Stimmen aus Belgrad

cache/images/article_1696_stadion_pa_140.jpg Fünf Fans von Partizan und Roter Stern sprechen über ihren Verein, ihre Gegner, ihr Land und seine Kriege. Eine wörtliche und literarische Annäherung an eine große Rivalität und eine umkämpfte Geschichte.

Stefan Kraft | 08.09.2011
Nenn mich Milan. Nenn mich Nikola, Dalibor oder Sreten. Mein Name steht für viele, die in dieser Stadt zum Fußball gegangen sind. Wir sind Fans des FK Roter Stern, des »Roten Sterns«, oder des FK Partizan, beide 1945 gegründet in einem Staat, den es nicht mehr gibt. In dem wir geboren wurden, kurz nachdem es ihn gab. Ich will dir von meiner Generation erzählen und den folgenden. Von denen, die das Schicksal dazu bestimmt hat, Fußballfans in einer Zeit zu werden, die nichts für den Fußball übrig hatte und für Brüderlichkeit und Einheit, aber umso mehr für Krieg und Zerfall.

 

Oder besser, ich lasse die Jungen erzählen und mische mich ein, wenn es mir zu bunt wird.

Der Name meiner Stadt ist Belgrad, die »Weiße Stadt«. 40-mal soll sie zerstört worden sein, aber unsere Stadien stehen fest. Nicht weit entfernt voneinander und von der Save, die durch den Staat floss, den es nicht mehr gibt, durch das Slowenien von Olimpija Laibach, das Kroatien von Hajduk Split und Dinamo Zagreb und durch das Bosnien von Zeleznicar und vom FK Sarajevo, bis nach Belgrad. Das Stadion von Roter Stern heißt wie jenes von Rio Marakana, weil es zu seiner Eröffnung eines der größten Europas war. Das Stadion des FK Partizan hieß früher Stadion der Jugoslawischen Volksarmee. Und wenn du willst, dann lasse ich unsere Geschichte dort beginnen.


Woher wir kommen

Am 25. Mai jedes Jahres, damals in Jugoslawien, feierten wir den Geburtstag unseres Staatsgründers Tito. Für Nikola, Dalibor, Sreten und mich war es einer der wichtigsten Tage im Jahr. Wir setzten unsere Pioniermützen auf und liefen quer durchs Land. Mit Stafetten aus Holz, die wir eigens dafür angefertigt hatten. Am Abend trafen wir uns mit tausenden anderen Pionieren im Stadion der Jugoslawischen Volksarmee. Dort, auf einem hohen Podest, stand Tito und begrüßte uns.

 

Wenn du heute das Partizan-Stadion in westlicher Richtung verlässt und nur ein paar Schritte gehst, findest du unsere Fackeln wieder. Im »Haus der Blumen«, wo Tito beerdigt ist, sind sie ausgestellt. Wir haben uns damals viel Mühe gegeben, haben sie verziert, haben Patronen, Fabriken, Volleybälle und Wörterbücher aus Holz geschnitzt. Die Jugend heute auf den Rängen des ehemaligen Stadions unserer Armee, die Fans des FK Partizan haben andere Fackeln und andere Fahnen. Und sie heißen auch nicht mehr Pioniere, sondern »Totengräber«.


»Das Stadion wurde von der Jugoslawischen Volksarmee erbaut. Aber es war nicht so, dass jemand nur auf das Match ging, weil er in der Armee war. Partizan war ein multiethnischer Verein, was die Fans und die Spieler anbelangt im Unterschied zu Roter Stern. Partizan war ein Fußballklub aller Nationalitäten Jugoslawiens. Das ist auch heute noch so.«

(Dragan Djuric, Textilunternehmer, Präsident des FK Partizan, 57 Jahre)


»Partizan wurde in Zagreb gegründet, von einer Armeeeinheit, die dort stationiert war. Erst zwei oder drei Monate später ist der Verein nach Belgrad übersiedelt. Als sie Partizan in Zagreb gegründet haben, taten sie das mit Spielern, die vor dem Krieg in Kroatien gespielt hatten. Also bestand die erste Generation von Partizan aus einigen Spielern, die in Kroatien geboren wurden. Wenn du dir die Karriere dieser Spieler ansiehst, dann hatte die Hälfte von ihnen für die Mannschaft des faschistischen Ustascha-Staates gespielt und manche von ihnen sogar in der kroatischen Heimwehr gekämpft. Sie wurden später in die jugoslawische Armee aufgenommen und spielten deshalb für Partizan.«

(Vladimir Djordjevic, Sportkommentator, Roter-Stern-Fan, 35 Jahre)


Aber halt! Ich wollte doch nur vom Stadion erzählen und von unserem »Tag der Jugend«. Plötzlich sind wir schon mittendrin in der großen Geschichte der beiden Stadtrivalen, und wie du siehst, ist das alles ein bisschen verworren und alles heftig umstritten.

