Wiener Blut

cache/images/article_1576_hansee_140.jpg Held von Rapid, Barcelona und Cordoba. Europäischer Torschützenkönig, singender Hitparadenstürmer und glückloser Trainer. Patriot, Egozentriker, Schmähbruder. Hans Krankl war vieles, vor allem aber: stolz auf sich selbst.

»I bin gezeichnet von an Match,

des ma 3:3 gwunnen hom.«


13. Oktober 2004, Belfast: Die Kamera läuft. Einer der unwiderruflichen Krankl-Sätze ist gefallen. Einer jener Sätze, die den meisten Österreichern nachhaltiger im Gedächtnis geblieben sind als die Antrittsreden ihrer Bundeskanzler, die Neujahrsansprachen ihrer Bundespräsidenten oder die zweite Strophe der Nationalhymne. Egal, ob sie sich für Fußball interessieren oder nicht. Ein Satz, der wie so oft in Hans Krankls Leben den Gesprächspartner um Fassung ringen lässt.

Das Qualifikationsmatch der österreichischen Nationalmannschaft gegen Nordirland wäre kein bedeutsames Ereignis gewesen, nichts, an das man sich noch lange erinnern sollte. Historisch wurde es erst, als der Teamchef dazu befragt wurde. In einem seiner spontanen Ausbrüche machte Hans Krankl deutlich, was seinen Charakter auszeichnet, was ihn zeit seines Lebens vorwärtsbrachte, aber auch zurückhielt. 13 Wörter, die seine Suche nach Bewunderung ebenso wie seinen Einsatz für das Spiel darlegten.

»I bin «


Das »Ich« hat Hans Krankl immer in den Vordergrund gestellt, ein Über-Ich für seine Mitspieler, seine Gegenspieler, die von ihm trainierten Mannschaften und letztlich auch immer für ihn selbst. Ein Ich, das weder am Platz noch in der Kabine noch in der persönlichen Auseinandersetzung zu kontrollieren war.

» gezeichnet von an Match «


Mitgenommen hat Hans Krankl fast jedes seiner Spiele, ob er sie für Rapid bestritt, für Barcelona, für den Kremser SC. Ob als Trainer der Nationalmannschaft oder von Fortuna Köln.

» des ma 3:3 gwunnen hom.«


»Gewonnen« hat Hans Krankl nach eigener Auffassung auch dann, wenn das Spiel 3:3 ausgegangen ist. Doch es war keine Selbstironie, die ihn diesen »irreregulären« Satz über das Remis in Nordirland sagen ließ. Es war nicht nur der unbedingte Wille zum Sieg, der ihn auszeichnete, sondern vielmehr die Gewissheit, dass ein Krankl nur siegen kann. Wenn ihm andere den Erfolg absprechen, dann aus Unverständnis. Wenn die Tatsachen gegen Hans Krankl sprechen, umso schlimmer für die Tatsachen.



Johann, der Fußballer


»Der Krankl spielt ja heute für Deutschland, sonst hätte der mindestens ein Tor machen müssen.«
(Der deutsche Radiomoderator Armin Hauffe beim Stand von 1:0 für Deutschland beim WM-Spiel 1978 in Cordoba)

»Ein Klassemann vor dem Tor muss Egoist sein.«

(Hans Krankl in seinem Buch »Das Spiel«)

Hans Krankl war einer der besten Fußballer Österreichs und zu seiner kurzen Blütezeit beim FC Barcelona auch einer der besten der Welt. Er verkörperte den Arbeiterfußballer der Nachkriegszeit wie kein anderer. Vieles an ihm hat sich im Laufe der Zeit nicht geändert, zu seinem Vorteil und Nachteil. Seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hat sich aber ganz sicher gewandelt, denn die Jahre, die seit seinem Rücktritt als aktiver Fußballer 1989 ins Land gezogen sind, haben eines immer mehr in den Hintergrund gerückt: dass Hans Krankl Tore schießen konnte wie kein Zweiter. Selbst manchem heute 30-Jährigen ist der Stürmer Krankl kein Begriff mehr, auch wenn er das Kunststück vollbrachte, noch in seiner letzten Saison im Alter von 36 Jahren den SV Austria Salzburg mit 14 Treffern in die oberste Liga zu schießen. Und dabei ein »Tor des Monats« zu erzielen, das seinem Volleytreffer von Cordoba ein Jahrzehnt zuvor in Technik und Schusskraft kaum nachstand.

