Wir sind der Verein

cache/images/article_2203_aufmacher2_140.jpg Die Tradition verraten, die Farben gestohlen, die Heimat verlassen - der moderne Fußball hält für Fans viele Härten bereit. In Salzburg, Manchester, Leipzig und London haben Anhänger die Konsequenzen gezogen und mit ihrem eigenen Klub von vorne angefangen.
Nicole Selmer | 18.11.2013

Es ist ein regnerischer und wolkenverhangener Tag in Salzburg. Vom Bergpanorama rund um das Stadion von Austria Salzburg im Stadtteil Maxglan keine Spur. Der Verein geht als souveräner Tabellenführer in die zwölfte Runde der Regionalliga West gegen Seekirchen: zehn Siege, eine Niederlage. Im vierten Regionalligajahr will Austria Salzburg den Sprung in den bezahlten Fußball schaffen. Den Sprung zurück, wie es aus Sicht der Fans heißt, die dieses Jahr den 80. Geburtstag der Austria feiern. 2005, nach dem Einstieg von Red Bull, gründeten sie den SV Austria Salzburg neu und nahmen mit, was für sie die Seele des Vereins war: die Farben Violett und Weiß, den Namen und sich selbst. Farben und Name sind heute in den Statuten verankert, ebenso wie die Mitbestimmungsrechte der etwa 800 Vereinsmitglieder. Ein durch die Hauptversammlung gewählter Vorstand leitet den Verein. In der Anfangszeit setzte sich dieser Vorstand aus organisierten Fans zusammen, bis 2008 war Moritz Grobovschek, Mitgründer des Fanklubs "Tough Guys Salzburg", Obmann. Fünf Jahre lang gehörte auch Volker Rechberger zum Vorstand. Inzwischen ist er "nur noch" Fan - zumindest fast. Wenn kurzfristig Hilfe gebraucht wird, springt er ein und sitzt deswegen beim Spiel gegen Seekirchen im Kassenhäuschen. "Ich glaube, dass jeder Vereinsfunktionär bei uns auch Fan ist", sagt er über die heutige Austria."Aber für gewisse Prozesse braucht man Leute, die nicht nur Fans sind, sondern auch das nötige Know-how haben." So wie Walter Windischbauer, der seit Juni 2010 Vereinsobmann ist. Einen violett-weißen Schal über dem grauen Sakko, kommt er vor dem Spiel zum Gespräch in das neben dem Stadion gelegene Gasthaus Kuglhof. Windischbauer ist Austria-Anhänger seit den 1970ern, er ist noch geblieben, als Red Bull mit Dosenwerbung und Disco-Flutlicht kam - bis die Liebe dann erlosch. Die Anfänge des von aktiven Fans gegründeten Vereins hat er mit Wohlwollen, aber aus der Distanz verfolgt. Er sagt: "Ohne ihre Fans würde es die Austria gar nicht geben, ihre Wiedergeburt verdankt sie den Anhängern."

Aus der Asche des modernen Fußballs
In England heißen diese wiedergeborenen Vereine Phoenix Clubs, nach dem mythologischen Vogel, der in der Glut der Sonne verbrennt und aus der eigenen Asche wiederaufersteht. Das Mutterland des Fußballs hat mit der Gründung der Premier League vor 21 Jahren das Feuer entfacht, in dem nach Ansicht vieler Fans die Seele des Sports verbrannt ist. Erhöhte Eintrittspreise, zunehmende TV-Vermarktung und Kommerzialisierung, wechselnde Besitzer, kurz: Fußball als Geschäft, der Verein als Investitions- und Umschuldungsobjekt. Die bekanntesten Klubs, die durch ihre Fans nach dem Modell eines Mitgliedervereins neu gegründet wurden, sind der AFC Wimbledon und der FC United of Manchester. Beim Londoner Klub war es 2002 der Umzug des Wimbledon FC in das rund 90 Kilometer entfernte Milton Keynes, in Manchester brachte die Übernahme von United durch Malcolm Glazer 2005 das Fass zum Überlaufen. Beide Ereignisse waren das Ergebnis einer längeren Entwicklung. Andy Walsh war 2005 Vorsitzender der "Independent Manchester United Supporters Association", aus der der FC United entstand. Heute ist er Geschäftsführer des Vereins und sagt: "Viele Fans waren über die Entwicklung des englischen Fußballs besorgt. Sie sind immer stärker zurückgedrängt worden und werden heute wie Kunden behandelt. Diese Entfremdung zwischen Fans und Verein ist für viele nicht mehr hinnehmbar gewesen."