Ach, weißt du, sie haben damals alles neu erfunden im Jahr 1945. Zum Beispiel den 25. Mai, an dem Tito gar nicht auf die Welt gekommen, sondern 1944 nur knapp einem Angriff der Nazis entgangen war. So haben wir auch neue Fußballvereine gegründet, quer durchs Land, weil die alten verdächtigt wurden, mit den Nazis und ihren Helfershelfern kollaboriert zu haben. Wir haben etwas aufgebaut, das man sozialistische Gesellschaft nannte. Deswegen gibt es Partizan, deswegen gibt es Roter Stern, aber du wirst sehen, das reicht den Menschen in Belgrad nicht, die wissen noch viel mehr zu berichten. Zum Beispiel, dass Franjo Tudjman, der spätere Präsident Kroatiens, sogar einmal Präsident dieses Vereines war


»Es wird auch immer wieder behauptet, dass Franjo Tudjman unserer Präsident war. Das ist nicht wahr.«

(Milos Djuricic, Schauspieler, Mitglied des Partizan-Fanklubs »Juzni Front« (Südfront), 30 Jahre)


Warum behaupten das die Leute dann? Weil Partizan nicht nur ein Fußballverein ist, genauso wie Roter Stern, sondern auch ein Basketball- und ein Volleyball- und ein Leichtathletikverein und ein Verein für viele andere Sportarten. So um 1958 war Oberst Tudjman eine große Nummer in diesem ehemaligen Sportverein der Jugoslawischen Volksarmee. Aber darum geht es auch nicht bei der ganzen Debatte. Sondern darum, dass die Zeiten sich geändert haben und man die Dinge heute anders beurteilt als damals.


»Wenn du einen durchschnittlichen Partizan-Fan fragst, wird er nicht leugnen, dass Partizan von der Armee gegründet und jahrelang unterstützt wurde. Aber wenn du mit einem durchschnittlichen Fan von Roter Stern redest, bin ich mir ziemlich sicher, dass er strikt verneinen wird, dass sein Verein von der Polizei gegründet und gemacht wurde. Sie glauben fest daran, Roter Stern sei der Klub der Opposition, des anderen Serbien gewesen. Das ist einfach nur dumm. Schau dir doch die Namen und die Logos an! Es ist unmöglich, einen Fußballverein nach dem Zweiten Weltkrieg Roter Stern zu nennen und den großen roten Stern im Wappen zu tragen und dann zu sagen: Wir waren immer völlig anders als ihr!« 

(Milos Saranovic, Journalist, Partizan-Fan, 40 Jahre)


»Es gab eine kleine Diskussion über unseren Namen unter den Fans, aber keine ernsthafte. Wenn du nicht Partizan unterstützen willst, warum gründest du nicht deinen eigenen Klub und nennst ihn Tschetnik oder wie immer du ihn nennen willst, und unterstützt dann den? Partizan steht ja nicht nur für die Partisanen im Zweiten Weltkrieg, sondern für Guerillas auf der gesamten Welt. Die Fans von Roter Stern haben da wohl ein größeres Problem, weil der rote Stern ein kommunistisches Symbol ist Ich scherze nur. Oder auch nicht.«

(Milos Djuricic,  Mitglied des Partizan-Fanklubs »Juzni Front«, 30 Jahre)


Sie scherzen nur. Oder auch nicht. Manche von ihnen meinen es ernst damit, dass sie selbst und ihr Verein schon immer Gegner des Regimes waren, auch als Jugoslawien noch bestand.

 

»Ob die Fans von Roter Stern schon immer Gegner des Regimes waren, auch schon in Jugoslawien? Wenn du ins Marakana zu einem Spiel gegangen bist, dann hast du alles rauslassen können, was dich geärgert hat. Wir hatten die Freiheit zu sagen, was wir wollten. Das war bei Partizan anders. Dort hattest du Generäle, Majore, Angehörige der Armee.« (Marko Nikolovski, Pressesprecher des FK Roter Stern, 34 Jahre)


Weißt du, unsere Generation hat sich wenig Gedanken darum gemacht, dass unsere Vereine diese Namen trugen, und um Politik haben wir uns auch nicht viel gekümmert.


»Ich habe kein Problem mit Jugoslawien. Das ist Teil meines Lebens. Es klingt vielleicht pathetisch, aber das war die Flagge meines Landes, das war die Hymne meines Landes.« (Milos Saranovic, Journalist, Partizan-Fan, 40 Jahre)


Heute bemühen sich manche bei Partizan, aber vor allem bei Roter Stern, die Geschichte umzuschreiben. 


