Zügelloses Spiel

cache/images/article_1854_dsc_9211_140.jpg Der ukrainische Fußball ist eine Spielwiese für Abenteurer. Oligarchen ringen mit ihren Allianzen um die Macht, brasilianische Spieler sind halb so teuer wie Ukrainer. Und in den Fanbeziehungen spiegelt sich die Zerrissenheit des Landes wider. Eine Bahnreise durch die vier ukrainischen Austragungsorte dieser EM.
Reinhard Krennhuber | 16.05.2012

»Fahr bis zur Endstation. Wir treffen uns dort im Docker Pub. In der Straße, die rechts weggeht. Wenn du es nicht findest, frag dich durch.« Am zweiten Tag in Kiew steht das erste Match auf dem Programm. Artem Frankow, Chefredakteur der Wochenzeitung Futbol, hat sich zu einer kleinen Einführung in den ukrainischen Fußball bereiterklärt. Anlassfall ist das Abstiegsduell zwischen dem FC Obolon und Karpaty Lwiw in einer Plattenbausiedlung im Norden der Stadt. Die U-Bahn spuckt mich an der Endstation aus. Es regnet heftig und vor dem Bahnhof breitet sich ein belebter Markt aus. Orientierungshilfen sind spärlich gesät. Das Pub kennt niemand, mit Englisch komme ich nicht weit. Artem sagt, er habe schon auf meinen Anruf gewartet, und holt mich ab.  

In den Nischen der Plattenbauten
Artem Frankow kommt aus dem Osten der Ukraine, lebt aber schon seit 15 Jahren in diesem Kiewer Viertel. »Als ich hierhergezogen bin, hat es keine asphaltierten Straßen gegeben, es war alles Pampa«, erzählt er auf dem Weg zum Match. Heute würden die Mieten selbst in den Außenbezirken unverschämte Ausmaße annehmen. Zwischen den Plattenbauten kommen Flutlichtmasten zum Vorschein. Das Stadion des FC Obolon liegt inmitten einer Wohnsiedlung, die namengebende Brauerei, die den Klub finanziert, gleich dahinter. Dass der Verein und seine Anhänger ­»Pywowary« (Bierbrauer) genannt werden, scheint logisch.

Unter dem Dach der neuen Haupttribüne lässt es sich bei Bierpreisen von fünf Hrywnja (umgerechnet 50 Cent) trotz des Sauwetters gut aushalten. Die rund 500 Fans aus Lwiw im luftigen Auswärtssektor gegenüber haben es weniger gemütlich. Neben ihren grün-weißen Schals blitzen zahlreiche blau-weiße Fan­utensilien auf Hinweise auf die enge Freundschaft zu Dynamo Kiew. Man hält zusammen gegen Schachtar Donezk und Metalist Charkiw, die finanzkräftigen Teams aus dem Osten. Obolon sei neutral, sagt Frankow, und mit einem Jahresbudget von knapp drei Millionen Euro am unteren Ende der Finanztabelle angesiedelt. Dieses Defizit versucht der Vorstadtklub anderweitig auszugleichen: Im Kader stehen ausschließlich ukrainische Spieler. Der genaue Gegenentwurf dessen, was die Profiklubs in der Ukraine in den vergangenen Jahren zum Prinzip erhoben haben. Nämlich mit dem Geld größerer oder kleinerer Oligarchen zahllose Spieler aus dem Ausland zu verpflichten.

Der heutige Gegner Karpaty läuft mit sechs Nicht-Ukrainern auf, hat dem druckvollen Spiel der Hausherren aber wenig entgegenzusetzen. Obolon geht rasch 2:0 in Führung und bringt die drei Punkte ins Trockene. Statt des verstummenden Auswärtsmobs übernimmt der Teenagerchor der Obolon-Ultras die Vorsängerschaft zwischen den Plattenbauten. Nach Schlusspfiff kann sich Trainer Serhij Konjuschenko der Schulterklopfer kaum erwehren, seine Mannschaft übergibt die rote Laterne an Karpaty und kann auf die vierte Erstligasaison in Serie hoffen.

Artem schleust mich in die Präsidentenlounge im Bauch der mächtigen Haupttribüne. Ich werde dem Trainer, dem Stadionmanager und dem Chefcaterer vorgestellt. Auf den Buffettischen warten köstliche Häppchen, dazu gibt es wahlweise Cognac oder Wodka. Unter die Journalisten und VIPs mischen sich die Spieler, die dem Schnaps brav entsagen. Dann stößt auch der Präsident zur Runde: Olexandr Slobodjan, Geschäftsführer der Obolon-Brauerei und ehemaliger Parlamentarier für das Lager des prowestlichen Ex-Präsidenten Viktor Juschtschenko. Er genehmigt sich ein Stamperl und spricht über die Motivation seines Engagements.

