Verschobene Wahrnehmung

cache/images/article_1967_titel_comp_140.jpg Gerüchte gibt es schon lange und fast im Wochentakt. Dass in den letzten Jahren in der österreichischen Bundesliga tatsächlich Spiele geschoben wurden, ist allerdings nur aus deutschen Gerichtsurteilen bekannt. Bestraft wurde dafür noch niemand. Was hindert die Verantwortlichen am Durchgreifen? Und was tun sie, um weitere Manipulationen zu verhindern?

Am 29. August 2009 besiegte Red Bull Salzburg den Kapfenberger SV mit 4:0. Für ein deutsches Gericht ist erwiesen, dass das Spiel geschoben war. In einem Urteil des Landgerichts Bochum vom 19. Mai 2011 heißt es dazu: »Im Vorfeld des Spiels hatte der Angeklagte T über den gesondert verfolgten Q2 auf die Spieler der Mannschaft des SV Kapfenberg durch Zahlung von circa 80.000 Euro dahingehend eingewirkt, dass diese das Spiel mit mindestens zwei Toren Unterschied verlieren sollten. Kurz vor dem Spiel, als der Angeklagte auf die Begegnung wetten wollte, waren die Quoten schlecht geworden. Offenbar war die Information, dass das Spiel manipuliert war, durchgesickert.« Dem Urteil zufolge setzte der Angeklagte T dennoch über einen englischen Anbieter 19 einzelne Wetten bei verschiedenen asiatischen Wettbüros auf eine hohe Niederlage der Kapfenberger. Aufgrund der schlechten Quoten habe der Nettogewinn des verurteilten Deutschen bei einem Einsatz von 210.435 Euro lediglich 9.404,09 Euro betragen.

Deutschland stark im Abschluss
Internationale Verstrickungen, sechsstellige Euro-Beträge, kleinere Pannen so sehen die Begleiterscheinungen des Wettbetrugs aus. Dass auch der österreichische Fußball von dem schmutzigen Geschäft betroffen ist, kann nicht mehr geleugnet werden. Allein das Bochumer Urteil führt zwei weitere Spiele aus der Herbstsaison 2009 an, die angeblich manipuliert wurden: das Zweitligaspiel Red Bull Juniors gegen Hartberg (7:0) und Kapfenberg gegen Austria Wien (1:0). Beim Kantersieg der Salzburger Amateure sollen manipulationswillige Gegenspieler zwei Wettbetrügern jeweils Nettogewinne von mehr als 500.000 Euro eingebracht haben. Bei der überraschenden Austria-Niederlage gegen die laut Urteil bestochene Kapfenberger Mannschaft ging die Manipulation hingegen schief. Die Auftraggeber verloren mehr als 300.000 Euro.


Seit Jahren servieren die deutschen Behörden immer wieder Ermittlungsergebnisse mit Beweisen für manipulierte Spiele in Österreich: Bereits im Jänner 2008 hat das Landgericht Frankfurt am Main in einem Urteil festgehalten, dass Spieler von Sturm Graz sich zwei Jahre zuvor für eine Niederlage mit höchstens drei Toren gegen Austria Salzburg bezahlen ließen. Den Manipulationsversuchen zum Trotz gewann Sturm das Spiel mit 4:0.


Sanktionen gab es hierzulande bisher keine, weder vom ÖFB und der Bundesliga noch durch ein ordentliches Gericht. Eines der mehr als 200 verdächtigen Spiele in 16 Ligen und bei internationalen Begegnungen, die internationale Ermittler unter Leitung der Bochumer Staatsanwaltschaft untersuchten, fand 2009 in der zweithöchsten österreichischen Spielklasse statt. Einem Wettbetrüger stellte sich dabei ein scheinbar naheliegendes Problem: Der angesprochene Spieler lehnte das Bestechungsangebot ab und drohte mit der Polizei.


Österreich zögert
Der ballesterer trat mit dem inzwischen 26-jährigen ehemaligen Nachwuchs-Nationalteamspieler in Kontakt. Sobald er hörte, dass der Gesprächsgegenstand seine Erfahrungen mit der Abwehr des Wettbetrügers sein sollten, verweigerte er höflich, aber bestimmt ein Gespräch. »Darüber sollte man keine Interviews führen«, sagte er. Er rede lieber über seine Leistungen am Spielfeld. Die Sache sei für ihn vorbei, das Thema interessiere ihn nicht.


