»Wir sind keine Grottenliga«

cache/images/article_1914_stoeger1_c)_daniel_shaked_140.jpg Peter Stöger, der letzte Meistertrainer der Wiener Austria, ist zurück in Favoriten. Im ballesterer-Interview spricht er über das Niveau der Liga, oberflächliche Medien und die Motive, die Herbert Prohaska wie einen Esel auf und ab rennen lassen.
Mathias Slezak | 19.07.2012

Zwei Tage nach der Rückkehr vom Trainingslager kommt ein entspannt wirkender Peter Stöger nach dem Vormittagstraining ins »Viola Pub« in der Osttribüne der Generali-Arena. Während ihr Chef beim Interview sitzt, flüchten die Spieler vor der Sommerhitze auf die schattige Osttribüne und genießen dort ihr Mittagessen.

ballesterer: Nach fünfeinhalb Jahren sind Sie als Trainer zurück in Favoriten. Was hat sich seit Ihrem letzten Engagement bei der Austria verändert?
PETER STÖGER: Die Infrastruktur hat sich gewaltig verändert. Die neue Osttribüne, die Trainingsmöglichkeiten, das alles ist viel besser als früher. Wir haben damals nur einen Trainingsplatz und kaum Ausweichmöglichkeiten gehabt. Jetzt ist alles sehr zentral. Die Amateurmannschaft trainiert auch hier und die Akademie ist in Reichweite, das ist für mich als Trainer ideal.
In den vergangenen drei Jahren hat die Austria zweimal jeweils am letzten Spieltag den Meistertitel und in der vergangenen Saison sogar die Europacup-Qualifikation verpasst. Was hat da in den letzten Jahren gefehlt?
In den entscheidenden Spielen sind oft in den letzten Minuten wichtige Punkte verloren worden. Das ist keine Frage der spielerischen Qualität, sondern eher die Frage, ob die Mannschaft dieses sogenannte Siegergen hat. Es ist die Aufgabe der Trainer, der Mannschaft das Selbstvertrauen zu geben, in solchen Partien alles abzurufen. Daran arbeiten wir. Die Spieler müssen sich bewusst sein, dass sie viel erreichen können, und auch daran glauben.
Wie lautet das Saisonziel?
Wenn du als Austria nach zehn Jahren das erste Mal nicht im Europacup spielst, dann ist das vorrangige Ziel, dass das nicht noch einmal passiert. Das Minimalziel ist also ein internationaler Startplatz, das wurde uns auch vom Verein so vorgegeben. Je nachdem, wie gut wir arbeiten und wie sich die Spieler entwickeln, ist auch mehr möglich. Es gibt heuer zwei Champions-League-Plätze, und wir wollen einen davon erreichen.
Wie sieht Ihr langfristiger Plan mit der Austria aus?
Ich möchte in den nächsten zwei Jahren wieder vorne dabei sein. Sowohl die Mannschaft als Ganzes als auch die Spieler als Einzelne sollen sich weiterentwickeln und auf dem Spielfeld offensiv auftreten. Für mich persönlich wäre es das Geilste überhaupt, wenn ich nicht nur der letzte Austria-Trainer bin, der Meister geworden ist, sondern auch der nächste. Darauf arbeite ich mit der Mannschaft hin.
Karl Daxbacher ist oft vorgeworfen worden, dass seine Mannschaft in Schönheit gestorben sei, während Ivica Vastic für seine defensive Spielanlage kritisiert worden ist. Wie werden Sie spielen lassen?