Mithilfe der bereits 1998 gegründeten Initiative hatten die United-Fans versucht, auf ihre Interessen aufmerksam zu machen und die Glazer-Übernahme zu verhindern. Nicht zuletzt, indem Walsh Trainer Alex Ferguson persönlich darum bat, in diesem Fall zurückzutreten. Vergeblich. Auch die Wimbledon-Fans hatten sich im "Dons Trust" formiert, um mehr Einfluss auf Vorstand und Besitzer des Vereins ausüben zu können. Ihre Einwände gegen den englischen Präzedenzfall eines Franchisemodells, mit dem ein Klub und dessen Lizenz in eine andere Stadt verkauft wurden, verhallten ungehört. Am 28. Mai 2002 genehmigte eine vom englischen Verband eingesetzte Kommission den Umzug und stellte zudem fest, eine Wimbledon-Neugründung am alten Standort durch die Fans sei "nicht im Interesse des Fußballs". Zwei Tage später schrieben die Fans den AFC Wimbledon in die unterste Klasse der englischen Ligapyramide ein. Er ist bis heute im Besitz der Fanvereinigung und spielt inzwischen in der vierthöchsten Liga, nur eine Stufe unter Milton Keynes.

Letzter Ausweg
Die Gründung des AFC Wimbledon war der vielleicht sichtbarste Ausdruck des Auseinanderklaffens der Interessen des Fußballs und der Fans. Bereits in den Jahren zuvor hatte dieser Konflikt bei verschiedenen Vereinen zur Einrichtung von demokratisch organisierten Fanvereinigungen, den "Supporters Trusts" geführt. Um eine solche Mitbestimmung zu unterstützen, wurde im Jahr 2000 die Organisation "Supporters Direct" gegründet. Seit 2007 berät sie auch Fans außerhalb von Großbritannien, zuständig für die Europa-Abteilung ist Antonia Hagemann gemeinsam mit ihrem Kollegen Ben Shave. In den vergangenen Jahren ist ihre Arbeit mehr geworden, das Thema Fanbeteiligung boomt - auch weil der Fußball finanziell kriselt. "Zu uns kommen Fans, deren Klub ruiniert ist oder kurz davor steht und die sich zusammentun, um ihn zu retten", sagt Hagemann. "Andere fühlen sich schlecht behandelt und wollen mehr Einfluss auf Vereins-entscheidungen nehmen. Eine dritte Variante ist der endgültige Bruch, wenn Fans sagen ,Wir machen jetzt unser eigenes Ding.'" Von Fans neu gegründete Vereine gibt es mittlerweile nicht nur in England und Österreich, sondern auch in Belgien, Finnland, Israel und Spanien. Ein Neustart nach Ruin, Verrat oder Verkauf des alten Vereins ist jedoch meist nicht die erste, sondern die letzte Option.


Auch die Fans von Austria Salzburg hatten 2005 nach den ersten Meldungen zum Red-Bull-Einstieg nicht an eine Neugründung gedacht. Der Verein steckte in einer sportlichen und finanziellen Krise. "Als Red Bull gekommen ist, haben viele von uns zuerst gedacht: ,Wow, endlich'", sagt Neu-Austria-Mitgründer Rechberger. "Die schienen der perfekte Partner, als Salzburger Unternehmen mit viel Geld." Aber Red Bull sah sich nicht als Sponsor, sondern als Besitzer und verkündete: "Das ist ein neues Team, ein neuer Klub. Es gibt keine Tradition, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv." In Salzburg wurde der Streit um die Farben zum Symbol für die unüberbrückbare Differenz zwischen den alten Fans und dem neuen Hausherren. Die Faninitiative "Violett-Weiß" verhandelte mit Red Bull einige Monate darüber, die Traditionsfarben beizubehalten. Aber die Farben, der Name, die Fankultur - das alles war nicht wichtig. Wichtig war nur die Bundesliga-Lizenz. "Dieser gewollte Bruch war für mich nicht in Ordnung", sagt Volker Rechberger. "In meiner Welt kann man Fußballvereine nicht kaufen." Am 7. Oktober 2005, sechs Monate nach der Übernahme durch Red Bull, gibt es einen neuen Eintrag im Vereinsregister: Der Sportverein Austria Salzburg beginnt zunächst in einer Spielgemeinschaft mit dem Polizeisportverein Salzburg in der 1. Landesliga, das Experiment wird jedoch nach einem halben Jahr abgebrochen, die Austria startet ganz unten in Liga sieben neu.