Es mag kein Zufall sein, dass Krankl von einem Rapid-Scout im Märzpark im 15. Wiener Gemeindebezirk zuerst für einen Tormann gehalten wurde. Schließlich ist auch an dieser Position ein gesundes Selbstbewusstsein oft genug vorhanden. Krankl stellte die Angelegenheit aber sofort klar: Sein Platz war an der Spitze. Er war für das Toreschießen zuständig und wurde diesem Anspruch auch in vollem Ausmaß gerecht. Wie Manfred Mühlberger in dem Buch »Helden und Idole. Sportstars in Österreich« errechnet hat, schoss Krankl in und für Österreich unglaubliche 513 Tore: 354 in der obersten Liga, 47 in der zweiten, 50 im Cup, 28 im Europacup und 34 in der Nationalmannschaft. Für Rapid waren es in 350 Meisterschaftsspielen 267 Stück. 41 Tore in der Meisterschaft 1977/78 sind heute noch Bundesliga-Rekord und waren mehr als genug, um den »Goldenen Schuh« zu gewinnen. Neben der Trefferquote punktete Krankl mit Stil. »Er war ein ästhetischer Spieler, man hat ihm gerne zugeschaut«, erinnert sich Heribert Weber, langjähriger Mannschaftskollege bei Rapid und im Nationalteam. »Seine Art, Tore zu schießen, sein Kopfball, sein linker Fuß, sein Dribbling wenn er gelaufen ist, was ja nicht immer der Fall war.«

Die Brillanz des Stürmers war bei Krankl immer gepaart mit einer auffallenden Egozentrik. Für das Passen, das Flanken waren andere zuständig, Krankl schoss die Tore. »Dass das nicht immer entscheidend war für die Mannschaft, hat man auch gesehen. Bevor Krankl zu Barcelona gegangen ist, ist er dreimal Schützenkönig geworden, aber Rapid war nie Meister«, sagt Weber. Das damalige Verhältnis zu seinem Rivalen um die Kapitänsschleife bezeichnet er als schwierig. Gustl Starek, einst als Nachfolger auf dem Trainerposten bei Rapid ein Intimfeind von Krankl, ergänzt: »Als Spieler war er an der Grenze zur Weltklasse. Wenn er mannschaftsdienlicher gespielt hätte, wäre er absolute Weltklasse gewesen. Aber ein Pele hat halt nicht von der Eckfahne geschossen, sondern auf den Mitspieler gepasst.« Ein unvergessenes Tor im Dress von Barcelona gegen Sporting de Gijon im April 1979 illustriert diesen Ausspruch und zeigt auch, warum Krankl mit seiner Eigensinnigkeit durchkam: Am äußeren linken Flügel erhält er den Ball und zieht Richtung Strafraum, ohne auch nur einen Gedanken an einen Querpass zu verschwenden. Da er es mit zwei Verteidigern zu tun bekommt, weicht er fast bis zur Torlinie aus und schießt aus einem kaum messbaren Winkel am Goalie vorbei in die rechte Ecke.

Als Gegenbeweis zu Krankls Eigensinnigkeit hielt sich in den Medien lange ein anderes Beispiel: die Vorarbeit zum »Spitz von Izmir«, mit dem Herbert Prohaska beim Länderspiel in der Türkei Österreich 1977 zur WM nach Argentinien schoss. Krankl habe damals Prohaska den entscheidenden Pass gegeben, hieß es. Dieser hat die Szene aber anders in Erinnerung: »Er ist mit einem Supersolo links durchgegangen und wollte einen Stanglpass auf den Willi Kreuz spielen. Den Ball hat aber der türkische Verteidiger abgefangen und mir aufgelegt. Streng genommen müsste man sagen, es war Krankls Assist. Tatsache war aber, dass er mich gar nicht gesehen hat.«

Kein Stürmer bleibt aber nur deshalb in der kollektiven Erinnerung, weil er viele Tore macht sondern weil es entscheidende sind, wie in Cordoba, und aus den besonderen Umständen heraus unvergessliche, wie das vierte im Europacup-Finale der Pokalsieger gegen Fortuna Düsseldorf (Endstand 4:3 für Barcelona). Elf Tage zuvor hatte Krankls Frau Inge einen Autounfall nur mit viel Glück überlebt, niemand hätte dem Familienmenschen Krankl zugetraut, sich so schnell wieder aufzurichten.

