„Wir waren Freunde“

Tomislav Ivkovic war Tormann des jugoslawischen Nationalteams unter Ivica Osim. Im Interview spricht er über eine Mannschaft aus vielen Nationalitäten und die Unausweichlichkeit des Kriegs.

Clemens Zavarsky | 08.12.2015

ballesterer: Was war Ihr Eindruck von Ivica Osim?

Tomislav Ivkovic: Für mich war er der beste Trainer Europas. Im ehemaligen Jugoslawien haben wir viele große Trainer gehabt: Tomislav Ivic, Saso Markovic, Otto Baric, aber er war der beste. Er hat immer mit dem Ball trainieren lassen und den Spielern vermittelt, dass sie mit Intuition und Spaß spielen sollen – damit die Mannschaft funktioniert.

Was waren die Eckpfeiler seines taktischen Konzepts?

Er wollte überall auf dem Platz Überzahlsituationen schaffen: Zwei gegen eins, drei gegen zwei. Und er wollte mit vielen Spielern in den Angriff kommen: Fünf, sechs Spieler sollten bei den Offensivaktionen beteiligt sein. Das hat dann schnell gehen müssen – mit ein, zwei Ballkontakten. Nur im letzten Drittel, kurz vor dem Sechzehner, hat er alle Konventionen aufgehoben. Da hat jeder Spieler seine Freiheiten gehabt.

Im Vorfeld der WM 1990 war der Nationalitätenkonflikt in Jugoslawien schon spürbar. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ich werde das letzte Spiel vor der WM in Zagreb gegen die Niederlande nie vergessen. 20.000 Zuschauer – und alle waren gegen uns. Wir haben 0:2 verloren und sind wie tot zur WM gefahren. Die Erwartungen waren gering. Aber wir haben zuvor schon vier Jahre lang unter Osim zusammengespielt. Wir waren Freunde.

Hat der Konflikt innerhalb der Mannschaft eine Rolle gespielt?

Nein, nie. Wir haben ein super Verhältnis gehabt, und es waren alle Nationalitäten vertreten. Osim hat für eine sehr gute Atmosphäre gesorgt. Nach der Niederlage gegen Deutschland im ersten Spiel haben wir gemeinsam darüber geredet und uns vorgenommen, weiterhin unser Bestes zu geben.

Jugoslawien ist bis ins Viertelfinale gekommen und dort erst im Elfmeterschießen an Argentinien gescheitert. Hat Osim spezielle Anweisungen gegeben, um Diego Maradona aus dem Spiel zu nehmen?

Nein, er hat nur Refik Sabanadzovic gesagt, dass er gegen ihn spielen würde. Der hat das auch super gemacht, aber leider schon nach einer halben Stunde wegen einer Fehlentscheidung Gelb-Rot gesehen. Trotzdem haben wir unser Spiel gespielt, kurz vor Schluss hat Dejan Savicevic sogar noch eine hundertprozentige Chance vergeben.

Osim hat einmal gesagt, dass ein WM-Titel den Krieg hätte verhindern können. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein, ein Weltmeistertitel hätte vielleicht ein kurzfristiges Glücksgefühl ausgelöst, aber der Alltag hätte uns rasch wieder eingeholt. Da waren viele kranke Leute am Werk. Es war unmöglich, die Situation zu ändern.


Tomislav Ivkovic (55) spielte für Dinamo Zagreb, den Wiener Sport-Club, FC Tirol und Sporting Lissabon. Mit Jugoslawien gewann der Tormann 1984 die olympische Bronzemedaille und erreichte das WM-Viertelfinale 1990. 

Referenzen:

Heft: 108
ballesterer # 121

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