»Alles ist besser als Fernsehen«

cache/images/article_2161_img_1154_140.jpg Dem deutschen Unterhaus kommen die Zuschauer abhanden. Die Insolvenzen häufen sich, und die Topligen im Fernsehen wecken mehr Interesse als der Verein um die Ecke. Amateurfanszenen aus ganz Deutschland haben sich jetzt zusammengeschlossen, um einen Fußball zu bewerben, bei dem die Anhänger noch ganz nah dran sind.
Nicole Selmer | 16.09.2013

Ohne die blau-gelben Schilder, die auf den Wilhelm-Rupprecht-Platz hinweisen, würde man ihn hinter der Hofeinfahrt und dem kleinen zugewachsenen Parkplatz womöglich gar nicht finden. Dabei hat das Stadion im Hamburger Stadtteil Barmbek heute für die Gästefans sogar einen eigenen Eingang geöffnet. Auch einen kleinen Ordnerdienst hat der Heimverein, der HSV Barmbek-Uhlenhorst, engagiert. Bei bestem Wetter geht es an diesem Sonntag in der Oberliga Hamburg gegen Altona 93. Diese Begegnung ist in der fünfthöchsten Spielklasse ein Publikumsmagnet und den Fans die Bezeichnung Derby wert. Später wird sich der Stadionsprecher bei 810 Zuschauern bedanken - im Durchschnitt kam Barmbek-Uhlenhorst in der vergangenen Saison auf 250 Besucher. Im Schatten der beiden großen Hamburger Klubs, des HSV und des FC St. Pauli, ringen zu viele Amateurvereine um zu wenig Aufmerksamkeit.

 

Eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff ist ein kleines Grüppchen der Heimfans damit beschäftigt, Zaunfahnen zu platzieren, Trommeln aufzustellen und die blau-gelbe Schwenkfahne probezuschwingen. »Ultras würde ich uns nicht nennen«, sagt Christoph Stechel von den »BUsenfreunden«. »Wir sind Fans.« Den Profifußball hat er als Anhänger des Hamburger Sport-Vereins kennengelernt. Auch wenn er HSV-Spiele noch besucht und eine Dauerkarte hat, liegt Stechels Fokus inzwischen auf den unteren Ligen. »Amateurfußball ist ehrlich, du bist nah dran, es gibt keinen Stress mit der Polizei«, sagt er. Seit dem Saisonauftakt gehört zum Materialsortiment der »BUsenfreunde« auch eine Fahne mit der Aufschrift »Glotze aus, Stadion an«, denn die Fangruppe beteiligt sich an der gleichnamigen Initiative, die den Amateurfußball bewerben will.

 

Fußball ohne Wiederholung

Gestartet wurde die Aktion im Juni in Göttingen, und eigentlich sollte sie dort auch bleiben. »Es war zunächst nur als Anstoß gedacht, um die Göttinger daran zu erinnern, dass es hier einen Verein direkt vor der Haustür gibt«, sagt Dirk Mederer von der »Supporters Crew 05«. Die Fans von Göttingen 05 gehören zu den aktivsten im Amateurbereich und haben sich, nachdem ihr Klub 2003 pleiteging, auch zwei Jahre ohne Verein durchgeschlagen. Heute existiert der Verein wieder, das Männerteam spielt in der Oberliga Niedersachsen. Zuschauerschnitt: 500 - in einem Stadion für 15.000. Profivereine in der Stadt oder auch nur im nahen Umland gibt es nicht.

 

In der Universitätsstadt Göttingen sind die Schwierigkeiten andere als in Hamburg. »Die Studenten kommen her und haben ihren Verein schon in der Tasche«, sagt Mederer. »Es gibt viele schwarz-gelbe Trikots, aber das sind fast nie 05-Fans, sondern Dortmund-Anhänger. Viele wissen gar nicht, dass es hier einen Klub gibt.« Durch die Initiative sollen sie mithilfe von Bannern im Stadion und Berichten in der lokalen Presse daran erinnert werden. Mit ihrer Idee haben die Göttinger bei anderen Fans offene Türen eingerannt, inzwischen sind 35 Amateurfanszenen dabei. »Der Frust ist über die Jahre so stark gewachsen, dass sich viele freuen, endlich gemeinsam etwas machen zu können«, sagt Mederer. 


Die sinkenden Zuschauerzahlen sind ein Sonntagsproblem, denn traditionell war das in Deutschland der Tag für den Amateurfußball. Durch die zersplitterten Spieltage der oberen Ligen läuft nun das ganze Wochenende über Profifußball - im Fernsehen. An diesem Sonntagnachmittag in Hamburg-Barmbek heißt die Konkurrenz Fortuna Düsseldorf gegen den VfL Bochum in der zweiten Liga, etwas später Eintracht Braunschweig gegen Eintracht Frankfurt. »Die Leute sitzen in den Sky-Bars und gucken sich Vereine an, die gar nicht ihre sind. Hauptsache, es ist Fußball«, sagt BU-Fan Christoph Stechel in Barmbek. »Die sollen ihren Arsch hochkriegen und auf den Platz kommen.« Dort erwartet manchen fernsehgewohnten Fußballkonsumenten eine Überraschung. »Das Fernsehen gaukelt dir ein Fußballkino vor, das nichts mit der Realität zu tun hat«, sagt Dirk Mederer aus Göttingen. »Der Platz ist dann auf einmal viel kleiner, du bist näher dran und musst dich entscheiden, wo du hinguckst. Es gibt keine fünf Wiederholungen, bis klar ist, ob es Abseits war oder nicht.«

Auffangbecken Amateurfußball
In Barmbek hat sich auf den Steinstufen unterhalb des Bier- und Wurststandes neben den »BUsenfreunden« auch der Fanklub »Barmbeker Pöbel« mit Tattoos und Hund eingefunden. Drumherum und auf der kleinen Sitzplatztribüne daneben ist die klassische Mischung des Amateurpublikums versammelt: Freunde und Verwandte der Spieler, ältere Herren, ein paar Familien auf Sonntagsausflug. Man kennt sich, die Sonne scheint, Bier und Wurst sind preiswert. Die erste Halbzeit bleibt torlos, aber nicht frei von umstrittenen Szenen. Noch vor der Pause sieht einer der Altona-Spieler Gelb-Rot, auf der anderen Seite wird den Gästen ein Elfmeter verweigert. »Schiri, du hast wohl Lack getrunken«, ruft einer der etwa 300 Auswärtsfans.

