Auf der Suche nach dem perfekten Wettbewerb

cache/images/article_2488_ebenbauer_by_daniel_shake_140.jpg Christian Ebenbauer zieht für die abgelaufene Saison eine positive Bilanz. Im Interview spricht der Bundesliga-Vorstand über das steigende Zuschauerinteresse, den engen Terminkalender und Strafen bei Fanvergehen.

„Im Großen und Ganzen können wir sehr zufrieden sein.“ Vorstand Christian Ebenbauer sitzt im Besprechungsraum im Haus der Bundesliga und bilanziert die letzte Saison. Die Ligen seien bis zum Ende spannend gewesen, sagt er. „Vielleicht mit Ausnahme der Meisterentscheidung.“ Erstmals seit 2002 gab es unter den Bundesliga-Klubs keine erstinstanzlichen Lizenzverweigerung aus wirtschaftlichen Gründen und, was ihn besonders freut: Es kommen wieder mehr Menschen in die Stadien. In der Bundesliga stiegen die Zuschauerzahlen um sieben, in der Ersten Liga sogar um 21 Prozent.

ballesterer: Die Gesamtzuschauerzahl ist in der abgelaufenen Saison um rund 60.000 Personen gestiegen. Wenn man die Spitzenspiele von Rapid gegen die Austria und Red Bull Salzburg im Happel-Stadion hernimmt, kommt man wahrscheinlich alleine dadurch schon auf diese Zahl. Ist das trotzdem ein substanzielles Wachstum?
Christian Ebenbauer: Es geht auch bei den Zuschauern immer von der Spitze in die Breite. Wenn wir uns mit Ländern unserer Größe vergleichen – die Schweiz wäre ohne Basel auch weit unter dem, wo sie jetzt ist. Natürlich müssen wir trotzdem darauf schauen, dass auch in den anderen Stadien der Schnitt raufgeht. Daher ist es sehr erfreulich, dass auch in Graz und Wolfsberg das Zuschauerwachstum massiv gestiegen ist und Salzburg den 10.000er-Schnitt auch heuer wieder erreicht hat.

Dennoch hat die höchste Spielklasse seit 2007/08 fast 500.000 Zuschauer verloren.
Mathematische Beispiele kann man immer schnell bringen. Gerade 2007/08 müsste man nur einberechnen, wie viele Zuschauer der damalige Landeshauptmann Jörg Haider ins Klagenfurter Stadion gebracht hat. Damals sind ja in ganz Kärnten die Busse herumgefahren. Am Ende des Tages kann man nur die Gesamtzahl nehmen. Und wir sind über jeden froh, der dazukommt.

Weil Sie gerade den Zuschauerschnitt von Red Bull Salzburg angesprochen haben: Wie geht es Ihnen eigentlich damit, wenn der amtierende Meister zum Ausbildungsverein für einen deutschen Zweitligisten degradiert wird?
Es obliegt jedem Klub, was er mit seinen Spielern macht. Ich sehe es aber auch nicht als Degradierung oder völligen Ausverkauf. Österreich ist eine Ausbildungsliga, aus Bundesliga-Sicht ist das Ziel ausgegeben, dass die Spieler erst dann ins Ausland wechseln, wenn sie sich in Österreich ihre Sporen verdient haben. Anders geht es wirtschaftlich auch gar nicht. Was jetzt passiert, ist, dass Salzburg nicht reinbuttert, wie es sonst immer gesagt wird, sondern ein Wettbewerb auf Augenhöhe stattfindet.

Ist das wirklich Wettbewerb auf Augenhöhe? Red Bull hat ein doppelt so hohes Budget wie die Mitbewerber und finanziert sich zusätzlich Vereine in den Ligen darunter.
Dass Red Bull immer noch ein viel höheres Potenzial hat, ist unbestritten. Ich habe auch nicht gesagt, dass es schon ein perfekter Wettbewerb ist. Wir kommen vielleicht dorthin, wenn Red Bull mit einem geringeren Budget jüngere Spieler einsetzt, aber schließlich wollen wir auch international erfolgreich sein. Was das Beispiel Liefering betrifft, bin ich der fixen Überzeugung, dass jeder Klub denselben Weg beschreiten würde, wenn er die finanziellen Mittel hätte. Money makes the world go round. Das ist Fakt.

Machen wir einen Themenwechsel. Die Bundesliga hat angekündigt, die Saison früher zu beenden, wenn sich das Nationalteam für die EM qualifiziert. Warum eigentlich?
Weil der Teamchef alle Klubs darum ersucht hat, um dem Nationalteam eine längere Vorbereitung auf die Europameisterschaft zu ermöglichen. Dazu wollen die Bundesligisten ihr Bestmögliches beitragen und haben dem Ersuchen stattgegeben – obwohl es für die Meisterschaft und den Cup wirklich hart ist.

Beim letzten Ländermatch waren zwei Spieler aus der Bundesliga in der Startformation. Ist das bei derart wenigen Spielern nicht eine Ausgenauswischerei?
Man weiß ja nicht, wie es nächstes Jahr ausschauen wird. Es wird am Anfang sicher einen 28-Mann-Kader geben, da werden es schon mehr sein. Ich hoffe, dass bei einer EM-Teilnahme mindestens sechs Spieler aus der Bundesliga dabei sein werden.

