner 2013 war Manchester City gezwungen, ein Drittel seiner zugeteilten 3.000 Eintrittskarten für das Auswärtsspiel bei Arsenal wieder zurückzugeben - die Fans wollten den Rekordpreis von umgerechnet 78 Euro nicht zahlen. Die landesweite Fanorganisation "Football Supporters' Federation", FSF, startete kurz darauf die Kampagne "Twenty's plenty" für eine Begrenzung der Preise von Auswärtstickets auf 20 Pfund. Im Juni 2013 organsierte "Spirit of Shankly" in London einen Protestmarsch zum Hauptsitz der Premier League und der für die zweite bis vierte Liga zuständigen Football League. Mehrere hundert Fans von rund 20 Klubs nahmen daran teil. Die Demonstration sorgte nicht nur in den Medien für Aufmerksamkeit - nach Gesprächen mit Fanvertretern verkündete die Premier League wenige Wochen später die Einrichtung eines Fonds für Auswärtsfans, die mit 250.000 Euro pro Verein und Saison unterstützt werden sollen. Die Klubs setzen das Geld unterschiedlich ein, manche finanzieren Busfahrten, andere bieten ermäßigte Karten für ausgewählte Partien an oder Gutscheine für die Stadiongastronomie. Ein weiteres Modell sind wechselseitige Rabatte bei bestimmten Gegnern. So verkauft Everton Auswärtstickets für die Spiele gegen Newcastle und Swansea zu günstigeren Preisen, umgekehrt müssen Newcastle- und Swansea-Fans bei ihren Matches im Goodison Park weniger zahlen.

Verlorene Generation
Die Fans haben also kleine Erfolge erreicht, insgesamt steigen die Preise jedoch weiter an. Ein zweiter Protestmarsch in diesem August brachte keine Resultate. Klubs und Liga würden sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, schreiben die Fangruppen aus Liverpool. Der Handlungsdruck ist gering: Die Spieltagserlöse aus Tickets, Fanshop und Gastronomie machen durchschnittlich nur ein Viertel der Gesamteinnahmen der Premier-League-Klubs aus, obwohl die Auslastung der Stadien in der vergangenen Saison zwischen 90 und 100 Prozent lag. Für Dauerkarten gibt es auch bei Preisen ab 1.200 Euro pro Saison wie bei Arsenal Wartelisten. Fans sollten sich ihrer Kaufkraft bewusst werden, sagt Liverpool-Fan Gardner: "Alle Einnahmen kommen direkt oder indirekt von den Fans. Das Fernsehgeld kommt aus den Verträgen, die wir abschließen. Sponsoren werben, damit wir ihre Produkte kaufen. Die Fans müssen erkennen, wie viel Macht sie haben."

Der Anstieg der Ticketpreise und der Fußballboom der vergangenen Jahrzehnte haben ihre Wirkung entfaltet. Klubstatistiken, die der Guardian zusammengetragen hat, illustrieren diese Entwicklung: 1968 waren die Zuschauer von Manchester United auf der damaligen Stehplatztribüne Stretford End durchschnittlich 17 Jahre alt, 2008 über 40. Bei Newcastle United lag das Durchschnittsalter im Jahr 2002 bei 35, zehn Jahre später bei 45. Der durchschnittliche Besucher in der Premier League ist heute 41 Jahre alt - der englische Fußball hat eine Generation von jüngeren Fans verloren. 

Fußball wie im Fernsehen
Wer sich die Matchkarte nicht mehr leisten kann oder will, findet sich heute im Pub wieder. Hier ist erlaubt, was im Stadion schwierig geworden ist: trinken, singen, hüpfen, klatschen. Die traditionelle Pubkultur ist eine Symbiose mit dem modernen Fernsehfußball eingegangen. Die TV-Gelder haben den Reichtum der Liga, die sportlichen Erfolge und die großen Stars ermöglicht, und daher bestimmt das Fernsehen mit. Der Spieltag zieht sich von Samstagmittag bis zum Montagabend, die Anstoßzeiten werden je nach Wahl der Livespiele kurzfristig verändert. Die TV-Übertragungen konzentrieren sich aufs Spiel, sollte die Kamera doch einmal vom Feld auf die Zuschauerränge schwenken, dann um die Eigentümer der jeweiligen Klubs in ihren Logen einzufangen. Die Fans im Stadion sind nicht Teil des Fernseherlebnisses.

