Wo die Wände reden

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Die Gaststätte Adlerhof in Wien-Neubau zeigte nur an manchen Tagen Livespiele – und war trotzdem wohl einer der schönsten Orte, um Fußball zu schauen. Zu verdanken war das dem Wirt, Herrn Stefan.

Jakob Rosenberg | 15.11.2016

„Was? Da gehst du hin? Das ist ja ur tief.“ Meine Schulfreundin musste es wissen, schließlich wohnte sie direkt neben dem Adlerhof. Auf den ersten Blick mag das Lokal in der Burggasse vielleicht wirklich nicht den besten Eindruck gemacht haben – noch dazu zu einem Zeitpunkt als Wien-Neubau gerade zum Symbolbezirk für den Begriff „Bobo“ wurde. Damals um das Jahr 2000 herum öffnete ein originelles Lokal neben dem anderen, spezialisierte Geschäfte für alle mehr oder weniger wichtigen Dinge boomten, und wenig später sollte dort erstmals ein Grüner einen Bezirksvorsteherposten in Wien erobern. Zu diesem Trend passte der Adlerhof ganz und gar nicht. Wer das Lokal betrat, wurde sofort von der für Wiener Gasthäuser so typischen Duftwolke aus Rauch, Bier und verbranntem Speiseöl eingenebelt. Die stickige Luft hatte auf den Wänden ihre Spuren hinterlassen, die hohen Fenster waren mit Vorhängen verhängt, für Licht sorgten die in Lustern verbauten Neonröhren.

Es muss damals, irgendwann nach der Matura, gewesen sein, dass ich das Lokal zum ersten Mal betrat. Genau weiß ich es nicht mehr, dafür kann ich mich aber noch daran erinnern, woran mein Blick hängenblieb: Hinter dem Tisch, an dem ich saß, hing das Poster meiner Mannschaft – das keine zehn Jahre zuvor in meinem Kinderzimmer gehangen war – in einer Reihe mit zahlreichen anderen Vereinen. Die Sammlung an gerahmten Mannschaftspostern, Fahnen und Wimpeln sollte in den nächsten Jahren so stark anwachsen, dass an den Wänden kein Fleck frei blieb.

Romanfigur
Doch nicht die Inneneinrichtung machte den Adlerhof zum Fußballlokal, auch nicht die Spielübertragungen, die zuerst auf einem kleinen Röhrenfernseher über der Schank, später auf einer Leinwand im Eingangsbereich gezeigt wurden, sondern Stefan Giczi, der Wirt. Von seinen Gästen wurde er nur Herr Stefan genannt. „Der Adlerhof hat einen Ensemblecharakter, jeder Gegenstand, jedes Objekt, jedes Bild hat seinen Ort – und Herr Stefan ist damit verwachsen“, sagt Heinrich Steinfest. Als der Schriftsteller noch in Wien lebte, war er hier Stammgast, und in seinem Krimi „Ein dickes Fell“ spielen der Adlerhof und Herr Stefan die heimliche Hauptrolle. „Er hat nicht gewusst, dass ich ihn für das Buch verwende. Mir war das fast ein bisschen unangenehm. Normalerweise sind alle meine Figuren fiktiv, aber in dem Fall habe ich das Lokal und den Wirten beim Namen genannt und mich bemüht, ihm mit dem Porträt gerecht zu werden“, sagt der Autor. Vermutlich wäre es auch eine literarisch nicht zu lösende Aufgabe gewesen, sich einen besseren Charakter einfallen zu lassen als die reale Vorlage.

