Akzeptanz statt Enttarnung

cache/images/article_1179_40spiel_cl_140.jpg Homosexualität im Fußball muss kein Tabu sein das hat der letzte Club 2x11 bewiesen. Weitgehend einig waren sich die Diskutanten, dass ein Outing allein nichts an der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz ändern würde.
Reinhard Krennhuber | 04.03.2009
Im ausgezeichnet besuchten Veranstaltungssaal der Wiener Hauptbücherei wurden zunächst die herrschenden Verhältnisse verdeutlicht. Rapid und die Austria wollten ihre Spieler nicht mitreden lassen, nur dem Wiener Sportklub war das Thema nicht zu »heiß«. Marco Perez, defensiver Mittelfeldspieler bei den Dornbachern, wunderte dies nicht. Er habe in den zwölf Jahren seiner Karriere keinen einzigen schwulen Spieler kennengelernt, über das Thema würde einfach nicht geredet.

Ein Outing ist für Perez erst dann denkbar, wenn am Fundament gerüttelt wird: »Wenn der Verein bereit ist, die Homosexualität des Spielers zu akzeptieren, dann kann er den Sport zumindest ausüben. Dazu braucht er noch die Akzeptanz der Mannschaft und des Trainers.« Das Hauptproblem sieht Perez bei Medien und Fans. »In einem Stadion mit 20.000 Leuten, die alle wissen, dass der Spieler schwul ist, wird es nicht so angenehm werden.«

Marco Schreuder, Wiener Gemeinderat der Grünen und schwuler Rapid-Fan, stieg noch eine Stufe zurück: »Bevor ich ein Coming out machen kann, muss ich zunächst einmal mit mir selber klarkommen. Sonst kann ich nicht rausgehen. Und das ist das Problem, wo wir im Fußball stecken. Dass es die Mechanismen gar nicht zulassen, dass man zu sich selbst stehen kann.«

Seit der Lektüre des Buchs »Versteckspieler« über die Erfahrungen des schwulen Fußballers Marcus Urban stelle er sich die Frage, ob es ein halbwegs selbstbewusster Schwuler im Fußball überhaupt zu etwas bringen könne. Schreuder: »Es liegt an den Strukturen, dass es keinen Platz dafür gibt. Der Druck ist hoch, es ist ein Mannschaftssport, das Gefüge ist einerseits kollegial, andererseits hierarchisch.«

Daum und die verpasste Chance
Bei den konkreten Auswirkungen dieser Strukturen setzte der Autor von »Versteckspieler«, Ronny Blaschke, an. Der Journalist zeigte sich enttäuscht von der Reaktion von DFB-Präsident Theo Zwanziger auf eine Aussage von Christoph Daum, in der der Köln-Trainer Homosexuelle indirekt als Kinderschänder bezeichnet hatte. Zwanziger ansonsten sehr engagiert, wenn es um Anliegen von Lesben und Schwulen im Fußball geht habe es verabsäumt, ein Zeichen zu setzen, so Blaschke: »Er hat sich rauslaviert. Dabei ist er Präsident des mächtigsten Sportverbands der Welt. Wenn der eine Klatsche rausholt, dann ist da Ruhe.« Reden könne man viel, aber Fälle wie jener von Daum seien Prüfungen, »die zeigen, ob man die nächste Ebene erreicht.«

Ins Zentrum der Diskussion rückte die Frage der Sinnhaftigkeit eines Coming- Outs. Für Tanja Walther-Ahrens von der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF) hätte ein solcher Schritt zwar Vorbildcharakter, im Mittelpunkt ihrer Arbeit würde aber etwas anderes stehen. »Es geht uns nicht darum, dass am Ende jemand dasteht und sagt: ich bin schwul. Sondern vielmehr darum, dass es einer tun könnte, ohne Angst davor haben zu müssen, was danach passiert.«

Fußball ist für die ehemalige Turbine-Potsdam-Spielerin ein gutes Medium, um Homophobie zu bekämpfen, »weil es so ein Spektakel ist. Wenn wir die Homophobie im Fußball thematisieren könnten, wäre das ein ganz wichtiger Erfolg. Dann kriegen wir es vielleich auch im Rest der Gesellschaft ein bisschen besser hin.«

Das Problem mit der Weihnachtsfeier
In Frage gestellt wurde die These, dass es ein bekanntes Role Model für den Kampf um Akzeptanz von Homosexuellen im Fußball brauche. Für Ronny Blaschke funktioniert eine Aufarbeitung des Themas mit einem Spieler aus der dritten oder vierten Liga genauso wie mit einem Bundesliga-Spieler: »Die Prominenz würde die Aufarbeitung des Themas sogar blockieren, wenn es in einen Personenkult ausartet. Der Spieler würde von Beckmann und Kerner zu Jauch gereicht werden, und müsste sich überall die gleichen Fragen anhören, ohne dass das eigentliche Thema angerührt wird. Akzeptanz ist da wichtiger als Enttarnung.«

Schreuder stimmte dem zu. Es sei ein Irrglaube, zu denken, dass man erst wer sein müsse, um sich outen zu können, so der Grün-Politiker: »Dann hat man ja vorher schon ein anderes Leben gelebt. Für mich wäre es viel schöner, wenn jemand immer schon offen schwul war und trotzdem Karriere macht.«

Die schwierige Situation des Coming-Outs wird auch in »Versteckspieler« beschrieben. »Es gibt einige Fußballprofis, die ihr Leben so konstruieren, dass es heterosexuell aussieht. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mich den größten Teil meines Lebens verstecken, finde ich das einfach nur traurig«, so Tanja Walther-Ahrens. »Es geht darum, ein Klima zu erzeugen, in dem der schwule Spieler mit seinem Freund zur Weihnachtsfeier gehen kann oder er ihn vom Training abholt, wie es meine Frau auch macht.« Nachsatz: »Leider sind wir davon noch weit entfernt.«

Der Club 2x11 ist eine vom ballesterer, den Wiener Büchereien und tipp3 organisierte Gesprächsrunde, in der Aspekte des Fußballs jenseits des journalistischen Tagesgeschäfts diskutiert werden. Die nächste Veranstaltung am 28. Mai widmet sich der Frage »Was ist der ideale Fan?«

Referenzen:

Heft: 40
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png