Von der Peripherie ins Zentrum  
Am nächsten Tag: Kontrastprogramm. Dynamo Kiew empfängt im neuen Olympiastadion den Mittelständler Tschornomorez Odessa. Das Finalstadion der EM ist vom zentralen Unabhängigkeitsplatz aus, an dem 2004 die Orange Revolution ihren Ausgang nahm, in einer Viertelstunde zu Fuß erreichbar. Am Chreschtschatyk-Boulevard ruht wochenendbedingt der Verkehr. Vor dem Rathaus zählt eine Digitaluhr die Zeit bis zum Ankick der EM herunter: 68 Tage und ein paar zerquetschte Stunden und Minuten.

Auf der Flaniermeile findet anlässlich des 1. April ein lustiges Fest statt, der Andrang der Massen hält sich jedoch genauso in Grenzen wie einige hundert Meter weiter, wo die Anhänger der inhaftierten Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko ein Zeltlager aufgeschlagen haben. Auf Plakaten wird Präsident Viktor Janukowitsch karikiert, die Direktheit der Botschaften verwundert. Ein Passant erklärt: »Timoschenko bezahlt ihre Leute, damit sie hier campieren. Janu­kowitsch lässt sie in Ruhe, weil es mehr Aufsehen erregen würde, wenn er die Leute wegschaffen lässt. Während der EM werden sie aber wohl nicht mehr hier sitzen.«  

Der Weg zum Stadion führt vorbei an Wolkenkratzern, die in den vergangenen Jahren in Kiew zuhauf entstanden sind. Die Glasfassaden des Olimpijskij Tower und seiner Nebengebäude ragen bis zu 120 Meter in den Himmel. Das neue Olympiastadion ist nicht minder eindrucksvoll. Für rund 585 Millionen Euro wurde die Arena, in der einst über 100.000 Zuschauer die Erfolge des sowjetischen Rekordmeisters Dynamo Kiew bejubelten, drei Jahre lang komplett umgebaut. Die Kostenexplosion lässt vermuten, dass nicht nur die Dynamo-Fans vom neuen Stadion profitierten. Zum Vergleich: Die Allianz-Arena in München, ein Stadion ähnlicher Größe, wurde trotz der viel höheren Löhne in Deutschland um 340 Millionen Euro realisiert.

Bayern ist aber auch in Kiew oft gar nicht fern. Unmittelbar neben der alten Stadionkassa liegt das »Bavarian Pub«. Dort treffe ich Ihor und Jewhen zwei Dynamo-Fans, die für die Fanorganisation Football Supporters Europe (FSE) und die UEFA die lokalen Fanbotschaften der EM organisieren. Beim Bier kann ich zwischen König Ludwig Dunkel, Franziskaner, Warsteiner und einigen belgischen Sorten wählen, ukrainisches Fassbier sucht man vergeblich. Der Preis für das Krügerl ist mit drei Euro vergleichsweise gesalzen.

Auf den Flatscreens läuft das Match von Schachtar Donezk gegen Worskla Poltawa, das das Team des Oligarchen Rinat Achmetow locker mit 2:0 schlägt und damit bei einem Spiel mehr mit Tabellenführer Dynamo gleichzieht. Das Titelrennen geht in die entscheidende Phase, am folgenden Wochenende muss Dynamo zu Schachtar, die beiden Kiewer Fans weisen die Favoritenrolle von sich. »Achmetow ist der reichste Mann des Landes. Er investiert deutlich mehr Geld in seinen Klub als Dynamo. Das hat in den letzten beiden Saisonen den Ausschlag gegeben. Und er wird es auch heuer wieder richten«, meint Ihor. Zumindest die Sache mit dem Geld ist erwiesen: Das Budget des Achmetow-Klubs wird von ukrainischen Medien mit 115 Millionen Euro beziffert. Dynamo kommt laut Angaben von Vereinspräsident Ihor Surkis mit 44 Millionen aus. Da hilft nur Galgenhumor. Als Donezk-Trainer Mircea Lucescu eingeblendet wird, verweist Jewhen auf den Spitznamen, den ihm die Kiewer Fans nach einem Unfall mit einer Tramway-Garnitur in der Winterpause in Bukarest gegeben haben: »Wir nennen ihn Straßenbahndompteur.«