Wenn die Maschine Krankl einmal ins Laufen kam, begrub sie den Gegner unter sich. Wie beim 11:1 gegen den GAK in der letzten Runde der Saison 1976/77: Nicht die sieben Treffer waren das Beeindruckende, sondern vielmehr wie Krankl sie machte. Innerhalb von drei Minuten traf er dreimal. Wo es andere längst ruhiger angegangen wären, legte Krankl noch einmal nach. Wenn er nicht traf, war er angefressen. Heribert Weber erinnert sich an ein 7:1 gegen den LASK in der Saison 1984/85, bei dem Krankl leer ausging: »Er hat uns vorgeworfen, dass wir ihn nicht forciert hätten. Ich habe das nicht verstanden. Aus seiner Position war es aber verständlich, weil die Leute das von ihm erwartet haben.«

Der Goalgetter war es gewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. »Wir sind damals immer früher ins Stadion gegangen, um den Hansee aufwärmen zu sehen«, erzählt Rapid-Fan Robert Prokesch, der seit 1975 nur wenige Spiele seines Vereins ausgelassen hat. Sein oftmaliger Begleiter Harald Seiler ergänzt: »Er hat sich die Bälle zuschießen lassen und volley aufs Tor gedonnert. Auf den armen Ersatztormann. Als Fan auf der Tribüne hast du aber genauso aufpassen müssen. Wer einen Ball vom Hansi geschluckt hat, war schnell ohnmächtig.« Aber auch außerhalb Hütteldorfs kamen die Leute zum Krankl-Schauen auf den Platz. »Bevor er nach Mödling gekommen ist, haben wir vor 400 Zuschauern gespielt«, erinnert sich Erich Weidenauer, langjähriger Bundesliga-Keeper und späterer Tormanntrainer von Krankl. »Kaum ist er auf der Bank gesessen, waren es 4.000.«

 

 

Hansee, der Rapidler

 

»Alle wollten uns den Meisterteller stehlen, die Funktionäre, die Schiedsrichter, aber jetzt ist er in Hütteldorf, jetzt ist er in Hütteldorf«

(Hans Krankl nach dem Schlusspfiff gegen Wacker Innsbruck am 25. Mai 1982)


Hans Krankl und die Fans das ist ein Kapitel für sich, bei Rapid gab es für den Rekordtorschützen einmal sogar eine eigene Währung. Mit dem »Krankl-Schilling«, einem Zuschlag auf die Eintrittskarten, wurde die Ablöse von Barcelona im Jahr 1981 finanziert, damit der »Goleador« nach Hütteldorf heimkehren konnte. Die Sehnsucht nach seinem Zuhause war groß: »Wenn der Hans über die Reichsbrücke gefahren ist, hat er schon Heimweh gehabt«, sagt Herbert Prohaska. Den ersten Streitigkeiten in Barcelona begegnete er stets mit der »Republikflucht« zuerst ein halbes Jahr bei der Vienna im Winter 1980, ein Jahr darauf riss er erneut aus und durfte nun endlich wieder für Rapid spielen. Sein Heimweh war überwältigend, da konnte selbst der AC Milan nicht mithalten, der ihm erfolglos ein Angebot machte (Prohaska: »Absurd«). Statt ein Vielfaches in Italien zu verdienen, machte sich der »Hansee« in Hütteldorf nun endgültig unsterblich. 25.000 Fans im Hanappi-Stadion in der letzten Runde gegen Wacker Innsbruck, ein fulminantes 5:0 zum ersten Meistertitel seit 15 Jahren und der Urheber der wiederbelebten Mannschaft, der personifizierte Rapid-Geist saß wegen einer Sperre auf der Tribüne. Die Geschichte ereignete sich zweimal als Drama und als Farce. Im nächsten Jahr wurde Rapid erneut Meister, im Eisenstädter Lindenstadion. Tausende Fans wollten aufs Spielfeld, und unten stand ihr verletzter Held und hielt allein, mit Gipsbein und Krücke bewaffnet, seine Gläubigen von einem Sturm auf den Rasen ab. »Er hat mit seiner Anwesenheit und seinem breiten Körper das Spiel und die Meisterschaft gerettet«, erinnert sich Heribert Weber. 

