»Wir wollen den Titel«

cache/images/article_1657_sund2_140.jpg Pia Sundhage hat Fußball über vier Jahrzehnte auf drei Kontinenten gelebt. Im Interview spricht die schwedische US-Teamchefin über ihre Kindertage als vermeintlicher Bub, systematische Benachteiligungen von Frauen und den entwaffnenden Charme der Songs von Bob Dylan.
ballesterer: Wie ist die Erwartungshaltung der US-Öffentlichkeit vor der WM?
Pia Sundhage: Dieses Team war bisher sehr erfolgreich und hat immer eine Medaille geholt. Wir wollen den Titel und der Verband und die Öffentlichkeit erwarten das auch von uns. Gleichzeitig habe ich höchsten Respekt vor der Konkurrenz. Deutschland will vor eigenem Publikum den dritten Titel holen, und Brasilien hat bei den letzten Turnieren immer stark gespielt. Zahlreiche Länder investieren mittlerweile ganz schön viel Geld in ihre Teams. Dadurch wird es schwieriger zu gewinnen.
Das US-Team hat vergangenes Jahr gegen Mexiko und heuer gegen England verloren. Beunruhigt Sie das?
Der erste Gedanke nach der Niederlage gegen Mexiko war natürlich: »Oh, shit!« Aber so war es möglich, in den beiden Play-offs gegen Italien den Druck zu simulieren, unter dem wir auch bei der WM stehen werden. Das Match gegen England sehe ich als Weckruf. Wir haben taktische Fehler gemacht, die nicht zu übersehen waren und an denen wir arbeiten können.
Ihre Vorrundengruppe ist schwierig. Gibt es ein Schlüsselspiel für den Aufstieg?
Ich möchte nicht zu weit nach vorne schauen. Unser Eröffnungsspiel gegen Nordkorea ist hart, weil niemand weiß, wo sie gerade stehen. Aber damit können wir umgehen. Danach kommen die Kolumbianerinnen, die bei ihrem WM-Debüt sicher sehr motiviert sind. Gegen Schweden werden sich rund um das Match alle Fragen der Reporter an mich richten. Aber es bleibt trotzdem ein normales Spiel, nur davor und danach wird es sich anders anfühlen.
Schweden gilt als emanzipierte Gesellschaft. War es zu dennoch unüblich, dass Sie als Mädchen Fußball spielen wollten?
Ja, sicher. Vergessen Sie nicht, wie alt ich bin. Das ist jetzt mehr als 40 Jahre her. Als ich angefangen habe, dachte ich, dass ich das einzige Mädchen auf der Welt bin, das Fußball spielen will. Ich habe mit den Buben gekickt, aber nicht in einer richtigen Liga. Dann hat ein Trainer gesagt: »Drücken wir ein Auge zu, dann kannst du bei uns mitmachen.« Statt Pia bekam ich den Bubennamen Pelle. Das war ziemlich cool, weil mein Held damals Pele war. So habe ich angefangen. Der Status der Frauen in Schweden hat uns aber sicherlich geholfen. Wir haben für unser Recht gekämpft, Fußball zu spielen. Wir wollten starke Frauen sein und haben unseren Zugang zu Fußballplätzen und Trainingszeiten eingefordert.
Sie waren eine erfolgreiche Spielerin in Schweden und bei Lazio in Italien. Als Trainerin waren Sie unter anderem in China und den USA tätig. Wie kann man die unterschiedlichen Fußballkulturen vergleichen?
Nachdem ich als Profi zu Lazio gegangen bin, habe ich mich immer gefragt, warum die Leute in einem Fußballland wie Italien nichts für Frauenfußball übrig haben. Wenn du am Wochenende zu Lazio oder Roma gegangen bist, hast du auf den Tribünen Frauen, Männer, Alte und Junge gesehen. Aber wenn die Frauen gespielt haben, hat es geheißen: »Das ist uninteressant.« In Schweden hat es mehr Interesse für Frauenfußball gegeben, das war ein Kulturschock für mich. In den USA ist Fußball ein Mädchensport. Der Einstieg ist sehr leicht, der Spielstil anders als in Europa. Ich bin mit einer geordneten Abwehr groß geworden mit Schwerpunkt auf Ballbesitz und guter Technik. Ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber wenn du dir den Spielstil hier anschaust, dann bekommen die Mädchen bisher eher eine »Go for it!«-Einstellung und eine tolle Siegermentalität vermittelt.
In Deutschland ist der Durchbruch des Frauenfußballs eng mit dem EM-Titel 1989 verbunden. Hat es für Schweden einen ähnlichen Schlüsselmoment gegeben?
