Ausgebrannte Fußballarbeiter

cache/images/article_1840_burnout4_140.jpg Ursprünglich für Menschen in helfenden Berufen entwickelt, hat die Diagnose Burn-out längst den Weg auf den Fußballplatz gefunden. In einem auf Leistung und Gewinnmaximierung ausgerichteten System verbrennt die Freude am Spiel.
Wolfgang Pennwieser | 24.04.2012
Unter Burn-out versteht jeder etwas anderes. Kritiker des Begriffs sprechen von einem Medienhype und einer Modeerscheinung, mit der sich Menschen paradoxerweise schmücken würden. Andere sehen im Burn-out weniger eine psychiatrische Störung als einen Kollateralschaden des Kapitalismus. Oder ist Burn-out gar eine postmoderne Verweichlichung? Menschen, die sich selbst ein Burn-out bescheinigen, kommen oft zu ihrer ganz persönlichen Definition die mit der diagnostischen Realität nichts zu tun haben muss. So sagte der Psychiater Michael Musalek am Rande des Wiener Burn-out-Kongresses im Jänner dieses Jahres ebenso salopp wie treffend: »Wer sagt, er hat ein Burn-out, hat mit großer Wahrscheinlichkeit keines.« Inzwischen hat das Burn-out-Syndrom auch im Fußball Einzug gehalten, immer häufiger kommt es zu Outings von Spielern und Trainern.

Ausgebrannte Helfer
Als im Jahre 1974 der Burn-out-Begriff vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger eingeführt wurde, war diese Diagnose Menschen in helfenden Berufen vorbehalten, sprich Krankenpflegepersonal und Ärzten. Burn-out galt ursprünglich als Erkrankung des Überengagierten, der sich körperlich und emotional in der Betreuung von Kranken verausgabt. Der Begriff traf den Nerv der Zeit. Er warf zentrale Fragen nach Sinn, Willensfreiheit und Arbeitsstress auf, und so dauerte es nicht lange, bis das Burn-out-Syndrom auch anderen Berufsgruppen bescheinigt wurde. Inzwischen hat es eine gesellschaftspolitische Dimension erreicht wie kaum eine andere Erkrankung. Doch genau genommen ist Burn-out keine Krankheit zumindest noch nicht. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten führt Burn-out unter dem Kapitel »Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen« und nicht unter »Krankheiten und Störungen«.


Burn-out ist demnach keine eigene Krankheit, sicher jedoch ein Leiden, bei dem drei Charakteristika zu erkennen sein müssen: Erschöpfung, Leistungsabfall und ein gewisser Zynismus oder eine Entfremdung. Das sind Symptome, die auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten können. Ein Burn-out ist daher von Diagnosen wie Depression, Neurasthenie, chronischer Müdigkeitsstörung, Panikstörung und Persönlichkeitsstörung abzugrenzen. Übersehen werden darf auch nicht, dass Erschöpfung auch Symptom einer körperlichen Erkrankung sein kann und daher von weiteren Krankheiten zu unterscheiden ist: Eisenmangel, Blutarmut, Schilddrüsenunterfunktion, Zuckerkrankheit, Lungenerkrankungen, Niereninsuffizienz und beim Fußballer auch von der Überlastungsreaktion, die durch Übertraining auftreten kann. Diese Liste an Differentialdiagnosen zeigt bereits: Ein Burn-out sollte nur vom Fachmann diagnostiziert werden.


Mediziner versuchen in letzter Zeit, das Burn-out enger zu fassen und klarer abzugrenzen. Das Problem und gleichzeitig die Stärke des Begriffs ist aber genau das: seine Randunschärfe. Ärzte haben jedoch gerne klare Definitionen, was Gesund und was Krank ist. Dabei darf man nicht übersehen, dass der Übergang von Gesund zu Krank meist kontinuierlich verläuft und jede Diagnose eine menschliche Konstruktion ist. Die Gefahr für die Diagnose Burn-out liegt in den nächsten Jahren darin, dass ihr die Randunschärfe durch intensive Forschung genommen wird und es zum Rückzug auf das vermeintlich Exakte kommt. Aus der heutigen Sicht sollte um die Mehrdimensionalität des Burn-out-Begriffs gekämpft werden, ohne die Existenz des Syndroms zu leugnen. Nicht die Diagnose Burn-out ist infrage zu stellen, sondern das verengte Menschenbild der medizinischen Wissenschaft mit ihrem System der Krankheitsklassifikation.

