„Wir führen Rückzugsgefechte“

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Der deutsche Bundesligist Eintracht Frankfurt hat ein volles Stadion, keine Schulden und eine italienische Automarke auf dem Trikot. Finanzvorstand Axel Hellmann spricht im Interview über die Macht von VW, Asymmetrien im Wettbewerb und die Leistungsfähigkeit der Liga. 

Nicole Selmer | 16.08.2015

„Hamburg gegen den 1. FC Köln ist auch wegen der Stimmung im Stadion ein tolles Exportprodukt“, sagt Axel Hellmann. Der Finanzvorstand von Eintracht Frankfurt ist überzeugt, dass die Traditionsvereine mit ihren Fans den Erfolg der deutschen Liga ausmachen. Um sie zu stärken, plädiert er für eine andere Verteilung der Fernsehgelder und die Begrenzung der Macht von externen Kapitalgebern. Die potenziellen Einflussmöglichkeiten von Volkswagen betrachtet er mit Sorge.

ballesterer: Eintracht Frankfurt trägt heute Alfa Romeo auf dem Trikot. Als Sie vor drei Jahren auf der Suche nach einem neuen Brustsponsor waren, haben Sie da auch bei Volkswagen nachgefragt?

Axel Hellmann: Für uns hat sich die Frage nicht gestellt, weil wir damals gar nicht aktiv auf dem Markt gesucht haben. Es wäre allerdings vermessen zu sagen: „Mit einem Konzern wie VW spricht man nicht“ – immerhin ist das einer der größten Sportsponsoren. In der Branche kann und wird sich das keiner erlauben. Mit FIAT hat es damals einen fließenden Übergang gegeben, das Unternehmen ist an uns herangetreten und hat Interesse an dem auslaufenden Hauptsponsorvertrag gezeigt. Die FIAT-Gruppe ist bis dahin in der Bundesliga nicht tätig gewesen, Alfa Romeo ist eine attraktive Marke – das war für uns keine Frage.

Autohersteller sind als Sponsoren im Fußball sehr präsent. Woran liegt das?

An den überschneidenden Zielgruppen. Fußball und Autos werden in erster Linie mit Männern in Verbindung gebracht, doch so wie der Frauenanteil im Stadion steigt, wächst auch das Interesse der Automobilindustrie am weiblichen Geschlecht. Da passt schon sehr viel. Und Deutschland ist einer der spannendsten Automärkte in Europa, vielleicht sogar der Welt. Für die Vorstellung neuer Marken ist ein Brustsponsoring wie gemalt.

Fahren Ihre Spieler denn jetzt alle Alfa?

Einen Zwang gibt es nicht. Ich halte nichts davon, den Spielern Autos hinzustellen und zu sagen, die müsst ihr nutzen. Wir haben attraktive Angebote zu sehr günstigen Konditionen, und die Marken von FIAT haben bei Mitarbeitern und Offiziellen, aber teilweise auch bei den Spielern großen Anklang gefunden.

Zurück zu VW: Was mit einem solchen Konzern im Hintergrund möglich ist, hat der VfL Wolfsburg in der Winterpause mit der Verpflichtung von Andre Schürrle bewiesen. Hat das den Druck auf die übrigen Vereine erhöht?

Es hat gezeigt, dass es dort eine für Bundesliga-Verhältnisse nahezu unbegrenzte Kapitalkraft gibt, die nicht aus dem laufenden Fußballgeschäft erzeugt wird. Andere Klubs müssen ihren Kader mit dem zusammenstellen, was sie erwirtschaften. Ich bin kein Freund von Asymmetrien, die am Ende den Wettbewerb verzerren. Wir sehen jetzt, wie der englische Markt davonzieht und das gesamte Gefüge durcheinanderbringt. In Deutschland sind wir da noch in einer vergleichsweise guten Situation – dank der 50+1-Regel und dem großen Mittelfeld aus vielen Traditionsvereinen mit vollen Stadien. Das ist erhaltenswert.

Sind die Fans nur ein Stimmungsfaktor, oder spielen sie auch eine Rolle in der Vereinspolitik?

Die Fan- und Förderabteilung ist im Gebilde von Eintracht Frankfurt sehr wichtig. Wenn ich die große Reichweite und breite Fanbasis als meinen Mehrwert anführe und das auch an gewissen Stellen monetarisieren will, kann ich die Leute nicht nur als Kunden sehen. Da muss ich Spielräume für Mitbestimmung geben, nur das erlaubt mir eine große Geschlossenheit.

Die 50+1-Regel soll verhindern, dass Investoren die Vereinspolitik bestimmen. Für Wolfsburg und Bayer Leverkusen gelten seit Langem Ausnahmen, im Juli hat auch SAP-Gründer Dietmar Hopp die Stimmenmehrheit bei 1899 Hoffenheim übernehmen dürfen, und in Hannover wird Präsident Martin Kind das 2018 tun können.

