Zwischen Direktheit und Geduld

INTERVIEW Geschmeidig betritt Demetrio Albertini den Raum, im dunklen Designeranzug wirkt er immer noch wie ein Fußballprofi. Erst als er am Kopfende des elendslangen Sitzungstisches des Italienischen Fußballverbandes (FIGC) Platz nimmt und wir mit unserem Gespräch beginnen, ist er ganz vorsichtiger Spitzenfunktionär und Spielergewerkschafter: präzise in seiner Wortwahl, beeindruckend ruhig in seinem Auftritt. Integrität hat Albertini seine ganze Karriere lang ausgezeichnet. Jetzt repräsentiert er die FIGC und ist sich der politischen Bedeutung seines Amtes wohl bewusst, wenn er über die Lage der italienischen Fußballnation spricht.
Martin Schreiner | 06.10.2008
ballesterer fm: Herr Albertini, wie haben Sie den Saisonauftakt in der Serie A erlebt?
Demetrio Albertini : Die Besucherzahlen sind gestiegen. Es gibt mehr Vertrauen in die Schiedsrichter. Einige wichtige Mannschaften haben noch Probleme im sportlichen Bereich. Das macht mir Sorgen hinsichtlich kommender Aufgaben im Europacup. Mir gefällt aber, dass Spitzenteams immer mehr auf junge Spieler setzen. Bei Fiorentina bekommen Spieler wie Montolivo und Pazzini viel Raum, obwohl man Gilardino geholt hat. Milan und Inter haben Pato und Balotelli Spielzeit gegeben, Roma Aquilani. Juventus hat viel mit Giovincound Marchisio gearbeitet.
Wie kommen sie mit Ihrer Rolle als Vizepräsident der FIGC zurecht? Ist es schwieriger eine neutrale öffentliche Funktion auszuüben als selbst Fußball zu spielen?
Es ist sehr hart (lacht). Ich bin nicht nur Führungskraft, sondern repräsentiere auch. Ich begleite die Nationalmannschaft und bin mit der Leitung des Verbands betraut, da ist der sportpolitische Aspekt unvermeidlich. Zudem stelle ich meine Erfahrungen als Sportler zur Verfügung. Der größte Unterschied zum Leben als Fußballer ist aber die mangelnde Direktheit der Dinge. Als Fußballer trainierst, gewinnst oder verlierst du, hast dabei aber immer ein Ziel und ein Resultat. In den politischen Bereichen ist Geduld eine der Mindesttugenden. Sie gehört erlernt und trainiert. Neutral war ich auch schon in den Kabinen der Mannschaften, für die ich gespielt habe. In einigen Fällen wurde mein Einfluss von meinen Mannschaftskollegen mehr geschätzt als außerhalb der Kabine.
Ex-Verbandskommissar Guido Rossi hat eine Obergrenze für Spielergehälter vorgeschlagen. Was halten Sie davon, wenn man bedenkt, dass die Klubs der Serie A diesen Sommer wieder eine Rekordtransfersumme umgesetzt haben?
Das ist eine Frage der Führung der Klubs und nicht ausschließlich eine der Spielergehälter. Ich habe als Spieler drei Momente wirtschaftlicher Veränderungen des Fußballs erlebt. Vor dem Auftreten des Privatfernsehens waren die Gehälter sicherlich niedriger als jetzt. Dann kam es zum Bosman-Urteil, also zu einer wirtschaftlichen Öffnung, die Transfers sehr erleichtert hat. Jetzt erleben wir keinen Moment der Krise, sondern der Regulierung des ganzen sportlich-wirtschaftlichen Systems. Wenn wir auf die ausgegebenen Summen schauen, stimmt Ihre Einschätzung für die großen Klubs. Der Verband hat aber ein 360-Grad-Verständnis von Fußball. Da sehen wir dann auch, dass es viel Spielertausch zum Nulltarif oder ähnliche Dinge gibt. Das Niveau der Spielergehälter insgesamt ist merklich gesunken. Nicht für die großen Stars, die verdienen weiterhin viel. Die Spieler der mittelgroßen Klubs bekommen jedoch viel weniger als vor einigen Jahren, noch größere Einbußen gibt es bei den Kleinen. Es gab also eine Veränderung. Die Schulden werden sich im Laufe dieses Weges verringern.
Das Beispiel Bayern München zeigt, wie man eine Mannschaft auf höchstem fußballerischem Niveau unternehmerisch gewinnbringend organisieren kann. Warum gibt es das in Italien nicht?
