»Die ersten Jahre waren eine Katastrophe«

cache/images/article_2141_ur_140.jpg Die »Ultras Rapid« feiern heuer ihr 25-jähriges Bestehen. Nach Anlaufschwierigkeiten zu Beginn ist die Gruppe heute der größte Fanklub Österreichs. Vertreter aus drei Generationen sprechen im Interview über den Blick nach Italien, zerbrochene Freundschaften mit Innsbruck und ein selbstauferlegtes Alkoholverbot.
So lange wie bei dem mehr als zweistündigen Interview sind Roland Kresa (50), Oliver Pohle (31) und Jakub Czyz (25) wahrscheinlich noch nie im Block West des Hanappi-Stadions gesessen. Wenn Rapid spielt, stehen sie hier und peitschen die Mannschaft nach vorne. Doch auch beim Interview reißt es sie manchmal von den Sitzen: Kresa deutet auf die Stelle, an der er die Idee gehabt hat, die »Ultras Rapid« zu gründen. Pohle stellt die Situation nach, in der er als 16-Jähriger erstmals das Megafon als Vorsänger in die Hand genommen hat, und Czyz zeigt uns seinen neuen Arbeitsplatz am Vorsängerpult.

ballesterer: Wir fangen mit der erwartbarsten Frage an: Wie seid ihr zu Rapid gekommen?
OLIVER POHLE: Bei mir war's wie bei vielen eine väterliche Vorbelastung. Mein Papa hat im Rapid-Nachwuchs gespielt, dann meine Mutter kennengelernt und mit dem Fußball aufgehört. Er ist mit mir ins Stadion gegangen. Geprägt hat mich das UEFA-Cup-Spiel gegen Inter Mailand 1990. Wir sind auf der Süd gesessen, auf der einen Seite die Interisti, auf der anderen die West. Der Papa hat mich damals schon ermahnt: »Schau doch auf's Spielfeld!« Aber mich hat die Kurve fasziniert.
Du kennst Rapid also gar nicht ohne die Ultras?
POHLE: Ja, ich bin ein 1982er-Jahrgang. Ich war schon mit vier oder fünf Jahren im Stadion, aber daran habe ich keine Erinnerung.
ROLAND KRESA: Mein prägendes Spiel war Österreich gegen Schweden in der WM-Qualifikation 1971, bei dem auch die Ilona Gusenbauer den Weltrekord im Hochsprung aufgestellt hat. Das war ein Erlebnis für mich, mit acht Jahren im vollen Stadion. Beim Hinausgehen sind wir an einem Fanartikelstand vorbeigegangen, und mein Vater hat mich etwas aussuchen lassen. Ich habe instinktiv zu dem grün-weißen Wimpel gegriffen, und von da an war ich die nächsten 40 Jahre dabei. Die Leute in unserer Gasse haben gesagt: »In die Schule drei Gassen weiter findet er nicht, aber mit der Stadtbahn kann er bis nach Hütteldorf fahren.«
JAKUB CZYZ: Bei mir war es ganz anders, weil ich aus Polen komme und erst mit acht Jahren nach Wien gezogen bin. Ich bin durch meinen Stiefvater mit Rapid in Berührung gekommen, noch bevor ich das erste Mal in Wien war. 1996 hat er mir als Mitbringsel aus Wien Rapid-Fanartikel geschenkt. Ein paar Wochen später habe ich das Finale im Cup der Cupsieger gegen PSG im Fernsehen gesehen und mit Rapid mitgefiebert, obwohl ein Schal und ein Trikot meine einzigen Berührungspunkte waren. Kurze Zeit später sind wir nach Wien gezogen, und einer meiner ersten Wünsche war, Rapid zu sehen. Das ist dann weitergegangen, zuerst mit dem Stiefvater, dann mit den Schulkollegen und irgendwann Ende der 1990er Jahre erstmals auf der West. Mein Platz hat sich von draußen immer weiter in die Mitte verlagert, bis ich Anfang 2000 endgültig von der Geschichte erfasst worden bin.
Wie ist es 1988 zur Gründung der »Ultras Rapid« gekommen?