Sinnentleerte Fußballarbeit
Bei aller Unklarheit ist eines sicher: Der eng mit dem Burn-out verbundene Begriff der Arbeit wird heutzutage überstrapaziert. Wer seinem Partner ein schönes Essen kocht oder lieb zu ihm ist, leistet Beziehungsarbeit. Die Eltern leisten Erziehungsarbeit, der Freiberufler betreibt Networking, wenn er abends mit seinem Spezi an der Bar hängt. Das deutsche Wort Arbeit hat seinen etymologischen Ursprung beim germanischen arbejidiz, das mit Mühsal übersetzt wird. Das französische Wort für Arbeit, travail, kommt vom griechischen tripassalon, das auf ein Folterinstrument, den Dreipfahl, zurückgeht. »Die Etymologie der indoeuropäischen Sprachen verweist sehr eindeutig darauf, dass Arbeit historisch gesehen mit Mühsal, Beschwerlichkeit und Qual assoziiert wurde«, schreibt der Philosoph und Psychotherapeut Martin Poltrum in seinem Buch »Burn-out Glut und Asche«.


Recht beliebig hingegen wird der Arbeitsbegriff inzwischen im Fußball eingesetzt. Jedes Wochenende hört man nach Niederlagen »Wir müssen konzentriert weiterarbeiten« oder »Wir haben zu wenig nach hinten gearbeitet«. Trainer sagen nach Amtsantritt gerne, es warte »noch viel Arbeit« auf sie, und der neue Teamchef Marcel Koller ist gar kein Trainer, sondern gleich ein »akribischer Arbeiter«. Fußball soll aber doch gespielt werden, könnte man dem entgegensetzen. Stimmt aber nicht. Fußball ist nämlich kein Spiel mehr, sondern eine Industrie und der Fußballer ihr Arbeiter. So ist es kein Wunder, dass im Fußball wie in der restlichen Berufswelt die Diagnose Burn-out zu finden ist.


»Natürlich kann man als Fußballer auch ein Burn-out haben«, sagt Michael Musalek im Gespräch mit dem ballesterer und führt aus, was das Burn-out fördere: wenn die Stimmung in der Mannschaft nicht passe, der Spieler von anderen gemobbt werde oder seine Werte mit den Vorstellungen des Trainers nicht übereinstimmen. Die Gefahr für ein Burn-out steigt auch, wenn es nur mehr um den Erfolg geht und der Spieler eine Belohnung nur bei einem Sieg erhält. »Wenn nicht mehr das Spiel, sondern der wirtschaftliche Erfolg im Vordergrund steht, kommt es zur Sinnentleerung«, sagt Musalek.

Verlorene Freiheit, verlorener Sinn
Kaum ein Unternehmen versteht sich noch als Sinneinheit in dieser Bedeutung. Früher erzeugte ein Bäcker mit seinen Angestellten das Brot für die Bewohner des Ortes, seine Frau stand im Laden und verkaufte es. Der Lohn war neben dem Geld die Freude und Anerkennung der Menschen, wenn es schmeckte. Heutige Firmen sind Zweckeinheiten. In sterilen Filialen werden halbgefrorene Teigklumpen aufgebacken. Ziel ist die Gewinnmaximierung, die Kostenreduktion, schlicht die Produktion von Geld. Auch im Fußball gilt dieser Trend. Obwohl sich Bayer Leverkusen als Werkself bezeichnet, arbeitet kein Spieler in der Fabrik. Die Identifikation mit den Kumpels in der Zeche dürfte bei den Schalker Profis auch gering sein, obgleich uns das Marketing des Vereins etwas anderes weismachen will. Rapid ist schon lange kein Arbeiterklub mehr, sondern Österreichs Verein mit dem größten Merchandisingumsatz. Fußballklubs sind heute Zweckeinheiten, die entweder einen Titel holen müssen oder zumindest den Bekanntheitswert des Sponsors erhöhen sollen. Der Sinn des Fußballs hat sich geändert, der Einfluss des Fußballers auf das Spiel nimmt ab. Männer mit politischer oder finanzieller Macht bestimmen, wohin die Kugel rollt, und fordern Leistungen, die oftmals nicht zu erbringen sind. Das führt den Spieler ins Burn-out.