Dabei galten englische Stadien lange als Vorbild für das, was den Reiz des Zuschauersports Fußball ausmacht. Dicht gedrängte Tribünen, fantasievolle und lautstarke Gesänge, ein fachkundiges Publikum, ein starker Auswärtssupport – die englische Fankultur wurde im Rest Europas und der Welt bewundert, gehasst, nachgeahmt und verändert. Eine Fanbiografie war ohne Stadionbesuch in England, ob in Liverpool oder bei Millwall, nicht komplett. Das hat sich geändert. Andy Lyons sagt: „Das Publikum ist stiller. Die Musik ist laut, es gibt Durchsagen, Maskottchen hüpfen herum, und man schaut auf Videoleinwände. Das verhindert, dass Fans als Kollektiv Teil des Spiels sind. Es ist fast wie Fußball im Fernsehen.“ Heute sind es die englischen Fans, die sich quer durch Europa auf Entdeckungsreise machen. Mitte Oktober berichtete die BBC-Website, dass zu jedem Heimspiel von Borussia Dortmund 1.000 Engländer ins Westfalenstadion anreisen.

Stimmung machen
Die europäische Fankultur des Kontinents und die englische Fankultur der Vergangenheit inspirieren neue Fangruppen, die die Stimmung im Stadion wiederbeleben wollen. So etwa im Süden Londons: Gegenüber dem Bahnhof Norwood Junction kleben an Laternen und Wänden Sticker mit der Aufschrift „Against Modern Football“. Crystal Palace fehlen die sportlichen Erfolge und der Hochglanz der großen Klubs in London und im Norden Englands, dafür gibt es hier seit 2005 die „Holmesdale Fanatics“. „Wir sind schon als Kinder zusammen zu Palace gegangen und haben den Verfall der Fußballkultur miterlebt. Wir wollten gegen den modernen Fußball kämpfen und die Fankultur zurückholen“, sagen die Ultras dem Onlineportal European Football Weekends in einem ihrer seltenen Interviews. Die „Holmesdale Fanatics“ haben sich bei Crystal Palace während mehrerer Jahre in der zweiten Liga etabliert, die Insolvenz 2010 und schließlich den Wiederaufstieg in die Premier League im Mai 2013 miterlebt. Im Selhurst Park ist ihr Standort die Hintertortribüne Holmesdale End, oder genauer die hintere Ecke direkt am Spielfeld. Manchmal organisieren die „Holmesdale Fanatics“ Choreografien über Ober- und Unterrang der Tribüne. So wurde West Ham United zum Heimauftakt dieser Saison mit rot-blauen Fahnen und einer Choreografie aus Luftschlangen empfangen.

Zum Spiel gegen Leicester City Ende September müssen Schwenkfahnen, Doppelhalter, Singen, Klatschen und Hüpfen genügen. Auch dabei wird die Gruppe, deren harter Kern ein paar dutzend Fans umfasst, von Stewards genau beobachtet. Während des Spiels zieht der Support durch Wechselgesänge mit der Gegengeraden Kreise. Der Unterrang im Holmesdale End steht bei einem Eckball etwa zur Hälfte auf, viele fallen in das Klatschen und Singen der Ultras ein. Nach dem Corner fällt das 1:0. Wer jetzt steht, setzt sich nicht mehr hin. Nach dem 1:0 ertönt: „We love you, we love you and when you play we’ll follow“. Im Holmesdale End wartet der halbe Unterrang im Stehen auf einen Freistoß, es folgt das 2:0. Die Gesänge hallen unter dem Holzdach der Haupttribüne. Nach dem Abpfiff bleiben auch hier noch viele Zuschauer stehen, sie halten ihre Schals in die Höhe und singen.

Provokante Fans
Der Palace-Support zu Hause und auswärts gilt in der Premier League als Attraktion, am anderen Ende der Stadt sieht das anders aus. „Es war wie ein Auswärtsmatch, wir hatten von den Rängen nicht die nötige Unterstützung“, sagte der damalige Tottenham- Trainer Andre Villas-Boas nach dem gewonnenen Ligaspiel gegen Hull City im Vorjahr. Auch an der White Hart Lane gibt es seit 2011 mit dem „1882 Movement“ eine Fangruppe, die auf lautstarken Support setzt. Inspiriert wurde sie vom Auftritt der Lech-Poznan-Fans bei einem U12-Turnier. Die ersten Auftritte in der Saison 2011/12 erfolgten bei Nachwuchsspielen, wo „1882“ teilweise mit mehreren hundert Fans samt Trommel, Fahnen und Bannern auftrat. Der Support soll laut sein, unabhängig von Liga und Spielausgang. „Es ist egal, wer auf dem Platz steht, wie alt sie sind oder welches Geschlecht sie haben – sie tragen unser Trikot“, sagt Flav von „1882“. Eine große Gruppe, die das ganze Spiel über steht und singt – das mag bei wenig besuchten Spielen funktionieren. Als sich „1882“ jedoch im Ligacup gegen Hull City Ende Oktober 2013 an der White Hart Lane im Oberrang sammelte, kam es zu Konflikten. Stehen, kollektives Hüpfen und Jubeln verstoßen gegen die Stadionbestimmungen und staatliche Sicherheitsauflagen. Ein weiterer Gruppenauftritt in diesem Block wurde vom Klub untersagt.

