Unendliche Leidenschaft

cache/images/article_1300_47thema_in_140.jpg Als der ballesterer Bagis Erten Ende August in Istanbul zum Interview traf, war dieser gerade erst von einem Skandalspiel Fenerbahces in Diyarbakir zurückgekehrt. Der umtriebige Fußballjournalist berichtete nicht nur von seinen Erlebnissen im fernen Südosten, sondern auch von der Situation in anderen Regionen.Im Oktober lieferte er noch Einschätzungen zur aktuellen Situation des türkischen Fußballs nach.
ballesterer: Wie ist denn Ihre Dienstreise nach Diyarbakir verlaufen? Erwarten Sie angesichts der Ausschreitungen noch, dass die aktuelle Regierungsinitiative für eine friedliche Lösung des Kurdenkonflikts positive Auswirkungen auf den Fußball in der Region hat?
Bagis Erten: Ein türkischer Journalist hat einmal geschrieben: »Diyarbakirspor ist so kompliziert wie die Kurdenfrage.« Er hat recht. Es gibt eine politische Dimension, aber auch eine soziale. Die Diyarbakir-Fans sind sehr jung, überwiegend arbeitslos und sehr emotional. Die Mannschaft war 1:0 in Führung, dann haben die Fans zwei Spielunterbrechungen provoziert, nach denen der Favorit jedes Mal ein Tor geschossen hat. Deshalb haben sie verloren. Ihr Verhalten war irrational, aber man kann es nicht damit erklären, dass sie einfach Idioten wären. Überall im Land spricht man von der politischen Öffnung, aber in der Region spürt man nichts davon.

Ist die Atmosphäre mit europäischen Städten vergleichbar, wo wirtschaftliche Misere und Gewalt im Stadion auch Hand in Hand zu gehen scheinen, etwa in Belgrad oder Neapel?

Auf den ersten Blick scheint es Parallelen zu geben. Aber die Fans in Diyarbakir ­reagieren einfach auf alles. Das geht weit über den Fußball hinaus. Es gibt sehr große soziale Probleme, und das Stadion ist einer der wenigen Orte, an denen sich diese jungen Menschen bemerkbar machen können. Der Präsident des Klubs behauptet, dass die neuerlichen  Ausschreitungen von Fans anderer Klubs, vor allem von Galatasaray, ausgegangen sind.

Ist das realistisch?
Es ist schon möglich. Tatsächlich sind die meisten Leute in der Region Galatasaray-Fans. Und zwar wegen der Farben und wegen »Apo«. Vor Jahren haben die Diyarbakir-Fans einmal ein Transparent präsentiert, auf dem stand: »Wir lieben Galatasaray so wie denjenigen, der Galatasaray liebt.« Also hassen sie Fenerbahce. (Das Logo von Galatasaray ist wie jenes der verbotenen PKK rot und gelb, der inhaftierte PKK-Chef Abdullah »Apo« Öcalan ist Fan des Vereins, Anm.)

Wie verhält sich die Polizei?
Sehr restriktiv. Als nach dem Spiel gegen Fenerbahce ein bisschen Bewegung in die Heimfans kam, brachte die Polizei die Situation sofort mit Tränengas zur Eskalation.­ Da stehen einander zwei gewaltbereite ­Parteien gegenüber.

Wir haben beim Match Trabzonspor gegen Diyarbakir ganz andere Erfahrungen gemacht. Es kam in minutenlangen Sprechchören sogar zu Verbrüderungen zwischen Heim- und Auswärtsfans.
Ich habe davon gehört und finde das großartig. Trabzonspors Fans sind ja eigentlich als besonders nationalistisch bekannt. Der derzeitige Präsident ist aber ein besonnener Typ, der politisch eher mitte-links steht. Er weiß auch, dass sich der Klub mit seinem langen Sündenregister nicht mehr viel erlauben darf.

Kann er die Kurve so stark beeinflussen?
Vielleicht gibt es eine Abmachung zwischen ihm und den Capos. Wie auch immer, man kann jedenfalls noch nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass sich Trabzonspor grundlegend gebessert hätte.

Trabzon ist vielleicht die einzige Stadt in der Türkei, wo die Istanbuler Klubs das Bild nicht dominieren. Warum gibt es in der Türkei sonst nirgends eine lokale Fanloyalität, wie das in fast ganz Europa üblich ist?
Die Großen Drei wurden Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet. Die meisten anderen gingen in den 1960ern aus einer nationalen Fusionspolitik hervor.