Platzwart, Maler, Bürokrat
Wenn aus Fans Vereinsgründer werden, ist damit ein abrupter Rollenwechsel verbunden. Sind sie als Ultras und organisierte Anhänger für Stimmung, Auswärtsfahrten und Fanklubtreffen verantwortlich, stehen für die Fans als Funktionäre nun Behördengänge und Platzbegehungen an. "Wir hätten es die letzten fünf Jahre sicher ruhiger haben können", sagt Remo Hoffmann, Vorstandsmitglied der BSG Chemie Leipzig, der gemeinsam mit BSG-Fan Menne zum ballesterer-Gespräch gekommen ist. Die Geschichte ihres Klubs führt in die komplizierten Leipziger Fußballverhältnisse, in denen Red Bull ebenfalls eine Rolle spielt. 2008 wandte sich die Ultragruppe "Diablos" von ihrem Verein, dem damaligen Viertligisten FC Sachsen Leipzig, ab. Vorausgegangen waren in den Jahren zuvor der Umzug ins ungeliebte Zentralstadion, Verhandlungen mit Red Bull und nicht zuletzt politische Differenzen zwischen den antifaschistischen Ultras und anderen Sachsen-Fans. Mit dem Namen des DDR-Oberligameisters von 1964, BSG Chemie Leipzig, starteten sie in Liga 13 und arbeiteten sich fortan in Vereinsrecht, Sicherheitsvorschriften und Spielstättenverordnungen ein. Ben Shave von "Supporters Direct Europe" sagt: "Fans können ja auch Anwälte, Buchalter und Marketingleute sein. Wenn man einen Klub übernimmt, muss man die Basis mobilisieren und die richtigen Kompetenzen finden."


Offiziell fungierte Volker Rechberger im Vorstand der Austria als Schriftführer. "Gemacht habe ich wie alle anderen auch alles: Platz markieren, im Vereinsgebäude Wände ausmalen, Wege zu Behörden, zum Fußballverband und so weiter", sagt er. Die Phönixvereine entstehen aus einer von Enthusiasmus, Wut und Enttäuschung motivierten Gruppe von Fans. Das große ehrenamtliche Engagement, das sie trägt, ist die Stärke der Vereine - und ihre Schwäche. Es gilt, die Energie der organisierten Fans, ihre Kreativität und das Gemeinschaftsgefühl, das nicht zuletzt durch die Vereinsgründung entstanden ist, auch in den Ebenen der Vereinsbürokratie zu bewahren. "Man muss ein Gleichgewicht finden zwischen effizienter Organisation und Einbindung von Freiwilligen", sagt Rechberger.


Der Übergang von rein ehrenamtlichen zu teilprofessionellen Strukturen ist die nächste Herausforderung für die Vereine. Die Prioritäten sind dabei unterschiedlich: Der FC United of Manchester stellte bereits ein knappes Jahr nach Gründung mit Andy Walsh einen bezahlten Geschäftsführer ein, während bei der Austria die Vereinsführung weiter in den Händen des ehrenamtlichen Vorstands liegt. Hier stehen die Arbeit in der Geschäftsstelle und in der Gastronomie auf der Liste bezahlter Jobs. "Es geht irgendwann nicht mehr, dass Leute Stunden um Stunden arbeiten, ohne etwas zu bekommen", sagt Rechberger. "Fans wollen eben auch das Spiel sehen, und wenn du Bier verkaufst, kriegst du davon nichts mit."