 

Rockige Pflichtübung
Eine halbe Stunde vor Matchbeginn stauen sich vor den Eingängen des Olympiastadions die Massen. Das elektronische Ticketsystem funktioniert weitgehend reibungslos, allerdings wird es vor den Toren der neuen Arena schnell eng, weil sie eingebettet in einen Kessel nur von zwei Seiten begehbar ist. Im Gegensatz zum Eröffnungsspiel Ukraine gegen Deutschland, bei dem es zu teils bedrohlichem Gedränge kam, verläuft der Einlass dieses Mal ohne Probleme, auch wenn 42.000 ­Dynamo siegen sehen wollen. Bereits ab zwei Euro sei eine Karte für ein Meisterschaftsspiel zu haben, das neue Stadion habe sich als Publikumsmagnet erwiesen, sagt Ihor. Während Dynamo seine Ligaspiele im alten Lobanowski-Stadion vor großteils weniger als 5.000 Zuschauern austrug, spielt man seit dem Umzug vor Zehntausenden.


Vor dem Match erlebt der neue Dynamo-Klubsong seine Premiere. Die Zuschauer singen den Refrain der rockigen Nummer mit, und auch die Ultras in der Kurve lassen sich nicht bitten. »Das Lied hat ein Freund von mir geschrieben. Es ist ein erstes Zeichen, dass der Verein die Fans ernst nimmt. Von einer guten Zusammenarbeit sind wir aber noch weit entfernt«, sagt Ihor. Als die Mannschaften auflaufen, setzen die Dynamo-Fans zu einer Schalparade an. Vereinzelt sind rechtsradikale Insignien auszumachen: Auf der Haupttribüne schwenkt ein Jugendlicher stolz seinen mit einem Keltenkreuz und einer germanischen Gottheit versehenen Schal. Er bleibt jedoch die Ausnahme. Der Stadionsprecher weist mehrmals darauf hin, dass rechtsradikale und antisemitische Symbole und Fangesänge im Stadion verboten sind.


Auf dem Platz setzt Dynamo seinen Erfolgslauf nahtlos fort. Die Mannschaft hat keines der bisherigen 24 Spiele verloren, und daran können auch Markus Berger und seine Kollegen aus Odessa nichts ändern. Schon vor der Pause steht es 2:0, nach dem Wechsel erhält auch Andrij Schwetschenko nach seiner Verletzungspause eine Viertelstunde Spielpraxis. Der vor drei Jahren heimgekehrte Sohn des Klubs ist der unumschränkte Star der Mannschaft. Als ­»Schewa« eingewechselt wird, steht das Stadion. Dynamo gewinnt schließlich ungefährdet mit 3:1 und liegt vor dem Showdown in Donezk drei Punkte vorn.

Hinter der glänzenden Fassade
Aus der Hauptstadt am Dnepr geht es am nächsten Abend in den Osten, nach Charkiw. Der Fahrpreis von 14 Euro für den Vierer-Liegewagen entschädigt dafür, dass der Zug für die 500-Kilometer-Strecke acht Stunden benötigt. Als ich am nächsten Morgen aus dem Zug steige, betrete ich eine andere Ukraine. Im Osten sprechen 99 Prozent der Bevölkerung Russisch, ein Großteil der Bewohner ist in Industrie und Landwirtschaft beschäftigt. Während der Bahnhof für die EM generalsaniert wurde, breitet sich dahinter eine verfallene Industriegegend aus, durch die sich jahrzehntealte Straßenbahngarnituren ihren Weg bahnen. Mein Taxifahrer signalisiert in gebrochenem Englisch, dass die Innenstadt auch schönere Plätze zu bieten habe.


Und so ist es dann auch: In der Sumska-Straße, in der sich mein Apartment befindet, sind die Häuserfassaden fesch herausgeputzt, sehr viel weiter sind die Renovierungen jedoch nicht fortgeschritten. In den Hinterhöfen verfallene Baracken, abseits der Hauptverkehrswege lässt der Zustand der Straßen selbst ukrainische Taxifahrer das Tempo auf Laufgeschwindigkeit drosseln. Auch wenn das Leben in der 1,5-Millionen-Metropole dank zehntausender Studenten pulsiert und viele Grünanlagen zum Verweilen in der Frühlingssonne einladen, wird schnell klar, dass man Charkiw nicht an westeuropäischen Standards messen kann.