 

Mehr als dieser triumphalen Rückkehr hätte es vermutlich nicht bedurft, damit Krankl von den Fans zum hundertjährigen Vereinsjubiläum 1999 zum »Jahrhundert-Rapidler« gewählt wurde, weit vor Ernst Happel. Selbst Starek konzediert ihm das Recht auf diesen Titel »zumindest unter denen, die noch leben«. Aber wie immer ließ Krankl in seinen letzten Jahren als Rapid-Spieler keineswegs nach, gewann zwei Cup-Finali gegen die Austria, erreichte noch einmal ein Endspiel im Europacup und schoss gegen den FC Everton das einzige Tor bei der 1:3-Niederlage. 

 

Natürlich war Krankl ein Rapidler durch und durch und trotzdem wurde diese Treue von einer anderen Eigenschaft überlagert: Wo immer er sonst noch stürmte Anfang der 1980er bei der Vienna, später beim Wiener Sport-Club und bei Austria Salzburg , war sein Torjubel nicht zurückhaltender als in Hütteldorf. Besonders seine Tore gegen Rapid wusste er zu feiern und die grün-weißen Fans wussten, wie sie das zu verstehen hatten. Hans Krankl war leidenschaftlicher Rapidler, aber vor allem ein leidenschaftlicher Hans-Krankl-Fan. 

 

Im Interview mit dem ballesterer spricht Krankl heute davon, »eineinhalb Fehler« in seinem Leben begangen zu haben. Der halbe bestand in der überstürzten Abreise aus Barcelona, den anderen, größeren Fehler sieht er darin, nicht nach Mailand gegangen zu sein. Seine Jahre als Rapid-Trainer, die stark an seinem Nimbus kratzten, sind hingegen in seiner Sicht nicht mit falschen Entscheidungen verbunden. 

 

Das kann man auch anders sehen. Oder diplomatischer, wie Herbert Prohaska: »Er hat auf alle Fälle kein Glück gehabt.« Zum Beispiel im Cup-Finale gegen die Austria 1990. Als Rapid kurz vor Ende des Spiels 1:0 in Führung liegt, nimmt Neo-Trainer Krankl seine Stürmer Zlatko Kranjcar und Jan-Age Fjörtoft vom Platz. In der Nachspielzeit gleicht die Austria aus und gewinnt in der Verlängerung durch Tore der von Prohaska eingewechselten Peter Stöger und Ralph Hasenhüttl. Der Austrianer Prohaska hat fast eine Parallelkarriere zu Hans Krankl hingelegt: Beide stiegen von einem kleinen Wiener Arbeiterverein schnell zu Führungsspielern in ihrem Stammklub auf, mit dem sie seither assoziiert werden. Beide gewannen in Cordoba, beide gingen nachher ins Ausland, beide wurden schon mit Mitte 30 Trainer. Der eine bei Rapid, der andere bei der Austria. 

 

Doch während Prohaska in zwei Jahren zwei Meistertitel und zwei Cupsiege gelangen, war die Zeit von Krankl bei Rapid geprägt von einer der größten Krisen der Vereinsgeschichte. »Was seit 1978 mühsam aufgebaut worden war, ist in wenigen Monaten zerstört worden«, sagt Franz Binder jun., der Sohn der Stürmerlegende »Bimbo« Binder, über die Zeit Anfang der 1990er. Mit Hans Krankl kam auch einer seiner besten Freunde bei Rapid ans Ruder, der Rechtsanwalt Skender Fani, der wohl bekannteste »Schattenmann« im österreichischen Fußballgeschäft. Fani war einer der Gründer der »Rapid AG« im August 1991, deren kurzes Leben in einem wirtschaftlichen Desaster endete und deren Vorstand, Michael Margules, später wegen Geldwäsche in den USA verurteilt werden sollte. 

 

Krankl war in die wirtschaftlichen Belange nicht involviert und stand dennoch im Zentrum von Fanis Kampf um größeren Einfluss bei Rapid. Krankl, so Binder jun., habe als »Werbeträger« für Fani und die AG fungiert. »Auch die Kronen Zeitung hat damals herbeigeschrieben,dass er Rapid-Trainer werden muss. Die Lage des Vereins würde sich dadurch massiv verbessern, und das Stadion wäre wieder bummvoll«, sagt Binder zum ballesterer. In der Erinnerung des Fans Harald Seiler war zu Beginn auch tatsächlich eine Aufbruchsstimmung in Hütteldorf vorhanden. 

