Weltberühmt in Österreich

cache/images/article_2127_ch_full_3_140.jpg Legionäre haben die Geschichte des österreichischen Fußballs geprägt. Wer waren die besten, die beliebtesten und einprägsamsten Spieler, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Österreich gekommen sind? Eine subjektive Auswahl von Alberto Martinez bis Zlatko Kranjcar.

Es war auf der ballesterer-Klausur 2012 in Podersdorf, da gerieten die Redakteure in eine hitzige Diskussion über das Legionärsteam des Jahrhunderts. Wer waren die besten ausländischen Spieler, die je in der Bundesliga zu sehen waren? In die Jahre gekommene Grafiker schwelgten in Erinnerungen an legendäre Matches, grau melierte Redakteure bekamen glänzende Augen und erklärten, warum gerade dieser eine Spieler den Mythos des eigenen Vereins besonders gut verkörperte. Der Kämpfer, der Techniker, die Diva. Dutzende Namen wurden genannt. Am Neben­tisch diskutierten einige Redakteure darüber, dass der Legionärsbegriff eigentlich problematisch ist: Die Söldnerkonnotation ist abwertend, und warum sollte man Fußballer nach dem Reisepass unterscheiden statt an ihren Fähigkeiten messen?


Einwände, die nach dem vierten Spritzer niemand mehr hören wollte, das Schwerpunktthema war beschlossen. Nach langem Feilschen zwischen den verschiedenen Fanlagern hat sich die Redaktion auf eine Liste geeinigt. Bei knapp 1.250 Spielern und 117 Trainern seit 1945 mussten es aber zumindest zwei Teams sein. Ein »Glamour-Team« mit den prominentesten Kickern, von denen einige nur kurz oder am Ende ihrer Karriere in Österreich spielten. Und ein »Team der Herzen« mit den Spielern, die sich nicht nur aufgrund ihres fußballerischen Talents in die Erinnerung der Fans eingeprägt haben.


Nicht berücksichtigt haben wir die Stars der Zwischenkriegszeit wie Bela Guttmann und die Brüder Jenö und Kalman Konrad, denn die haben auch unsere Senioren nicht mehr mit eigenen Augen gesehen. Und wir haben uns auf Spieler beschränkt, die als Profis nach Österreich gekommen sind. Ausgespart wurden »Displaced Persons« und Flüchtlinge der Nachkriegsjahre, ebenso die »Gastarbeiterkinder«, die zwar vielfach in Österreich aufgewachsen sind, aufgrund des hiesigen Staatsbürgerschaftsrechts aber nicht über den österreichischen Pass verfügten.

Eigene Zugangsregeln
Die Diskussionen darüber, wer als Legionär zählt und wie viele ausländische Spieler eingesetzt werden dürfen, begleiten den österreichischen Fußball seit der Zwischenkriegszeit. Nach der Einführung der gesamt­österreichischen Liga 1949 war die Anzahl ausländischer Fußballer immer begrenzt, meist durften nur zwei bis drei Legionäre pro Team eingesetzt werden. Einfachere oder strengere Zugangsregeln veränderten sich parallel zu Bestimmungen in anderen europäischen Ligen und den innenpolitischen Rahmenbedingungen. So durften von 1974 bis 1977 analog zum Anwerbestopp für Gastarbeiter auch keine neuen Legionäre angemeldet werden. Seit Beginn der 1990er Jahre kam es zur Europäisierung der Migrationsregeln - auch im Fußball. Das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs beendete 1995 diskriminierende Regelungen für den Zugang zum Arbeitsmarkt innerhalb der EU, hinzu kamen Regeln für »gleichgestellte« Spieler, die von den Zugangsbeschränkungen nur teilweise betroffen waren. Wie in vielen europäischen Ländern verdoppelte sich in Österreich nach dem Bosman-Urteil der Anteil ausländischer Spieler kurzfristig auf rund 40 Prozent. Durch die Einführung des »Österreicher-Topfs«, eines Prämiensystems der Bundesliga für den Einsatz österreichischer Spieler, und andere protektionistische Ausbildungsmaßnahmen sind die Zahlen heute wieder auf den Wert von 1995 gesunken.