Schon optisch war der kleine, fast kahle Wirt die dominante Erscheinung im Lokal. Egal, ob er im immer gleichen blauen Hemd und der weißen Schürze hinter der Schank stand, ob er die Lesebrille aufsetzte, um die Bestellung zu kontrollieren, oder ob er die lederne Kellnerbrieftasche, die er ständig mit sich herumschleppte, hervorholte, um zu kassieren. Er mochte etwas kauzig wirken, etwa wenn er Bierbestellungen so lange ignorierte, bis der Gast sein Glas ausgetrunken hatte, um es nach einer kurzen Spülung wieder aufzufüllen. Oder wenn er auf seinem Block nicht nur die Bestellungen dokumentierte, sondern diese den Gästen mit Eigenschaften wie „Mann, Hemd, lange Haare“ und „Frau, schwarzer Pullover“ zuordnete, um bei der Abrechnung auch ja keine Zweifel aufkommen zu lassen. Und auch das Kassieren konnte zum Spektakel werden, wenn Herr Stefan die Geldscheine auf ihre Echtheit überprüfte und den Gästen vorrechnete, wie die Ziffernsumme der Seriennummer zum Länderkürzel der alten Euro-Scheine passen musste. „Ich weiß nicht, wie oft ich die letzte U-Bahn versäumt habe, weil es einfach nicht zum Zahlungsvorgang gekommen ist“, sagt Steinfest. „Zu Herrn Stefans Autorität hat dazugehört, dass man sein Tempo anerkennt. Und wenn er mit jemandem im Gespräch war, hat er das nicht unterbrochen, nur weil ein anderer Gast zahlen wollte.“ Denn wer von Herrn Stefan akzeptiert wurde, durfte sich auf lange Gespräche über alle möglichen Themen freuen, am liebsten über Fußball.

Auf der Flucht
„Dieser scheiß Schlaganfall.“ Immer wieder sagt Herr Stefan beim ballesterer-Interview diesen Satz. Die Erkrankung hat den so penibel auf Ordnung schauenden Wirten völlig durcheinander gebracht. Eine Operation folgt auf die nächste, täglich hinter der Budel stehen, das kann der mittlerweile 80-Jährige nicht mehr, er musste das Lokal schließen. Jetzt sucht er jemanden, der die Gaststätte übernimmt – und am besten alles so lässt, wie es war. Eine unmögliche Aufgabe, denn der Adlerhof erzählt die Geschichte von Herrn Stefan und seinen Gästen. Auch an den Wänden. „Irgendwann hat mir ein Gast ein Mannschaftsposter geschenkt“, sagt er. „Das hat mir gefallen, weil ich selbst Fan bin – und es ist die billigste Tapezierung. Ich bin dann nach Ungarn gefahren und habe es dort rahmen lassen. Das habe ich mit allen anderen auch gemacht.“

In Ungarn beginnt auch die Fußballleidenschaft von Istvan – wie er eigentlich heißt – Giczi. In der Jugend spielt er sogar kurz im Nachwuchs von Györi ETO. „Ich konnte mit dem linken wie mit dem rechten Fuß schießen“, sagt er. „Ich habe wirklich Talent gehabt, aber alles hingeschmissen.“ Zu lange sind die Tage, wenn es nach der Schule noch zum Training und anschließend auf die Heimreise nach Mosonmagyarovar geht. Einige Jahre später, Ende Oktober 1956, nimmt der mittlerweile 20-Jährige an einer Demonstration gegen die Regierung teil. Als die Staatsmacht das Feuer auf die Demonstranten eröffnet, wird er am Bein von einem Granatsplitter verwundet. „Die hätten mich ganz bestimmt eingesperrt, wenn sie die Verletzung gesehen hätten“, sagt er. Wenige Tage später überquert er bei Halbturn die Grenze, gemeinsam mit einem Freund geht es weiter nach Wien. „Sie können sich nicht vorstellen, was die Österreicher damals geleistet haben, ganz großartig. So etwas passiert nicht noch einmal so schnell. Das war ganz anders als bei den syrischen Flüchtlingen jetzt“, sagt er. Er findet einen Job in der Fabrik, später am Bau und im Büro – und spart. Anfang der 1970er Jahre pachtet er sein erstes Lokal, das Parkcafé in der Dornbacher Straße, fast in Hörweite des Sportclub-Platzes. Er wird zum Fan, seine Mannschaft sieht er allerdings nicht oft spielen. „Es hat mich zwar interessiert, ich war aber fast nie am Fußballplatz. Ruhetag war der Montag“, sagt Herr Stefan. Der Montag bleibt auch der Ruhetag, als er 1978 den Adlerhof übernimmt.