Mit dieser Frage ist im Grunde schon alles gesagt. Die Leute wollen offensiven, kreativen und schönen Fußball sehen, auf der anderen Seite wollen sie aber auch die richtigen Ergebnisse bekommen. Nur Ergebnisse reichen nicht, nur schöner Fußball reicht auch nicht. Wir müssen offensiv auftreten und Torchancen herausarbeiten, aber eben auch gewinnen. Dafür brauchst du auch ein Minimum an Defensivarbeit, diese Mischung muss drinnen sein.
Was sind die Unterschiede in der täglichen Arbeit zwischen kleineren Klubs wie Wiener Neustadt und Großklubs wie der Austria?
Bei einem Verein wie der Austria hast du viel mehr Spieler mit hoher Qualität. Da kannst du von den Spielern auch mehr verlangen. In Neustadt habe ich hingegen viele Spieler gehabt, für die es das erste Jahr im Profifußball war und die sich erst an das Drumhe­rum gewöhnen mussten. Trotzdem haben wir eine super Truppe gehabt, mit der wir sehr gut arbeiten konnten.
Sie mussten letztes Jahr sparen und durften gleichzeitig nicht absteigen, heuer ist das Ziel, oben mitzuspielen das sind zwei vollkommen verschiedene Anforderungen. Passen Sie Ihr System den Gegebenheiten an oder lassen Sie bei der Austria gleich spielen wie bei Wiener Neustadt?
Als Trainer musst du dich immer auf neue Situationen einstellen können. Es kann im Training oder im Spiel etwas passieren, auf das du dann reagieren musst, sei es die Taktik oder Verletzungen. Einen guten Trainer zeichnet aus, permanent flexibel zu sein und dabei die richtigen Entscheidungen für die Mannschaft treffen zu können. Das ist bei jedem Verein gleich, die Umsetzung hängt aber auch von der Zielsetzung des Vereins ab. Man kann nicht hergehen und sagen: »Das ist es und das lege ich jetzt über Barcelona, über Wiener Neustadt und über Simmering drüber.«
Das Niveau der Liga ist in der vergangenen Saison stark kritisiert worden. War es wirklich so schlecht?
Speziell am Anfang der Frühjahrssaison waren die Spiele nicht gut. Wenn du Mitte Februar schon wieder spielst, sind die Plätze schlecht und die Partien dann dementsprechend. Im Laufe der Saison hat sich die Situation wieder verbessert. Ich würde also damit aufhören, unsere Liga so darzustellen, als ob bei uns nichts funktionieren würde. Rapid und Austria haben in den letzten Jahren zusammengenommen eine Topmannschaft ins Ausland verloren, und dorthin gehen nur die Besten. Als Austria kannst du einen Junuzovic nicht halten, wenn er bei Bremen das Fünffache verdienen kann, du ihm aber nicht einmal das Doppelte zahlen kannst. Da verlierst du an Qualität. Es ist möglich, diese Qualität zu ersetzen, aber es dauert seine Zeit. Es wird nicht funktionieren, dass wir den besten Fußball und die besten Spieler haben und alles so ausschaut wie in Spanien. So realistisch muss man sein. Wir sind aber keine Grottenliga, sondern auf einem guten Weg. Nächstes Jahr spielt die halbe Liga im Europacup, und die Punkte für die UEFA-Fünfjahreswertung bekommst du ja auch nicht geschenkt.