»Es gab aber keine politische Grenze zwischen Partizan und Roter Stern im ehemaligen Jugoslawien. Anders verhält es sich mit der nationalen Grenze: Die war vielleicht vorhanden. Wenn du dich mit älteren Partizan-Fans unterhältst, wirst du draufkommen, dass Partizan mehr Spieler aus den anderen Republiken hatte.«

(Milos Saranovic, Journalist, Partizan-Fan, 40 Jahre)


»Um ehrlich zu sein, es ist schwer zu sagen, ob Roter Stern mehr der serbische Verein war und Partizan mehr der jugoslawische. Natürlich wurde Crvena Zvezda von Kommunisten gegründet, so ehrlich möchte ich sein. Aber es waren Kommunisten aus Belgrad. Leute, die hier aufgewachsen sind.«

(Marko Nikolovski, Pressesprecher des FK Roter Stern, 34 Jahre)


Unsere ehemalige sozialistische Gesellschaft ist bei vielen dieser Fans nicht sehr beliebt. Deswegen ist es ihnen so wichtig, sich von der Vergangenheit abzugrenzen.


»Ob ich auf die jugoslawische Vergangenheit von Partizan stolz bin? Meine politische Einstellung ist wahrscheinlich konträr zu den meisten anderen bei Partizan. Aber das ist nicht wichtig. Partizan ist wichtig. Ob ich traurig bin, dass Jugoslawien nicht mehr existiert? In gewisser Weise ja. Die ersten sieben Jahre meines Lebens habe ich in diesem Staat verbracht. Wir hatten ein Haus in Kroatien, und 1990 ist es von Kroaten angezündet worden. Ich vermisse dieses Haus. Vielleicht hege ich einen gewissen Groll gegenüber denen, die es niedergebrannt haben. Aber nicht gegenüber den Kroaten im Allgemeinen, ich habe genug Freunde dort. Jetzt sollen wir Mitglied der Europäischen Union werden. Eine multikulturelle Staatengemeinschaft, in der viele kleine Länder existieren. Aber wir haben doch die europäische Union schon vorher gehabt «

(Milos Djuricic, Mitglied des Partizan-Fanklubs »Juzni Front«, 30 Jahre)


Der Fudbalski Klub Crvena Zvezda wurde jedenfalls am 4. März 1945 gegründet und der FK Partizan sieben Monate später. Sie sind etwas älter als ich und ihre ersten Fanklubs etwas jünger. Die »Grobari«, die »Totengräber« beim FK Partizan, gibt es schon seit 1970, und die »Delije«, die »Helden« vom FK Roter Stern, haben sich 1989 zusammengeschlossen.

 

»Die Delije wurden vor 22 Jahren gegründet. Kurz davor gab es eine Explosion auf den Rängen. Wir hatten drei bis vier organisierte Fanklubs, und innerhalb von zwölf Monaten kamen unzählige neue dazu. Dann hat man sich entschieden, das Ganze besser zu organisieren. Am Tag, als sich die Delije gegründet haben, am 7. Jänner 1989, gab es meiner Kenntnis nach 54 verschiedene Gruppen im Marakana. Die Idee war, mit den Delije alle Fanklubs abzuschaffen. Es gab auch keine Fahnen der einzelnen Gruppen mehr, nur mehr jene der Delije. Die englischen Aufschriften verschwanden, obwohl die Mehrzahl der Fanklubs einen englischen Namen trug. Ich glaube sogar, wenn du dir das Europacup-Finale von 1991 anschaust, wirst du kein Transparent einer einzelnen Gruppe entdecken.«

(Vladimir Djordjevic, Sportkommentator, Roter-Stern-Fan, 35 Jahre)


Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, dann gab es schon lange vor den »Delije«, in den 1980er Jahren, große Fanklubs bei Roter Stern, die »Red Devils«, die »Zulu Warriors« und die »Ultras«. Die konnten schon Lärm machen, und besonders gesittet waren sie auch nicht, und vielleicht war dieser Zusammenschluss nicht nur von ihnen gewollt. Vielleicht wollten das auch andere. Aber dazu später.


»Die Grobari sind tatsächlich so etwas wie eine Dachorganisation. Es gibt verschiedene große Gruppen darin, aber nach außen, auch zu den Medien, sprechen wir mit einer Stimme. Die zwei größten Gruppen bei uns sind die Grobari 1970 und die Juzni Front, bei der ich bin. Wir waren einmal sehr stark voneinander getrennt, aber seit den letzten fünf, sechs Jahren arbeiten wir zusammen. Die Grobari gibt es zwar schon seit 1970, zu einer wirklichen Fangruppe, wie wir sie heute kennen, mit Transparenten und Fahnen, haben sie sich aber erst in den 1980ern entwickelt. Tatsächlich gab es in den 1980ern nur zwei echte Fankurven: bei Partizan und bei Hajduk Split. Die Fans von Dinamo Zagreb und Roter Stern hatten vielleicht zwei bis drei Lieder, und auf Auswärtsspiele sind sie auch nicht gefahren. Die Grobari waren berühmt für ihren englischen Stil. Im kommunistischen Jugoslawien hast du nur auf der Südtribüne unseres Stadions Doc-Martens-Schuhe gesehen und Union-Jack-Flaggen und Punks. Das hat sich natürlich geändert. Aber heute siehst du auch keine Punks mehr auf der Straße.«

(Milos Djuricic, Mitglied des Partizan-Fanklubs »Juzni Front«, 30 Jahre)

 

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 65, Oktober 2011) Ab 13.9. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel! 

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