Das ist in Italien sehr schwierig. Jedes Land lebt den Fußball auf eine andere Art. Bayern München ist in Deutschland der unbestrittene Branchenführer, während sich unser wirtschaftlicher Markt etwa beim Marketing auf mehrere wichtige Vereine verteilt. Sportlich sind Milan, Juventus und Inter international genauso wichtig wie Bayern. Dazu kommt, dass die englischen und spanischen Klubs sehr wichtige gesetzliche Erleichterungen genießen. In Spanien zahlen sie nur 25 Prozent Lohnsteuer auf die Gehälter von ausländischen Spielern. Nach zwei Jahren werden die Südamerikaner dort europäische Bürger. England hat 33 Prozent Lohnsteuer und darüber hinaus etwas, das wir nicht haben: gute Stadien.
Auch in Italien haben die Regierungen die Fußballklubs öfter durch gesetzliche Maßnahmen unterstützt. Man denke nur an das Gesetz »Spalmadebiti«, das eine längere Abschreibung der Wertverluste bei Spielertransfers ermöglichte.
Es gab Einzelmaßnahmen. In Spanien und England sind das generelle Regelungen. Für Spielergehälter bezahlen wir in Italien 45 Prozent Lohnsteuer. Spieler kosten den Präsidenten also mehr.
Seit 1992 also in der zweiten Republik hat Milan sechs und Juventus fünf Meisterschaften gewonnen. Inter war erst nach Calciopoli siegreich. Die beiden römischen Klubs standen unmittelbar nach ihren Titeln vor dem finanziellen Desaster. Was sagen uns diese Fakten?
Dass es in dieser Periode zwei große Klubs gab, Milan und Juventus, die sehr starke Spieler hatten und weitere angezogen haben. Parma war ebenfalls sehr gut, hat es aber nie geschafft zu gewinnen. Hinter der Mannschaft braucht man auch eine programmatische Organisation, wie jene der beiden Klubs. Jetzt gibt es sicher auch andere Vereine wie Roma und Fiorentina, die große Ziele erreichen und mehr als nur eine schöne Meisterschaft spielen können. Sie haben ihr Einkaufsprogramm und ihre Jugendausbildung gut geplant. Roma hat drei Jahren in Folge um den Meistertitel mitgekämpft und Fiorentina drei außergewöhnliche Saisonen mit jungen Spielern gespielt, die noch wachsen und stärker werden. Das schlägt sich auch auf den Markt nieder. Wichtige Spieler wie Gilardino, Mutu oder Frey haben sich für Fiorentina statt für Milan oder Juventus entschieden.
Wie haben Sie die angebliche Bevorzugung von Juventus als Spieler erlebt? Hatten Sie je den Eindruck, dass Juve Vorteile haben könnte, die von außerhalb des Spielfeldes kommen?
Ich habe nie hypothetisch daran gedacht, was dahinterstecken hätte können. Am Feld habe ich immer jede Entscheidung des Schiedsrichters akzeptiert entweder als seinen Fehler oder seine freie Entscheidung, in diesem Moment zu pfeifen.
Nach Calciopoli mussten viele Schiedsrichter ersetzt werden. Jetzt sagt man nicht mehr, sie seien korrupt, sondern wirft ihnen mangelnde Qualifikation vor?
Das ist so, wie wenn du die erste Mannschaft eliminierst und an ihre Stelle die zweite setzt. Das braucht seine Zeit. Erfahrung ist für Schiedsrichter fundamental. Mit gefällt das Wort »korrupt« nicht. Die betreffenden Schiedsrichter wurden aus unterschiedlichen Gründen ausgetauscht. Junge Kräfte sind an ihre Stelle getreten. Es ist normal, dass die mangelnde Erfahrung und der mediale Druck, der in Italien so hoch wie vielleicht in keinem anderen Land ist, dazu beigetragen haben, vielleicht den einen oder anderen Fehler zu viel zu machen. Das Beste daran ist aber, dass sich ausgleichend alle ein bisschen aufgeregt haben.
Sie waren immer sehr klar in Ihrem öffentlichen Urteil über Doping als Sportbetrug. Glauben Sie, dass es Doping im italienischen Fußball gibt?
Wir sind im Fußball vielleicht das Land mit der höchsten Zahl an Dopingkontrollen auf der Welt. Seit dem Jahr 2000 werden alle Partien überwacht. Dafür habe ich als Vertreter der Spieler mit dem Verband sehr stark gekämpft in einer Zeit, als einige Spieler positiv auf Nandrolon getestet wurden und die Kontrollen nicht regelmäßig, sondern nur überraschend durchgeführt wurden. Seither werden nach jedem Match zwei Spieler pro Mannschaft ausgewählt und Überkreuzkontrollen, also sowohl von Blut als auch von Urin, gemacht. Zusätzlich gibt es Überraschungskontrollen. Mehr kann man nicht machen. Diese Maßnahmen sind ein Test der Vertrauenswürdigkeit unseres Systems. Angesichts dieser Kontrollen glaube ich, dass es kein Doping im italienischen Fußball gibt.