 

  Trotzdem waren Österreichs Vereine international in den vergangenen Jahren nicht sehr erfolgreich. Woran liegt das?
Das liegt auch an der Konstellation. Du brauchst eine gute Auslosung und das nötige Glück, um weiterzukommen. Wenn wir sagen, wir wollen in der Europa League unter die letzten acht, dann kann es sein, dass dort drei spanische, zwei englische und zwei deutsche Vereine warten. Bei aller Wertschätzung: Der Vierte der deutschen Liga ist in der Regel besser als irgendjemand, der in Österreich Meister geworden ist. Ich weiß auch mit hundertprozentiger Sicherheit, dass, solange die Konstellation so bleibt, nie wieder eine österreichische Mannschaft in ein Europacupfinale kommen wird. Darauf traue ich mich zu wetten. Ausreißer nach oben können alle paar Jahre passieren, aber man kann nicht verlangen, dass alle österreichischen Mannschaften in die Gruppenphase kommen.
Ist die Außendarstellung der Liga von den Leistungen der Großklubs abhängig?
Ja, das ist ein Schneeballeffekt. Wenn die Austria gut ist, kommen zu einem Auswärtsspiel in Wiener Neustadt gleich zwei-, dreitausend Zuschauer mehr. Das ist für die Optik schon sehr wichtig. Wenn Austria, Rapid und Salzburg nicht vorne dabei sind, dann werden Stimmen laut, dass die Liga scheiße ist. Man geht aber nicht her und sagt, Neustadt war gut, weil sie organisiert waren, oder die Admira war gut, weil sie super Konter gespielt hat.
Liegt das an der medialen Darstellung?
Natürlich ist vieles oberflächlich. Man sieht nur: Austria gegen Wiener Neustadt 0:0. Es geht aber niemand in die Materie rein und schaut, warum das passiert ist. Diese Zeit nimmt sich keiner. Ich wäre sehr dankbar dafür, öfter mit Medienvertretern zusammenzusitzen und ihnen zu erklären, warum man sich etwas überlegt hat oder wie unser System ausschaut. Oft heißt es, du musst mit drei Stürmern spielen, nur dann bist du offensiv. Spanien hat bei der EM ohne nominellen Stürmer gespielt und war die beste Mannschaft. Die Deutschen haben zuletzt 15 Bewerbsspiele mit einem Stürmer gewonnen. Wenn du als Austria mit einem Stürmer spielst und nicht gewinnst, heißt es: »Das gibts ja nicht, warum spielt der nur mit einem Stürmer?« Das ist halt zu einfach. Ich bin jederzeit zu einer fachlichen und kritischen Diskussion bereit, das sollte viel öfter passieren.
Leidet die Attraktivität der Liga unter der destruktiven und kampfbetonten Spielweise von Mannschaften aus dem unteren Tabellendrittel?
Jeder wehrt sich mit seinen Möglichkeiten. Die, die oben stehen, haben die Aufgabe, diesen Abwehrriegel zu knacken. Ich kann von Mannschaften, die gegen den Abstieg spielen, nicht verlangen, mit sieben Offensivleuten nach Salzburg zu fahren und vier Tore zu kassieren, nur damit die Leute sagen: »Super Partie, da ist es hin und her gegangen.« Das ist in jeder Liga der Welt so. Überall gibt es Mannschaften, die sich mit Händen und Füßen gegen Niederlagen wehren.
Sie sind wie Peter Schöttel, Dietmar Kühbauer und Walter Kogler Teil der 1998er-Generation. Was unterscheidet Ihre Generation von den »älteren« Trainern?
Ich will nicht zwischen 1978er- und 1998er- Generation und denen, die nie ganz oben gespielt haben, unterscheiden. Jeder ist ein anderer Charakter und arbeitet anders. Ich wehre mich auch gegen den Vorwurf, dass bei uns nur ehemalige Teamspieler die Möglichkeit haben, einen Bundesliga-Verein zu trainieren. Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich 65-mal im Nationalteam gespielt habe und in einem Europacupfinale war. So weit wird es nicht kommen. Aber natürlich stimmt es auch, dass du als ehemaliger Bundesliga- Spieler nicht automatisch ein guter Trainer bist.
Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass die Akademien zu stereotype Spieler produzieren?
Ich glaube, dass wir das zum Teil schon erkannt haben, und bin auch der Meinung, dass wir in Sachen Kreativität, Abgebrühtheit und im frühen Erkennen von Spielsituationen noch einen Schritt machen müssen. Die Spieler, die aus den Akademien kommen, sind gut ausgebildet und können alle kicken. Was manchmal fehlt, ist die Individualität, die einen Spieler auszeichnet. Es ist ganz wichtig, dass du etwas hast, das dich von allen anderen abhebt. Wir müssen auch die Siegermentalität weiterentwickeln diesen unbedingten Willen, weiterzukommen.
Wie kann man das erreichen?
In diesem Bereich geht viel mit Gesprächen. Es geht darum, dass der Spieler das Bewusstsein entwickelt, was er zu tun hat. Wie er seine Karriere plant, was er auf sich nehmen muss, was er in seiner täglichen Arbeit machen muss. Schlaf, Ernährung, Training, welche Aufgaben habe ich in der Gruppe? Das alles müssen sie wissen. In meiner Arbeit sind drei Worte ganz zentral: Respekt, Vertrauen und Verantwortung. Als Spieler muss dir klar sein, dass die Austria nicht irgendein Verein ist, sondern für österreichische Verhältnisse ein Topklub. Den Spielern ganz egal, ob Akademie, Amateure oder Kampfmannschaft muss bewusst sein, dass sie sich hier in einem elitären Kreis aufhalten. Sie müssen versuchen, alles herauszuholen. Wenn sie das nicht schaffen, ist alles, was danach kommt, ein Rückschritt. Das Problem sind die Spieler, die glauben, dass das hier alles normal ist, und sich damit zufriedengeben. Das ist schon der erste Rückschritt.
Ist die junge Generation zu verwöhnt, weil sie von Beginn an sehr gute Bedingungen hat?