In einer ähnlichen Situation befand sich im November 2011 Außenverteidiger Simone Farina vom italienischen Zweitligisten AS Gubbio. Ein ehemaliger Teamkollege hatte ihm für die Manipulation des Cupspiels gegen Cesena 200.000 Euro angeboten. Farina ging mit der Situation offensiver um als sein österreichischer Kollege. Er meldete den Vorfall der Polizei, löste umfangreiche Ermittlungen im jüngsten italienischen Manipulationsskandal aus und wurde schlagartig berühmt. Als Anerkennung für seine Unbestechlichkeit ernannte ihn die FIFA zum Botschafter gegen Spielmanipulation. Teamchef Cesare Prandelli lud ihn und Lumezzane-Verteidiger Fabio Pisacane, der ebenfalls einen Manipulationsversuch öffentlich gemacht hatte, zum Training mit der Nationalmannschaft ein. Sportlich lief es für Farina nach der Anzeige weniger gut, im Oktober beendete er mit nur 30 Jahren seine Spielerkarriere und wechselte als Nachwuchstrainer zu Aston Villa nach England.


In Österreich gibt es bisher niemanden, der im Zusammenhang mit vereitelten Bestechungsversuchen in der Öffentlichkeit Anerkennung gefunden hat. Hingegen wurde Edin Salkic im Mai 2011 schlagartig berühmt, als er im Dress von Wiener Neustadt den Ball völlig unbedrängt mit der Hand spielte und durch den folgenden Elfmeter die Meisterschaft für Sturm Graz entschied. Sekunden später stellte ihn Sky-Sport-Aus­tria-Kommentator Thomas Trukesitz öffentlich an den Pranger: »Was hat er sich dabei gedacht? Ich fürchte, er hat sich etwas dabei gedacht. Und das ist ein Vorwurf!«

Bananenrepublik?
Der auf Wirtschaftskriminalität spezialisierte deutsche Journalist Jürgen Roth veröffentlichte 2011 das Buch »Unfair Play« über Korruption im Sport. Roth zeichnet darin ein düsteres Bild von den Zuständen in Österreich: »Während in Deutschland bereits seit dem Jahr 2005 in großem Umfang im Zusammenhang mit Wettbetrug bei verschiedenen Staatsanwaltschaften ermittelt wurde, legte man zu eifrigen Kriminalisten in Österreich nahe, intensive Ermittlungen zu unterlassen und das zu einem Zeitpunkt, als sie zahlreiche manipulierte Spiele selbst in der ersten Liga Österreichs aufgedeckt hatten.« Als Ursache verweist er auf die engen personellen Verflechtungen zwischen Wettgewerbe, Verband und Politik.


Roth berichtet auch von einer angeblichen Abmachung zwischen den Verbänden Albaniens, Rumäniens und Bulgariens, wonach in der Qualifikation für die EM 2008 die chancenlosen Albaner den Rumänen sechs und den Bulgaren zwei Punkte überlassen sollten. Nicu Gheara, der Drahtzieher auf rumänischer Seite, feiere gern beim Stanglwirt in Kitzbühel Geburtstagsfeste, schreibt Roth und zieht seinen Schluss daraus: »In Kitzbühel trifft sich halt die besondere Welt, und die österreichische Polizei schließt vornehm die Augen. Schließlich bringen die ehrenwerten Gäste ja viel Geld mit.« Roth zitiert den auf Wettbetrug spezialisierten österreichischen Ex-Kriminalisten Rudolf Stinner, dem Verdächtige gesagt hatten, der Fußball sei in Österreich »massiv von der Mafia kontrolliert«. Gegenüber dem ballesterer bestätigt Stinner seine damalige Aussage, fügt aber hinzu, dass inzwischen schon wieder andere Personen am Werk seien. Spiegelt Roths Polemik also wirklich die österreichische Realität wider? Versinkt der heimische Fußball im Korruptionssumpf? Oder sind Anzeichen der Besserung erkennbar? Faktum ist jedenfalls, dass bisher keinerlei Ergebnisse der Manipulationsbekämpfung in Österreich sichtbar sind.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 77, Dezember  2012) Seit 13.11. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Thema
ballesterer # 117

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