Was wurde mit den Fusionen bezweckt?
Das Sportministerium wollte eine starke, ausgeglichene Liga mit Vereinen aus dem ganzen Land schaffen. So kam es zu diesen Vereinsgründungen, aber bis heute haben sich keine echten Fantraditionen herausgebildet. Izmir ist eine Ausnahme. Dort waren die Traditionen in den 1960ern so stark, dass die Fusionen nicht durchgesetzt werden konnten.

Was macht Izmir so besonders?
Die Wurzeln der vier Klubs der Stadt waren einfach schon damals sehr tief. An dieser starken Rivalität ist die geplante Fusion gescheitert. Man kann das nicht so einfach aus den Köpfen löschen. Noch heute sind die Klubs aus Izmir sehr populär, obwohl keiner mehr in der Süperlig spielt. In den meisten Städten ist die Unterstützung für den jeweiligen lokalen Klub aber noch sehr schwach. Dabei spielen die Medien eine wichtige Rolle. Über die Istanbuler Klubs wird immer und überall berichtet, ein Gaziantep-Fan muss sich hingegen mit einer Zusammenfassung von 90 Sekunden begnügen.

Fans von Bursaspor haben unlängst ein Transparent präsentiert, mit dem sie zur Unterstützung des lokalen Klubs aufgerufen haben.
So etwas kommt schon vor. Auch Eskisehir hat Tradition, was mit Erfolgen in den 1960ern zusammenhängt. Aber das sind Ausnahmen. Vielleicht ändert sich durch die zunehmende Aufmerksamkeit lokaler Medien und die größeren Erfolge der anatolischen Vereine in Zukunft etwas in diese Richtung. Aber so etwas dauert Jahrzehnte.

Kann man also sagen, das politische Projekt, Spitzenfußball in alle Regionen des Landes zu tragen, ist gescheitert?
Man kann eben nicht eine Tradition in vier Jahrzehnten künstlich erzeugen, vor allem wenn kein entsprechender sportlicher ­Erfolg da ist.

Was ist das Problem der Klubs aus der Hauptstadt? Ankaragücü wird nächstes Jahr 100, Genclerbirligi wurde in den 1920ern gegründet. Da ist es doch erstaunlich, dass die Meisterschaft noch nie nach Ankara gewandert ist.

Ankara hatte immer das Problem, zwar offiziell Hauptstadt zu sein, in Wirklichkeit aber immer im Schatten von Istanbul zu stehen. Nicht nur im Fußball. Und für sportlichen Erfolg braucht man heute Geld, das es in Ankara nicht in dem Ausmaß gibt. Den Hauptstadtklubs fehlt es an Geld, einer starken Fanbasis und politischer Unterstützung. All das braucht man aber, um ganz oben mitzuspielen.

Vor kurzem hat Premierminister Erdogan das neue Stadion von Rize am Schwarzen Meer eröffnet. Zu Gast war Fenerbahce. Die Familie des fußballbegeisterten Regierungschefs kommt aus Rize, er selbst ist bekennender Fenerli. Wie ist diese Aktion zu verstehen?
Jeder anatolische Fan beantwortet die Frage nach seinem Lieblingsklub zweifach: Meistens wird zuerst ein Istanbuler Klub genannt, an zweiter Stelle kommt der lokale Verein. Das ist in den Köpfen tief verankert. Vielleicht kann man auf lange Sicht die Reihenfolge umdrehen.

Was Bagis Erten zur Vormachtstellung der drei Istanbuler Großklubs, zum Zickzackkurs des türkischen Nationalteams und seiner TV-Show sagt, lesen Sie in der vollständigen Version des Interviews im aktuellen ballesterer ab 4. November österreichweit im Zeitschriftenhandel.

 


Zur Person:
Bagis Erten, 1973 in Ankara geboren, studierte Geschichte und Jus. Den Herausgeber mehrerer Bücher über Fußball und Politik erfüllt nach eigenen Angaben seine Übersetzung von Nick Hornbys Kultbuch »Fever Pitch« mit besonderem Stolz. Von 2004 bis 2005 gab Erten für den Türkischen Fußballverband das Magazin Tam Saha heraus. Heute schreibt er regelmäßig Fußballkolumnen für die liberale Tageszeitung Radikal, ist Produktionsleiter von Turkish Eurosport und Fußball-Talkmaster bei ntvspor.

Referenzen:

Heft: 47
ballesterer # 120

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