Abschottungstendenzen

cache/images/article_1176_40fans_gab_140.jpg 232 verhaftete Frankfurter in Bremen, eine polizeilich untersagte Party von Bayern-Ultras mit befreundeten St. Pauli-Fans, Massenfestnahmen beim Ruhrpottderby. Die deutsche Fanszene beklagt eine zunehmend repressive Gangart der Polizei. Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der deutschen Fanprojekte (KOS ) ortet ein Kommunikationsproblem zwischen Ultras und Sicherheitskräften.
Reinhard Krennhuber | 04.03.2009
ballesterer: Es gab zuletzt einige Aufregung um Polizeieinsätze gegen Ultras. Gehen die Sicherheitskräfte mit organisierten Fans zunehmend härter um?
Michael Gabriel: Wir können nicht sagen, dass sich das Polizeiverhalten verändert hätte oder dass vermehrt zu Methoden wie dem »Verhinderungsgewahrsam« gegriffen würde. Es gab auch vor zehn Jahren Städte, wo die Polizeiarbeit nicht zu beanstanden war, und andernorts regelmäßig Einsätze, die zu Kritik und Kopfschütteln geführt haben. Wir beobachten allerdings, dass sich das Verhältnis zwischen Fans insbesondere Ultras und der Polizei deutlich verschlechtert hat, wie auch Studien belegen.

Was ist für diese Verschlechterung verantwortlich?
Dazu tragen sowohl Ultras als auch Polizei ihr Scherflein bei. Große Teile der Fanszene nehmen die Polizei mittlerweile als Feindbild wahr, das quasi fankulturell gepflegt wird. Undifferenzierte polizeiliche Maßnahmen, aber auch die individuellen Alltagserfahrungen vieler Fans im Kontext von Fußballspielen, die oft von einem respektlosen Umgang der Polizeibeamten geprägt sind, verfestigen dieses Feindbild. Während die Ultras in den Anfangsjahren in alle Richtungen gesprächsbereit waren, beobachten wir bei vielen Gruppen Abschottungstendenzen, die eine Verständigung zunehmend schwieriger machen. Derzeit erleben wir die unangenehme Entwicklung, dass oftmals nur noch die Fanprojekte zwischen Fans und Polizei vermitteln können.

Wie kann dieser zugespitzten Situation begegnet werden?
Da beide Seiten Verantwortung dafür tragen, müssen auch beide Seiten an der Lösung mitarbeiten, wobei man sich der unterschiedlichen Systeme bewusst sein muss. Fankultur lebt in einem temporär existierenden, informellen Ort mit eigenen Regeln und Ritualen, dem sich insbesondere Jugendliche freiwillig zuwenden und diesen aktiv mitgestalten. Die Polizei stellt hingegen die hierarchisch organisierte Institution der bürgerlichen Gesellschaft zur Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols dar, die für ihre lohnabhängigen Beamten klare Hierarchien und Regeln für die Berufsausübung aufgestellt hat. Das heißt: Auch wenn Fans sich auf Auswärtsfahrten daneben benehmen, muss von den Polizisten eine professionelle Ausübung ihres schwierigen Jobs erwartet werden.

Welche Rolle spielen die Medien dabei? Hat die Arbeit der Fanprojekte hier einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen?
Das Beispiel der Frankfurter in Bremen zeigt eine wesentlich differenziertere Berichterstattung als in früheren Jahren. Der Polizeieinsatz wurde sowohl in Zeitungen als auch im Fernsehen deutlich kritisiert. Auch die Positionierung des Vereins an der Seite seiner Fans verweist auf eine bessere Situation als noch vor 20 Jahren. Dazu hat die Arbeit der Fanprojekte beigetragen, aber auch die gute Öffentlichkeitsarbeit der lokalen und nationalen Fanorganisationen. Nicht zufällig gab es 2002 und 2005 bundesweite Fandemonstrationen, die den Umgang mit Fußballfans kritisierten, gibt es mit Fansmedia.org ein Portal, auf dem aus der Perspektive der Fans berichtet wird, und mit dem Fanrechtefonds eine organisierte juristische Unterstützung für Betroffene. Aber natürlich berichtet auch heute noch die Mehrzahl der Medien einseitig und vorverurteilend über Fußballfans.

Viele Frankfurter Fans haben nach den Vorfällen in Bremen Anzeige erstattet. Wird es Konsequenzen für den Einsatzleiter geben?
Das kann ich nicht beurteilen. Bemerkenswert ist auf alle Fälle die sehr große Zahl von Betroffenen, die sich juristisch zur Wehr setzt, was auf den gestiegenen Organisationsgrad unter den Fans hinweist. Im konkreten Fall war es die Fanabteilung von Eintracht Frankfurt, also ein Teil des Vereins, der das Vorgehen koordiniert hat.

Es gibt aber auch andere Polizeikonzepte als in Bremen. Wo funktioniert die Zusammenarbeit gut und was können die Bremer daraus lernen?
Auch innerhalb der Polizei wird diskutiert, wie die Einsätze im Ligaalltag so konzipiert werden können, dass die Spiele störungsfrei über die Bühne gehen, aber auch die Fankultur gelebt werden kann. Die Polizei hat kein Interesse an einer weiteren Zuspitzung der Situation. Aus unserer Erfahrung funktionieren immer die Konzepte am besten, in denen Fans und ihrer Kultur mit Respekt gegenübergetreten wird. Ein Versuch der Hannoveraner Polizei aus der Saison 2007/2008 mit dem Einsatz von Konfliktmanagern und einer offensiven Kommunikation hat extrem positive Ergebnisse gebracht. Die Polizei informiert die anreisende Fanszene, die Vereine und die Fanarbeiter zwei Wochen vor dem Spiel über die fanfreundlichen Bedingungen und hat ihre Präsenz am Bahnhof deutlich reduziert. Ein Kernelement des Konzepts war die Möglichkeit einer Rückmeldung an die Polizei. Das Feedback war ausschließlich positiv, die Fans haben sich gefreut, nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden.

Referenzen:

Heft: 40
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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