Ständig Fußball
Seit ich ihn kenne, war der Adlerhof an normalen Tagen meistens ganz gut besucht, aber selten überfüllt. Das war er nur, wenn Herr Stefan Fußball zeigte. Dann dimmte er das Licht, kletterte auf einen Hocker in der Mitte des Lokals, um den Beamer einzuschalten, und erlaubte den Gästen sogar, die Sessel zu verrücken. „Mir ist bis heute ein Rätsel, wie man alleine Fußball schauen kann. Ich genieße das nur in Gesellschaft, aber ich bin kein Stadiongeher“, sagt Steinfest. „Der Adlerhof war so etwas wie das Stadion als kabinettartiges Zimmer. Ein Ort, an dem man mit Bekannten und Unbekannten für den Zeitraum des Spiels eine Gemeinschaft bildet.“ Regelte Herr Stefan den Betrieb – mit Ausnahme der Küche – üblicherweise alleine, holte er sich vor besonders attraktiven Begegnungen, die er sich schon Wochen vorher im Kalender anstrich, Verstärkung. Am liebsten von Dora Kuthy, von der er heute noch schwärmt. „Er hat wahnsinnig viele Rituale gehabt, die sehr sinnvoll waren, ich aber erst mit der Zeit verstanden habe“, sagt sie. Später hat Kuthy darüber sogar ihre Diplomarbeit an der Universität für angewandte Kunst geschrieben. „Ich habe ihn für eine Ausstellung auch beim Zusammenrollen des Bestecks in Servietten gefilmt. Er war extrem präzise, auch als er das Besteck dann verteilt hat. Wer einen Zwiebelrostraten isst, braucht ein anderes Messer als jemand, der faschierte Laibchen bestellt.“

Nach Spielende kam das Licht zurück, doch der Fußball blieb. Auf dem kleinen Fernseher über der Schank schaltete Herr Stefan dann einen anderen Sender ein, der sich mit Sport beschäftigte. Wahrscheinlich waren es auch gar nicht die Übertragungen der Spitzenspiele, die ihn zum Experten machten, sondern eben jene Sendungen zu Nischen wie der zweiten deutschen Bundesliga und die Zeitungsberichte, die er in seinen freien Stunden las. Denn selbst wenn gerade die Champions League gelaufen war, der anschließende Smalltalk führte bald auf weniger prominente Bahnen. Herr Stefan sagte dann Sätze wie: „Sagen Sie, kennen Sie eigentlich den Sowieso vom SC Freiburg?“ Und erzählte von einem mir völlig unbekannten Spieler, der ihm aufgefallen war. Er erzählte von ungarischen Talenten, österreichischen Teamspielern und von den Vereinen, deren meist glücklose Geschichte ihm von seinen Gästen nähergebracht worden war. Oder er gab einfach seine Einschätzung über einen gerade wieder einmal chronisch erfolglosen Trainer des Wiener Sportklub ab.

Ehrenplatz für Morricone
So gerne Herr Stefan mit seinen Gästen plauderte, getrunken hat er mit ihnen nicht. „Wenn man mit Geld arbeitet, darf man kein Tschecherant sein“, sagt er. Und dennoch legte er großen Wert auf die Qualität seines Bieres. Wenn gerade die richtige Saison war, begrüßte er seine Gäste mit dem Satz: „Sie müssen wissen, heute habe ich etwas ganz Besonderes: den Festbock von Schnaitl.“ Die Brauerei muss überhaupt einen Platz in seinem Herz haben, schließlich schafften es nur ein Bild seines Lieblingskomponisten Ennio Morricone und eine historische Ansicht der Brauerei auf die sonst dem Fußball vorbehaltenen Wände.