Auch die „Holmesdale Fanatics“ haben zahlreiche Konflikte mit Ordnern und Klubführung ausgetragen. Mit den heutigen Eigentümern – einem Konsortium aus vier langjährigen Palace-Anhängern – gibt es Übereinkünfte über Standort, Tickets und Fanutensilien. Es sei normal, dass eine Ultragruppe zunächst Misstrauen bekämpfen müsse, sagen die „Holmesdale Fanatics“, insbesondere wenn sie sich eben dieses Label anhefte. „Unser Modell ist eine perfekte Mischung aus Casual und Ultra“, erklärt die Gruppe im Onlineinterview. „Ein ausländisches Konzept, das auf einem englischen Ideal basiert und das wir an die Kultur von Süd-London angepasst haben.“ Von beiden Bewegungen haben die „Fanatics“ die Lust an der Grenzüberschreitung übernommen. „In diesem Land gibt es massive Repression unter dem Vorwand, es sei für deine Sicherheit. In Wahrheit geht es jedoch um Kontrolle und Überwachung.“ Zu den Streitfragen gehört auch der Einsatz von Pyrotechnik. Dass Bengalen und Rauchtöpfe seit einigen Jahren vermehrt in englischen Stadion auftauchen, sehen die „Holmesdale Fanatics“ positiv: „Das ist ein Zeichen für eine veränderte Haltung der Fans gegenüber dem Fußball unter dem Diktat von Sky und den Behörden.“ Gegen den TV-Sender protestierten Mitglieder der Gruppe im August außerhalb des Stadions. Am letzten Tag der Transferperiode unterbrachen sie die Berichterstattung vom Trainingsgelände ihres Klubs und schlugen den Reporter vermummt, mit Bengalen in der Hand und unter „We fucking hate Sky Sports“-Gesängen in die Flucht.

Verhandlungserfolg
„1882“ trug zunächst den Zusatz „Ultras“ im Namen, hat ihn nach einem Jahr jedoch wieder gestrichen. Bei anderen Fans stößt das Engagement zwar auf viel Beifall, erntet durch die Art des Supports mit Dauergesang und Fahnenschwenken aber auch Kritik. „Wir würden eine künstliche Atmosphäre schaffen, heißt es“, sagt Flav. „Dabei bringen wir nur gleichgesinnte Fans zusammen. Wir führen neue Chants ein oder verändern alte, singen aber auch viele traditionelle Tottenham-Songs.” „1882“ hat seine Vorbilder nicht nur auf dem Kontinent, sondern auch in der Vergangenheit, die Gruppe will an die Zeit vor der Premier League anknüpfen. Diese Suche nach einer neuen Fanidentität ist jedoch nicht einfach. Fans, die in den 1970er und 1980er Jahre groß geworden sind, würden das Andenken an die von ihnen geprägte Subkultur bewahren wollen, sagt Flav. Doch der Ruf „You used to sing down there“ von „1882“ aus dem Oberrang in Richtung der Dauerkartenbesitzer hinter dem Tor sorgte für Unmutsbekundungen. „Wer nicht singt, ist deswegen kein schlechterer Fan“, schreibt ein Dauerkartenbesitzer in einem E-Mail, das die Gruppe auf ihrer Website veröffentlicht hat. Mit Onlineauftritt, Podcast und dem Fanzine The Fighting Cock ist „1882“ auch außerhalb des Stadions präsent und im Dialog mit den übrigen Fans.