Für manche ist das sehr gut, die wissen genau, was sie zu tun haben. Für manche ist es aber zu bequem: Sie sollten auch einmal woanders ein Jahr leihweise spielen, um zu sehen, dass es Problembereiche gibt, die sie vorher gar nicht gekannt haben. Manche kapieren es, manchen musst du es nur einmal sagen, anderen musst du es permanent sagen, und ein paar kapieren es trotzdem nicht. Das sind die, die dann irgendwann ausscheiden.
Wie motiviert man junge Spieler?
Ich bin nicht zum Motivieren hier. Ich erkläre ihnen, was sie tun sollten, um den nächsten Schritt zu machen. Im Training gebe ich ihnen Anweisungen und mache ihnen bewusst, was gut ist und wie sie weiterkommen können. Aber tagtäglich für 30 erwachsene Menschen den Motivator zu spielen, das geht nicht. Ich kann nicht jedem Einzelnen täglich hinterherlaufen und sagen, dass er nicht zum Mäci gehen darf und acht Stunden schlafen soll. Das ist auch nicht mein Job. Ich muss schauen, dass die Gruppe funktioniert. Die Bewusstmachung ist Teil meiner Aufgaben, aber für den persönlichen Bereich ist dann jeder Spieler selbst verantwortlich.
Haben Spieler in Ihrer Generation mehr Biss gehabt?
Es war bei uns schon so, dass ein verlorenes Trainingsspiel andere Emotionen geweckt hat, als das heute der Fall ist. Es ist dir danach eine Stunde lang nicht gut gegangen, weil du permanent gehäkerlt worden bist. Heute ist es für die Spieler sicher mehr Job als damals. Ich will jetzt nicht beurteilen, ob das gut oder schlecht ist. Aber wenn wir heute mit den »Oiden Trotteln« wie ich die Copa-Pele-Auswahl liebevoll nenne spielen, dann will der Herbert Prohaska noch immer kein Spiel verlieren. Der rennt auf und ab wie ein Esel, um zu gewinnen. Wenn es nicht ideal für uns rennt, dann ist er nicht auszuhalten, obwohl es bei uns ja eigentlich schon egal ist, ob wir gewinnen oder nicht. Aber da will eben keiner verlieren. So etwas meine ich und da würde ich mir wünschen, dass das heute auch ausgeprägter wäre. Früher wollte einfach niemand ein Trainingsspiel verlieren, und das ist für einen Trainer ganz wichtig. Denn wenn du eine Woche lang beim Training diese Einstellung hast, dann nimmst du die auch ins Spiel mit.

Referenzen:

Heft: 73
Verein: FK Austria Wien
ballesterer # 121

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