Schattenseiten des Supports
Vom Getränkestand auf der Fantribüne der Austria sieht man tatsächlich einzig die Rücken der Fans, sonst nichts. "Fantribüne" ist allerdings eine irreführende Bezeichnung, da das Stadion in Maxglan nur über eine Tribüne verfügt, die durch Zaun und Spielertunnel unterteilt wird. Auf der einen Seite Sitzplätze samt kleinem VIP- und Pressebereich, wo es Wurstsemmeln und Getränke gibt. Auf der anderen die Fans auf den Stehplätzen: In der Mitte die Ultras, am rechten und linken Rand der Tribüne sind jüngere und ältere Anhänger mit zackigen Frisuren und Thor-Steinar-Kleidung auszumachen. Um den Platz herum verteilen sich weitere regenfeste Zuschauer. Für 1.500 Personen ist die Anlage zugelassen, gegen Seekirchen sind bei Nieselregen 1.050 gekommen. Auf dem Platz tut sich die Austria zunächst ein wenig schwer. Auf den Rängen spielt der von Vorsänger "Salva" von "Union 99 Ultra Salzburg" angeführte Support jedoch in einer anderen Liga als der übrige Verein. Die Ultragruppe hat mit den "Tough Guys" und zahlreichen anderen Fanklubs den Protest gegen Red Bull initiiert und die heutige Austria gegründet.

Die aktive Fankultur macht die Austria jedoch nicht nur attraktiv, sie macht auch Probleme. Wegen Red Bull hatten die Austrianer den Profifußball verlassen, damit aber brachten sie eines seiner auffälligsten Elemente, nämlich eine aktive Fankultur, auf die Dorfplätze des Amateurfußballs. Statt einer Handvoll Angehöriger reisten nun plötzlich hunderte Ultras zu den Spielen in Orte wie Trimmelkam und Schleedorf - und zeigten sich dabei nicht immer von ihrer besten Seite. Ausschreitungen brachten empfindliche Verbandsstrafen und interne Auseinandersetzungen mit sich. Ein Platzsturm bei einer Niederlage beim Salzburger AK im Mai 2010 in der Landesliga sorgte für Rücktritte im Vorstand, Stadionverbote für mehrere Mitglieder von Fanklubs und schließlich die Wahl des neuen Obmanns Windischbauer. Die Statuten des Vereins sehen für Stadionverbote und andere "gravierende Entscheidungen" die Möglichkeit vor, eine Arbeitsgruppe aus Vereinsmitgliedern einzusetzen, die eine Empfehlung an den Vorstand vorlegt.

Das Thema Stadionverbote ist gerade für einen von der Basis gegründeten Verein eine echte Zerreißprobe. Der 2008 als Obmann zurückgetretene Moritz Grobovschek sagt: "Meiner Meinung hätte sich der Verein nach außen in einigen Dingen anders positionieren können, statt sich ständig für die eigenen Fans zu entschuldigen. Gerade im Umgang mit Stadionverboten ist das Miteinander immer wieder ins Hintertreffen geraten. Man hat zu wenig deutlich kommuniziert, dass es sich nicht um einen 08/15-Verein handelt." Das sieht Volker Rechberger anders: "Im Endeffekt gibt es Verhalten, das nicht tolerierbar ist. Wenn ein Fanklub sagt ,Dich nehme ich nicht mehr mit, du kotzt mir jedes Mal in den Bus', wird das akzeptiert. Und wenn der Verein sagt ,Jedes Mal wenn du kommst, wirfst du Feuerzeuge auf die Spieler und spuckst einen Ordner an, jetzt reicht es', soll das nicht gehen?"

Querulantentum
Die mitunter widerstrebenden Interessen von Fan und Funktionär kennt auch Chemie-Ultra Menne, der sein Ehrenamt im Verein nach anderthalb Jahren wieder abgegeben hat. "Da schlagen zwei Herzen in der Brust. Eine Aktion, die ich als Fan mache, hat vielleicht zur Folge, dass der Verein zwei Ordner mehr stellen muss, das Geld fehlt dann woanders." Die BSG Chemie setzt auf pragmatische Lösungen: Pyrostrafen zahlen die Ultras aus der eigenen Kasse. Das Nebeneinander von Fan- und Funktionärsrolle, auf das die Vereine zumindest in der Anfangszeit zurückgreifen, ist jedoch auch aus Zeitgründen schwierig. BSG-Vorstandsmitglied Hoffmann sagt: "Manchmal möchte ich auch einfach nur Fan sein. Aber wenn ich vom Fanblock in die Geschäftsstelle gehe und dem Haupt-sponsor begegne, kann ich nicht sagen: ,Nee, geht jetzt nicht.'" "Die aktive Fankultur ist unsere große Stärke", sagt Menne. "Aber die enge Verquickung zwischen Fans und Verein wird offenbar auch als Gefahr gesehen."