Wie beurteilen Sie das Endurteil über die in Calciopoli verwickelten Vereine? War es richtig oder ein Kompromiss? Die Strafen waren letztlich ja wesentlich geringer als in erster Instanz.
Ich will nicht philosophisch sein. Jeder soll sich dazu sein eigenes Urteil bilden. Ich habe mich darum in meiner Funktion nicht persönlich gekümmert. Erstens, weil mir dazu die Fähigkeiten fehlten. Zweitens, weil Fußball meine Welt war, über die ich offen sprechen wollte, wie jetzt mit Ihnen,ohne zu sagen, das ist wahr oder falsch, oder etwas zu verstecken. Als Tifoso halte ich mich an die Urteile. Das sind Entscheidungen der Sportgerichte und der ordentlichen Gerichte. Sonst wären wir uns nie einig. Für mich als Sportsmann, weder als Vizepräsident noch als Ex-Fußballer, ist es aber bereits eine Niederlage, wenn ein Schiedsrichter eine ausländische SIMKarte nur annimmt. Das einzige Urteil, das ich treffen kann, ist zu sagen, dass mir das Ganze wehgetan hat. Darüber hinaus urteile ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.
Könnten Sie mir sagen, an welchem Punkt die Verfahren gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen von Calciopoli wie Luciano Moggi stehen? Vor und während der WM 2006 war alles stark in den Medien. Jetzt scheint es sehr diffus.
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Gott sei Dank ist man zum Spiel zurückgekehrt. Wenn sich jemand ausschließlich für die Skandale interessiert und denkt, der italienische Fußball sei nur das, dann tut mir das leid. Wir sind Weltmeister geworden. Der Titel hat den Fans große Freude bereitet. Man hat weitergemacht und wieder angefangen, mehr über den Sport zu sprechen als über das, was außerhalb des Spielfelds passiert ist. Das interessiert mich. Wir warten mit großem Vertrauen auf die Endurteile der Gerichte. Das Sportliche und diese Führungsangelegenheiten sind zwei unterschiedliche Sachen. Im Sport gewinnen die Spieler am Feld. Das macht mehr Spaß.
Wie beurteilen Sie den Zuschauerrückgang im italienischen Fußball?
Dieses Jahr sind die Abonnentenzahlenwieder gestiegen. Neue Stadionstrukturen sind eine Notwendigkeit, wenn die Leute wieder mehr ins Stadion kommen sollen. Da haben wir ein Problem. Die Stadien gehören nicht den Klubs, sondern den Gemeinden. Wären sie Eigentum der Klubs, müssten diese mehr Verantwortung als jetzt übernehmen. Vor allem was die Behandlung der eigenen Tifosi betrifft. Dann hätte man auch mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen für Sozialprojekte. Die bestehenden Stadien sind im Vergleich zu jenen anderer Länder alt. Den Kampf der Renovierung muss der Verband führen, auch wenn wir die Europameisterschaft 2012 nicht zugesprochen bekommen haben. Neben den baulichen Maßnahmen müssen wir aber auch im Bereich Sicherheit etwas machen. Die Stadien müssen kontrollierbarer und zugänglicher werden. Mein Traum sind Stadien, in denen die Leute unabhängig von ihren Plätzen die gleichen Rechte und Pflichten haben.
Im Ausland schlagen die negativen Nachrichten über Gewaltereignisse mit italienischen Fans hohe Wellen. Welche Auswege gibt es, um eine positive Atmosphäre rund um den Fußball zu schaffen?
Ich will keinen Allgemeinplatz verwenden, aber wir haben es teilweise mit normalen Verbrechern zu tun. Das sind keine Fans, auch wenn sie ein Leibchen oder einen Schal tragen. Die gehen nicht ins Stadion, um die Mannschaft anzufeuern oder die Partie zu sehen. Sie beteiligen sich auch an vielen Vorfällen außerhalb des Stadions. Vielleicht muss man im engen Kreis dieser Personen vorgehen und versuchen, sie zu isolieren. Dazu braucht es auch die Hilfe der Fans. Eine Kultur der Sportlichkeit entwickelt man darüber hinaus vor allem an den Schulen, von denen eine fundamentale Hilfe für den Fußball kommen muss. Die Hebung dieser Kultur wäre ein konkreter Weg, den wir unmittelbar einschlagen sollten.

Zur Person:
Demetrio Albertini, 37, absolvierte von 1988 bis 2002 406 Partien für den AC Milan. Als zentralen Mittelfeldstrategen nannten ihn die Tifosi »das Metronom« der großen Mannschaft der 90er Jahre, mit der er unzählige Titel holte   darunter fünf Meisterschaften und zwei Champions-League-Siege. Nach Stationen bei Atletico Madrid, Lazio Rom und  Atalanta Bergamo beendete er 2005 mit dem spanischen Meistertitel beim FC Barcelona seine aktive Karriere. 79 Teameinsätze zwischen 1991 und 2002 machten Albertini darüber hinaus zu einem bedeutenden Nationalspieler. Mit der Auswahlmannschafterreichte er das WM-Finale 1994 und das EM-Finale 2000. Als Vizekommissar der FIGC war er nach dem Calciopoli-Skandal an Italiens WM-Titel 2006 beteiligt und wurde 2007 als Vertreter der Fußballergewerkschaft (AIC) zum Vizepräsidenten des Verbands gewählt.

Referenzen:

Heft: 36
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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