Zwanzig Jahre Revolution

cache/images/article_2050_uech_140.jpg Die Champions League bringt Fans auf der ganzen Welt regelmäßig Fußball auf höchstem Niveau auf den Fernsehschirm. Den europäischen Großklubs beschert sie jährlich zweistellige Millioneneinnahmen. Die UEFA hat ihr Spitzenprodukt vor 20 Jahren jedoch nicht freiwillig kreiert, das optimale Format sucht sie bis heute.

Tränen tropften auf den feinen Anzug des Multimillionärs. Innerhalb weniger Jahre hatte der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Bernard Tapie den Sportartikelhersteller Adidas übernommen und saniert, es in Frankreich zu Ministerehren gebracht und Olympique de Marseille vom Abstiegskandidaten zum dominierenden Klub der Liga gemacht. Am 26. Mai 1993 war er am Höhepunkt seines Schaffens: Marseille hatte zum ersten und bis heute einzigen Mal den wichtigsten europäischen Pokal nach Frankreich geholt.

Der erste Titelträger wurde für das brandneue Produkt UEFA Champions League bald zu einem gröberen Imageproblem. Marseille hatte in der Woche vor dem Finale in München das Ligaspiel gegen US Valenciennes gekauft. Der Titelverteidiger wurde in die zweite französische Liga strafversetzt und von der Champions League ausgeschlossen, Tapie und Mittelfeldspieler Jean-Jacques Eydelie landeten im Gefängnis. Auch Gerüchte über damals manipulierte Spiele in der Champions League haben sich beständig gehalten. Eydelie berichtete 2006 über Manipulationszahlungen und Doping zu seiner Zeit bei OM. »Vor dem Finale mussten wir uns alle in einer Reihe aufstellen und haben eine Spritze bekommen«, sagte er der französischen Sporttageszeitung L'Equipe. Die UEFA erkannte den Franzosen den Titel jedoch nie ab.

Marseilles Endspielgegner AC Milan hatte in den beiden K.-o.-Runden und der Gruppenphase seine Sonderstellung unter Beweis gestellt. In den späten 1980er Jahren war um die Verteidiger Franco Baresi und Paolo Maldini sowie die niederländischen Kreativkräfte Frank Rijkaard, Ruud Gullit und Marco van Basten ein defensiv wie offensiv überragendes Team herangewachsen. Milan gewann alle zehn Spiele bis zum Finale, kassierte dabei nur ein Gegentor und erzielte selbst 23. Im Finale brachte Basile Boli Marseille dennoch schon vor der Pause in Führung. Milan-Trainer Fabio Capello hatte aufgrund der noch geltenden Ausländerbeschränkung Gullit nicht in den Kader genommen und wechselte den zu Saisonbeginn aus Marseille gekommenen Stürmer Jean-Pierre Papin ein. Aber es blieb beim 1:0.

Moderne Denkweise
Trotz dieses Rückschlags war Milan-Präsident Silvio Berlusconi im Aufwind. Die Einführung der Champions League bestätigte seine Vision vom europäischen Spitzenfußball. Ein Meistercup mit K.-o.-Runden von Beginn an, das war für ihn ein Relikt vergangener Tage: »Es ist wirtschaftlich unsinnig, wenn ein Klub wie Milan in der ersten Runde ausscheiden kann. Das ist keine moderne Denkweise.«

Berlusconi beauftragte die Werbeagentur Saatchi & Saatchi 1988 damit, ein Konzept für eine Euroliga zu erstellen. Alex Fynn arbeitete den Vorschlag aus, der eine nord- und südeuropäische Eliteliga und ein Finale der beiden Meister vorsah. In seinem 1994 gemeinsam mit Lynton Guest veröffentlichten Buch »Out of Time. Why Football Isn't Working« berichtet Fynn von einem wenig später vorgelegten Kompromissvorschlag, der der 1992 gegründeten Champions League schon sehr nahegekommen sein soll. Ins Spiel gebracht hatte diese Idee demnach Real Madrids Präsident Ramon Mendoza, Bayern München, die Glasgow Rangers und PSV Eindhoven sollen sie unterstützt haben. Gemeinsame Vorstöße wie dieser illustrieren die Unzufriedenheit mit dem Kontinentalverband, die schließlich im Jahr 2000 zum Zusammenschluss der wichtigsten Klubs unter dem Namen G14 führte.

Die Idee einer Abkehr vom vermeintlich wenig modernen K.-o.-System ist so alt wie der Profifußball selbst. Als die nord- und mittelenglischen Werksmannschaften in den 1880er Jahren begannen, ihre Spieler regelmäßig zu bezahlen, wurden ihnen die Unwägbarkeiten des seit 1871 bestehenden FA-Cups zu groß. 1888 gründeten sie die Football League und sicherten sich damit eine fixe Anzahl an Bewerbsspielen. Das bedeutete ein Mindestmaß an Planungssicherheit für den wirtschaftlichen Betrieb.