 

Dann aber passierten in der Ära Krankl zahlreiche katastrophale Transfers, unter anderem der des Argentiniers Adrian Czornomaz, der neun Millionen Schilling kostete, aber nur 38 Minuten spielte. Binder: »Krankl hat gewusst, worums geht, aber er hat die Warnrufe ignoriert.« Diese Einschätzung von Krankls damaligem Umfeld deckt sich mit jener, die Herbert Prohaska über dessen Sozialleben zu sagen hat: »Der Hans hat eher einen Freundeskreis, der ihm mehr zuhört. Natürlich sind es seine Freunde, aber sie schauen zu ihm auf. Für ihn war es immer schwer, Kritik zu empfangen. Oft ist aber gerade Kritik aus dem Freundeskreis wichtig.« 

 

Die enge Verbindung mit einem dieser Freunde, Skender Fani, illustriert Wolfgang M. Gran in seiner lesenswerten Biografie »Krankl« mit jener Episode, als Inge Krankl in einem Krankenhaus in Barcelona um ihr Leben kämpfte. Damals habe Fani ebenso wie Barcelona-Präsident Joan Gaspart die ganze Nacht in der Klinik verbracht, um gegen halb sieben Uhr in der Früh dem verzweifelt am Balkon sitzenden Krankl die Nachricht zu überbringen, dass seine Frau gerettet sei. Diese Freundschaft dauert bis heute an, trotz aller Kritik, die Fani wegen seiner Geschäfte seither entgegenschlug. Gran hat in seiner Biografie die Vorgänge um die Rapid AG ausgespart. Sein Kapitel über Krankls erste Trainerstation bei Rapid lautet »Hans ohne Glück«. Daneben führt Gran zumindest noch eine zweite Deutungsmöglichkeit an, warum in diesen drei Jahren nichts zu holen war: »Man kann Krankls Trainerjahre bei Rapid in der Retrospektive so bewerten, dass er sich zur falschen Zeit das richtige Paar Schuhe angezogen hat.« 

 

Doch so eine Gelegenheit kommt selten wieder. Den Versuch, 2006 neuerlich als Trainer bei Rapid ins Gespräch zu kommen, kommentiert Herbert Prohaska so: »Das ist er furchtbar schlecht angegangen, indem er so hineingepoltert ist und dem Rapid-Präsidenten Edlinger Ahnungslosigkeit vorgeworfen hat.« Die Idee, statt als Trainer als Präsident zurückzukehren, scheint wiederum Krankl selbst nur vage zu verfolgen: »Ich weiß nicht, ob das zu mir passt.

 


Hans, der narrische Trainer

 

»Hans Krankl, sogn S irgendwos.« »U2, morgen, Donauinsel.« »Und heute?« »Guns N Roses, Donauinsel«.

(ORF-Reporter Wolfgang Koczi versucht Hans Krankls Schweigen zu brechen, Praterstadion, 23.5.1992)


Dennoch kann man es Hans Krankl schwer vorwerfen, es als Trainer gleich zu Beginn bei Rapid versucht zu haben. Auch danach ging er seines Kampfgeists nicht verlustig, nicht einmal 1997 beim SV Gerasdorf. Dass er sich selbst gern mit dem irrenden Ritter Don Quijote vergleicht, dem entsprechen jedoch weite Strecken seiner Trainerkarriere. Nicht nur bei Rapid musste er eine Krisenzeit durchstehen, noch schlimmer erging es ihm in Innsbruck, als der FC Tirol nach der Verhaftung des Präsidenten vor dem Ruin stand. Danach stieg er bei einem Kurzzeitengagement mit Fortuna Köln ab, nachdem der Verein 26 Jahre in der zweiten deutschen Bundesliga gespielt hatte. 