Die Terminierung ist ja mitunter sehr kurzfristig. Beim Spiel Rapid gegen Red Bull im April sind verschiedene Ankicktermine präsentiert wurden.
Das war eine einzigartige Geschichte aufgrund des Wien-Marathons. Wir konnten erst zwei Wochen vor dem Spiel festlegen, dass es am Sonntag stattfinden wird. Aufgrund der behördlichen Vorgaben hat es dann noch eine 15-minütige Verschiebung gegeben. Das war bedauerlich, üblicherweise fahren wir mit den TV-Partnern und der Vier-Wochen-Frist ein sehr gutes Programm. Dass Spiele umgelegt werden, liegt ja vorrangig an den UEFA-Bewerben.

In der Schweiz wurde vor Kurzem auch der Spielplan veröffentlicht, das erste Quartal ist mit fixen Anstoßzeiten und Ersatzterminen durchgeplant.
Es gibt aber ein paar wesentliche Unterschiede: In der Schweiz ist Hauptspieltag der Sonntag, und sie gehören zu den Top Zwölf in der Fünfjahreswertung, fangen also erst später im Europacup an. Wir wissen bisher nur, dass der WAC in der ersten Runde wegen der Europa League fix am Sonntag spielen muss, ab der nächsten Europacuprunde wird es kompliziert. Da kommen Sturm und Altach dazu, wir wissen aber schon nicht mehr, ob Rapid in der Champions-League-Qualifikation am Dienstag spielt und somit für den Sonntag davor gesperrt ist.

Wäre es da nicht naheliegend, den Sonntag als Hauptspieltag festzulegen?
Das war auch schon bei der letzten TV-Rechte-Vergabe in Diskussion. Der Sonntag als Hauptspieltag wäre sicher ein sehr gutes Mittel, um dieses Problem besser zu gestalten. Allerdings gibt es auch hier viele Für und Wider. Da muss man sich das Zuschauerverhalten im Stadion und vor den Fernsehgeräten genau anschauen.

Letzte Saison hat es sehr harte Strafen der Bundesliga bei Fanvergehen gegeben. Besonders auffällig waren Kollektivstrafen wie Sektorsperren. Warum wurden derartige Sanktionen gesetzt?
Warum diese Entscheidung gefallen ist, kann ich nicht beurteilen. Ich bin nicht im Entscheidungsorgan. Es verwundert mich aber nicht, weil man international den Trend zu dieser Strafe sieht. Ich bin auch nicht der Meinung, dass es sich bei der Sektorsperre um eine Kollektivstrafe handelt, eine solche wäre ein Geisterspiel.

Wenn ich Abonnent in einer Fankurve bin und der Sektor gesperrt wird, muss ich mir in einem anderen Sektor eine Karte kaufen – da werde ich bestraft.
Das neuerliche Kaufen einer Karte ist aber nie von einem Gremium der Bundesliga verlangt worden. Diese Entscheidung obliegt dem Klub – ob er jetzt noch einmal eine Karte verkauft oder die betroffenen Abonnenten gratis in einen anderen Sektor lässt.

Aber was ist der Sinn der Strafe? Wen will man treffen?
Man will die Verursacher treffen. Die Möglichkeiten der Bundesliga sind aber beschränkt: Geldstrafe, Stadionsperre, Teilsektorsperre, Punkteabzug, Ausschluss et cetera. Der Dachverband gibt sich die Regel, dass der veranstaltende Klub für Sicherheit beim jeweiligen Spiel sorgen muss. Wir könnten jetzt sagen, die Bundesliga will das nicht mehr, wir schaffen den Senat 1 in Sicherheitsthemen ab. Das wird aber nicht gehen, weil von der FIFA der Druck kommt, dass es eine solche Einrichtung geben muss. Eine andere Möglichkeit wäre es, den Senat 1 nicht mehr unabhängig zu bestücken, sondern Klubvertreter aufzunehmen, die dann einfach keine Strafen mehr aussprechen. Das geht auch nicht, weil der öffentliche Druck massiv ist. Wenn ich mich zurückerinnere, was beim Platzsturm vor vier Jahren öffentlich für Strafen gefordert wurden – Gott behüte. Da haben Tageszeitungen nicht nur ein Geisterspiel, sondern eine ganze Saison Geisterspiele gefordert. Ich bin überzeugt davon, dass der Senat 1 mit dem richtigen Augenmaß entscheidet.

Sie sind in der vergangen Saison von Fans zum Teil untergriffig beschimpft worden. Berührt Sie das?
Freuen tut man sich natürlich nicht, aber das gehört zum Job dazu. Das richtet sich ja auch nicht gegen mich als Person, sondern an die Funktion. Eigentlich ist das ja ein gesellschaftliches Thema. Der Ausbruch von Unzufriedenheit wird als Erstes im Fußballstadion passieren. Damit umzugehen, ist eine gemeinsame Verantwortung – der Behörden, der Politik, der Klubs und natürlich auch der Liga. Wir sind in Österreich aber in der glücklichen Lage, dass wir nicht viele Problemfans haben. Die kennt die Exekutive, die kennt jeder Klub, deswegen kann man alles in gewissen Bahnen regeln.

Dann noch einmal: Warum wird ein ganzer Sektor gesperrt, wenn man weiß, dass es nur eine ganz kleine Gruppe betrifft?
Weil es keinen kleineren Nenner gibt.


Zur Person

Christian Ebenbauer (39) bildet gemeinsam mit Reinhard Herovits die operative Doppelspitze der Bundesliga. Als Vorstand ist er für die Bereiche Spielbetrieb, Recht, Marketing, PR, Infrastruktur sowie Sicherheit und Fans zuständig. Der Jurist spielte in seiner Jugend als Stürmer bei Rapid und danach bei der Vienna.

 

Foto: Daniel Shaked

Referenzen:

Heft: 103
Rubrik: Spielfeld
Thema: Bundesliga
ballesterer # 121

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