Der Fußballer ist ein austauschbarer Knecht geworden, der zu funktionieren hat, ansonsten wird er vom Hof gejagt. Der Spieler hat viel von seiner Freiheit verloren. Dieser Verlust der Möglichkeiten ist eine der zentralen Ursachen für das Burn-out, nicht nur im Fußball. Selbst auf dem Spielfeld ging viel Freiheit verloren. Das taktische Korsett wurde in den letzten Jahren enger, Platz für Spontanität bleibt wenigen genialen Ballkünstlern vorbehalten, der Rest leistet Laufarbeit, Abwehrarbeit und hält sich an die vorgegebene Taktik. Ist das Spiel vorbei, geht die Arbeit weiter. Der moderne Profi hat dann als Vorbild zu dienen. Und so darf er in Interviews nicht mehr sagen, was er sich denkt, sondern was der Verein erwartet. Andernfalls gibt es Geldstrafen vom Präsidenten.

Narzisstisches Lohnsystem
Die Heuchelei im Fußball ist unbeschreiblich. Nach dem Suizid von Robert Enke herrschte eine feierliche Einigkeit darüber, dass die Fußballgemeinschaft endlich einen offenen Umgang mit psychischem Leiden finden müsse. Tatsache ist, dass die Fußballvereine und -verbände psychisches Leiden mitverursachen. Das wird zu wenig erwähnt. Nimmt man als Arbeitgeber seine Verantwortung für den Mitarbeiter ernst, so sorgt man für ein Betriebsklima, in dem Wertschätzung, gerechte Arbeitsverteilung und ein faires Belohnungssystem zählen. Unter diesen Voraussetzungen können Spieler ihre Leistung auch längerfristig bringen.


Der Arbeitgeber alleine verursacht freilich noch kein Burn-out. Es braucht den Mitarbeiter dazu, der bereit ist, sich übermäßig zu engagieren. Der für Fußballer typische Ehrgeiz ist ein Risikofaktor. Erfolge und mediale Aufmerksamkeit sind die Währung unserer Zeit. Im Fußballgeschäft wird diese Währung hoch gehandelt und es ist daher für den Sportler besonders verführerisch, immer wieder über seine Grenze zu gehen, um sich diesen narzisstischen Lohn abzuholen. Daneben muss man auch das familiäre und soziale Umfeld des Spielers berücksichtigen. Welche Anforderungen werden von der Familie oder den Freunden an den Menschen gestellt? Was wird von ihm zu Hause erwartet? Unausgeschlafenheit, chronische Müdigkeit und erhöhte Unfallgefahr zählen zu den Warnsymptomen in der Anfangsphase eines Burn-out. Unfälle sind keine Zufälle, und so lohnt es sich, beim häufig verletzten Fußballer nachzufragen, wie es um die psychische Gesundheit bestellt ist. Hinzu kommt, dass der Spielplan in den letzten Jahren immer voller geworden ist, Regenerationszeiten kürzer werden und sich der Körper mit zunehmendem Alter auch langsamer erholt. Ein Jungkicker ist anders zu behandeln als ein 35-Jähriger.