Geliebt und gehasst
Legionäre wurden bei Fans und Medien zu gefeierten Identifikationsfiguren, aber oft auch zu Sündenböcken für Krisen und Probleme. Die Debatte um »drittklassige Legionäre«, die die Entwicklung des österreichischen Fußballs hemmen würden, wird nicht erst seit dem Bosman-Urteil geführt. Allen Beschränkungen zum Trotz haben Legionäre im österreichischen Fußball bleibenden Eindruck hinterlassen. 18 ausländische Spieler kürten sich zu Torschützenkönigen, Vaclav Danek vom FC Tirol und Alexander Zickler von Red Bull Salzburg gelang das sogar zweimal. Die seit 1984 durchgeführte Wahl zum Spieler der Saison durch die Trainer gewannen neunmal Legionäre, Rekordsieger Ivica Vastic allerdings erstmals, nachdem er 1996 die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen und damit den Legionärsstatus abgelegt hatte. Die von den Profis selbst durchgeführte Fußballerwahl der Spielergewerkschaft »Vereinigung der Fußballer« gewannen überhaupt meistens Spieler, die als Legionäre nach Österreich gekommen waren. Und auch bei der Abstimmung zum »Krone-Fußballer des Jahres« gewannen seit 1967 neunmal Legionäre, davon Rapids Steffen Hofmann gar fünfmal.

Eine Auswahl:

BERND KRAUSS
geboren am 8. Mai 1957 in Dortmund, Bundesrepublik Deutschland
SK Rapid 1977-1983
Admira Wacker Mödling 2004 (Trainer)
ASK Schwadorf 2007 (Trainer)


Bernd Krauss wechselte 1977 auf Vermittlung Max Merkels von Borussia Dortmund zu Rapid, wo er zum Verteidiger umgelernt wurde. Im Interview erinnert er sich an Sprachprobleme und Meisterfeiern.

Wie schwer haben Sie sich anfangs mit dem Wienerischen getan?
Das war eine Katastrophe. Wenn die so untereinander im Mannschaftsbus gesprochen haben, habe ich kaum etwas verstanden. Ich habe mich dann immer hinten hingesetzt, da wurde viel Karten gespielt. Die Spiele kannte ich zwar auch nicht, aber das konnte ich beim Zugucken lernen.


Was war Ihr schönstes Erlebnis?
Der erste Meistertitel. Die Leute haben im Weststadion die Zäune eingedrückt und uns die Klamotten vom Leib gerissen. Dann bin ich zum Interview gegangen, und da stehen 5.000 bis 10.000 Leute hinter mir. Es war der erste Meistertitel für Rapid nach 14 Jahren, das war schon klasse.


1980 haben Sie die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen und danach 22-mal für das Nationalteam gespielt, auch bei der WM in Spanien. Das Debüt ist aber schlecht verlaufen.
Da war mein Eigentor. Mein erstes Länderspiel, gerade gegen Deutschland, und ich habe einen Ball unglücklich abgefälscht. In der Presse ist schon ein bisschen Freude aufgekommen. Der Schmäh rennt dann, und in der Öffentlichkeit wird erst einmal gesagt, wofür haben wir den Piefke gebraucht? Ich habe nicht immer gut gespielt, aber immer alles gegeben. Das hat zur Rapid-Philosophie gepasst: rennen bis zum Letzten, kämpfen bis zum Letzten.

HANSI MÜLLER
geboren am 27. Juli 1957 in Stuttgart, Bundesrepublik Deutschland
FC Swarovski Tirol 1985-1990


Bevor sich Holger Hörtnagl seien Traum von einem Platz im Profifußballgeschäft 2008 beim ballesterer erfüllte, war er jahrelang im Nachwuchs und als Balljunge bei Wacker Innsbruck tätig.


Der 18. März 1987 hat sich fest in mein Gehirn eingebrannt. Nachdem der FC Tirol bereits Spartak Moskau und Standard Lüttich besiegt hatte, war an diesem Mittwoch im UEFA-Cup-Viertelfinale der AC Torino zu Gast am Innsbrucker Tivoli. Für uns Balljungen war der Europacup immer etwas Besonderes. Zwar mussten wir auf unsere bei Ligaspielen obligatorische Wurstsemmel verzichten, dafür war das Stadion fast immer ausverkauft und die Stimmung der 18.000 Zuschauer großartig. Zusätzlich war mehr Hektik im Spiel, und ein zu langsames Holen oder Zuwerfen des Balles konnte für Ärger oder Beifall des Publikums und der Spieler sorgen.