In der siebtklassigen Bezirksliga Sachsen Nord hat die BSG mit 700 bis 1.000 Besuchern die mit Abstand höchste Zuschauerzahl. Vom Verband jedoch fühlen sie sich durch teure Sicherheitsauflagen schikaniert. Bei einem Polizeieinsatz während eines Auswärtsspiels Ende September wurden Fans durch Pfefferspray und Schlagstöcke verletzt, ein Anhänger, der den Einsatz mit dem Handy filmte, brutal zu Boden geworfen. Remo Hoffmann sagt: "Wir sind bloß ein ehrenamtlicher Verein, werden aber unendlich gegängelt. Leipzig hat sich fein gemacht für Red Bull, da sind so kleine Querulantenvereine nicht gewünscht." Als Querulanten gelten die Chemiker zudem auch politisch. "Wir sind als linker Verein verschrien, das ist in Sachsen ohnehin ein Problem", sagt Menne.

Auch der Austria-Salzburg-Anhang war nicht überall gerne gesehen, nach dem Aufstieg in die Regionalliga 2010 weigerte sich etwa die WSG Wattens, gegen die Austria anzutreten. "Die Behörden stellen teilweise enorm hohe Auflagen", sagt Obmann Windischbauer. "Beim Spiel in Kufstein kürzlich waren für die 800 Zuschauer 100 Polizisten und Ordner vor Ort. Die Kosten muss der Heimverein tragen, deswegen spart er dann bei den Dixie-Klos für uns." Dass es allerdings auch anders geht, würden die Erfahrungen in Dornbirn zeigen, wo die Austria seit drei Jahren schon freundlich willkommen geheißen werde: "Dann bleiben unsere Fans gern ein, zwei Stunden länger und kurbeln die Gastronomie an."

Die Revolution und ihre Kinder
Die Phönixklubs sind als Projekte gegen den Erfolg um jeden Preis entstanden, dem sportlichen Wettbewerb können und wollen sie sich aber nicht entziehen. Es geht weiter um Sieg und Niederlage, Auf- und Abstieg, aber auch um mehr. Beim AFC Wimbledon und FC United ebenso wie bei Austria Salzburg und der BSG Chemie folgten schnelle Aufstiege - bis zu dem Punkt, an dem sich die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Grenzen bemerkbar machten. Der FC United of Manchester spielt seit fünf Jahren in der siebtklassigen Northern Premier League. Die Austria spielt heuer die vierte Regionalligasaison und verpasste im vergangenen Jahr knapp den Aufstieg - sportlich und bei der Lizenzvergabe. Das soll in dieser Saison anders werden. Die Rückkehr in den Profifußball ist erklärtes Ziel der Neugründung gewesen. "Wir werden Meister", singen die Fans beim Spiel gegen Seekirchen, das die Austria nach einer Steigerung in der zweiten Hälfte 3:1 gewinnt. Neben der Meisterschaft und einer erfolgreichen Relegation ist dazu jedoch eine Verbesserung der Infrastruktur nötig: Vor Anpfiff ist Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden gekommen, um den neuen Kunstrasenplatz einzuweihen. Der Stadionsprecher möchte dem Bürgermeister am liebsten ein Bekenntnis zum nächsten Projekt abringen: eine wettkampftaugliche Flutlichtanlage. Unter anderem daran scheiterte die Lizenzerteilung für die Erste Liga im Vorjahr. Die Stadt Salzburg müsste die im Frühjahr für den Aufstiegsfall beschlossene Förderung umsetzen. Auf feste Zusagen will sich Schaden öffentlich aber nicht einlassen. Das Thema sei andiskutiert.