Das bestätigt auch die Journalismusstudentin Maria, die während der EM in der Charkiwer Fanbotschaft arbeiten wird und mir den Charme der Stadt bei einer Führung näherbringt. Vom zen­tralen, zwölf Hektar großen Freiheitsplatz geht es über die benachbarte Universität, eine der ältesten und größten Osteuropas, in den weitläufigen Schewtschenko-Park, in dem wir auf ein Grüppchen Sporting-Fans treffen, die für das Viertelfinalrückspiel der Europa League den weiten Weg aus Lissabon angetreten haben. Benannt ist der Park nicht nach Dynamo-Legende Andrij, sondern nach Taras Schewtschenko, einem bedeutenden Lyriker des 19. Jahrhunderts und Vorreiter der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung.

Lenin vs. Jaroslawskyj
Das deutlich größere Abbild von Lenin am Freiheitsplatz wird neuerdings von einem Gebäude in den Schatten gestellt, das dem Gründer der Sowjetunion wohl kaum gefallen hätte. Jenseits der Straße kreuzen Skater und Rollerboarder auf dem weitläufigen Vorplatz des Kharkiv Palace Hotels. Finanziert hat die 96 Millionen Euro teure Fünf-Sterne-Hütte mit 180 Zimmern, einem Ballsaal für 600 Gäste und jedem erdenklichen Schnickschack eine Investorengruppe um den Multimilliardär und Metalist-Präsidenten Olexandr Jaroslawskyj. »Unsere Zimmerpreise bewegen sich zwischen 150 und 550 Euro pro Nacht«, sagt PR-Managerin Margarita Iwlewa. Für den Zeitraum der EM sei man zu 95 Prozent ausgelastet, danach hoffe man auf finanzkräftige Gäste, die durch die Europameisterschaft auf Charkiw aufmerksam werden. Damit diese auch landen können, hat Jaroslawskyjs DCH-Gruppe weitere 81,5 Millionen Euro in den neuen Flughafen der Stadt gesteckt. Die neun Millionen, die der Oligarch in die Jugendakademie des FC Metalist investierte, nehmen sich dagegen genauso bescheiden aus wie die Aufwendungen von 22 Millionen Euro für das EM-Stadion in Charkiw, dessen Neubau zu 70 Prozent von der öffentlichen Hand getragen wurde. 


Mit seinem Engagement im Fußball folgt Jaroslawskyj dem Beispiel zahlreicher anderer ukrainischer und russischer Millionäre. Seit dem Einstieg seiner Gruppe 2006 konnte sich Metalist, zuvor nur durch einen sowjetischen Cupsieg 1988 aufgefallen, als drittstärkste Kraft im ukrainischen Fußball etablieren. Der sportliche Erfolg hat dem Mäzen allgemeine Anerkennung eingebracht. Auch von Menschen, die dem Turbokapitalismus, mit dem Jaroslawskyj und Co. zu ihren Millionen gekommen sind, skeptisch gegenüberstehen. Im Café »Dukat« unweit des Zentrums treffe ich den Schriftsteller Serhij Zhadan. Er und seine Freunde würden seit Jahrzehnten zu Metalist gehen, sagt der Mittdreißiger wegen der Liebe zum Verein, nicht wegen der Erfolge. Dennoch klingt Respekt vor dem Engagement des Oligarchen durch.

 

»Jaroslawskyj hat viel von Achmetow gelernt. Er identifiziert sich mit dem Klub und betrachtet ihn nicht nur als Spielzeug. Das honorieren die Fans«, sagt Zhadan und verweist auf die Sozialprojekte von Metalist und die Freikarten, die man Schülern und Studenten zugesteht. Dem Oligarchenfußball der aktuellen Ausprägung attestiert er dennoch ein Ablaufdatum. »Ohne Akademien, ohne junge Spieler aus der Region wird man langfristig nicht erfolgreich sein.« Aktuell sind mehr als die Hälfte der Spieler im Metalist-Kader Legionäre. »Es ist paradox, aber gute ukrainische Spieler sind teurer als gleichwertige Brasilianer oder Argentinier. Wir haben im Vorjahr Denis Olijnik für mehrere Millionen Euro an Dnipro verkauft. Für das Geld bekommt Jaroslawskyj zwei Brasilianer«, sagt Zhadan.