Geplantes Traumfinale
Etwas mehr als hundert Jahre später kam die UEFA einer drohenden Abspaltung der größten europäischen Klubs zuvor. Die Einschränkung der K.-o.-Phase und damit der Überraschungsmomente rief allerdings auch Kritik hervor. Vor allem von Fans, aber auch von einem, der 1993 den Pokal gewonnen hatte. Deutschlands Starstürmer Rudi Völler sagte damals: »Das ist nur etwas für die Kassen der Vereine. Für die Spieler und Zuschauer gehen zu viele Emotionen flöten.«

Die neue Liga erhöhte die Vorhersehbarkeit, konnte aber prominente Ausfälle nicht ausschließen. In der ersten Saison scheiterte der FC Barcelona in der zweiten und letzten K.-o.-Runde vor der Gruppenphase an ZSKA Moskau. Ein Jahr später erwischte es Manchester United gegen Galatasaray. Solche für die Großklubs ökonomisch unerfreulichen Überraschungen schloss die UEFA ab der dritten Saison aus, indem der Wettbewerb für die zwölf stärksten Meister direkt mit der Gruppenphase begann und K.-o.-Spiele erst ab dem Viertelfinale folgten.

Nach der holprigen Eröffnungssaison war es allerdings schon bei der zweiten Auflage zu einem Traumfinale gekommen. Der FC Barcelona hatte nach der Pleite im Jahr zuvor den Torschützenkönig der ersten Champions-League-Saison, den Brasilianer Romario, von PSV Eindhoven abgeworben. Gemeinsam mit Hristo Stoitschkow bildete er einen völlig unberechenbaren Sturm. Im Finale trafen sie auf Milan, das inzwischen seine niederländischen Stars abgegeben hatte. Für die Kreativität im Angriff sorgte stattdessen Dejan Savicevic, der an diesem 18. Mai 1994 wohl seinen größten Tag hatte: Er legte zwei Tore auf und schoss eines selbst. Das 4:0 des AC Milan über den FC Barcelona ist bis heute der höchste Sieg in einem Finale der Champions League.

Fliehende Holländer
In der folgenden Saison traf Ajax Amsterdam dreimal auf den AC Milan, gewann zweimal 2:0 und im Finale in Wien 1:0. Das Tor erzielte der 19-jährige Patrick Kluivert. Bei der Niederlage im Elferschießen gegen Juventus ein Jahr später standen die Niederländer ein letztes Mal im Finale, Kluivert wechselte gleich nach Saisonende zu Milan. Von den Spielern der Startelf beendete ein einziger seine Karriere bei Ajax. Die restlichen waren spätestens 1999 nach Italien, Spanien, Frankreich oder Deutschland gegangen, einige von ihnen zog es später nach England. Seither ist Ajax auf ein Dasein als Ausbildungsverein reduziert, Titelkandidat war der Klub in der Champions League nie wieder.

Das Geld war das Mittel, mit dem die Spieler gelockt wurden, doch für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgte das Bosman-Urteil von 1995. Danach wurden Ausländerbeschränkungen weitgehend abgeschafft und ermöglichten so den Kauf internationaler Spieler in großem Stil - bei ausgelaufenem Vertrag sogar ablösefrei. Für Edgar Davids und Kluivert bekam Ajax keine Ablöse, sehr wohl jedoch ihr neuer Klub Milan, als beide nach je einem Jahr zu Juventus beziehungsweise Barcelona wechselten.

Der internationale Niedergang von Ajax dokumentiert die europäische Fußballordnung, die sich durch die Verwertungsstrategie der Champions League immer mehr verfestigt hat. Aktuell setzt die UEFA rund eine Milliarde Euro im Jahr um, vorwiegend aus Fernseheinnahmen und Sponsoring. Die Fernsehrechte vergibt sie nicht mehr wie zuvor im Meistercup per Runde, sondern verkauft sie im Gesamtpaket für mehrere Jahre an die nationalen TV-Anbieter. Dabei gilt: je größer der Markt, desto höher der Preis.


Diesen Unterschied reicht sie an die beteiligten Klubs weiter, wodurch Vereine aus Ländern mit großen Fernsehmärkten wie Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien mehr Geld aus dem TV-Topf erhalten. In seinem Buch »The European Ritual. Football in the New Europe« führt Anthony King ein Beispiel aus dem Jahr 1999 an: Der FC Barcelona und der dänische Meister Bröndby IF schieden mit acht beziehungsweise drei Punkten jeweils in der Gruppenphase aus. Der spanische Klub erhielt dafür drei Millionen Schweizer Franken (rund 1,9 Millionen Euro), der dänische nur 500.000 (rund 320.000 Euro).

Die aktuellen Zahlen der regelmäßigen Fußballstudien des Beratungskonzerns Deloitte zeigen eine unveränderte Dominanz der großen Ligen: Von den umsatzstärksten Klubs in Europa kamen 2011/12 sieben aus England, fünf aus Italien, vier aus Deutschland und je zwei aus Spanien und Frankreich. Die UEFA-Fünfjahreswertung verfestigt die bestehende Ordnung auch zukünftig, indem sie den drei stärksten Ligen drei Fixstarter in der Gruppenphase garantiert, ab dem siebenten Platz aber nur noch höchstens einen. ...

 

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