Versuchen Sie Ihr Glück

Es vereint Leidenschaft und Sucht, Geschäft und Korruption. Mit dem Fußball ist es von Anbeginn verbunden. Eine Annäherung an das Phänomen Glücksspiel.
Reinhard Krennhuber | 01.02.2006
Gewettet wird seit Jahrhunderten, auf den Ausgang von Fußballspielen spekulierten aber natürlich zu allererst die Engländer. Bereits ab den 1880er-Jahren konnte auf der Insel auf 1,2 oder X gesetzt werden. In den Pubs nahe den Fußballplätzen wurden zu diesem Zweck dünne Zeitungen mit den Wettspielen so genannte »Green Uns« fabriziert, die man auf die Wand des Lokals hängte. Um Ergebnisse aus anderen Städten zu übermitteln, bemühte man den eben erfundenen Telegrafen.
Das Sportinteresse sei für die nordenglischen Arbeiter nie bloßer Spaß, sondern stets mit Wetten verbunden gewesen, schreiben Fabian Brändle und Christian Koller in ihrem Buch »Goal!!! Sozial- und Kulturgeschichte des Fußballs«. Die Einsätze bei diesen ersten »Gambling«-Gehversuchen lagen aber nur bei wenigen Pence und mit den Gewinnen konnten sich die Tipper kaum mehr als ein schönes Wochenende machen.

 

Englisches Toto

 

Die erste offizielle Totalisator-Wette, bei der der Gesamteinsatz abzüglich des Organisatoren-Beitrags auf die Gewinner aufgeteilt wird, ist aus dem Jahr 1922 überliefert. Veranstaltet hat sie ein gewisser John Moores in Liverpool. Der findige Geschäftsmann und spätere Sir gründete 1923 mit seinem Bruder Cecil die »Littlewoods Organisations«, die neben den »football pools« auch eine Warenhauskette umfassten und immer noch eines der größten britischen Unternehmen in Privatbesitz sind. Einen Namen machte sich Littlewoods als erster Sponsor des FA-Cups und im Zuge des Taylor-Reports als Förderer der All-Seater-Stadien nach den Zuschauerkatastrophen der 1980er-Jahre. Cecils Sohn David wurde 1993 Chairman des FC Liverpool, der andere Zweig der Moores-Familie hatte bis in die 90er-Jahre beim Stadtrivalen Everton das Sagen.
Noch in den 1920er- und 30er-Jahren folgten weitere Unternehmen wie »Vernons« oder »Zetters« dem erfolgreichen Beispiel der Moores-Brüder. Mit bald 30.000 Mitarbeitern gerieten die »football pools« zum bedeutsamen Wirtschaftsfaktor. In den 40er-Jahren erreichte die Zahl der Wettteilnehmer pro Runde die Marke von 14 Millionen und lag damit bei einem Vielfachen der Fußballplatz-Besucher. Einziger Wehrmutstropfen: Die Vereine sahen vorerst nichts von dem Geld, da die FA moralische Bedenken gegenüber den Wetten hatte und die stark besteuerten Pools ihrerseits nichts abtreten wollten. Zu einer Beteiligung des Verbands an den Gewinnen kam es erst ab 1959.

 

Österreichische Liberalität

 

Wie England blickt auch Österreich auf eine liberale Glücksspieltradition zurück. Das Kartenspiel gehörte zur Kaffeehaus-Kultur wie Kipferl und Melange und übte seit jeher auch einen besonderen Reiz auf Kicker und Trainer aus. Große Popularität genoss auch das Setzen auf Pferderennen. Schon im 19. Jahrhundert strömten zehntausende Wiener am Wochenende auf die großen Rennbahnen in der Freudenau und Krieau.
Beim Fußball lag die Sache anders: Der Staat beharrte auf seinem Monopol und ließ neben dem 1949 eingeführten Sporttoto (siehe Seite 24) keine privaten Fußball-Wetten zu. Erst Anfang der 80er-Jahre wurden in den Bundesländern Buchmacher-Lizenzen vergeben, die sich nicht auf Pferderennen beschränkten. Weil in Wien aber weiterhin nicht auf Fußball und andere Sportarten gewettet werden konnte, gingen die Hauptstadt-Bookies in die Peripherie und eröffneten Büros in Baden, Schwechat, Vösendorf oder Perchtoldsdorf. Die Wetten wurden über das Telefon abgegeben.
1988 fiel das Verbot für Sportwetten schließlich auch in Wien und die ersten Wettbüros im heutigen Sinn entstanden. Pioniere dieser Entwicklung waren vor allem die Firma Admiral, ein Tochterunternehmen des Spielautomaten-Weltmarktführers Novomatic, und der von den Brüdern Bohinc betriebene Wettpunkt. Es entbrannte ein Zweikampf um die besseren Standorte, in dem sich Admiral nicht zuletzt durch den Börsegang 2001 einen Vorteil verschaffte.
In den vergangenen zehn Jahren schossen die Wettbüros wie die Schwammerl aus dem Boden. Heute gibt es in ganz Österreich 360 solche Lokale, etwa 140 gehören zu Admiral und 60 zur Wettpunkt-Kette. Dazu kommen noch 1.300 Terminals mit dem Internet verbundene Wettautomaten in anderen Lokalitäten. Zum Vergleich: Die Supermarktkette Zielpunkt betreibt im gesamten Bundesgebiet 330 Filialen.
Jedoch fahren die Wettbüros ihre Gewinne nicht in erster Linie mit Sportwetten ein. Zwar bleibt den Buchmachern pro Wette ein Gewinn (»hold«) von durchschnittlich 20 Prozent, doch sorgen in den Wettlokalen nach wie vor die Spielautomaten für den Reibach. Lizenzbestimmungen, die eigentlich nur zwei Automaten pro Wettlokal zulassen, werden mit der Aufteilung der Räume in diverse Unterkategorien (Café, Restaurant, Wettbüro) elegant umschifft.