Der Europameisterschaft steht der Autor positiv gegenüber. »Ich möchte, dass die EM gut verläuft und die ukrainische Nationalmannschaft möglichst weit kommt.« Die Boykottaufrufe europäischer Politiker sind bei unserem Gespräch noch nicht absehbar, Zhadan sieht die Lage aber ohnehin nüchtern. »Die EM ist kein Mechanismus zur europäischen Integration. Die Integration beschränkt sich auf den Fußball, der schon gut entwickelt ist und sich jetzt noch ein Stück weiterentwickeln wird.« Er kritisiert, dass die Bevölkerung kaum von dem Großereignis profitiert. »Die EM wurde nicht dazu genutzt, etwas Systematisches zu verändern«, sagt Zhadan. »Das Turnier wird vorbeigehen, aber unsere Probleme werden bleiben. Dagegen müssen wir selbst etwas unternehmen.«

Blau-gelbes Drama in der Spinne
Tags darauf will Metalist etwas gegen das drohende Ausscheiden aus der Europa League unternehmen. Das Hinspiel bei Sporting ging 1:2 verloren, erst ein Elfmetertor in der Nachspielzeit ließ sie wieder vom Semifinale träumen. Schon am Nachmittag sind zahlreiche blau-gelbe Fans vor der »Spinne«, wie das Stadion aufgrund seiner Bauweise genannt wird, unterwegs. Doch nicht nur die Fans, sondern auch die Plattenbauten und die U-Bahn-Stationen tragen die Vereinsfarben, der Stadtteil Charkiw-Komintern wurde von Jaroslawskyjs Unternehmen quasi generalgebrandet.


Je näher der Anpfiff rückt, desto größer wird der Rummel vor der Arena. Das auf öffentlichen Plätzen geltende Alkoholverbot hat zumindest für diesen Abend keine Bedeutung, Polizisten sind nur direkt am Stadion zu sehen. Noch bevor die Mannschaften auflaufen, ein erstes Stimmgewitter: 38.000 Zuschauer singen die pathetische Klubhymne mit, ein Meer blau-gelber Schals. Die Pressetribüne ist heillos überfüllt, und so begebe ich mich in die Nordkurve, wo die alteingesessenen Fangruppen wie »United Kharkiv« und »Old School Fans« stehen. Die »Ultras Kharkiv« gegenüber mit ihren gelben Leiberln und nackten Oberkörpern machen einen vergleichsweise handzahmen Eindruck und scheinen nicht umsonst zwischen dem Schüler- und dem Studentenblock angesiedelt.


Von Beginn an entwickelt sich ein schnelles Match, in dem Metalist den Ton angibt. Doch kurz vor dem Ende der ersten Hälfte verstummen die Heimgesänge. Die Charkiwer Abwehr verliert die Übersicht, und Ricky van Wolfswinkel köpfelt zum 0:1 ein. In der Pause gibt es Nachhilfeunterricht in Sachen ukrainische Fanallianzen: Ein Teenager präsentiert stolz sein Shirt mit der Aufschrift »Fuck Dnepr! Fuck Dynamo!«. Danach überschlagen sich die Ereignisse: Erst bringt der Argentinier Jonathan Cristaldo Metalist zurück ins Spiel, kurz darauf versemmelt Cleiton einen geschenkten Elfer für die Gastgeber. Die Fans singen »Wir sind hier, Metall, mit dir«. Doch es hilft nichts: Sporting lässt kein weiteres Tor zu und steigt ins Semifinale auf. Die Metalist-Fans bedanken sich bei der Mannschaft für die anständige kämpferische Leistung, dann verschwinden sie zwischen den blau-gelben Plattenbauten in die blau-gelben U-Bahn-Stationen.

Achmetow, Kolomojskyj und die Zirkel der Macht
Die nächste Zugfahrt sorgt für Aufheiterung: Kurz vor der Abfahrt nach Donezk fällt ein russisch-orthodoxer Priester sichtlich außer Atem in den Nebensitz und schläft erst einmal eine Stunde. Als ich ein Bier öffne, wacht er auf und faselt etwas auf Russisch, das ich nicht verstehe, aber für einen Fingerzeig gegen Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit halte. Doch weit gefehlt: Wie sich später herausstellt, wollte der Pater nur wissen, ob ich das Bier bei der Schaffnerin gekauft habe. Der bärtige Herr verschwindet, taucht wenig später mit einer eigenen Flasche auf, prostet mir zu und stellt sich vor als Anatoli Leonidowitsch Ieromonach Ioann. Mit Unterstützung der anderen Fahrgäste, Zeichensprache, einem Notizblock und einem Stift entspinnt sich eine Unterhaltung über Gott und die Welt, Stalin und Hitler, Bier und Schnaps. Die knapp sechsstündige Reise vergeht dank meines neuen Freundes wie im Flug. Und am Ende wundert mich nicht einmal mehr, dass sich der Pater als Fan der deutschen Elektro-Pioniere Kraftwerk outet.