Auch Ratschläge sind Schläge
»Burn-out ist die Tapferkeitsmedaille auf dem Feld der Leistungsgesellschaft«, sagt Michael Lehofer, Leiter der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz. Und wer hat nicht gerne eine Tapferkeitsmedaille? Gerade in der vom Wettbewerb geprägten Fußballwelt ließe sich damit angeben. Verfolgt man die Burn-out-Outings der letzten Monate, könnte man meinen, der Kampf um diese Tapferkeitsmedaillen hat begonnen: Die Fußballer sind Burn-out-begeistert. »Mit einem Burn-out kann man zeigen, dass man viel für die Gesellschaft getan hat. Positiv betrachtet ist es von allen psychischen Erkrankungen die einzige, für die sich die Patienten nicht schämen. Dennoch würde niemand ein Burn-out vortäuschen«, sagt Musalek. Das Leiden sei allemal zu groß und über Details der Beschwerden lassen die Betroffenen meist nichts an die Öffentlichkeit dringen. Dennoch wird über sie viel berichtet. Über kein anderes Leiden wurde in den letzten Monaten so ausführlich diskutiert wie über das Burn-out. In den Wochenmagazinen und Tageszeitungen melden sich zahlreiche selbsternannte Experten zu Wort, die die Begriffe durcheinanderbringen und die Fakten verwässern. Unwissenheit und Halbwahrheiten tauchten auf und wurden kritiklos weitergegeben. Auch die Selbsthilfeliteratur, in der aus Einzelfallgeschichten allgemein gültiges Fachwissen abgeleitet wird, ist problematisch. Die Folge ist, dass wenig hilfreiche, wenn auch gut gemeinte Ratschläge dem Betroffenen den Rest geben. Die Liste dieser Empfehlungen ist lang: »Geh doch mal wieder raus. Ruh dich aus. Wenn ich k. o. bin, gehe ich Rad fahren/schwimmen/einkaufen/zum Heurigen/zum Fußball/ins Kino/in den Wald/auf den Berg/ins Theater. Lass dir doch ein Bad ein. Schau auf dich. Reiß dich zusammen. Mach doch was.« Doch der Betroffene hat genau dafür meist keine Energie mehr. Helmut Zingerle, Leiter einer Burn-out-Station in Südtirol, präsentierte am Wiener Burn-out-Kongress eine Liste von Eigenbehandlungen, die Betroffene versuchten, bevor sie sich in professionelle Behandlung begaben: Verlängerung der Wochenenden, Wellnessurlaube, Auszeiten, Krankenstände, Positionswechsel am Arbeitsplatz, Selbsthilfeliteratur, Klosteraufenthalte, Jakobsweg, Tantraseminare und natürlich der Gebrauch von Suchtmitteln.

Zurück zum Spiel
Der Psychiater Michael Musalek setzt in der Therapie auf einen neoromantischen Zugang. Es geht vereinfacht gesagt um die Gestaltung eines wertvollen Lebens. Denn Dunkelheit lässt sich bekanntlich nur durch das Licht vertreiben. Diese Formel auf den Fußball übertragen hieße: Es geht um den schönen Fußball einen Fußball, der dem Spieler wieder Freude macht. Neben dem Fußball gilt es, anderes Wertvolles wiederzufinden und die eigenen Möglichkeiten zu erweitern. Nicht der Fußball und somit der Beruf sollen abgewertet oder auf Dauer ausgesetzt werden, sondern eine neue Prioritätensetzung von Beruf und Erholungszeit gelingen. Dem ausgebrannten Fußballer kann längerfristig nur helfen, wenn er das Spiel wieder als Spiel sieht und es genießen lernt. Weg von der Fußballarbeit hin zum Fußballspiel. Frei nach Thomas Mann gilt demnach, »im Spiele zu arbeiten und mit der Arbeit zu spielen«.

Wolfgang Pennwieser ist Arzt und führt eine psychotherapeutische Praxis in Wien. Mehr unter www.pennwieser.at

 

Die zwölf Stufen zum Burn-out (nach Herbert Freudenberger)

Illustration: Benjamin Kuëss

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Referenzen:

Heft: 70
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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