»Unsterblich wirst du nur mit Titeln«

Steffen Freund wurde mit der DFB-Nationalmannschaft 1996 Europameister. Dem aktuellen Team traut er den Titel bei der EM 2008 zu, auch ohne Steffen Hofmann. Und Österreich werde sich wundern, was der Heimvorteil ausmache.
Christoph Heshmatpour | 14.05.2008
ballestererfm: Das deutsche Team scheint seit der WM die Souveränität für sich gepachtet zu haben. Die EM-Quali wurde problemlos bewältigt. Ist das nicht auch eine Gefahr? Kann sich die Mannschaft von dem Rückschlag erholen, sollte sie ihr erstes EM-Spiel gegen Polen nicht gewinnen?
Steffen Freund: Ich möchte nicht arrogant klingen, aber Deutschland wird nicht gegen Polen verlieren. Die deutsche Mannschaft hat in Turnieren fast immer stark gespielt, auch wenn es in den letzten Jahren auch Ausnahmen gegeben hat. Das ist einfach unsere Mentalität. Das erste Spiel ist sicher eine Standortbestimmung, aber die Mannschaft ist stark genug, um zu bestehen.
War die erste Halbzeit gegen Österreich, als das deutsche Team an die Wand gespielt wurde, ein heilsamer Schock?
Das war es sicher. Österreich ist keine Topmannschaft und hat uns eine Hälfte lang vorgeführt. Die Spieler haben gesehen, dass es mit ein paar Prozent weniger Einstellung und Wille gegen jeden Gegner schwierig wird.
In der deutschen Europameisterelf von 1996 standen einige starke Charaktere wie Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer. Hat das Nationalteam von heute genug Persönlichkeiten?
Ich habe solche Charaktere in der Mannschaft lange vermisst. Aber jetzt hat sie einen Michael Ballack oder Torsten Frings mit einer Menge Erfahrung, die auch schon große Turniere gespielt haben. Auch Jens Lehmann macht den Mund auf und sagt, wo es langgeht. Das sind Typen, an denen man sich anlehnen kann und die gleichzeitig die Mannschaft führen.

 

Vor dem Halbfinale 1996 gegen England wurde im englischen Boulevard der »Fußballkrieg« ausgerufen. Hat sich die aggressive Stimmung auch unter den Spielern bemerkbar gemacht?
Gar nicht. Das war das Spiel mit der schönsten Atmosphäre, die ich je erlebt habe. Das werde ich nie vergessen. Schon als wir zum Aufwärmen rausgingen, war das Wembley-Stadion voll. Die Fans haben gesungen, richtig lange Lieder über einzelne Spieler und die Three Lions. Ich kannte bis dahin nur »Ecke Tor!« oder »Steht auf, wenn ihr Deutsche seid«. Ich hatte das gesamte Spiel über eine Gänsehaut, es war eine grandiose Begegnung.
Sie wurden in der 119. Minute verletzt ausgewechselt und haben beim Finale zugesehen. Ich hatte einen Kreuzbandriss. Das war damals nicht sofort klar, aber das Knie war schon geschwollen. Ich war sehr enttäuscht und es war im ersten Moment bitter, dass ich im Finale nicht spielen konnte und wollte schon nach Hause fahren. Berti Vogts hat aber gesagt, dass ich bleiben soll. Heute bin ich sehr dankbar und stolz, Europameister zu sein.
Oliver Bierhoff hat im Finale gegen Tschechien das erste Golden Goal der EM-Geschichte geschossen. Was halten Sie von dieser Regel?

Ich habe damals auch nicht sofort mitbekommen, dass das Spiel aus ist. Ich saß mit meinem dicken Knie auf der Bank und habe mir gedacht: »Moment, jetzt müssen wir ja reinlaufen.« Die Golden-Goal-Regel war falsch und ich bin froh, dass sie abgeschafft wurde. Es sind doch diese verrückten Verlängerungen, die uns ewig im Gedächtnis bleiben. Nach dem ersten Tor geht es ja erst richtig los. Das perfekte Beispiel ist das UEFA-Cup-Rückspiel Getafe gegen Bayern München.
In Deutschland will die Öffentlichkeit, dass die Mannschaft in Österreich und der Schweiz das zu Ende bringt, was sie bei der Heim-WM 2006 knapp verpasst hat: den Titel zu holen. Ist diese Erwartungshaltung nicht übertrieben?

Diese Erwartung ist in Deutschland immer da. Auch 1996 wussten wir, dass wir als Europameister zurückkommen mussten. Wenn du in Deutschland unsterblich werden willst, musst du Titel holen. Zweiter sind schon viele andere geworden.
Wie ist das Standing von DFB-Teamchef Jogi Löw in der deutschen Öffentlichkeit? Ist er wirklich der große Sympathieträger, als der er oft dargestellt wird?

Es hat sicher alle positiv überrascht, wie er durch die EM-Quali gegangen ist. Das hat er sensationell gemeistert. Er muss kein großer Sympathieträger sein, sondern erfolgreich, und das ist er. Natürlich ist es eine neue Situation, er ist jetzt der Chef, und es kommt ein enormer Druck auf ihn und die Mannschaft zu. Das weiß er aber auch. Aber die Voraussetzungen für ein großes Turnier sind da.
In Österreich wurde zuletzt über eine mögliche Einberufung Steffen Hofmanns in den deutschen EM-Kader spekuliert. Kann Hofmann der deutschen Mannschaft helfen?
Steffen hat eine tolle Saison gespielt. Aber die österreichische Bundesliga darf kein Maßstab sein, um sich für die deutsche Nationalmannschaft zu qualifizieren. Er muss den nächsten Schritt gehen und sich in einer Topliga etablieren. Dann ist er reif für das Team.
Wie beurteilen Sie die Chancen der ÖFB-Elf? Ist das Viertelfinale realistisch?
Die Österreicher werden staunen, was der Heimvorteil ausmacht. Die Mannschaft hat vielleicht die geringste individuelle Klasse, aber vor dem eigenen Publikum ist alles möglich. Wenn sie Punkte holen will, muss sie aber ihre Chancen im Spiel nutzen.

Referenzen:

Heft: 34
ballesterer # 121

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