Das Stadion bleibt die größte Sorge der Austria, denn ohne eine deutliche Steigerung der Zuschauerkapazität muss das Geld woanders herkommen. "Ich will traditionsreiche Salzburger Unternehmen für die Austria gewinnen", sagt Walter Windischbauer. "Es gibt viele Firmen, die sich nach der Übernahme von Red Bull aus dem Fußballsponsoring zurückgezogen haben." Ganz so weit ist er noch nicht, Windischbauer ist jedoch zuversichtlich, einen haltbaren Etat für den Profifußball aufzustellen. Mit mindestens 1,5 Millionen Euro müsse man in der zweiten Spielklasse rechnen - und überleben können. Zugeständnisse an Partner und Sponsoren würden auch dann noch ein Thema bleiben. Das Stadion im Besitz des Sportverbands ASKÖ ist seit 2010 nach dem Sponsor MyPhone Austria benannt, der nicht nur die Austria im Namen trägt, sondern beim Marketing auch ganz auf Violett setzt. Dennoch ein falsches Signal, wie Moritz Grobovschek sagt: "Die Revolution hat zu einem gewissen Teil ihre eigenen Kinder gefressen. Es war nicht notwendig, den Stadionnamen zu verkaufen." Volker Rechberger sieht hier weniger Kontroversen: "Sicher gab es Gegenstimmen, aber bei einem Platz, wo man eingemietet ist und nicht weiß, ob man in zwei Jahren dort noch spielt, war die Diskussion nicht so ausführlich." Der Sprung in den bezahlten Fußball ist die Hürde, an der das Projekt Austria Salzburg, gemessen an den selbstgesteckten Zielen, scheitern könnte. Ob das für die Fans von heute so viel ändern würde? Volker Rechberger sagt: "Die meisten Leute würden auch kommen, wenn's in der Regionalliga wieder schlechter liefe. Die kommen, weil sie sich zu Hause fühlen."

Zurück nach Hause

Die BSG Chemie hat in der Ligapyramide 2011 einen Sprung gemacht: Durch die Übernahme des Spielrechts einer anderen Mannschaft wechselte sie von der zehnten in die sechste Liga und konnte sich dadurch einen langgehegten Wunsch erfüllen: die Rückkehr in den Alfred-Kunze-Sportpark. Das Stadion, in dem die alte BSG 1964 den unerwarteten Meistertitel feiern konnte, hat für die Chemie-Fans eine besondere Bedeutung. "1964 ist unser Mythos", sagt Menne. "Daraus ist die Liebe zum Stadion und zum Verein gewachsen." In der vergangenen Saison hat die BSG Chemie Leipzig den ersten sportlichen Rückschlag hinnehmen müssen und stieg von der Landesliga in die siebtklassige Bezirksliga ab. Das Stadion - und den Anspruch, die Tradition von Chemie Leipzig fortzusetzen - teilt sich der Verein zudem mit der ebenfalls neu gegründeten SG Sachsen Leipzig. Als einer von vielen kleinen Vereinen muss die BSG Chemie um ihren Platz kämpfen. Remo Hoffmann sagt: "Wenn ich das Stadion betrete, denke ich nicht an die vielen Leute, die früher da waren. Ich sehe einen coolen Verein, der eine echte Alternative zum Profifußball im Zentralstadion darstellt."

Einnahmen, Kapazität und Identität - das Stadion ist aus vielerlei Gründen entscheidend. Umso mehr, da Sportplätze in den Gemeinden ein rares Gut sind. Antonia Hagemann von "Supporters Direct Europe" sagt: "Es bedarf viel diplomatischer Arbeit mit der Stadt und der Ortsverwaltung. Der Platz ist das größte Problem und gleichzeitig ganz wichtig, denn das ist das Zuhause für den Verein." Für die Fans des AFC Wimbledon war die langjährige Spielstätte Plough Lane, die 1998 verkauft und vier Jahre später abgerissen wurde, dieses Zuhause. Eine Rückkehr in diese Heimat gehörte von Beginn an zum Selbstverständnis der Londoner, die sich mit dem FC Kingstonian das Kingsmeadow-Stadion mit einer Kapazität von knapp 5.000 Plätzen teilen. Die Rückkehr nach Wimbledon rückt jedoch näher: Ende Oktober 2013 reichte der Verein bei der zuständigen Bezirksverwaltung Pläne für den Umbau der Hunderennbahn an der Plough Lane ein. Entstehen soll ein Stadion für 11.000 bis 20.000 Zuschauer. Während es in Wimbledon wohl frühestens in zwei Jahren mit dem Bau losgeht, hat der FC United of Manchester für seine Stadionpläne bereits grünes Licht. Baubeginn ist im November, fertig sein soll das Stadion im Stadtteil Moston im August 2014. Zwei der notwendigen fünfeinhalb Millionen Pfund haben die Vereinsmitglieder und Fans zusammengetragen, das war die Voraussetzung, um weitere Förderungen durch Stiftungen und Stadtverwaltung zu erhalten.