In der Kohlen- und Stahlmetropole Donezk sind die EM-Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen. Anstatt eines Bahnhofs empfängt die Reisenden eine Großbaustelle. Der Weg hinaus führt durch Paletten voller Pflastersteine über Schotter und ausgelegte Holzplanken. Am nächsten Tag wird hier das Gros der 2.500 Dynamo-Fans zum Match gegen Schachtar eintreffen. Der Matchtag verläuft weitgehend friedlich am Bahnhof genauso wie in der Innenstadt. Ein paar Dynamo-Fans werden vorübergehend festgenommen, weil sie sich durch frühzeitiges Aussteigen in einem Vorort der Überwachung entziehen wollten. Im herausgeputzten Zentrum laufe ich Artem Frankow in die Arme, der gerade aus Kiew angekommen ist. Wir überbrücken die Wartezeit bei einem Bier und einem Gespräch über die verschiedenen Allianzen im ukrainischen Fußball. »Der ukrainische Fußball ist ein zweigeteiltes Reich«, sagt der Futbol-Chefredakteur. »Auf der einen Seite stehen Dnipro Dnipropetrowsk, Krywbas Krywi Rih, Arsenal Kiew, Karpaty Lwiw und Wolyn Luzk. Alle diese Klubs werden von ehemaligen Managern aus dem Konzern von Ihor Kolomojskyj kontrolliert.« Der gebürtige Dnipropetrowsker Kolomojskyj drittreichster Ukrainer und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in der Ukraine ist zudem Hauptsponsor von Dynamo Kiew und ein langjähriger Geschäftsfreund von Dynamo-Präsident Ihor Surkis. »Dynamo kann dieser Allianz aber nicht direkt zugerechnet werden, sondern ist ein eigenständiger Machtblock«, meint Frankow. Ich bin froh, das Aufnahmegerät eingeschaltet zu haben, denn er ist noch lange nicht fertig. »Die andere Allianz bilden Schachtar Donezk, Illitschiwez Mariupol, Sorja Luhansk, Tschornomorez Odessa und eventuell Metalurh Donezk.« Der Präsident von Odessa sei wie Schachtar-Boss Rinat Achmetow Mitglied in der regierenden Partei der Regionen. Der Präsident von Luhansk wiederum der frühere Chef der Futsal-Sektion von Schachtar. Und der Hauptsponsor von Mariupol werde dem Firmengeflecht von Achmetow zugerechnet, erklärt Frankow. »Hinter den Allianzen steht jeweils ein Fernsehpool. Achmetow zeigt die Matches von Schachtar und Kolomojskyj jene von Dynamo und Metalist, das im Moment unabhängig ist, aber auf die Seite Kolomojskyjs wechseln könnte.« 

Hitziges Duell am Donbass
Nach dieser Flut an Informationen ist ein bisschen Ablenkung angesagt, die ich im weitläufigen »Fan Land« finde, das Schachtar vor seiner Arena aufgezogen hat. Die Fanmeile könnte genauso bei einem deutschen Bundesligisten zu finden sein, und ich muss an Zhadans Text aus dem Buch »Totalniy Futbol« denken, in dem er die neuen Stadien als Wellnessoasen bezeichnet, in denen sich die Durchschnittsukrainer für eine gewisse Zeit wie im Westen fühlen dürfen.


An diesem Sonntagnachmittag ist der Westen allerdings der Rivale. Nachdem die heimischen Ultras wegen der EM-bedingt verschärften Repression den Support verweigern, hat der Verein eine Zettelchoreografie organisiert, die das Stadion in Orange-Schwarz hüllt. Dynamos Spieler werden von den 58.000 bei jeder Ballberührung niedergepfiffen, Kiew-Trainer Juri Sjomin von zwei Burschen ohne Unterlass mit Beschimpfungen eingedeckt. Ein Steward steht teilnahmslos daneben und greift erst ein, als sich andere Schachtar-Fans über die Teenager beschweren. Der Hexenkessel zeigt Wirkung. Schiedsrichter Juri Wax schlüpft in die Rolle des Spielentscheiders: Als der bereits verwarnte Denis Garmasch kurz vor der Pause nach einer Behandlung über das Feld zur Seitenoutlinie läuft, um sich beim Assistenten wieder fit zu melden, zeigt er dem Mittelfeldspieler die zweite Gelbe. Die Schachtar-Fans johlen und Kiew-Trainer Sjomin fällt in seiner Verzweiflung nichts Besseres ein, als seinen Widerpart Mircea Lucescu zu attackieren.