 

Für Prohaska hatte Krankl eindeutig einen Startnachteil als Trainer: »Für ihn war es sicherlich schwieriger als für mich, weil er sich in seiner aktiven Zeit weniger mit Taktik auseinandersetzen musste. Ihm war wichtig, dass er vorne die Bälle bekommt. Wie das die anderen dafür anstellen müssen, war ihm wurscht.« Krankl gibt zu, dass er in seinen ersten Monaten als Trainer kaum Herr wurde über seinen Frust und seinen gekränkten Stolz. Wolfgang Gran erzählt eine Anekdote nach, die wohl viele andere Trainer nicht zur Publikation freigegeben hätten: Bei einem Cupspiel von Rapid rennt Krankl nach enttäuschenden ersten 45 Minuten in die Kabine und schreit: »Jan Age Fjörtoft, du bist der wärmste Hund, den ich je gesehen habe. Genierst du dich nicht?« Die überbordende Emotionalität, die auch zu solchen Aussprüchen führte, führte er als Teamchef in aller Öffentlichkeit vor. Zum berühmten Auftritt in Nordirland sagt Prohaska: »Wenn du fast am Explodieren bist, wäre es gut, wenn du einen Pressebetreuer hast, der dich nicht zum Interview gehen lässt.« Erich Weidenauer weiß es besser, er hat Krankl in der Kabine erlebt: »Wir haben versucht, ihn zu beruhigen. Er war heiß, wir haben ihn zurückhalten müssen. Beim Fernsehinterview war er eh schon ziemlich herunten. Aber das ist halt der Hans. Der zeigt Emotionen, das macht ihn aus.«

 


Johann K., Austropopstar

 

»Ans is hoit eh kloa, da Bätmän bin i!«

(Johann K. Da Bätmän bin i)


Als die Generation von Hans Krankl von den heimischen Spielfeldern verschwand, ereignete sich eine Zäsur, die nicht nur die Spiel- und Interviewkultur betraf. Ein Stück österreichisches Bewusstsein, aufgebaut auf dem Sieg von Cordoba, gefördert von nationalen Helden, wich zum einen einer viel breiteren Aufmerksamkeit für den internationalen Fußball. Andererseits begann eine Ära von Spielern, bei denen das Medientraining an Bedeutung gewann. Der Fußballer, der sich vom Platz des SV Straßenbahn ins Camp Nou kämpfte, bedient heute die Sehnsüchte und Erinnerungen all derer, denen die Ausgebildeten der Akademien keine Identifikation bieten können.

 

Hans Krankl gilt nicht nur als letzte Ikone der österreichischen Arbeiterfußballer, er hat diese Persönlichkeit auch in die Musik übersetzt. Am 2. Februar 1986 belegten drei heimische Sänger die ersten Plätze in der österreichischen Hitparade: Auf Nummer eins rangierte Hansi Hölzl alias Falco mit »Jeanny«, Platz zwei gehörte Johann K. und seinem »Lonely Boy«, und Nummer drei war Ex- Boxer Hansi Orsolics mit »Mei potschertes Lebn«. Drei Hansis, die weniger ihrer Sangeskraft den Erfolg zu verdanken hatten als einem bewussten Bezug auf den wienerischen Dialekt und ihrer Zurschaustellung der österreichischen Seele und Mentalität. Wie sich die Zeiten gewandelt haben, zeigte die Wiederkehr des Phänomens 21 Jahre später: 2007 waren wieder drei österreichische Interpreten an der Spitze der Charts, auf Platz eins stand allerdings der jeder Authentizität beraubte DJ Ötzi.

 

»Mit DJ Ötzi möchte ich Hans Krankl nicht vergleichen. Der verstößt ja gegen jede Musikethik«, meint Lukas Resetarits. Der Kabarettist und Schauspieler hat gemeinsam mit seinem Bruder Willi besser bekannt als Ostbahn Kurti Hans Krankl und Kottans Kapelle 1984 den Song »Rostige Flügel« eingespielt. »Der Hans singt ganz gut und hat ein Gehör wie ein Musiker«, meint Resetarits. »Das Wichtigste aber ist: Er besitzt die Liebe zur Musik. Das zeigt auch seine große Plattensammlung und sein enormes musikalisches Wissen, dass er auch bei seiner Sendung auf Radio Wien (»Der Nachtfalke«, Anm.) unter Beweis gestellt hat.«

 

»Rostige Flügel« ein Cover der weitgehend unbekannten Country- Nummer »Rusty Old Halo« von Bob Merrill markierte den Auftakt zu Krankls musikalischer Blütezeit in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, neben »Lonely Boy« besang er noch die unvergessenen Singles »Da Bätman bin i« und »Aspirin«. Text und Idee der »Rostigen Flügel« stammten von »Kottan«-Autor Helmut Zenker, bei der Aufnahme im Studio der Band »Die Schmetterlinge« in Bisamberg war Krankl einmal mehr ganz er selbst. »Er ist ins Studio gekommen, hat das Lied einmal gesungen und die Aufnahme für gut gefunden«, erinnert sich Resetarits. »Wir haben ein Zeiterl gebraucht, um ihn zu überreden, dass er es noch einmal probiert. Er hat es wieder leiwand gefunden und gemeint: Das muss reichen.«

