»Als hätte ein Nazi die WM '06 organisiert«

cache/images/article_2166_imag0052_140.jpg Ivo Herzog kämpft für die Absetzung von Jose Maria Marin. Der Präsident des brasilianischen Fußballverbands und des WM-Organisationskomitees spielte während der Militärdiktatur bei der Ermordung von Herzogs Vater eine zweifelhafte Rolle. Bei der FIFA und der brasilianischen Politik ist Herzog mit seinem Anliegen jedoch abgeblitzt.
Robert Florencio | 16.09.2013
Ivo Herzog weiß um die Schwierigkeit seines Anliegens. Als er zu Jahresbeginn eine Petition startete, mit der er Jose Maria Marin zum Rücktritt von dessen Funktion als Präsident des WM-Organisationskomitees aufforderte, wussten selbst in Brasilien nur wenige Menschen über Marins politische Vergangenheit Bescheid. Er hatte sich stets gerühmt, in seiner kurzen Zeit als Gouverneur des Bundesstaats Sao Paulo gegen Ende der Militärdiktatur die Zensurbehörde und die Geheimpolizei aufgelöst zu haben. Die indirekte Verwicklung des Abgeordneten der Regimepartei Arena in die Ermordung des Journalisten Vladimir Herzog 1975 wurde erst mit der Unterschriftenaktion einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Zu Beginn verlief die Kampagne nach Wunsch. Herzog gewann die Tageszeitung Folha de Sao Paulo und den Nationalkongressabgeordneten Romario als Unterstützer. Gemeinsam mit dem ehemaligen Weltfußballer übergab er im April die von 50.000 Personen unterzeichnete Liste an den brasilianischen Fußballverband und schrieb eine Sachverhaltsdarstellung an das FIFA-Ethikkomitee in Zürich. Die erhoffte Wirkung blieb jedoch aus. Bis dato konnte Ivo Herzog keine wesentliche politische Gruppierung für sein Anliegen gewinnen. Im ­ballesterer-Gespräch kann er seine Frustration darüber nicht verbergen, dass aus der Politik keine stärkeren Reaktionen gekommen sind. Romario hat unterdessen Konsequenzen aus der mangelnden Unterstützung gezogen. Nachdem die Partido Socialista Brasileira seinem Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses die Rückendeckung versagte, verließ Romario die Partei und ist im Moment wilder Abgeordneter.

ballesterer: Vladimir Herzog war als Programmdirektor des staatlichen Senders TV Cultura kein führender Kopf der Opposition. Wieso ist er trotzdem ins Visier der Militärs geraten?
Ivo Herzog: Mein Vater war in der Tat kein Oppositionsführer, sondern ein Intellektueller. Das Schicksal seiner Familie mit der Flucht seiner Eltern aus der kroatischen Heimat, wo viele Verwandte von den Nazis ermordet wurden, sowie seine Studienjahre bei der BBC in England haben ihn stark geprägt. Als Demokrat war er mit den Entwicklungen in Brasilien nicht einverstanden, und so hat er sich Anfang der 1970er Jahre der im Untergrund agierenden kommunistischen Partei angeschlossen. Die PCB hat für einen gewaltfreien Übergang zu demokratischen Strukturen gekämpft.
Was waren die politischen Umstände seiner Ermordung?
In der damaligen Militärregierung von General Ernesto Geisel hat es eine moderate Strömung gegeben, die auf eine langsame Einbindung der oppositionellen Kräfte in den politischen Prozess gesetzt hat. Gleichzeitig hat es aber auch die Hardliner gegeben, die regimekritische Stimmen gezielt verfolgt haben. Auch in den staatlichen Medien hat es einen Disput zwischen linientreuen und kritischen Journalisten gegeben. Einer der Verfechter der reaktionären Linie, der Journalist Claudio Marques, hat in seinen Artikeln verlangt, dass die Behörden bei TV Cultura intervenieren, um eine regimefreundliche Berichterstattung zu gewährleisten.
Welche Rolle hat Jose Maria Marin dabei gespielt?
Marin hat sich diesem Aufruf in einer Parlamentsrede Mitte Oktober 1975 angeschlossen. Ihm ist es dabei aber um den für das Fernsehen zuständigen Kulturstaatssekretär und den Generalintendant von TV Cultura gegangen. Ich kann Marin keine direkte Schuld an der Ermordung meines Vaters geben, er hat den Folterern aber moralische Unterstützung gegeben. Viel schlimmer als diese erste Rede war aber eine andere, ein Jahr später. Darin hat Marin Sergio Fleury, den berüchtigten Offizier der Folterpolizei, für die Verdienste um das Land über den grünen Klee gelobt. Und das zu einem Zeitpunkt, als sich in der brasilianischen Gesellschaft bereits große Wut über die Folterer breitgemacht hatte, so dass selbst Präsident Geisel die absoluten Hardliner entfernt und das Foltern in den Verhörzentren verboten hatte. Bis heute hat sich Marin niemals für diese Aussage entschuldigt.
Wie ist es zur Ermordung Ihres Vaters gekommen?
Am Abend des 24. Oktobers 1975 haben drei Männer an unserer Haustür geklingelt und vorgegeben, auf der Suche nach einem Fotografen für eine Hochzeit zu sein. Da mein Vater nicht zu Hause war, sind sie zum Fernsehsender gefahren und wollten ihn dort gleich mitnehmen. Er hat aber das Nachtjournal moderieren müssen, und so konnte er sich einen Termin auf der Polizeiwachstube am nächsten Morgen herausschlagen. Er hat gewusst, dass ihn ein scharfes Verhör erwarten würde und sich deshalb von Kollegen begleiten lassen, die eine Bestätigung für sein Erscheinen erhalten haben. Allein, es hat nichts geholfen. Am nächsten Tag ist er tot in einer Zelle der Wachstube aufgefunden worden. Die Behörden haben versucht, einen Selbstmord durch Erhängen vorzutäuschen, was aber sehr bald aufgrund seiner Position mit abgewinkelten Knien als Lüge enttarnt worden ist. Sein Begräbnis ist dann zu einer machtvollen Demonstration gegen das Militärregime geworden.

