Viva Polonia

Dass die gebürtigen Polen Piotr Trochowski, Miroslav Klose und Lukas Podolski für Deutschland spielen, schmerzt die Fans östlich der Oder. Das Scoutingteam des Verbands soll Wiederholungsfälle verhindern, kämpft aber noch um Anerkennung.
Radoslaw Zak | 03.02.2009
Maciej Chorazyk und Jacek Protasewicz trauern um eine vergebene Chance. Obwohl die Polonia, wie die polnische Diaspora genannt wird, weltweit rund 20 Millionen Menschen zählt, wurde sie vom Fußballverband jahrzehntelang nicht beachtet. Hätte man wie die Türken schon Ende der 90er Jahre damit begonnen, junge Spieler mit Migrationshintergrund im Ausland ausfindig zu machen, könnten die Kloses und Podolskis anstatt des schwarzen nun den weißen Adler auf ihrer Brust tragen, sind der Chefscout des PZPN und sein engster Mitarbeiter in Deutschland überzeugt.

Chorazyk wurde mit seinem Sichtungskonzept im Dezember 2006 beim Verband vorstellig und daraufhin prompt zu dessen Leiter erkoren. Von Warschau aus koordiniert er seine Mitarbeiter auf drei Kontinenten. Die Scouts fahren zu Matches von Jugendmannschaften, in denen sie Spieler ausfindig gemacht haben, observieren deren Leistungen im Training und sprechen mit den Eltern der Teenager. Doch gerade einmal zwei von Chorazyks Mitarbeitern bekommen für ihre Mühen Spesen rückerstattet. Der neue Verbandspräsident Grzegorz Lato kündigte zwar an, mehr Geld fließen zu lassen, doch Protasewicz will Taten sehen: »Ich hoffe, der PZPN wacht endlich auf, damit wir professionell arbeiten können und die Kollegen aus dem Westen aufhören, über uns zu lachen.«

Money, money, money
Trotz aller widrigen Umstände hat Chorazyks Idee Früchte getragen. Innerhalb von zwei Jahren wurden polnischen Auswahltrainern 40 Spieler empfohlen, von denen viele in Jugendnationalteams debütierten. Allein aus Deutschland stehen 77 potenzielle Kandidaten in den Notizblöcken der Scouts. Die Kids werden ab dem 15. Lebensjahr beobachtet. »Wenn sie ihre fußballerische Ausbildung abgeschlossen haben, ist es meist zu spät, sie für Polen zu begeistern«, sagt Chorazyk. »Viele sind in einem anderen Land geboren und haben eine andere Mentalität. Wenn die Eltern nicht darauf achten, vergessen sie ihre Wurzeln. Wir müssen so früh wie möglich auf sie zukommen.«

Patriotismus ist aber nicht der einzige Faktor, der darüber entscheidet, ob jemand für Polen spielt oder nicht. Während der deutsche Verband alle Reisekosten für Lehrgänge bezahlt, übernimmt der PZPN nur jene für EM-Qualifikationsspiele und ein Trainingscamp pro Jahr. »Der DFB ist eine renommierte Fußballfirma und wir der ärmere Kollege. Auch das ist ausschlaggebend für die Entscheidung«, sagt Protasewicz.

Briten im Fokus
Einen positiven Trend können die polnischen Talentesucher trotzdem bemerken. Sebastian Czajkowski von Schalke 04, Alan Stulin vom 1. FC Kaiserslautern, David Blacha von Borussia Dortmund und Protasewiczs Sohn Mateusz von Twente Enschede sind nur einige Beispiele für Spieler, die sich für die »Bialo-Czerwoni« entschieden. Zudem nahmen die gebürtigen Engländer Ben Starosta und Nicolas Meace die polnische Staatsbürgerschaft an. Starosta trat bei der U20-WM 2007 in Kanada erstmals in Erscheinung und wartet nun auf einen Anruf von Nationalcoach Leo Beenhakker.

Spieler aus Großbritannien stehen besonders im Fokus des Verbands, schließlich sind nach Polens EU-Beitritt mehr als eine Million Menschen dorthin ausgewandert. Hoffnungen ruhen auch auf Zeyn S-Latef, Sohn einer Polin und eines Irakers, der im Mittelfeld von Sheffield United für Furore sorgt und »so schnell wie möglich« für Polens A-Team spielen will. Sein Länderspieldebüt bereits hinter sich hat der Dortmunder Sebastian Tyrala, dem nicht nur von deutschen Experten eine große Zukunft vorausgesagt wird.

Trotz aller Fortschritte fühlen sich die Scouts manchmal als einsame Rufer im Wald. Wie im Fall von Sebastian Boenisch, seit dieser Saison Stammspieler bei Werder Bremen. Weil die FIFA-Statuten Spielern mit mehreren Staatsbürgerschaften bis zum 21. Lebensjahr erlauben, den Verband zu wechseln, hoffte Boenisch auf eine Teilnahme mit Polen an der EM 2008. Chorazyks Abwerbungsversuch blieb jedoch erfolglos, nachdem er ihm nur einen Auftritt in der U23 versprechen konnte. Gewisse Parallelen zum Fall Trochowski sind unverkennbar. Dessen Mutter hatte den PZPN vor einigen Jahren mehrmals mit Briefen auf ihren Sprössling aufmerksam gemacht, erhielt jedoch nie eine Antwort. Heute ist Trochowski eine wichtige Stütze des HSV und des DFB-Teams.

Obwohl sie oft mit Rückschlägen zu kämpfen haben, sind Protasewicz und Chorazyk sicher, einen neuen Podolski nicht zu verpassen. Sie werden unermüdlich weitersuchen und Überzeugungsarbeit leisten. Bleibt ihnen nur zu wünschen, dass sich das Sprichwort über den Propheten, der nirgendwo weniger gilt als in der Heimat, nicht bewahrheitet.

Referenzen:

Heft: 39
Rubrik: Thema
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