 

Ein Entertainer war Hans Krankl in allen Lebensabschnitten. Insofern war die musikalische Karriere als Johann K. vorgezeichnet. »Du kannst zu einer Veranstaltung gehen, auf der nix passiert. Dann kommt der Hans, und auf einmal lebt alles auf. Er strahlt einfach Freude aus«, meint Eric Weidenauer. Und Herbert Prohaska ergänzt: »Die Musik ist für ihn Berufung und Ausgleich in einem. Von allen Sportlern, die singen, ist er sicher der Talentierteste.« In jedem Fall hat Hans Krankl in seinem musikalischen Schaffen jenen Hang zum Humor auch auf eigene Kosten gezeigt, der ihm in seiner Fußballkarriere vielleicht das eine oder andere einfacher gemacht hätte. Und eine Leichtigkeit, die man bei ihm heute bei Klamaukspielen gegen deutsche Altherrenauswahlen vermisst.

 


Der Krankl

 

»Es kann ihm gar nix schaden. Selbst wenn er wie der Beckenbauer ein Kind mit einer Sekretärin hätte, täten die Leute sagen: Is ja wurscht, des is da Krankl.«

(Herbert Prohaska im ballesterer-Interview)


Die Wechselwirkung und Spannung zwischen Krankl, Medien und Publikum ist immer aufrecht geblieben. Mit vielen ehemaligen Gegnern und Rivalen hat er sich ausgesöhnt, von Starek bis Weber, mag noch so vieles vorgefallen sein (Krankl: »Er sollte in der allernächsten Zeit den Psychiater, den er für die Spieler braucht, für sich selber benutzen«, Starek: »Die Erdkugel dreht sich nicht um den Krankl, sondern um die Sonne «). Mit vielen Journalisten hat er sich nie versöhnt, dennoch haben ihn seine Konfrontationen mit den Medien nicht dazu bewogen, sich gänzlich von ihnen zu distanzieren. Krankl schreibt lieber seine eigene Kolumne. Dem Publikum gefällts, wie damals, als er Rainer Pariasek sprachlos in Belfast zurückließ oder dem ehemaligen ORF-Sportchef Elmar Oberhauser attestierte, er sei »vom Turnen befreit« gewesen. Eine Mischung aus gekränkter Eitelkeit und lausbübischer Frechheit bringt Krankl dazu, sich den Gepflogenheiten zu widersetzen.

 

»Der Hans ist ein Mensch, der macht, was er will, und nicht das, was Verpflichtung ist«, sagt Herbert Prohaska. »Beim ÖFB-Team hatten sie einen Sponsorvertrag mit einem Autohersteller, aber der Hans ist mit dem Porsche gefahren. Statt der Uhr von Swatch hat er halt seine getragen.« Solche Aktionen gelten auch als Widerstand gegen die Fußballobrigen. Und sie verärgern jene, die in den Augen der Öffentlichkeit schon viel zu lange an ihrem Sessel kleben. Als Teamchef forderte Krankl von ÖFB-Generalsekretär Gigi Ludwig andere Heimdressen für seine Spieler. Rot-weiß-rote, wie er sie in Cordoba getragen hatte. »Das erste Mal, als ich ihn damit konfrontiert habe, hat er einen explosionsartig roten Schädel bekommen und gesagt: Das geht nicht.«, erzählt Krankl dem ballesterer. Auch wenn er sich schließlich durchsetzte, hat er Ludwig immer noch nicht verziehen: »Manchmal würde ich es ihm vergönnen, dass er explodiert.«

 

Es ist schwierig, ein Fan von Hans Krankl zu sein. Es ist schwierig, kein Fan von Hans Krankl zu sein. Im Zweifelsfall schlägt das Pendel aber zu jener Seite aus, auf der er steht, den Ball annimmt, Gegner und Mitspieler nicht beachtet, nach vorne stürmt, einschießt. Und sich feiern lässt.

Referenzen:

Heft: 58
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

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