Almost Heaven

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Die Fans des Liverpool FC warten seit über 20 Jahren auf einen Meistertitel. In der vergangenen Saison war es beinahe so weit - bis Jose Mourinho kam.

John Williams | 28.07.2014

Die vergangenen 24 Jahre waren für jeden Liverpool-Fan hart. Ich bin alt genug, um mich noch an die ruhmreichen Tage des Klubs in den 1970ern und 1980ern zu erinnern. Ich habe all die Europacupspiele, die Meistertitel, die Siege im FA-Cup unter Bob Paisley, Joe Fagan und Kenny Dalglish miterlebt. Und ehrlich gesagt, wir waren vielleicht ein bisschen verwöhnt: In jeder neuen Saison gab es einen neuen Titel und einen neuen Pokal.

Traum von Platz vier
Sogar nach der Schande von Heysel 1985 kam Liverpool sofort zurück und gewann den Titel. Wir fühlten uns unbesiegbar. Aber dann war es plötzlich vorbei. Nach der Katastrophe von Hillsborough 1989 stolperte der Klub in einen emotionalen und finanziellen Abwärtstaumel. Mit der Gründung der Premier League 1992 war Fußball zu einer Gelddruckmaschine geworden, während Liverpool weiterhin wie ein lokaler Fußballklub und nicht wie ein globales Unternehmen geführt wurde. Das hatte seinen Charme, aber so blieben wir hinter Alex Fergusons Manchester United und Arsene Wengers Arsenal zurück. Auch den plötzlich kapitalstarken Klubs wie Chelsea und Manchester City konnten wir nichts entgegensetzen.

Natürlich hatten wir auch in dieser Zeit unsere großen Momente - der Champions-League-Sieg in Istanbul 2005 war so einer. Aber nach 1990 sah es kaum je danach aus, als könnte Liverpool noch einmal einen Meistertitel gewinnen. Zwischen 2007 und 2010 mussten wir sogar fürchten, dass die US-amerikanischen Eigentümer den Klub völlig zugrunderichten würden. Bis zur vergangenen Saison. Vermutlich hat kein Liverpool-Anhänger wirklich daran geglaubt, dass wir um den Titel mitspielen könnten. Vielleicht ein Platz unter den ersten Vier, wenn es so richtig gut laufen würde. Der Kader war dünn und unausgeglichen besetzt, die Talente hatten sich noch nicht bewährt. Außerdem war da unser junger, unerfahrener - manche sagten: naiver - Trainer. Manchester City hingegen hatte ein eingespieltes und hochklassig besetztes Team - vermutlich das beste, das mit Geld zu kaufen ist. Außerdem war mit Jose Mourinho der Fürst der Finsternis zu Chelsea zurückgekehrt. Es waren einfach zu viele gute Mannschaften und zu viel Geld im Spiel, als dass Liverpool auf mehr hoffen durfte als auf einen siebten Platz wie in der Vorsaison.

Tore am Fließband
Aber dann kam alles anders. Brendan Rogers erwies sich zwischen den Arrivierten der Branche als Sturm-und-Drang-Trainer und setzte auf aufregendes Offensivspiel: Steven Gerrard agierte vor der Verteidigung, aus dem Mittelfeld kam ein beängstigendes Hochgeschwindigkeitspressing, und Luis Suarez und Daniel Sturridge schossen Tore wie am Fließband. Wir besiegten schwächere Mannschaften zu Hause mit drei, vier, ja sogar fünf Toren Unterschied - wie viele wir kassierten, war egal. Zu Weihnachten führten wir die Tabelle an, obwohl uns knappe Niederlagen bei Manchester City und Chelsea gleich danach ein wenig bremsten.

Zu Beginn des neues Jahres legte die Liverpooler Tormaschine jedoch richtig los, und niemand konnte mithalten: Den Lokalrivalen und Titelkandidaten Everton fegten wir an einem verregneten Jännerabend 4:0 aus dem Stadion. Am 8. Februar kam Arsenal mit breiter Brust nach Anfield in unser altes Stadion, das von der Wintersonne durchflutet wurde und vor Erwartung förmlich bebte. Zu Recht. Das erfahrene Wenger-Team wurde in den ersten 20 Minuten auseinandergenommen, Liverpool siegte 5:1 - es war, als hätten wir auch zweistellig gewinnen können.

Im Nebel erstickt
Schlüsselmomente für die Wiederauferstehung von Liverpool waren die neue Rolle für den unvergleichlichen Gerrard, die Entdeckung der englischen Talente Jordan Henderson und Raheem Sterling und die Entwicklung von Joe Allen zum walisischen Xavi, wie es der Trainer formulierte. Entscheidend waren aber die Stürmer: Daniel Sturridge, bei Manchester City und Chelsea aussortiert, blühte bei Liverpool auf und sorgte auf der linken Seite für Torgefahr. Aber im Fokus stand der Uruguayer Luis Suarez, der außer in Anfield überall ausgepfiffen wurde - nicht nur wegen seiner kolportierten rassistischen Ausfälle und Beißattacken, sondern auch, weil er die gegnerischen Abwehrreihen zum Verzweifeln brachte.

Als Liverpool am 13. April 2014 Manchester City zu Hause 3:2 schlug, war dies der achte Sieg in Folge. Auf der mit Fahnen übersäten Fantribüne "Kop" schien der Titel nach 24 langen Jahren plötzlich greifbar nahe, es war fast beängstigend. Raheem Sterling, der 19-jährige Hoffnungsträger, ließ die Zeit stillstehen, als er nacheinander Vincent Kompany und Tormann Jo Hart verlud, bevor er den Ball ins leere Tor schob. Zwischen uns und dem Titel standen nur noch drei Siege - und Jose Mourinho.

Mourinho bewundert Liverpool und seine Fans, das hat er selbst gesagt. Aber er hatte nicht vor, uns die Meisterschaft zu überlassen. Ende April kam er mit einem Team aus Verteidigern nach Anfield, postierte sie vor dem Tor - und wartete ab. Liverpool bemühte sich nach Kräften, doch als Gerrard einen Ball im Mittelfeld verlor, nützte Demba Ba, der bisher bei Chelsea nichts gerissen hatte, seine Chance und traf. Es war, als hätte sich plötzlich ein undurchdringlicher Nebel über den "Kop" gelegt, eine Londoner Dunstglocke, die all unsere Träume erstickte. Wir ließen uns in unsere Sitze fallen, die Fahnen sanken zu Boden - Mourinho hatte uns besiegt. An diesem Abend ging die Meisterschaft verloren. Jeder, der dabei war, wusste es. Die Fans ertranken ihren Kummer in den Pubs. Jose Mourinho, unsere Nemesis, hatte uns den Titel aus den Händen gerissen und ihn Manchester City auf dem Silbertablett serviert.

Können wir nächste Saison noch einmal angreifen? Warum nicht? Gerrard ist zwar schon 34 und Suarez trotz seiner Beißeskapaden bei der WM von Barcelona gekauft worden. Aber Rodgers hat ein junges Team zusammengestellt, und wir sind wieder voller Hoffnung, ja, sogar Zuversicht. Und stolz darauf, dass wir 2014 unsere Rivalen oft vom Platz gefegt haben. Eigentlich war es genauso wie in den 1980ern.

Referenzen:

Heft: 93
Verein: FC Liverpool
ballesterer # 115

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 20.10.2016.

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