 

Großes Geschäft

 

Die Zeit der Straßenlokale ist aber ohnehin vorbei. Im Konsumverhalten der Spieler zeichnet sich seit einigen Jahren ein klarer Trend in Richtung Internet-Wetten ab. Laut Angaben des österreichischen Buchmacherverbands werden aktuell bereits 65 Prozent aller Tipps online platziert, Tendenz steigend. Zum Wettschalter oder in die Trafiken begibt sich hingegen nur mehr jeder dritte Spieler.
Österreichische Anbieter haben diese Entwicklung früh erkannt. Die an der Wiener Börse notierte BETandWIN-Gruppe sieht sich als »führender Anbieter von Online-Gaming-Produkten in Kontinentaleuropa« und peilt bis Ende nächsten Jahres einen Marktanteil von fünf Prozent an. Europaweit konnte das Unternehmen nicht zuletzt dank seiner Lizenzen in Gibraltar, Österreich, England und Deutschland 2004 einen Umsatz von 856 Millionen Euro verbuchen, in den ersten beiden Quartalen des vergangenen Jahres waren es bereits 993 Millionen.
Trotz der internationalen Fischzüge bleibt der heimische Markt ein wichtiger Faktor. Die Österreicher können zwar Briten oder Griechen nicht das Wasser reichen, gelten verglichen mit anderen Europäern aber durchaus als wettbegeistert. Auf dem heimischen Markt setzen die Bookies inklusive tipp3 jährlich zusammen rund 850 Millionen Euro um wovon auf BETandWIN im Vorjahr 400 Millionen entfielen. Vier Jahre zuvor hatte sich der jetzige Branchenführer noch mit 17 Millionen begnügen müssen.
Europaweit landen jährlich 170 Milliarden Euro Umsatz in den Kassen der Wettanbieter. Richtig ab geht es bei Großereignissen wie Welt- und Europameisterschaften, wo die durchschnittlichen Einnahmen noch um bis zu 50 Prozent übertroffen werden. Die erzielten Gewinne hängen aber nicht nur vom Umsatz, sondern auch vom Turnierverlauf ab. Bei der WM 2002 lief das Geschäft prächtig, weil große Nationen wie Argentinien oder Frankreich sich schon in der Vorrunde verabschiedeten und Außenseiter wie die USA, Südkorea oder die Türkei bis ins Viertelfinale und weiter kamen. Denn am liebsten werden vor allem bei höheren Einsätzen immer noch die Favoriten gespielt. Mit den Außenseitern gewinnen nur einzelne Risikospieler und natürlich die Buchmacher.

 

Grassierende Sucht

 