Superkleber Tradition
Der Verrat bestimmter Werte hat zur Gründung der Fanvereine geführt, die Bewahrung dieser Werte hält sie zusammen. Der Anspruch, das Beste ihres ursprünglichen - inzwischen verlorenen, verkauften oder untergegangenen - Klubs zu vertreten, eint die BSG Chemie, Austria Salzburg und den AFC Wimbledon. Volker Rechberger sagt: "Die Tradition der Austria ist ein Superkleber, der die Leute verbindet." Der Blick in die Historie ist dabei manchmal doppelt. So wird im Stadionheft zum Spiel gegen See-kirchen an zwei verschiedene Vergangenheiten zugleich erinnert, die der alten und die der neuen Austria. Die Rubrik "Vor 5 Jahren" feiert einen Sieg gegen den Adneter SK, die Rubrik "Vor 20 Jahren" ein Spiel gegen die Wiener Austria mit über 10.000 Zuschauern. Red Bull Salzburg hat seinen Umgang mit der Vergangenheit inzwischen revidiert, reklamiert gleichfalls das Austria-Erbe - und den 80. Geburtstag - für sich. Für Obmann Windischbauer kann es jedoch nur eine geben: "Die Austria ist auf dem besten Weg, wieder die zu werden, die sie war. Von der Begeisterung und der Identifikation her, von den Fans, auch von der Verankerung in der Stadt sind wir bereits wieder zu 90 Prozent die Austria, die ich gekannt habe." Duelle mit Zweit- und Juniorteams von Red Bull hat es im Lauf der Zeit einige gegeben. Volker Rechberger sagt: "Dorthin zu fahren ist etwas Besonderes. Für mich ist das der pure Stolz auf das, was wir erreicht haben. Der Verein und auch viele Fans sind uns gegenüber am Anfang sehr hämisch gewesen: ,Na, ihr fängt jetzt an, mit eurem kleinen Verein.' Und dann fährst du da hin, hast ein paar tausend Leute mit und zeigst denen, was Stimmung ist."

In England hat der nach Milton Keynes umgesiedelte Verein zwar nicht die Tradition des FC Wimbledon für sich reklamiert, aber den alten Spitznamen. Seit 2004 nennt sich der Verein Milton Keynes Dons. "Das schmerzt", sagte AFC-Gründer Marc Jones in einem Interview. "Wenn sie das aus ihrem Namen streichen würden, könnte manche Wunde vielleicht heilen." In Manchester ist das Verhältnis zu dem Verein, von dem sich die Fans abgewandt haben, weniger zerrüttet. Bei manchen gibt es einen klaren Bruch, andere gehen weiter zu ManUnited-Spielen oder fahren zumindest auswärts, damit das Geld nicht bei den Glazers landet. Viele FC-United-Fans würden sich weiterhin als Manchester-United-Fans bezeichnen, sagt Andy Walsh: "Das ist der Klub, mit dem wir aufgewachsen sind - wir bewahren seine besten Traditionen." Die Fanvereine erhalten einen Fußball, den die Entwicklung des Sports längst hinter sich gelassen hat, und geben ihm ein neues Gesicht. Volker Rechberger erzählt: "Wenn wir Gäste aus dem Ausland haben, sagen die oft zu uns: ,Ihr habt die ganzen Nachteile des modernen Fußballs nicht, aber die Vorteile einer guten Stimmung.'" Sich von den Schattenseiten des modernen Fußballs abzuwenden, bedeutet aber auch, auf dessen Momente in der Sonne zu verzichten. Von einem solchen Moment berichtet BSG-Fan Menne. Er war bei den befreundeten Ultras von Eintracht Frankfurt beim Europa-League-Qualifikationsspiel gegen Karabach Agdam zu Besuch. "Du stehst im Stadion mit 40.000 Leuten, die alle hüpfen und singen. Da läuft dir eine Träne die Backe runter, weil du weißt, dass du das mit deinem Verein nie erleben wirst."

