Zeigt her eure Trainingshosen

Als die Hooligans in Großbritannien nicht mehr in die Stadien gingen, kamen sie ins Kino. Dabei spielte die Faszination der Gewalt nicht immer die Hauptrolle.
Stefan Kraft | 12.10.2012

Ein Freudenschrei geht durch London. Erwachsene Männer hüpfen durch ihre Wohnung, schreien im Pub, jubeln am Schreibtisch. Die Auslosung im FA-Cup steht fest: Millwall spielt in der nächsten Runde gegen Chelsea.


Diese Szene aus »The Football Factory« (2005) wirkt wie eine Persiflage auf den Sportfilm. Denn die Männer, die sich hier über die Cup-Auslosung freuen, tun das einzig und allein in Vorfreude auf die kommende Schlacht gegen die gegnerische Hooligantruppe. Alles, was in dem Film von Nick Love noch passieren wird, steuert auf dieses Finale zu. Und darin unterscheidet sich »The Football Factory« kaum von einem Sport- oder Actionfilm mit dem feinen Unterschied, dass der skurrile Wettstreit um die erfolgreichste Schlägertruppe keine Helden hervorbringt, mit denen der Zuschauer mitfiebern kann.

Gute alte Zeit
Während Filme über Jugendkulturen seit James Dean und Marlon Brando gerne unsterbliche Idole hervorbrachten, blieb das dem Genre des Hooliganfilms zumeist verwehrt. Die Distanz zu den Erlebnisorientierten bewahren feinsinnigere Werke wie »The Football Factory« durch Humor oder sozialkritische Töne, grobschlächtige oder platt ausgelegte Filmen wie »The Firm« (2009, Regie ebenfalls von Nick Love) und »Hooligans« (2005, Regie von Lexi Alexander) setzen hingegen auf drastische Gewalt und abstoßende Über-Männlichkeit, um dem Vorwurf der Heroisierung zu entgehen.


Ebenso wie die Literatur besann sich auch der britische Film in den 1990er und 2000er Jahren zunehmend auf jene Zeiten, als die Kartenpreise in den Stadien genauso niedrig gehalten wurden wie die Anzahl der Ordner und Polizisten. Romane wie »The Football Factory« von John King und »Awaydays« von Kevin Sampson dienten als Vorlage für die Auseinandersetzung mit einer Jugendkultur, die dem modernen Fußballgeschäft hatte weichen müssen. Während der Soundtrack in der englischen Popmusik der 1980er Jahre rasch gefunden war, sah sich die Verfilmung bei der Erzählung der Geschichte vor einer schwierigen Aufgabe: Sie musste allen Klischeefallen ausweichen und sorgsam abwägen zwischen der Sympathie für eine rebellische Jugend und der Trostlosigkeit ständiger Gewaltexzesse. Grandios hat das Pat Holden in »Awaydays« (2009) gelöst, der sich dezidiert der schwierigen Freundschaft unter heranwachsenden Hooligans widmet, ihrem Schwanken zwischen Homophilie und Aggression, ihrer Suche nach dem Vaterersatz im Bandenführer und dem fehlenden Kollektiv im von Margaret Thatcher geprägten England.


Auf der Suche nach Gewalt
Im selben Jahr wie »Awaydays« erschien auch »The Firm«, in dem derlei Beobachtungen keine Rolle spielen. Regisseur Nick Love setzt hier eher auf die üblichen Schablonen eines Bandenfilms, mit der klaren Trennung von Gut und Böse und der Gewalt als Verführung, der man nicht nachgeben sollte. Kaschiert wird die schwache Inszenierung von der Kleiderauswahl, bei der sich die Macher weit größere Mühe gaben als beim Drehbuch. So enthält der Film zumindest für Nostalgiker des Trainingsanzugs viele sehenswerte Szenen.


Von der Wiederbelebung einer untergegangenen Kultur profitierte auch der Hauptdarsteller von »The Football Factory«, Danny Dyer. Mit seinen Doku-Shows »The Real Football Factories« und »The Real Football Factories International« tourte er noch Jahre nach dem Spielfilm auf der Suche nach gewaltbereiten Darstellern quer durch die Welt.

Referenzen:

Heft: 76
Rubrik: Thema
Thema: Hooligans
ballesterer # 113

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