Außer Kontrolle

25 Jahre nach dem ersten Aufstieg in die Serie A ist Parma zum zweiten Mal in seiner Geschichte bankrott. Anders als vor elf Jahren sind derzeit keine Retter in Sicht, dem Verein droht ein Neustart im Amateurfußball.

Benjamin Schacherl | 20.05.2015

Faustino Asprilla setzt auf der rechten Seite Roberto Mussi ein, dessen Flanke erreicht am langen Eck Dino Baggio, der zum 1:1 einköpfelt. Juventus hat dem nichts mehr entgegenzusetzen. Nach dem 1:0-Hinspielsieg ist der AC Parma am 17. Mai 1995 erstmals UEFA-Cup-Sieger. Bei ihrer Rückkehr werden Baggio und Co. von tausenden Fans gefeiert.


20 Jahre später müssen sich die Parma-Spieler nach Match- und Trainingsende kalt duschen. Warmwasser gibt es in den Kabinen des Stadio Ennio Tardini nicht mehr. Auch sonst arbeiten die Spieler unter wenig professionellen Bedingungen. Die Gehälter wurden seit fast einem Jahr nicht ausgezahlt. Ihre Trikots nehmen sie mit nach Hause, um sie dort zu waschen. Der Großteil der Kabineneinrichtung wurde bereits verpfändet. Mitte Februar musste der Verein das Heimspiel gegen Udinese absagen, da er für die Strom- und Sicherheitskosten nicht mehr aufkommen konnte. Auch das darauffolgende Auswärtsspiel bei Genoa konnte nicht plangemäß stattfinden, weil die Spieler sich weigerten, in ihren Privatautos anzureisen. Sportlich ist der Abstieg der Mannschaft von Roberto Donadoni auch aufgrund von sieben Punkten Strafabzug schon Ende April und fünf Spieltage vor Schluss besiegelt.

Glorreiche Zeiten
Der tiefe Fall verläuft fast so rasant wie der einstige Höhenflug vor 25 Jahren. Nach dem erstmaligen Aufstieg in die Serie A 1990 war Parma innerhalb weniger Jahre ein europäisches Spitzenteam geworden. Dem Gewinn des Cups der Cupsieger 1993 unter Langzeittrainer Nevio Scala folgte nach dem Finalerfolg gegen Juventus 1995 der erneute UEFA-Cup-Sieg 1999. Neben italienischen Nationalteamspielern wie Dino Baggio, Gianfranco Zola, Fabio Cannavaro und Gianluigi Buffon waren in Parma internationale Stars wie Christo Stoitschkow, Lilian Thuram, Hernan Crespo und Juan Sebastian Veron zu sehen. 1997 fehlten Parma unter Trainer Carlo Ancelotti nur zwei Punkte zum erstmaligen Meistertitel, mit dem zweiten Rang erreichten die Norditaliener dennoch die beste Platzierung in der Vereinsgeschichte.


Die erste Krise folgte Anfang der 2000er Jahre, sie steht in direkter Verbindung zu einem der größten Wirtschaftskriminalfälle in der Geschichte Italiens: dem Bankrott von Vereinseigentümer Parmalat. Nachdem der italienische Lebensmittelkonzern 2003 für zahlungsunfähig erklärt wurde, musste Parma im Jahr darauf ebenfalls Konkurs anmelden. Um den Verein retten zu können, erließ der damalige Wirtschaftsminister Antonio Marzano ein Gesetz, das es erlaubte, ihn aus der Konkursmasse herauszulösen und als FC Parma neuzugründen.

Umschlagplatz Parma
2007, drei Jahre nach der Insolvenz, kaufte Tommaso Ghirardi den Verein. Der aus der Metallindustrie kommende Geschäftsmann investierte über zehn Millionen Euro in neue Spieler. Parma stieg 2008 dennoch in die Serie B ab. Nach dem sofortigen Wiederaufstieg schien sich Parma konsolidiert zu haben und pendelte sich im Mittelfeld ein. In der vergangenen Saison qualifizierte sich der Verein erstmals wieder für einen Europacupstartplatz, doch der italienische Verband erteilte keine UEFA-Lizenz. Parma hatte 300.000 Euro Steuern auf Gehälter ausgeliehener Spieler nicht gezahlt. Der Einspruch des Klubs wurde von allen Instanzen abgelehnt.


Präsident Ghirardi kündigte seinen Rücktritt an und erklärte, es sei eine Schande, dass Parma wegen derartig geringer Summen ausgeschlossen werde. Wenige Wochen später wurde bekannt, dass der Verein rund 200 Millionen Schulden hat. Gegen Ghirardi und andere ehemalige Manager laufen Ermittlungen wegen betrügerischer Krida. Dabei steht das Transfergebaren der Ära Ghirardi im Fokus der Ermittler. Innerhalb von sieben Saisonen wurden hunderte Transfers über die Drehscheibe Parma abgewickelt. Die Ermittler gehen davon aus, dass Vereinsvermögen unterschlagen wurde.

Ein Verein um einen Euro
Ende 2014 verkaufte Ghirardi den Klub um den symbolischen Betrag von einem Euro an ein russisch-zypriotisches Konsortium. Dessen Vertreter versprachen, die ausstehenden Gehälter zu zahlen und den Klub zu retten. Die Spieler sahen bis heute keinen Cent. Besonders kurios ist, dass im Winter mit Silvestre Varela und Christian Rodriguez noch Nationalteamspieler aus Portugal und Uruguay nach Parma wechselten. Doch bereits Anfang Februar verkauften die Eigentümer den Verein erneut um einen Euro an Giampietro Manenti, der sich zuvor schon als Investor bei Brescia versucht hatte. Auch er versprach, die aus-stehenden Gehälter zu bezahlen.


Der Glaube daran fällt schwer. Am 18. März wurde Manenti festgenommen, da er in Geldwäsche und andere Betrügereien verwickelt sein soll. Einen Tag später wurde Parma vom städtischen Gericht für insolvent erklärt. Um den Spielbetrieb in der laufenden Saison gewährleisten zu können, stellten der Fußballverband und die Liga unter dem Druck der Pay-TV-Sender ein Rettungspaket von fünf Millionen Euro bereit.

Neustart in der Amateurliga?
Parmas Konkurs stellt den italienischen Fußball vor die Frage, welche Kontrollinstanzen greifen müssen, um solche Szenarien zu verhindern. Genau das wollte Parma--Kapitän Alessandro Lucarelli in einem Interview mit der Gazzetta dello Sport von den Funktionären des Fußballverbands und der Serie A wissen. „Wo waren sie? Was haben sie kontrolliert? Jeden Tag bekommen wir einen Schlag ins Gesicht. Es ist zum Kotzen“, sagte er.


In den letzten Wochen kamen Gerüchte auf, eine kanadische Investorengruppe sei an einer Übernahme interessiert. Auch ein US-amerikanischer Fonds habe Interesse am Klub bekundet, verkündete Verbandschef Carlo Tavecchio. Alessandro Melli, Torschütze beim Finalsieg 1993 und heute Parmas Teammanager, dürfte die Hoffnung auf einen neuen Investor aufgegeben haben. „Objektiv betrachtet wird das nicht passieren“, sagte er gegenüber CNN. „Parma könnte zwar wie Phönix aus der Asche aufsteigen. Doch das sind nur die Worte eines Verliebten, der versucht, seine verlorene Liebe zu finden.“ Mellis alte Liebe wird wohl einen Neuanfang im Amateurfußball wagen müssen.

Referenzen:

Heft: 102
Rubrik: Spielfeld
Verein: Parma FC
ballesterer # 120

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