100 Jahre Wacker Wien

Vor 100 Jahren wurde der SC Wacker in Wien gegründet. Ein Gespräch über vergangene Höhepunkte und sympathische Neuanfänge mit der Wacker-Legende »Turl« Wagner und Otto Neu, dem Vizeobmann des auferstandenen Meidlinger Klubs.
Wacker, das war der Verein der Meidlinger. Und Theodor »Turl« Wagner war einer ihrer bekanntesten Spieler in der Glanzzeit der 40er und 50er Jahre, als der Klub zu den Spitzenvereinen in Wien zählte. 1971 fusionierte Wacker mit der Admira und übersiedelte in die Südstadt. Doch in den Herzen der alten Wacker-Anhänger ist der Klub immer in
Meidling geblieben. Zu ihnen zählt auch Otto Neu. Seit 2005 beteiligt er sich daran, den Klub nach einigen gescheiterten Versuchen wieder im 12. Wiener Gemeindebezirk zu verankern, wo Wacker allgegenwärtig war, als Turl Wagner in den Kriegsjahren in der Kampfmannschaft begann.

»Ich war in der Jugend ein Dribblanski«, erzählt Wagner. Als er mit 17 Jahren bei Wacker debütierte, hießen die Stars Willy Hahnemann, Ernst Reitermaier und Wunderteam-Flügel Karl Zischek Spieler, denen der junge Turl schon als Ballbub begegnet war. Der Respekt war groß: »Auf einmal kommt der Zischek Karli rein und setzt sich neben mich hin. Ich war nervös, dass mir die Knie gescheppert haben. Da hat er zu mir gesagt: Mach di net an, es ist ganz leicht. Wenn was gschieht, spielst mir den Ball hin. Und tua die Stutzen aussi, du hast sie verkehrt an.«

Talent habe man mitbringen müssen, erzählt Wagner, der »Feinschliff« kam von den Älteren: »Wenn ich dem Hahnemann den Ball hingespielt hab, und er ist verkehrt zum Tor gestanden, hat er gesagt: Bua, das nächste Mal, wennst mir den Ball so herspielst, kriegst a Mordsdrum Watschen.«

Meidlinger, Motschgerer und Meister
Später war Wagner selber die väterliche Autoritätsfigur in der Wacker-Familie. Dass sie alle so eng miteinander waren, habe den Verein ausgemacht. »Ich war mehr mit meinen Mitspielern zusammen als mit meiner Frau.« Auf monatelangen Tourneen im Ausland kratzten die Vereine das notwendige Kleingeld zusammen. Aber auch daheim, im 12. Bezirk, stand Wacker für eine eingeschworene Gemeinschaft. »Ein Großteil der Spieler ist in Meidling aufgewachsen. Und die dazugekauft worden sind, waren am Schluss noch ärgere Meidlinger als wir selber.«

Auf dem engen Wacker-Platz in der Rosasgasse schmolz das Grätzl zusammen. Eine Armlänge vom Spielfeld weg drängten sich die Besucher, unter ihnen auch der kleine Otto Neu. Die
enthusiastischen Fans zeichneten sich auch durch ihre kritischen Kommentare aus, berichtet er: »Man nannte Wacker die Motschgerer. Nach einem verlorenen Match haben die Leute gesagt: Na, die schau i ma nimma an. Beim nächsten Mal waren sie wieder da.«

Gerade die Duelle gegen Rapid waren immer etwas Besonderes nicht zuletzt, weil die Grün-Weißen der Wacker mehr als einmal den Titel weggeschnappt hatten. »Aber man hat in Hütteldorf nicht sagen dürfen, dass man Wacker-Anhänger war«, erinnert sich Wagners Gattin, die sich zu unserer Runde gesellt, an die Rivalität der Fans. »Da haben sie dir gleich das Krawattl abgschnitten«, ergänzt ihr Mann. »Es gab einen Wackerianer, den hast nach jedem Rapid-Match auf der Polizei abholen müssen.«

Nur einmal, 1947, standen die Meidlinger am Ende ganz oben in der Tabelle. Rapid hatte ebenso das Nachsehen wie die Austria, die gegen Wacker das Cupfinale verlor. »Das Jahr
war das größte«, erinnert sich Wagner an den wichtigsten Erfolg der Vereinsgeschichte.