KRESA: Rapid hat in den 1980er Jahren zehn Titel geholt, aber so gut wie keine Zuschauer gehabt. Es war nicht einmal der mittlere Block auf der Westtribüne gut gefüllt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit meinem Freund Gerhard König dagesessen bin, mich umgeschaut und gesagt habe: »Entweder wir lassen uns etwas einfallen, oder ich mache einen Abgang.« Ich war Liverpool-Anhänger, aber ich habe gewusst, dass der englische Stil bei Rapid nie so gezogen hat. Deswegen habe ich den Gerhard, der eher zu Italien tendiert hat, gefragt, ob wir nicht so eine Ultras-Gruppe gründen sollen. Er schaut mich an und sagt: »Hast du einen Pascher? Du hasst doch die Itaker.« Das war nicht weit von der Wahrheit, aber der Gerhard hat immer diese Fanzines aus Italien gehabt, das hat mir schon getaugt. »Wir sind ein ganz anderes Volk«, hat der Gerhard gesagt. »Wir sind zu gemütlich.« Ich habe darauf geantwortet, dass wir die Leute eben dazu animieren müssen. »Okay«, hat er gesagt. »Dann fahren wir nach Italien.«
Wo habt ihr euch die Inspiration geholt?
KRESA: Unser erstes Match haben wir in Udine gesehen, gegen Bologna. Das hat mich nicht sehr berührt. Die eine Kurve hat gar nichts können, die andere noch weniger. Ein Monat später sind wir nach Genua zu Sampdoria gefahren, da hat es mich wirklich umgehaut. »Genau das machen wir«, habe ich gesagt. »Wir hören erst auf, wenn wir besser sind als die.« Die ersten drei, vier Jahre waren eine Katastrophe. Wir sind in den Block gekommen, und die Leute haben begonnen zu schimpfen: »Die zwei Trotteln sind schon wieder da.« Die erste Überrollfahne für den Block haben wir alleine tragen müssen, weil uns niemand geholfen hat.
Ihr seid in drei verschiedenen Jahrzehnten aufgewachsen, mit jeweils unterschiedlichen Jugendkulturen. Mit wem seid ihr unterwegs gewesen, bevor ihr Ultras geworden seid?
POHLE: Aufgrund meines damaligen Freundeskreises und der vorherrschenden Strömungen im Block West wollte ich mich bei den Skinheads etablieren. Eine komplett hirnlose Partie. Ich habe den Stil mitgemacht: Lonsdale-Pullover, Bomberjacke und ich war eben rechts, so blöd das heute klingen mag. Ich habe aber schon immer den »Ultras Rapid«-Aufnäher auf der Bomberjacke gehabt. Obwohl ich mit einer anderen Partie da war, habe ich gespürt, dass die Ultras die tonangebende Gruppe sind. Das hat mich gereizt. Schließlich habe ich mich von meiner Clique gelöst, dann hat sich alles geändert, meine Ideologie, mein Kleidungsstil, vor allem aber das Denken.
Wie haben sich die damals rechten Hooligans mit den »Ultras Rapid« vertragen?
POHLE: Es hat eine gewisse Koexistenz gegeben. Wenn es rustikaler geworden ist, haben eben die das für uns gebügelt. Anfänglich war ich ein Bindeglied zwischen den beiden Gruppen. Aber für mich war es dann endgültig vorbei mit diesen Herrschaften, als wir 1997 gegen Hapoel Petach Tikwa im Europacup gespielt haben und die Rechten im Mittelblock eine Reichskriegsfahne aufgehängt haben. Der Gerhard König ist vom Sessel gehüpft und hat die Fahne heruntergerissen. Obwohl das ein großer Haufen war, gerade bei diesem Spiel. Die Aktion hat mir so imponiert, dass ich mir gedacht habe, ich scheiß auf die Rechten.
KRESA: Um da einzuhaken: Meine Philosophie bei der Gründung der Ultras war, dass ich die Leute von der Straße wegbekommen will, weil es eh schon bergab gegangen ist mit den Hooligans und den Drogen.

Was die Vertreter der »Ultras Rapid« über die Proteste gegen den Vereinsvorstand, ihr Verhältnis zur Polizei und einen möglichen Verkauf des Stadionnamens sagen, lesen Sie in der vollständigen Fassung des Interviews in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 84, September 2013). Seit 16.8. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel.

Referenzen:

Heft: 84
Rubrik: Fansektor
Thema: Ultras
Verein: SK Rapid
ballesterer # 120

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