Ausgezündelt: Pyrotechnik-Verbot kommt

cache/images/article_1252_pyrotechni_140.jpg Mit einem neuen Gesetz will das Bundesministerium fur Inneres (BMI) der Pyrotechnik in Österreichs Fußballstadien endgultig den Garaus machen. Faninteresse finden darin keine Berucksichtigung, kritisieren Streetworker und Fanbeauftragte.
Clemens Schotola | 10.07.2009
Nicht, dass das Abfackeln von Bengalen oder Zunden von Rauchtöpfen im Boulevard gerne als Rauchbomben bezeichnet bisher erlaubt gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: Seit dem Knalltrauma des ehemaligen Rapid-Tormanns Georg Koch nach einem Böllerwurf werden Vergehen gegen das Pyrotechnikgesetz schärfer geahndet. Dieses wird nun adaptiert. »Durch die neuen Regelungen wird vieles vereinfacht, das alte Gesetz aus dem Jahr 1974 konnte keine Rechtssicherheit geben«, erklärt Thomas Winkelmann vom Zentrum fur Sportangelegenheiten des BMI auf Anfrage des ballesterer.

 

Die österreichische Bundesliga nutzte jedenfalls den rechtlichen Ruckenwind und will zukunftig keine Ausnahmegenehmigungen fur legale Pyroshows in den Fankurven erteilen. Der Gesetzgeber zieht nach. In der fur 9. Juli vorbereiteten Presseerklärung des BMI, die dem ballesterer vorab zugespielt wurde, heißt es: »Zukunftig ist zum Schutz der körperlichen Sicherheit Besitz und Verwendung sämtlicher pyrotechnischer Gegenstände und Feuerwerkskörper in und um die Stadien verboten«. Das neue Gesetz soll fur alle Sportgroßveranstaltungen gelten. »Ein Argument der ultraorientierten Fans«, so Winkelmann, »die sagen: Schauts doch zum Nachtslalom nach Schladming.«

 

Auch wenn der ehemalige Fanpolizist zugibt: »Dort wird das nur ein Thema, wenn der Rauch auf die VIP-Tribune zieht«. Streetworker Christian arbeitet mit jungen Fußballfans. In den Verboten sieht er keine differenzierte Herangehensweise. Klar sei, dass Körperverletzungen vermieden werden mussten, jedoch furchtet er eine unnötige Kriminalisierung. Denn obwohl das Pyrogesetz nur Verwaltungsrecht ist, könnten »seine« Jugendlichen nun vermehrt mit dem Strafgesetz in Beruhrung kommen. Zusätzlich zur Verwaltungsstrafe folgen auch Anzeigen wegen STGB §89 Gefährdung der körperlichen Sicherheit. »Wo fängt das an? Bei einem Rauchtopf?«, sieht der Streetworker Gefahr der Willkur. »Was kommt als nächstes? Das Fahnenschwenken? Hier kann es ja auch jemanden unglucklich am Auge erwischen. Und wer soll die ganzen Gesetze exekutieren?«

 

»Das wird nicht problemlos von statten gehen«, gibt auch Yasmin Österreicher, Bundesliga-Verantwortliche fur den Spielbetrieb, zu. »Aber die Entscheidung war einstimmig und ist nach Rucksprache mit den Klubs erfolgt«, so Österreicher. Die Gefahr, dass bisher »brave« Fans radikalisiert werden, weil legales Zundeln nicht mehr möglich sein wird, sieht sie nicht. »Die Ausnahmegenehmigungen wurden zu wenig angenommen«. Martin Schwarzlantner, Fanbeauftragter bei Austria Wien, widerspricht: »Ein Totschlagargument. In den Ausnahmegenehmigungen ist das Abbrennen so erlaubt, wie es keiner möchte.« Sein Vorschlag: ein gesicherter Bereich im Sektor, wo unvermummt und legal Bengalen gezundet werden durfen. Damit ließen sich viele gefährliche Situationen, die durch das illegale Abbrennen entstehen, vermeiden, so Schwarzlantner. Denn wer zundelt, darf sich nicht erwischen lassen, entsprechend unkontrolliert wird zu Werke gegangen. Eine Argumentation, die auch im BMI nachvollziehbar sein musste, heißt es doch im Pressetext: »Ausgebrannte Hulsen werden im Stadion ublicherweise zu Boden fallen gelassen, durch ein Wegkicken können diese heißen Gegenstände ggf. unkontrolliert in die Zuschauermenge geschleudert werden und erhebliche Verletzungen auslösen.«

 

Philipp Bechter, Sicherheitsbeauftragter bei Wacker Innsbruck, ubt ebenfalls Kritik am Totalverbot: »Es geht nur uber Selbstregulierung. Auf der Nordtribune ist seit Jahren kontrolliertes Zundeln erlaubt, im Zusammenspiel mit Fans, Ordnern und Fanpolizisten.« Auch Winkelmann gibt zu: »In Innsbruck hat das noch am Besten funktioniert.« Aber warum hat sich die Bundesliga trotz möglicher Alternativen fur ein komplettes Verbot entschieden? »Offenbar haben die Anliegen der Fanklubs kein Gehör gefunden.«

Referenzen:

Heft: 43
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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