Nach dem Cup-Spiel gegen Hull war auch der Verein gezwungen, sich mit „1882“ zu beschäftigen. „Die Klubs betonen gern, wie wichtig Fans sind, aber sie sind nicht daran gewöhnt, mit ihnen zu verhandeln“, sagt Journalist Cloake, der im Vorstand des „Tottenham Hotspur Supporters‘ Trust“ sitzt. Der Trust machte sich für „1882“ stark. Die Verhandlungen führten dazu, dass die Gruppe bei Cup- und Europa-League-Spielen nun gesammelt hinter dem Tor platziert ist – samt Trommel und geduldetem Stehen und Singen. „Dass sich die Stimmung in der Europa League positiv entwickelt hat, ist bis zur Klubführung durchgedrungen“, sagt Flav. In der Premier League sind ähnliche Konstellationen jedoch ausgeschlossen. „Da ist einfach kein Platz für uns, die Spiele sind fast immer ausverkauft.“

Jammern auf dem Heimweg
Das Beispiel „1882“ zeigt die Schwierigkeiten, mit denen Ultras zu kämpfen haben. Ähnliche Erfahrungen hat das 2012 gegründete Fanzine Stand gemacht. Hinter dem Projekt stehen Fans, die erst in Zeiten der Premier League großgeworden sind. Redakteur Bill Biss sagt: „Wir sind alle unzufrieden, wollten aber über das bloße Jammern hinauskommen.“ Das Heft im A5-Format knüpft an die Fanzine-Tradition und den Casual-Look der 1980er und 1990er Jahre an, die Autoren beschäftigen sich mit Fußball unterhalb der Premier League, werfen nostalgische Blicke in die Vergangenheit und schreiben über fanpolitische Themen wie Ticketpreise und Mitbestimmung. „Beim Thema Ultras bekommen wir immer sehr heftige Reaktionen“, sagt Biss. „Das wird nicht als Teil unserer Tradition gesehen.“ Auf den Covern der ersten fünf Ausgaben erschien hinter Stand noch der Zusatz „Against Modern Football“, danach nicht mehr – ein Zugeständnis an das Misstrauen gegenüber den kontinentalen Einflüssen. Die typischen Leser und Autoren des Magazins beschreibt Biss so: „Leute von Ende 20, Mitte 30, die am Samstagvormittag in einen Minivan oder einen Zug steigen, zu ihrem Spiel fahren, ein bisschen trinken, etwas lauter sind und sich auf dem Heimweg über den Tag beschweren: über die Preise, die Ordner, mit denen sie streiten, die Polizei, die sie filmt.“ Das Fanzine hat in kurzer Zeit viel Verbreitung gefunden, vor allem über die sozialen Medien. Das Bedürfnis nach einem klubübergreifenden Medium, das Unmut bündelt, ist offenbar vorhanden. Die Vernetzung ebenfalls: Sowohl die „Football Supporters Federation“ als auch „Supporters Direct“ sind mit Kolumnen im Heft vertreten.

Kein Weg zurück
Die dritte Ausgabe von Stand widmete sich einem zentralen Thema der englischen Fankultur: den Stehplätzen. Darüber liegt auch nach 25 Jahren noch der Schatten von Hillsborough. Aktuell werden die genauen Ursachen der Katastrophe in einem neuen Verfahren untersucht, fest steht jedoch schon jetzt, dass nicht Stehplätze und randalierende Fans, sondern Sicherheitsmängel und ein Versagen der Behörden schuld am Tod von 96 Liverpool-Anhängern waren. Dennoch gibt es heute in den oberen zwei Ligen offiziell nur Sitzplätze mit zugewiesenen Tickets. Gestanden wird trotzdem, auf und vor den Sitzen, manchmal geduldet, manchmal nicht, Auseinandersetzungen mit anderen Fans und Ordnern inklusive. Diese Situation trage nicht zur Sicherheit bei, betont die „Football Supporters‘ Federation“ in ihren Kampagnen für die Wiedereinführung von Stehplätzen. FSF propagiert ein „Safe Standing“-Konzept: Geländerreihen mit Metallsitzen, die je nach Bedarf hoch- oder runtergeklappt werden. Mit dem Drittligisten Bristol City hat im Februar ein erster Klub die Sitze probeweise eingebaut, allerdings nur für Rugbyspiele.

