Alles geht vorbei

Julio Grondona bezeichnete sich gerne als Vizepräsident der Welt. Als Finanzchef der FIFA hielt er seinem Freund Joseph Blatter den Rücken frei, nach 35 Jahren an der Spitze des argentinischen Verbandes verstarb er Ende Juli 82-jährig in Buenos Aires.

Markus Leiter | 24.08.2014

Gedankenverloren und mit starrem Blick sitzt FIFA-Boss Joseph Blatter im Auto, das ihn vom Flughafen in Buenos Aires zur Aufbahrungshalle seines Stellvertreters und Freundes bringt. Die Verbundenheit zwischen dem Weltverbandspräsidenten und dem verstorbenen Julio Grondona war tief. Bei der von Korruptionsvorwürfen begleiteten Wahl Blatters zum FIFA-Präsidenten 1998 schwor Grondona die Delegierten auf den Schweizer ein. Zu dieser Zeit waren beide bereits tief verankert in den Strukturen des Weltverbands - Blatter als Generalsekretär und Grondona als Stellvertreter von Joao Havelange, der die FIFA seit 1974 geleitet hatte. Bereits damals wurde der Institution mangelnde Transparenz vorgeworfen. In der Folge führten Blatter und Grondona die FIFA wirtschaftlich in neue Sphären - und waren zugleich Garanten für Intransparenz bei der Machtausübung.

"Grondona schmiedet die Allianzen, die ihn an der Macht halten", brachte die argentinische Zeitung Perfil die Bedeutung des Südamerikaners für Blatter einmal auf den Punkt. Grondonas besondere Begabung bestand nicht zuletzt darin, den Verlockungen des Augenblicks widerstehen zu können. Als er beim Verbandskongress 2002 von einigen Kontinentalverbänden als möglicher Blatter-Nachfolger ins Spiel gebracht wurde, ließ er sich nicht zu einer Kandidatur hinreißen. Als Herr über die Geldtöpfe war seine De-facto-Macht ohnedies groß genug. Grondona blieb seinem Chef treu verbunden - auch in den mutmaßlichen Korruptionssümpfen des Weltverbands inklusive der umstrittenen WM-Vergaben an Russland und Katar.

Die Heimspiele der Macht
Grondonas Wirken in der FIFA war ein Auswärtsspiel, auf ein Büro in Zürich verzichtete er bewusst. Umso sichtbarer war seine Präsenz im argentinischen Fußball. 1979 wurde er als damaliger Independiente-Präsident auf den Posten des Verbandschefs gehievt, ein Jahr nach dem Gewinn der Heim-WM und mitten während der argentinischen Militärdiktatur, die für die Folterung und Ermordung tausender Menschen verantwortlich war. Grondona, der Funktionär der Militärs, blieb auch nach Wiedereinführung der Demokratie 1983 im Amt.

"Todo pasa" - Alles geht vorbei - war das Motto, das sich Grondona auf seinen Ring eingravieren ließ. Lange Zeit traf das vor allem auf die anderen zu, er überdauerte 35 Jahre lang linke wie rechte Regierungen. Nicht alle Staatspräsidenten waren glücklich mit Grondona. Ex-Präsident Carlos Menem versuchte, ihn durch einen Vertrauensmann zu ersetzen. Nestor Kirchner, der verstorbene Mann und Vorgänger der heutigen Staatspräsidentin Cristina Kirchner, wollte ihn als Symbolfigur der alten Machtoligarchie ebenfalls loswerden. Dass diese Versuche scheiterten, lag auch an Grondonas ausgeprägtem Sinn für Macht. "Er war versiert darin, sich mit allen Regierungen zu arrangieren", sagt der Sportjournalist Juan Pablo Mendez dem ballesterer. "Er hat sich nie auf offene Konflikte eingelassen, am Ende wurde er immer irgendwie zu einem Verbündeten, der nützlich sein konnte."

Ein Beispiel dafür ist die Auflösung des Fernsehrechtevertrags mit TyC Sports, das zur Verlagsgruppe Clarin gehört, die den Kirchners ein besonderer Dorn im Auge ist. Die Rechte wanderten 2009 mithilfe von Grondona für den doppelten Preis zum staatlichen Canal 7. Bei den Übertragungen der Spiele gibt es kaum Werbeeinschaltungen, dafür umso mehr politische Botschaften im Sinne der Präsidentin. Als Revanche ließ TyC Sports Informationen durchsickern, die Grondona mit Geldwäsche und Korruption in Verbindung brachten: Von Schwarzgeldkonten mit Einlagen von über 100 Millionen Dollar war die Rede. Die Justiz ermittelt, bewiesen ist bis dato nichts.

Populistische Entscheidungen
Bei der Wahl der insgesamt neun Nationaltrainer habe sich Grondona von Stimmungen in der Öffentlichkeit durchaus leiten lassen, sagt Mendez. Er nominierte nicht immer die hochgehandelten Favoriten. Mit Maradona verbanden ihn wechselnde Phasen von Zuneigung und Hass. Zum Teamchef machte er ihn Gerüchten zufolge auch deshalb, um seinen Sohn Humbertito leichter als Nachwuchstrainer im Verband installieren zu können. Unter dem von der Öffentlichkeit vehement geforderten Starcoach Carlos Bianchi wäre dies wohl nicht möglich gewesen. Am Ende seiner Amts- und Lebenszeit stehen der WM-Titel 1986, die WM-Finalteilnahmen 1990 und 2014 sowie die Copa-America-Titel 1991 und 1993 zu Buche.

Am 30. Juli, dem Tag von Grondonas Ableben, schrieb die Zeitung Pagina 12, dass der argentinische Fußball nun ein Waisenkind sei. Eine Ära wie die seine werde es nie wieder geben. Ob Nachfolger Luis Segura in Grondonas Fußstapfen treten kann, bleibt abzuwarten. Ebenso wie die Frage, ob die Justiz gewillt ist, Licht in die dunklen Ecken der Amtsjahre des Vizepräsidenten der Welt zu bringen. 

Referenzen:

Heft: 94
Thema: Argentinien, FIFA
ballesterer # 117

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