 

Das Verhältnis zwischen den beiden Fanlagern ist nicht unbedingt herzlich. Für das Spruchband »Rassismus tötet. Nie wieder Lichtenhagen« der BU-Fans gibt es allerdings auch Applaus von den Altona-Anhängern. Bevor zu viel Harmonie aufkommt, folgen Schmähgesänge: »Scheiße, Scheiße Altona« und von der anderen Seite ein ironisches »Ihr habt Arbeit und wir nicht«. Auch bei Altona 93 weckt die Partie gegen Barmbek-Uhlenhorst mehr Interesse als die meisten anderen Spiele. »Das sind im Moment die einzigen Hamburger Vereine der Oberliga mit größerem Fananhang«, sagt Altona-Fan Burkhard Masseida. Gemeinsam ist den beiden Klubs auch, dass sie wie so viele andere Amateurklubs auf bessere Zeiten zurückblicken können. BU stieg in den 1960er Jahren zur dritten Kraft im Hamburger Fußball auf und spielte kurzzeitig sogar in der zweithöchsten Spielklasse. Der Altonaer Fußball-Club von 1893 trägt seine große Tradition im Namen. Die sportlich erfolgreichste Zeit allerdings hat keiner der heute Anwesenden miterlebt, sie fand noch vor dem Ersten Weltkrieg statt.


Die Fans aus Altona sind an der »Glotze aus, Stadion an«-Kampagne ebenfalls beteiligt, ihr Verein steht mit einem Zuschauerschnitt von knapp 500 vergleichsweise gut da. So schnell wird Altona 93 nicht in den Profifußball aufsteigen, aber viele Fans sind im Lauf der Jahre von dort zum aktuellen Oberligisten gewechselt. Der Amateurfußball ist ein Auffangbecken für diejenigen, die von den Preisen im Profibetrieb, von Kontrollen und Kommerz genug haben. Wie der Barmbeker Christoph Stechel, der vom HSV zum Amateurfußball gekommen ist, hat auch Burkhard Masseida eine Vergangenheit bei einem großen Hamburger Klub hinter sich. Als der FC St. Pauli nach dem Abstieg 2002 seine Eintrittspreise beibehielt, war für ihn Schluss mit dem Profitum. »Bei uns ist es entspannt. Es gibt keine großen Kontrollen, keine Ordner im Block, aber dafür Bier mit Alkohol«, sagt Masseida.


Fans ohne Gegner
Trotz dieser Vorzüge sinken die Zuschauerzahlen im Amateurfußball. Das liegt nicht nur an der Konkurrenz des zweidimensionalen, aber hochklassigen Fernsehfußballs, sondern auch an der wirtschaftlichen und sportlichen Krise zahlreicher Vereine. Die Strukturreformen des deutschen Ligasystems, an deren bisherigem Ende eine dritte Profiliga steht, haben die Kluft zwischen Profi- und Amateurbereich weiter vergrößert. Die vierten und fünften Ligen bilden einen Übergangsbereich zwischen dem Niemandsland des ewigen Amateurismus und den Verheißungen des Profifußballs mit seinen Fernsehgeldern. »Viele Vereine verzetteln sich finanziell, um auf Teufel komm raus in die dritte Liga zu gelangen«, sagt Göttingen-Fan Dirk Mederer. »Bei uns in der Oberliga ist in den vergangenen zwei Jahren niemand sportlich abgestiegen, weil so viele Vereine während der Saison insolvent gegangen sind oder sich die Liga doch nicht leisten konnten. Das ist eine Katastrophe.«


Auf dem Platz in Hamburg-Barmbek hat Altona 93 trotz Unterzahl in der zweiten Halbzeit zwei Tore erzielt: Einem Elfmetertor in der 67. Minute folgt gleich darauf das 2:0. Trotz der Niederlage ist der Tag auch für Barmbek-Uhlenhorst ein Erfolg. Viele Zuschauer und gute Stimmung sind Werbung für den Amateurklub, von den Getränkeeinnahmen an einem heißen Tag ganz zu schweigen.


So sonnig wie dieser sind nur wenige Tage für die Hamburger Amateurvereine. Von der »Glotze aus, Stadion an«-Kampagne erhofft sich Burkhard Masseida eine Belebung von eingeschlafenen Fanszenen. »Für ein richtiges Fandasein braucht man auch Gegner. Ich würde mir wünschen, dass auch zu den anderen Vereinen mehr Leute kommen.« Auch die Initiatoren aus Göttingen denken an die Konkurrenz. Sie wollen Werbung für das Erlebnis Stadion machen. »Und das findet auch in den Amateurligen statt. Wir sagen den Leuten: »Schaut doch bei uns vorbei. Oder geht zu eurem Verein ins Stadion, auch wenn der 100 Kilometer entfernt spielt.« Alles ist besser als Fernsehen.«


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Referenzen:

Heft: 85
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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