Balanceakt am Stadiondach

cache/images/article_2242_gp_140.jpg Als Cheerleader getarnte Aktivistinnen, gekaperte Pressekonferenzen und spektakuläre Kletterübungen - Greenpeace hat den Fußball entdeckt und nimmt den UEFA-Sponsor Gazprom ins Visier.

Auf einmal sind sie da. Sechs Greenpeace-Aktivistinnen haben sich unmittelbar vor dem Match der Wiener Austria gegen Zenit Sankt Petersburg Zutritt zum Innenraum des Ernst-Happel-Stadions verschafft. Während die Champions-League-Hymne abgespielt wird, stehen sie verkleidet als Cheerleader gemeinsam mit den Mannschaften am Feld. Nur kurze Zeit später werden sie vom Sicherheitspersonal aus dem Innenraum entfernt. "Als wir vom Spielfeld abgeführt wurden, war die Stimmung sehr gut. Wir haben Applaus bekommen", sagt Greenpeace-Aktivistin Julia Kerschbaumsteiner, die an der Aktion teilgenommen hat. Selbst Austria-Vorstand Markus Kraetschmer meint: "Man kann der Aktion ihren kreativen Ansatz nicht absprechen."


Die Botschaft scheint angekommen. Die Botschaft, das ist für Greenpeace gerade "Don't foul the arctic". Seit das Eis am Nordpol abnimmt, suchen viele Ölkonzerne dort nach Öl. Eine Vorreiterrolle übernimmt dabei das staatliche russische Unternehmen Gazprom, das Eigentümer der ersten Ölplattform nördlich des Polarkreises ist. Seit 2012 ist der Konzern Sponsor der UEFA, schon länger unterstützt er den FC Schalke 04 und Zenit. "Bei dieser Aktion ist es um einen Konzern gegangen, der mit seinen Ölbohrungen eines der letzten intakten Ökosysteme der Welt aufs Spiel setzt und gleichzeitig gerne als Sport- und Kultursponsor auftritt", sagt Greenpeace-Österreich-Sprecher Lukas Meus, der für internationale Kampagnen zuständig ist.

Arktisaktionismus
Der Greenpeace-Auftritt in Wien war Teil eines größeren Aktionsprogramms der Umweltorganisation im Rahmen der diesjährigen Champions-League-Saison. In der letzten Runde der Gruppenphase wurden in Neapel beim Spiel gegen Arsenal und in Istanbul bei Galatasaray gegen Juventus Transparente innerhalb und außerhalb der Stadien entrollt. Bei der Partie von Real Madrid in Kopenhagen gelang es Greenpeace zudem, zur Pressekonferenz mit Real-Trainer Carlo Ancelotti und Verteidiger Pepe per Fernbedienung ein Protestplakat vor der Sponsorenwand zu entrollen.


Neben der Kampagne gegen die Ölbohrungen ging es bei all diesen Aktionen auch um die eigenen Kollegen. Bereits im September hatten 30 Greenpeace-Aktivisten gegen die Vorgänge in der Arktis protestiert und wurden dabei auf dem Weg zur Ölplattform Gazproms in der Arktis verhaftet. Bis Ende November saßen sie in Russland im Gefängnis. Die Anklage wurde im Zuge der reformierten Amnestiegesetze im Dezember fallengelassen.


Den ersten großen Auftritt in der Champions League hatte Greenpeace am 1. Oktober in Basel: In der fünften Minute des Spiels des FC Basel gegen Schalke 04 seilten sich Aktivisten vom Stadiondach des St.-Jakob-Parks ab und entrollten ein Banner mit dem Kampagnenmotto und der Forderung nach Freilassung ihrer Kollegen: "Free the Arctic 30". Das Spiel wurde für kurze Zeit unterbrochen und endete mit einem 1:0-Sieg der Schalker, die Aufmerksamkeit für das Anliegen war dank der TV-Übertragung und zahlreicher Presseberichte gesichert. In der Fanszene des seit 2007 von Gazprom gesponserten Vereins löste die Aktion gemischte Reaktionen aus, wie Susanne Franke von der "Schalker Fan-Initiative" sagt: "Egal war's wohl keinem. Von einigen kam hinterher: ,Die haben ein berechtigtes Anliegen und nutzen die große Bühne, um das zu zeigen.' Andere haben gesagt: ,Wir sind sowieso nervös vor dem Spiel, und die Aktivisten verzögern das jetzt noch.'"

Ein unauffälliger Sponsor
Die "Schalker Fan-Initiative", 1992 als antirassistisches Fanbündnis gegründet, gehört zu den wenigen offen kritischen Stimmen gegen den Sponsor Gazprom. In ihrem Laden wird kein Merchandise mit Gazprom-Aufdruck verkauft, ihr Fanzine Schalke Unser veröffentlichte Interviews mit dem Buchautor und Gazprom-Kritiker Jürgen Roth. Der eng mit dem russischen Staat und den dort stattfindenden Menschenrechtsverletzungen verflochtene Ölkonzern ist für Susanne Franke kein Sponsor wie jeder andere. Nach anfänglichen Sorgen der Fanszene vor einer Einmischung des Unternehmens in die Vereinspolitik sind die großen Proteste jedoch bis heute ausgeblieben. Franke sagt: "Es ist klar, dass ein Klub Wirtschaftspartner braucht, und in dem Moment, wo das nicht direkt mit dem Fandasein kollidiert, das Logo weggenommen oder die Farben geändert werden, finden sich viele damit ab."


Aus fanpolitischer Sicht verhält sich Gazprom unauffällig: Das Blau-Weiß des Unternehmenslogo passt sich geschmeidig an die Schalker Farben an, Verände-rungen von Wappen oder Namenszug sind ebenso ausge-blieben wie Interventionen ins sportliche Geschäft oder die Verteilung von Klatschpappen. Gazprom mag kein Sponsor wie jeder andere sein, aber der Konzern hat beim Fußballsponsoring auch nicht dieselben Interessen wie viele andere. Denn hier steht nicht der Verkauf eines Produkts an den Kunden im Stadion oder vor dem Fernseher im Fokus, sondern die Verbesserung des Images. Susanne Franke vermutet: "Die Leute sollen denken: ,Gazprom, das sind doch die in der Champions League.' Und nicht: ,Gazprom, das sind doch die Verbrecher.'"


Es ist diese Imagefrage, an der Greenpeace mit seinen Kampagnen ansetzt. "Wir sind am erfolgreichsten, wenn die Unterstützung in der Öffentlichkeit groß ist. Das gibt dem Gegner am ehesten zu denken. Die Aktion zur Arktis war ganz klar direkt, aber friedlich gegen Gazprom und die Verhaftungen gerichtet", sagt Manfred Santen, der als Mitarbeiter in der deutschen Greenpeace-Zentrale in die Fußballaktivitäten von Greenpeace Deutschland eingebunden war. Die Champions League garantiert bereits große Sichtbarkeit, ein schlagkräftiger Claim, spektakuläre und kreative Aktionen wie das Abseilen vom Stadiondach, falsche Cheerleader und eine kurzzeitig gekaperte Pressekonferenz tun ihr Übriges. In den Pressemitteilungen im Rahmen der Kampagne macht die Umweltorganisation stets klar, dass sie sich weder gegen den Fußball noch gegen die Fans stellen will. Der österreichische Greenpeace-Sprecher Lukas Meus sagt: "Bei Greenpeace gibt es ja auch viele Fußballfans. Wir haben überlegt, was uns bei so einer Aktion während eines Fußballspiels stören könnte und wollten das vermeiden."

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Referenzen:

Heft: 89
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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