Gegen die Wiedereinführung von Stehplätzen gibt es jedoch Widerspruch aus den Reihen der Hillsborough-Hinterbliebenen: Sitzplatzstadien würden überfüllte Sektoren wie damals verhindern, schreibt Margaret Aspinall, Vorsitzende eines Angehörigenverbands, in ihrem Beitrag für das Stand-Fanzine. „Wären sie früher eingeführt worden, wären die 96 nicht gestorben.“ „Die Stimme der Hillsborough-Familien hat Gewicht“, sagt Andy Lyons von When Saturday Comes. „Aber viele Fans sehen das anders. Ich vermisse das Stehen, selbst wenn es auf nicht überdachten Tribünen manchmal unbequem war.“

„Safe Standing“ wäre jedoch weit entfernt von den englischen terraces früherer Tage, von offenen Stehplatzrängen ohne Geländer, die kollektive und unkontrollierte Bewegung über die ganze Tribünenbreite und -höhe ermöglicht haben. Dennoch wäre eine Einführung nur mit Gesetzesänderung zu realisieren. Auf Initiative von FSF hat die Football League im Februar ihre Bereitschaft erklärt, sich dafür einzusetzen. Ein Premier-League-Sprecher erklärte hingegen: „Wir sehen keinen Grund, warum die derzeitigen Gesetze geändert werden sollten.“

Die Einführung von „Safe Standing“ wäre ein Signal für einen Kurswechsel im Umgang mit den Fans. Stehplätze könnten auch eine Lösung für das Problem der Ticketpreise bieten – sie sind günstiger als Sitzplätze und erhöhen zugleich die Stadionkapazität. Es mögen nicht nur Rechenbeispiele und Sicherheitsbedenken sein, die die verantwortlichen Politiker und Funktionäre zögern lassen. „Die Obrigkeit hat keine Angst vor Hooliganismus, sondern vor Solidarität“, steht dazu im Stand-Magazin. Denn Stehplätze bieten Freiräume. Sie ermöglichen eine andere Bewegung im Sektor, eine größere Nähe der Fans untereinander und das Gefühl, als Kollektiv Teil des Spiels zu sein. Im Stehen werden die Stimmen der Fans lauter – nicht nur beim Singen.

Wahlkampfthema Fußball
Derzeit wirkt es, als würden diese Stimmen Gehör finden – denn es sind auch Wählerstimmen, und im Mai 2015 stehen in Großbritannien Unterhauswahlen an. Die Liberaldemokraten, Koalitionspartner in der Regierung des konservativen Premierministers David Cameron, erklärten im August, die Forderung nach der Einführung sicherer Stehplätze in ihr Wahlprogramm aufzunehmen. Die oppositionelle Labour-Partei nahm die aktuelle Studie zur Entwicklung der Ticketpreise zum Anlass, ihre Pläne für eine stärkere Fanmitbestimmung vorzustellen. Supporters’ Trusts der Klubs sollen bis zu ein Viertel und mindestens zwei der Vorstandsmitglieder des Klubs bestimmen, bei einem Verkauf des Klubs hätte die Fanorganisation zudem ein Vorkaufsrecht auf zehn Prozent der Anteile – so die Wahlversprechen der Sozialdemokraten. Die Regierung reagierte mit der Einrichtung einer Expertengruppe zu Fanbeteiligung, an der neben Vertretern aus Politik und Fußballverbänden auch „Supporters Direct“ und fangeführte Klubs wie Viertligist FC Portsmouth beteiligt sind. Sie soll sofort mit der Arbeit beginnen.

Die hektische Betriebsamkeit der Parteien wird von Fanorganisationen positiv aufgenommen, aber auch skeptische Stimmen sind zu hören. „Fans haben schon von vielen Regierungen viele Versprechen gehört, ohne dass sich wirklich etwas geändert hätte“, erklärte der „Manchester United Supporters‘ Trust“ in einer Stellungnahme. Fußball sei kein Geschäft wie jedes andere, meint Martin Cloake, er lebe von der Identifikation und Leidenschaft der Fans. „Wenn mir das Essen in einem Restaurant nicht schmeckt, gehe ich in ein anderes“, sagt der Journalist. „Aber wenn mir nicht gefällt, was ich bei Spurs zu sehen kriege – und sehr oft gefällt es mir nicht – gehe ich trotzdem wieder hin. Es ist eben mein Verein. Genau das macht Fußball zu einem profitablen Geschäft.“ Und genau deswegen ist auch die Einbindung der Anhänger so wichtig.

Fanvertreter im Vorstand, stärkerer Einfluss der Anhänger auf die wirtschaftliche Führung des Klubs – das könne eine abschreckende Wirkung auf künftige Investoren haben, mahnte der Geschäftsführer der Football League. Die Aussicht auf demokratische Reformen im englischen Fußball mag den Besitzern der Klubs als Gefährdung ihres erfolgreichen Geschäftsmodells erscheinen. Für die Fans und den Fußball, der als Zuschauersport in den englischen Stadien entstanden ist, könnten sie die Rettung sein.


Referenzen:

Heft: 97
ballesterer # 117

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.12.2016.

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