Mehr als eine Keksfabrik

Während Austria Salzburg den Profifußball ansteuert und dabei versucht, die Faninteressen zu bewahren, wird in Manchester auf das Modell des "Community Clubs" gesetzt. "Fußball bringt die Menschen zusammen, dieses Potenzial wollen wir für die ganze Stadt nutzen", sagt Andy Walsh. "Wir arbeiten viel mit Jugendlichen und in Schulen, bieten Fußballkurse und Trainerausbildungen an." Für Antonia Hagemann gehört diese Herangehensweise zur Philosophie von "Supporters Direct Europe": "Viele Klubbesitzer und Manager meinen, sie haben etwas, das nur 90 Minuten in der Woche stattfindet. Aber es geht nicht nur um Fußball. Es geht um soziale Werte, um das Miteinander. Ein Verein ist kein Unternehmen, er ist nicht so etwas wie eine Keksfabrik."

Gelebte Demokratie und Einbeziehung von Mitgliedern, aktive Fankultur und gebremste Kommerzialisierung - die von Fans neu gegründeten Vereine haben längst unter Beweis gestellt, dass sie durchaus im "Interesse des Fußballs" sind. Zwar spielt bis heute keiner von ihnen auf dem sportlichen Niveau des ursprünglichen Vereins, ihr Erfolg bemisst sich jedoch in anderen Kategorien. "Wenn der FC United als kleiner Verein mit seinen paar tausend Fans aufsteigt, ist das ein sehr starkes Signal für alle, die den Fußball anders gestalten wollen", sagt Andy Walsh. Die Berücksichtigung von Faninteressen - seien es demokratische Strukturen, moderate Ticketpreise oder das Festhalten an Namen, Farben und Wappen - scheint wirtschaftlichen Interessen entgegenzustehen. In Zeiten, in denen immer mehr Vereine immer mehr Schulden anhäufen und Insolvenz anmelden, ist jedoch auch das Investorenmodell, das den englischen Fußball der Premier League einst groß gemacht hat, nicht mehr unumstritten. Zumindest in Leipzig, Salzburg, London und Manchester ist Platz für mehr als nur eine Art von Fußball.
   
"Der Mitbestimmungsgedanke wird immer einflussreicher, das Interesse an Fanbeteiligungsmodellen wächst. Die Finanzkrise wird nicht von heute auf morgen verschwinden und die Probleme, mit denen Fans konfrontiert sind, genauso wenig", sagt Ben Shave von "Supporters Direct Europe". Seine Organisation setzt auf internationale Zusammenarbeit und den Austausch von Erfahrungen. "Wir sagen nicht ,Hey, vergesst alle Rivalitäten', denn das macht den Fußball auch zu dem, was er ist. Aber es gibt mehr Dinge, die uns verbinden als solche, die uns trennen." Daran denkt auch Austria-Fan Volker Rechberger, wenn er über sportliche Rivalen der Zukunft spricht. "Ich weiß nicht, wie's wäre, wenn wir dann wieder gegen die Wiener spielen würden. Als wir den Verein gegründet haben, haben sie im ,Block West' von Rapid Geld gesammelt, und jetzt gibt's einen gemeinsamen Feind, der für uns viel wichtiger ist. Ganz das Gleiche wie früher wird das nicht mehr sein."

 

Dieser Text wurde im April 2014 mit dem Journalistenpreis der Sports Media Austria in der Kategorie Print ausgezeichnet.

 

Mitarbeit: Michael Schnöll, Foto: Thomas Schernthanner/Pressefoto Austria


Referenzen:

Heft: 87
Rubrik: Thema
Thema: Fanvereine
ballesterer # 121

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