Sind die Mörder je zur Rechenschaft gezogen worden?
Nein. Das Amnestiegesetz von 1979 verbietet die Strafverfolgung sämtlicher Verbrechen während der Militärdiktatur. Gleichzeitig hat Brasilien aber auch den Vertrag bei der Organisation Amerikanischer Staaten unterzeichnet, der eine Nichtverjährung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorsieht. Wir haben den Fall beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte eingeklagt, wo er jetzt verhandelt wird. Brasilien wird sich diesem Urteil beugen müssen. Wer die Mörder meines Vaters waren, will ich eigentlich gar nicht wissen. Ich hoffe nur, dass es irgendwann Gerechtigkeit geben wird.

Wie erklären Sie sich die verhaltenen Reaktionen der brasilianischen Politiker? Der Schwiegersohn von Präsidentin Dilma Rousseff war selbst ein Folteropfer von Fleury. Trotzdem hat Rousseff Marin beim Confed-Cup herzlich umarmt.
Die Präsidentin muss sich an ein vorgeschriebenes Protokoll halten, und das beinhaltet auch den Kontakt zum Präsidenten des Organisationskomitees. Fakt ist aber auch, dass sie Marin trotz seines Wunsches nicht in der Präsidentschaftskanzlei empfangen hat und auch seiner Einladung, das Finale zu besuchen, nicht gefolgt ist. Viel schlimmer als das Verhalten der Politiker, die im Volk ja sowieso einen schlechten Ruf haben, ist die Ignoranz der Fußballer zu diesem Thema. Sie erreichen als Vorbilder wahnsinnig viele Menschen. Leider sind von den meisten keine klaren Aussagen gekommen.

Sie haben auch das Ethikkomitee der FIFA zu einer Stellungnahme aufgefordert. Gibt es schon eine Reaktion?
Die FIFA hat mir geantwortet, dass sie damit nichts zu tun hat. Der Fall sei eine innerbrasilianische Angelegenheit, und sie würde nur Fälle von Sportfunktionären untersuchen, die sich in ihrem Amt etwas zuschulden kommen lassen. Das ist enttäuschend. Marin als Cheforganisator der WM 2014 ist so, als hätte Deutschland 2006 statt Franz Beckenbauer einen alten Nazi die WM organisieren lassen. Das hätte eine Welle der Entrüstung nach sich gezogen. In Deutschland ist natürlich niemand auf so eine Idee gekommen. Das zeigt, dass wir in Brasilien in Sachen Vergangenheitsbewältigung ein unterentwickeltes Land sind. Es ist eine Schande, dass eine Person wie Marin Brasilien beim wichtigsten sportlichen Ereignis in der Geschichte unseres Landes an vorderster Stelle repräsentiert.

Welche Entwicklungen sind im Fußballverband und im Organisationskomitee zu erwarten? Wird es 2014 einen neuen Präsidenten geben?
Der Erfolg beim Confed-Cup ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits freut man sich als Fan natürlich darüber, andererseits bleibt der bittere Beigeschmack, dass im Verband alles beim Alten bleiben wird. Ich wünsche mir mehr Transparenz in diesen Organisationen. Das Institut, das ich leite, wird von öffentlicher Hand subventioniert. Ich muss dem Ministerium genau Rechenschaft über die Ausgaben ablegen und darf eine Höchstgrenze bei den Mitarbeitergehältern nicht überschreiten. Das alles liegt bei diesen ebenfalls mit öffentlichen Geldern geförderten Einrichtungen völlig im Dunkeln. Sie können ausgeben, was sie wollen. Marin wünsche ich, dass er eines Tages vor der nationalen Wahrheitskommission in Brasilia erscheinen und unter Eid alle an ihn gerichtete Fragen beantworten muss.

Werden wir im kommenden Jahr erneute Massendemonstrationen wie beim Confed-Cup erleben?
Das ist eine schwierige Frage. Dass sich die seit Langem aufgestauten Probleme in einem so eindrucksvollen Protest entladen, habe ich im Vorfeld genauso wenig erwartet wie den großen Erfolg meiner Petition. Die Demonstrationen haben etwas bewirkt, was wir uns schon immer gewünscht haben. Gesetzesinitiativen, die sonst zehn Jahre in irgendeiner Schublade verstauben, sind innerhalb kürzester Zeit umgesetzt worden. Die Demos haben einige Volksvertreter aus ihrer Schockstarre geholt. Aber ich kenne meine Landsleute. Der Juli ist ein traditioneller Ferienmonat, die Leute fahren ans Meer und die ganze Bewegung kann so rasch wieder einschlafen, wie sie entstanden ist. Deswegen traue ich mich auch nicht, eine Prognose für das WM-Jahr abzugeben.

Zur Person:
Ivo Herzog (47) wurde als Sohn kroatischer Auswanderer aus Osijek in London geboren. Der studierte Betriebswirt arbeitet als Berater für das öffentliche Transportunternehmen EMTU in Sao Paulo und steht dem von ihm gegründeten Vladimir-Herzog-Institut vor, das sich mit der Bewahrung und Erforschung des Werks seines Vaters Vladimir befasst. Das Institut vergibt jedes Jahr den Vladimir-Herzog-Preis für Amnestie und Menschenrechte.

Referenzen:

Heft: 85
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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