Eigentliche Weltmeister
An einem viel gewaltigeren Erfolg schrammte der Stürmer mit der Nationalelf später nur knapp vorbei. Bei der WM in der Schweiz zählte Österreich 1954 gemeinsam mit Ungarn zu den Favoriten. Zur Legende wurde die »Hitzeschlacht von Lausanne«, in der Österreich einen Dreitorerückstand gegen die Gastgeber dank dreier Treffer von Turl Wagner in einen 7:5-Erfolg verwandeln konnte.

»Nach dem 0:3 sind wir zur Mittelauflage, der Lange, also der Ossi (Ernst Ocwirk, Anm.), und der Gschropp, der Hanappi. Sag ich: Jetzt fahr ma heim. Sagt er: Nix fahr ma heim, jetzt drah ma die Partie noch um.« Und so kam es. »Das war der Ruck. Gleich von der Auflage weg hab ich zum 3:1 getroffen. Es hatte 45 Grad im Schatten, ich werde das nie vergessen. Ich habe fünfeinhalb Kilo verloren bei dem Match.«

Im Halbfinale sollte die Erfolgsserie reißen. Gegen den späteren Weltmeister Deutschland setzte es eine bittere Niederlage. »Da war nicht die Mannschaft schuld, sondern die Betreuer«, erklärt Wagner. Man habe sich zu sehr am Gegner orientiert, zu viele Umstellungen in der Mannschaft vorgenommen.

Dazu kam strömender Regen. Die Deutschen, damals schon mit Adidas-Schuhen ausgestattet, kamen auf dem rutschigen Boden besser zurecht als die Österreicher mit ihren Nagel-Schuhen. »Jeder hat gesagt, wir werden Weltmeister. Und auf einmal kriegst eine auf den Deckel von einer Mannschaft wost weißt, die san net besser als wir.«

Ähnlich nahe ging die Niederlage den befreundeten ungarischen Kickern. »Sie haben angerufen und gefragt: Was habts gmacht? Gwant hams. Weil das wäre ja das Finale gewesen. Das waren immer die schönsten Match gegen die Ungarn.« Die »Goldene Mannschaft« bleibt für Wagner auch der wahre Weltmeister von 1954. Österreichs dritter Platz, nach dem Sieg über Uruguay, die beste rot-weiß-rote Platzierung bei einem WM-Turnier.

Wiedergeburt zum Jubiläum
Nach dem Karriereende war Wagner kurz auch als Betreuer bei Wacker, später führte er lange Jahre sein Schuhgeschäft auf der Meidlinger Hauptstraße. Dort lernte ihn auch Otto Neu kennen, ein Sammler und Kenner der Vereinsgeschichte, und sie freundeten sich an. Als 2005 ein Hobbyteam mit der Bitte an Turl Wagner herantrat, sich mit dem traditionsreichen Namen Wacker schmücken zu dürfen, setzte er sich für sie beim Wiener Fußballverband ein.

Heute wird der Klub von Otto Neu geführt, der sich wünscht, den Wacker-Anhängern wieder eine Heimat bieten zu können. Mit einem gleichnamigen Klub aus den 90er Jahren, dessen exzentrischer Präsident im Wiener Unterhaus berüchtigt war, hat Wacker nichts zu tun. An der jetzigen Spielstätte, dem Platz der Wiener Viktoria in der Meidlinger Oswaldgasse, wurde Anfang Oktober mit Anhängern und Legenden Wackers 100-Jahr-Jubiläum gefeiert.
Sportlich ist die Wiedergeburt nicht so leicht: Wacker spielt mit wechselndem Erfolg
ganz unten in der 3. Klasse A des Wiener Fußballverbands. Doch in Funktionären wie Neu und Wagner lebt die alte Wacker fort.

Referenzen:

Heft: 37
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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