Dietmar Hopp und Martin Kind sind absolute Ausnahmen, beide haben bereits über 20 Jahre in ihrem Mutterverein ununterbrochen und im großen Maße den Fußballsport gefördert. Wir sind gut beraten, das System über ein Einverständnis unter allen Mitgliedern des Ligaverbands aufrechtzuerhalten. Die Frage ist nämlich, wie bestandsfähig 50+1 wäre, wenn das jemand wirklich gerichtlich zu Fall bringen wollte. Aber auch in Hoffenheim und Hannover wird es nur funktionieren, wenn es im Fußballgeschäft eine Deckungsgleichheit zwischen Einnahmen und Ausgaben gibt.

Das war auch die erklärte Finanzpolitik der Eintracht in den letzten Jahren. Ist das noch zeitgemäß?

Ja, ganz klar. Eintracht Frankfurt ist ein schuldenfreier Klub, da werden Sie nicht so viele finden. Es wird auch keine andere Ausrichtung geben. Nur denken wir nicht von Saison zu Saison, sondern in den Zyklen der Fernsehvermarktung, also eher in Drei-Jahres-Plänen. 2013/14 haben wir durch die Teilnahme an der Europa League Eigenkapital aufbauen können, das wir jetzt für die Entwicklung der Mannschaft einsetzen. So wollen wir bei der nächsten Verteilung der Fernsehgelder in eine bessere Position kommen.
 

Die Erlöse aus den TV-Rechten werden zunehmend wichtiger. Sie wünschen sich höhere Anteile für die Klubs, die mehr Zuschauer anziehen.

Ich glaube, dass man zu einer Mischform kommen muss, also zu einem Sockelbetrag für alle und dynamischen Beträgen nach sportlichen Kriterien und Reichweite. Wenn ich die Bundesliga als Gesamtkunstwerk exportieren will, ist die Schlüsselfrage, mit welchen Klubs ich das tun kann. Mit Hoffenheim wird Sky nicht so viele Abonnenten gewinnen können, und der Verein ist auch kein Zugpferd für das Werbefenster in der ARD-Sportschau. Das sind andere: Bayern, Dortmund, Schalke, Gladbach, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Bremen, Köln – diese Vereine erreichen in Summe 85 Prozent der Leute, die sich für Fußball interessieren. Wir wollen ja, dass die Bundesliga leistungsfähig bleibt und das Produkt im In- und Ausland attraktiv ist. Wenn die Liga nur aus Konzern- oder Retortenklubs besteht, werde ich das nicht vermitteln können. Das ist im Moment nicht der Fall, daher wollen wir diese Frage gar nicht erst aufkommen lassen.

Im März hat die DFL-Mitgliederversammlung über die Mehrfachbeteiligung an Fußballklubs abgestimmt. Wie hat Eintracht Frankfurt votiert?

Wir haben dem Kompromiss zugestimmt, auch weil wir wissen, dass alles andere in eine endlose juristische Debatte gemündet hätte. Nach deutschem Handels-, Gesellschafts- und Aktienrecht können Sie eine Kapitalbeteiligung bestimmter Institutionen nicht ausschließen. Das heißt, theoretisch wäre auch eine Mehrfachbeteiligung ganz ohne Einschränkungen durchsetzbar.

Mit der neuen Regelung werden künftigen Investoren Beteiligungen an mehreren Klubs erschwert, Volkswagen jedoch erhält einen Bestandsschutz und ist damit …

… befriedet. Die wechselseitigen Interessen sind in einem vernünftigen Ausgleich. Das Verbandsrecht tut sich schwer mit der Vereinbarkeit zum Aktien- und Wettbewerbsrecht. Wir müssen immer nach Kompromissen suchen, um den Wettbewerb für alle möglichst lange ausgeglichen zu gestalten. Das könnte man als Rückzugsgefecht bezeichnen, aber ich bin dafür, dieses Gefecht so lange wie möglich zu führen.

Wie muss man sich solche Diskussionen vorstellen? Die Klubs sind ja sehr unterschiedlich aufgestellt – Aktien- und Kapitalgesellschaften, GmbHs und Vereine. Gibt es da gemeinsame Strategien?

Die Strukturen sind heterogen, das stimmt. Wir suchen unsere Mitstreiter unter Klubs, die ähnliche Interessen haben, aber wir debattieren natürlich mit allen. Uns eint, dass wir die Bundesliga weiterentwickeln wollen – national und international. Das ist der gemeinsame Nenner, auch mit den Kollegen, die Konzerne oder Mäzene hinter sich haben.

Volkswagen ist nicht nur an mehreren Vereinen beteiligt, Vertreter von VW und Audi sitzen zudem in mehreren Aufsichtsräten von Klubs der ersten und zweiten Bundesliga. Ist die Integrität des Wettbewerbs in Gefahr?

Das ist der wunde Punkt dieser ganzen Angelegenheit. Vorausgeschickt: So wie ich die handelnden Personen kenne, unterstelle ich keinem eine Anfälligkeit, auch nur in die Richtung zu denken, den Wettbewerb zu manipulieren. Aber die Menschen draußen kennen die handelnden Personen und deren Integrität nicht, sie sehen nur die Zusammensetzung der Gremien und mögliche Spielergebnisse. Bei Situationen, die fragwürdig erscheinen können, könnte es zu Spekulationen kommen.

Referenzen:

Heft: 104
Thema: Volkswagen
ballesterer # 121

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