Während die Anbieter sich ob der gesteigerten Umsätze die Hände reiben, zeigt das Geschäft auch seine Schattenseite. Gerade in Zeiten steigender wirtschaftlicher Unsicherheit greifen die Menschen öfter zum Wettschein. Nervenkitzel und Zerstreuung sind für die Spieler genauso Motive wie der Wunsch nach schnellem Geld. Schnell wird das Geld aber nur verloren und mit der Abhängigkeit kommen die Schulden. In Österreich gibt es laut dem »Verein für anonyme Spieler« etwa 50.000 massiv Spielsüchtige, weitere 100.000 sind akut gefährdet. Immer mehr von ihnen machen ihre Schulden mit Sportwetten.
Studien belegen, dass das Setzen auf Fußball, Pferde oder Eishockey stärkere Emotionen auslöst als die klassischen Lotterieangebote. »Die Betroffenen sind am Sport interessiert und glauben, ihr Wissen zu Geld machen zu können. Das verstärkt die Bindung«, sagte die Psychologin Izabela Horodecki zum ballestererfm (siehe Interview). Indem sich das Internet rasant verbreitet habe, sei das Glücksspiel für die breite Masse viel leichter verfügbar geworden, meint Horodecki und verweist auf ein gleichzeitig geringes Maß an Prävention. So dürfen Jugendliche in Österreich bereits ab dem 16. Lebensjahr wetten.
Probleme mit dem Glückspiel werden auch prominenten Fußballern nachgesagt. Einer der bekanntesten Fälle ist wohl jener von Franz Hasil, der nach seinen erfolgreichen Auslandsengagements bei Schalke 04 und Feyenoord Rotterdam in den 70er-Jahren bei Austria Klagenfurt landete. Am Roulette-Tisch und beim Black Jack verspielte der Stürmer bei fast täglichen Besuchen im Casino von Velden sein gesamtes Vermögen, bis der Exekutor vor der Tür stand. »So genannte Freunde und das Casino nehmen dem gutmütigen, leicht beeinflussbaren Hasil das letzte Hemd ab«, schreibt Egon Theiner in seiner Biografie. Heute ist der ehemalige Meistercup-Sieger Trafikant in Wien.
Eine innige Beziehung gibt es auch zwischen Kicken und Kartenspiel. Während die Herrenrunden in den Kaffeehäusern langsam aussterben, halten sich Mulatschak, Schwarze Katze oder Tarock hartnäckig unter den Fußballern. Lange Auswärtsfahrten, Trainingslager an entlegenen Orten und die freie oder tote Zeit wird damit überspielt. Die Reihe der passionierten Kartler ist lang und reicht von Happel über Prohaska bis Vastic. Auch Ernst Ocwirk war einer von ihnen. In seiner Autobiografie »Weltenbummel« ist folgende Anekdote aus der Nachkriegszeit zu lesen: »Der Zug passiert Enns, als es plötzlich an der Tür des Abteils klopft. Eine herrische Stimme: Passport please! Ami-Kontrolle an der Demarkationslinie! Drinnen rührt sich aber keiner, da gerade eine hitzige Preference-Partie im Gang ist.«

 

Schmieriges Kriminal

 

Wo gespielt wird, da wird natürlich auch geschoben. Wettbetrug ist dabei ein häufiges Motiv und restlos geklärt wurde kaum ein Fall. Als 1980 der größte Wettskandal in der italienischen Fußballgeschichte aufgedeckt wurde, mussten Milan-Präsident Felice Colombo und elf Spieler ins Gefängnis. Der Mailänder-Prestigeklub wurde ebenso wie Lazio Rom in die zweite Liga versetzt, die meisten der angeklagten Spieler jedoch trotz erdrückender Beweislast vom Gericht freigesprochen. Gegen die eigene Mannschaft gewettet hatte damals auch Paolo Rossi. Der Torjäger revanchierte sich für die Begnadigung, indem er Italien 1982 zum Weltmeister schoss.
In England lief es Ende der 90er-Jahre ganz ohne Zutun von Spielern oder Funktionären ab. Ein malaysisches Wettsyndikat ließ bei zwei Premier League-Partien das Flutlicht ausfallen und prellte so tausende Wetter um ihre Einsätze. Diese hatten auf den klaren Favoriten gesetzt, bei den betroffenen Partien stand es aber jeweils unentschieden. Die Betrüger machten sich zu Nutze, dass in Asien ein nicht beendetes Spiel sofern bereits die 2. Hälfte begonnen hatte mit dem Ergebnis zum Zeitpunkt des Abbruchs gewertet wurde. Im Februar 1999 flog der Schwindel durch eine Indiskretion auf, die Hintermänner blieben jedoch unbehelligt.
Für den größten Manipulationsskandal im deutschen Fußball sorgte wiederum ein korrupter Spieler: Ante Sapina, der mit seinen Brüdern von Berlin aus die Schiedsrichter Robert Hoyzer und Dominik Marks sowie mehrere Fußballer für seine Wettgeschäfte einspannte, konnte bei seiner Verhaftung keinen Beruf angeben. Er war Spieler seit seinem 16. Lebensjahr. Allein beim deutschen Monopolisten Oddset streifte Sapina 2004 über drei Millionen Euro an Wettgewinnen ein, weitere Unsummen holte er sich bei britischen und zypriotischen Anbietern. Im November wurde der Kroate in erster Instanz zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt, Handlanger Hoyzer kam mit zweieinhalb Jahren kaum besser davon.
Neben Griechenland, Spanien, Italien, Belgien, Tschechien und Kroatien soll sich das Netzwerk der Sapinas auch auf Österreich erstreckt haben. Für die Gerichte ist das aber nicht bewiesen: Die »Neue Vorarlberger Tageszeitung« wurde im Dezember zur Zahlung von 60.000 Euro wegen Rufschädigung verdonnert. Das Blatt hatte behauptet, die ehemaligen Bregenz-Kicker Almir Tolja, Dejan Grabic und Asmir Ikanovic hätten für Spielmanipulationen ebendiesen Betrag kassiert. Den Beweis dafür blieb die »Neue« jedoch schuldig, und dabei dürfte es auch bleiben. Es sei denn, Sapina spielt noch andere Karten aus

Referenzen:

Heft: 20
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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