Wir hatten mehr als einen Moment. Einerseits die erste EM 1984, als wir im Finale gegen England gewonnen haben. Damals haben sehr viele Mädchen mit dem Fußball begonnen. Aber auch die Teilnahme an der ersten WM 1991 und die Heim-WM 1995 waren wichtige Etappen. Und natürlich 2003, das Finale gegen Deutschland: Bei der Rückkehr nach Schweden haben viele Leute die Silbermedaille gefeiert. Wir dürfen aber auch das Klubsystem nicht vergessen: Vereine wie Umea spielen guten Fußball und ziehen viele Zuschauer an.
Im Frauenfußball gibt es viele männliche Trainer. Umgekehrt sieht man überhaupt keine Trainerinnen bei den Männern. Woran liegt das?
Es kommt darauf an, wohin man schaut: Im US-Collegefußball gibt es einige Trainerinnen. In Schweden gibt es im Profibereich keine weiblichen Coaches. Bei den Nationalteams werden die USA, Deutschland und einige andere Länder von Frauen trainiert. Es wäre wichtig, diese Tendenz zu verstärken, aber die Bedingungen sind nicht dieselben wie für Männer. Ich selbst war nie Profi, außer in Italien. Ich hatte einen anderen Job, für meine Fußballkarriere musste ich früh aufstehen. Nach der Arbeit habe ich noch eine Trainingseinheit angehängt. Wenn ich meine Biografie mit der männlicher Profis vergleiche, haben die ein vergleichsweise leichtes Leben. Wenn sie Trainer werden wollen, brauchen sie nur die Ausbildung zu absolvieren. »Du bist ein Mittelfeldspieler, du organisierst das Spiel, du bist schnell von Begriff? Hey, solltest du nicht Trainer werden?« Ich glaube, das würde man zu einer Frau nicht so einfach sagen.
Erfolge des Frauenfußballs werden oft als Schritte zur Gleichberechtigung gesehen, Vorurteile halten sich aber hartnäckig. Wie lässt sich das ändern?
Diese Frage bräuchte eine lange Antwort, aber ich gebe Ihnen eine kurze: Fußball ist der wichtigste Sport auf der Welt, und viele Burschen und Männer denken, dass sie Fußball spielen können. Heute sagen Mädchen und Frauen das Gleiche, aber statt zu sagen »Super, wir werden mehr, wir gewinnen neue Spielerinnen«, haben die Männer Angst und wollen manche Dinge nicht teilen. Es gibt bestimmte Erwartungshaltungen, wer diesen schönen Sport spielen sollte. Dabei geht es um Vorstellungen, wie Frauen sein sollen oder eben nicht, genauso wie um Bilder von Männern.
Zu den Vorurteilen gegenüber Frauenfußball gehört das Stereotyp der lesbischen Kickerin. Sie haben letztes Jahr Ihr Comingout gehabt. Wie ist es dazu gekommen?
Zunächst einmal: Das war kein Comingout! Ich habe in einem Interview lediglich darüber gesprochen, dass es nicht immer einfach ist, in den USA zu leben, weil mich meine Partnerin auf den vielen Reisen nicht begleiten kann. Ich habe gesagt: »Sie bleibt in Örebro.« Und auf die Nachfrage: »Ihr Name ist Marie.« Das ist meine Art, damit umzugehen. Ich möchte ein Vorbild sein, und das hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun.
Abschließend eine ganz andere Frage: Auf YouTube gibt es mehrere Clips, in denen Sie singen. Ist das Ihre zweite Leidenschaft?
Oh ja, das mache ich sehr gern. Für das US-Team habe ich sogar bei unserem ersten Aufeinandertreffen gesungen. Ich war nervös, weil der Verband erstmals eine ausländische Trainerin angeheuert hatte. Sie wollten Veränderungen und ich habe überlegt, wie ich das am besten vermittle, mich aber in meiner Sprache etwas eingeschränkt gefühlt. Also habe ich die Spielerinnen angeschaut und einfach zu singen begonnen Bob Dylans »The Times They Are A-Changin«. Damit habe ich sie überrascht. Wenn wir in Deutschland den WM-Titel holen, werde ich bestimmt wieder singen!


Zur Person
Pia Sundhage (51) ging als Stürmerin unter anderem für Jitex BX, Östers IF, Hammarby IF und SS Lazio auf Torjagd. Im schwedischen Nationalteam erzielte sie bei 146 Auftritten 71 Treffer, mit denen sie zum EM-Titel 1984 und zu Platz drei bei der WM 1995 beitrug. 1988 wurde sie in Schweden auf einer Briefmarke verewigt, bei der FIFA-Wahl zur Spielerin des Jahrhunderts landete sie auf Platz sechs. Ihre Trainerinnenkarriere führte Sundhage in die USA und nach China. Seit Ende 2007 ist sie Cheftrainerin der US-Frauen, die sie 2008 in Peking zu Olympia-Gold führte.

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