 

Mit großer Kraftanstrengung verhindern Betreuer beider Seiten eine Schlägerei zwischen den Trainern, Sjomin wird ebenfalls des Feldes verwiesen. Nach der Pause nutzt Schachtar seine Überzahl schnell zum Führungstreffer, Dynamo hält dagegen, kann aber zwei sehr gute Chancen nicht nutzen. Zehn Minuten vor dem Ende fällt das 2:0 für Donezk, das nun punktegleicher Tabellenführer ist. Bleibt es nach 30 Runden dabei, muss ein Entscheidungsspiel her, da die bessere Tordifferenz in der Premjer Liha nicht zum Meistertitel reicht.


Vor dem Dynamo-Sektor geht es nach dem Match erstaunlich ruhig zu. Das britische Fernsehteam von Sky Sports zieht ohne Bilder der erwarteten Ausschreitungen ab. Filmen können sie nur feiernde Schachtar-Fans, die im angrenzenden Lenin-Komsomol-Park die dort zur Schau gestellten Sowjetpanzer erklimmen. Am Horizont zeichnen sich die Umrisse der für die Donbass-Region charakteristischen Abräumhalden ab. Industrieromantikerherz, was willst du mehr?

Masoch statt Bandera  
Die letzte Zugetappe ist gleichzeitig die heftigste. Donezk und Lwiw, den östlichsten und den westlichsten EM-Austragungsort des Landes, trennen 1.200 Kilometer oder eine mehr als 24-stündige Zugreise. Alternativen in Form von Direktflügen zwischen den beiden Städten gibt es nicht. Im offenen Schlafwagen ist an Schlaf kaum zu denken. Zu viele Mitreisende haben zu alkoholischen Tranquilizern gegriffen und schnarchen jetzt um die Wette. Entspannung setzt erst nach dem Umsteigen in Kiew ein. Nach frühsommerlichen Tagen im Osten empfängt mich die Westukraine mit Temperaturen um den Nullpunkt, draußen wehrt sich der Schnee gegen das Tauwetter. Drinnen im Abteil ist das egal, die steinalte Zuggarnitur ist dank eines Kohleofens gut geheizt.


Lwiw präsentiert eine weitere Facette der Ukraine. Dem Charme der ehemaligen Habsburgerstadt mit ihren alten Bürgerhäusern, gepflasterten Straßen und malerischen Gässchen kann man sich kaum entziehen. Bei einem Spaziergang auf den Burgberg offenbart sich aber auch die andere Seite: Plattenbauten, so weit das Auge reicht. Ein Kontrastprogramm zum kleinstädtisch wirkenden Zentrum und die Erklärung, wo die 800.000 Einwohner von Lemberg leben. 


Das Wiedersehen mit Karpaty gestaltet sich persönlich: Andrij, einer der Mitbegründer der »Ultras Banderstadt«, führt mich durch die Stadt. Mein Faible für Statuen wird nahezu vollends befriedigt. Wir sehen den Dichter Iwan Franko, den galizischen König Daniel I., einen vergoldeten Soldaten Schwejk, den Namensgeber des Masochismus, Leopold von Sacher-Masoch, und eine Freiheitsstatue, die älter ist als jene in New York. Nur zu einem Denkmal führt mich Andrij nicht: jenem von Stepan Bandera, dem Anführer der westukrainischen Nationalisten vor und im Zweiten Weltkrieg. Das Monument für Bandera liegt in der Nähe des Bahnhofs, Andrij ist es zu weit dorthin. Vielleicht will er meine Aufmerksamkeit aber auch nicht auf ein von den Medien vieldiskutiertes Thema lenken. Denn die Hardcore-Fans des FK Karpaty huldigen Bandera nicht nur in ihrem Fanklubnamen. Sie sind Nationalisten, und aufgrund von Überschneidungen mit der rechtsextremen Szene von Lwiw finden sich unter ihnen auch Neonazis.