Das sei die einzige positive Sache an dem Schlaganfall, sagt Herr Stefan, jetzt habe er wieder mehr Zeit. Er mache lange Spaziergänge, lerne die Stadt und ihr Kulturangebot endlich kennen und sogar auf dem Sportclub-Platz sei er gewesen – beim Derby gegen die Vienna. Zum Freundschaftsspiel gegen den FC St. Pauli Anfang September gehe er wieder, immerhin hänge ja ein Poster des Klubs über der Schank. Das hätten ihm Gäste geschenkt, die ihn über all die Vorzüge des Klubs gegenüber dem Stadtrivalen HSV, der ebenfalls an der Wand hängt, aufgeklärt hätten. „Kommen Sie auch zu dem Spiel?“, fragt er mich.

Am Sportclub-Platz
Wenige Wochen später erscheint Herr Stefan an einem Spätsommerabend im dunkelblauen Sakko. Um seinen Hals hängt ein Sportklub-Schal, den er geschenkt bekommen hat, wie er erzählt. Seinen Platz hat er auf den Holzbänken der Haupttribüne in der Nähe der Friedhofstribüne der Heimfans gefunden. Die Atmosphäre gefällt ihm, alles sei wunderbar, sagt er immer wieder. Nur die offizielle Zuschauerzahl von 7.015 will er nicht glauben. „Die blaue Tribüne ist ja halb leer, beim Spiel gegen die Vienna war es deutlich voller, und da waren es 8.000.“ Nach dem 1:0 für den Sportklub merkt man ihm die fehlende Fußballplatzerfahrung an. „Ich warte immer auf die Wiederholung“, sagt er und setzt zu einem Lob des Fußballs im Fernsehen an. Auch bei den Sportklub-Ritualen wie dem Schlüsselbundrasseln bei Eckbällen mangelt es ihm noch an Routine. Überhaupt plaudert er während der Partie lieber und erzählt zum Beispiel, welche Plätze er in den nächsten Monaten noch besuchen will: das neue Rapid-Stadion, die Hohe Warte, den Prater.

Zur Halbzeit liegt der Sportklub schon 1:2 zurück, in der zweiten Halbzeit bricht er komplett ein. Herr Stefan nimmt das Freundschaftsspiel nicht wahnsinnig ernst, ärgern kann er sich trotzdem. „Von der linken Seite kommt alles an.“ Als in der 90. Minute das 6:1 fällt, sagt er mit einem Lachen: „Ich muss jetzt als nächster Trainer ran.“ Doch kaum haben auf dem Feld die Spieler abgeklatscht und die letzten Erinnerungsfotos sind geschossen, wird Herr Stefan melancholisch. „Das ist schon schön“, sagt er. „Manchmal frage ich mich, ob ich nicht doch die falsche Entscheidung getroffen habe.“

Spurensuche in Dornbach
Nach Spielende hat es Herr Stefan nicht eilig, wir bleiben noch rund eine Viertelstunde auf der Tribüne stehen, danach zeigt er uns den Ort, an dem er seine ersten Erfahrungen in der Gastronomie gesammelt hat. „Hier waren früher die Hecken, die den Eingang umzäunt haben“, sagt er. Doch das Parkcafé gibt es längst nicht mehr, die Eigentümer der Liegenschaft haben alle Spuren des ehemaligen Kaffeehauses verwischt. Dem Adlerhof wird es wohl ähnlich ergehen. Die Hausverwaltung wolle die kürzlich ohnehin erhöhte Miete für das Lokal verdreifachen, sagt Herr Stefan. Zudem würde der Standort bei einer Neuzulassung nicht mehr alle behördlichen Auflagen erfüllen und müsste gründlich saniert werden.

„Der Adlerhof funktioniert ohne Herrn Stefan nicht, er war die Seele des Lokals“, sagt Dora Kuthy. „Egal, ob das die Weihnachtsbaumverkäufer waren, die im Dezember nach getaner Arbeit reingeschaut haben, oder die Volkstheater-Schauspieler nach einer Vorstellung, letztlich sind die Gäste seinetwegen gekommen.“ Als ich Herrn Stefan frage, warum sein Lokal so attraktiv war, klingt die Antwort viel bescheidener. „Vielleicht wegen dem guten Essen“, sagt er. „Und weil ich immer viel mit den Gästen geredet habe.“ Dieser scheiß Schlaganfall.

Foto: Stefan Reichmann

Referenzen:

Heft: 117
ballesterer # 121

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