An diesem lauen Abend wehte wieder einmal der für Innsbruck so typische Föhn. Der böige Fallwind sollte unser Spiel entscheiden. In der 60. Minute hatten der Wind, Hansi Müller und ich unseren großen Auftritt. Ein italienischer Spieler lenkte den Ball ins Torout. Ich lief hektisch hinterher und legte den Ball, so wie es uns der Co-Trainer, der für die Balljungen zuständig war, gezeigt hatte, auf die Cornermarkierung. Unser Spielmacher Hansi Müller trabte schon auf mich zu. Er nahm nur drei Schritte Anlauf und zirkelte den Ball, dessen Position er nicht mehr verändert hatte, hoch in Richtung Strafraum. Müller war bekannt für seine mit viel Effet getretenen Ecken, aber diesmal kam kurz vor der ersten Stange eine Föhnböe dazu und trug den Ball unhaltbar ins lange Eck. Die Nord bebte, und ich konnte es nicht fassen. Der Ball, den ich noch vor zehn Sekunden in der Hand gehalten hatte, zappelte im Netz und hatte uns 1:0 in Führung gebracht. Hansi Müller hatte soeben sein schönstes Tor in Innsbruck geschossen. Nur der Held des Abends und ich wussten, was in keinem Statistik- oder Geschichtsbuch Erwähnung findet: Assist durch Holger Hörtnagl, 13 Jahre jung.

TIBOR NYILASI
geboren am 18. Jänner 1955 in Varpalota, Ungarn
FK Austria 1983-1988


Schon in jungen Jahren trafen Tibor ­Nyilasi und Herbert Prohaska zum ersten Mal aufeinander - am 29. April 1973 bei einem Jugendländerspiel zwischen Ungarn und Österreich in Budapest. Ungarn gewann 3:0, der 18-Jährige Nyilasi erzielte ein Tor. Zehn Jahre später spielten sie gemeinsam für die Austria. Herbert Prohaska erinnert sich an seinen einstigen Teamkollegen:


»Ich erinnere mich gut an diesen Sommer. Tibor ist aus Budapest gekommen, Fritz Drazan ist von Eisenstadt zurückgekehrt, und bei der Austria hat eigentlich niemand damit gerechnet, dass auch ich zurückkommen würde. Trotzdem bin ich aber nie in einer Konkurrenzbeziehung mit dem Tibor gestanden. Ganz im Gegenteil. Er hat von mir profitiert, ich von ihm. Er war einer der besten Legionäre, die je bei uns gespielt haben. Solche Spieler kriegst du in Österreich heutzutage nicht mehr. Die Austria hat damals davon profitiert, dass Tibor sehr heimatverbunden war und Budapest nicht weit von Wien entfernt ist. Über den Spieler Tibor Nyilasi kann man nicht viel sagen, außer: Er konnte einfach alles. Und er hat zur Austria gepasst, als hätte er nie woanders gespielt. Er ist gekommen und hat sofort einen Schmäh gehabt und hat mitgelacht. Wer uns gesehen hat, hat zwangsläufig glauben müssen, dass er seit zehn Jahren bei uns spielt. Eigentlich war er ein Legionär, der keiner war. Nach großen Spielen wie gegen Inter 1983 haben wir ordentlich gefeiert. Wenn der Tibor ein Glaserl zu viel gehabt hat, hat er immer alle umarmt und sie ins Ohr gebissen. Dem Fritz Drazan hat er dabei einmal fast das halbe Ohrwaschl abgebissen. Der hat ihn dann eine halbe Stunde lang geschimpft. Nach seinem Karriereende ist er leider nur noch einmal nach Wien gekommen - zu einem Legendenturnier in der Stadthalle. Sonst meidet er die Öffentlichkeit. Er war einfach ein ganz Großer.«


Illustration: LWZ

Lesen Sie die Porträts von Trifon Ivanov, Raschid Rachimow, Mario Kempes und 16 weiteren legendären Legionären in der aktuellen Printausgabe des ballesterer. Seit 16. Juli im Zeitschriftenhandel.

Referenzen:

Heft: 83
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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