Andrij jedoch ist kein Neonazi. Das wird beim Gespräch mit ihm und seinen Freunden schnell klar. Die Bierschenke, in die sie mich geführt haben, ist sympathisch und bietet exzellentes Bier diverser Kleinbrauereien an. Andrij erzählt, dass er kurz vor seiner »perfekten Saison« steht und damit wohl der einzige Fan ist, der in dieser Saison kein Pflichtspiel von Karpaty versäumt hat. Danach geht es um Kolomojskyj und seine angebliche Übernahme des Vereins, die die Fans mit dem Spruchband »Lieber mit Deminskij (aktueller Karpaty-Präsident, Anm.) in der zweiten Liga als mit Kolomojskyj in der Premjer Liha« kommentiert haben. Als ich ihn nach seiner politischen Einstellung frage, bezeichnet sich Andrij als Patriot. Er macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Odessa, sowohl im Fußball als auch als Urlaubsort. Die Stadt am Schwarzen Meer gilt als jüdisch, genauso wie Kolomojskyj Jude ist.  

Karpatys Traum von Europa
Am nächsten Tag steht für Karpaty im Cupviertelfinale gegen Tschornomorez einiges auf dem Spiel. Der Traum von Europa, Wiedergutmachung für eine völlig verkorkste Saison. Andrij beruhigt die Nerven mit ungefiltertem Bier. Immerhin würde das Spiel heute im alten Ukraina-Stadion steigen und nicht in der EM-Arena, in der Karpaty bisher sieglos geblieben sei, meint er. Im Minibus geht es zu einem Park im Süden der Stadt. Der Spaziergang zum Stadion wird zum Bilderbucherlebnis. Einige tausend Menschen stapfen in der Dämmerung schnellen Schritts durch den Wald. Neben den Wegen leeren Kids ihre mitgebrachten Bierdosen und Wodkaflaschen, alte Frauen verkaufen Hülsenfrüchte aus großen Jutesäcken. Vor den Stehplatzeingängen der 1963 eröffneten Arena sammelt sich der grün-weiße Ameisenhaufen. Das Interesse ist für einen Mittwochabend erstaunlich, am Ende werden 18.000 Zuschauer die alten Drehkreuze passieren.


Die Karpaty-Fans fackeln, was das Zeug hält. Rauchtöpfen vor dem Spiel folgen zahlreiche Bengalen beim Torjubel nach dem frühen 1:0. Die jungen Ultras rund um das Vorsängerpodium geben alles und reißen den Rest des Stadions mit. Der Ton auf der Tribüne ist durchaus rau, genauso wie das Auftreten einiger Besucher. Manche von ihnen tragen einschlägige rechtsextreme Marken.


Hälfte zwei beginnt mit einer aufwendigen Choreografie der Ultras. »Kubok Lwowu!« (Der Cup für die Löwen!) lautet die auf das Stadtwappentier bezogene, mit weiteren Bengalen untermalte Botschaft. Die Polizisten starren auf den Fanblock, machen aber keine Anstalten, die Zündelei zu unterbinden. Der Vorsänger grüßt die Ordnungshüter, die auf der Laufbahn wie Hühner in einem Holzverschlag sitzen, die Kurve lacht sie aus. Und auch die Karpaty-Spieler können endlich wieder lachen. Nach dem 2:0 kassieren sie trotz zweier Ausschlüsse für Odessa zwar noch das Anschlusstor, bringen das Ergebnis aber über die Zeit und dürfen vorerst weiter von Europa träumen.

Desillusionierte Botschafter      
Von Europa träumen auch viele Ukrainer. Die EM wird sie diesem Traum jedoch kaum näherbringen. Zurück in Kiew verbringe ich den letzten Abend mit Ihor und Jewhen, den beiden Fanbotschaftern. Sie freuen sich auf die EM, auf die Spiele, auf die internationalen Fans. Illusionen geben sie sich aber längst nicht mehr hin.


Eine Illusion wäre es zu glauben, die Fußball-EM würde nachhaltig etwas am Alltag der Ukrainer verbessern. 20 Milliarden Euro wurden anlässlich des Turniers in Stadien, Verkehrswege und andere Projekte investiert, mehr als die Hälfte davon trug die öffentliche Hand. »Der Staat hat sich enorm verschuldet, Verbesserungen sind für die Bevölkerung jedoch kaum spürbar«, sagt Jewhen. »Die Last tragen die Steuerzahler, wahrscheinlich werden unsere Enkel noch für dieses Turnier zahlen.« Sein Kollege Ihor macht dafür nicht nur die aktuelle Regierung verantwortlich. Die Parteien seien alle gleich, das ganze System laufe in die falsche Richtung, sagt der Dynamo-Fan. »Die Ukraine ist von Korruption zerfressen, es regieren die Businesstypen. Wie es den Menschen geht, ist in den Hintergrund getreten. Daran muss sich grundlegend etwas ändern. Aber dafür ist die Zeit noch nicht reif.«

Referenzen:

Heft: 72
Rubrik: Thema
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