"Bei Union geht es nicht um tollen Fußball"

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Stefan Hupe ist Mitbegründer des "Wuhlesyndikats" von Union Berlin. Im Interview spricht er über das Standing der Ultragruppe in der traditionellen Fanszene, den Zuschauerhype und das Weihnachtssingen in der Alten Försterei.

Eine Filmvorführung hat Stefan Hupe nach Österreich verschlagen. 2009 wurden die Ultras von Union Berlin in der Doku "Das Rudel" porträtiert. Der Film zeigt die Fans beim Spiel gegen Dynamo Dresden. Hupe ist einer der singenden und fahnenschwenkenden jungen Männer, die der Fußball in einen Rausch versetzt. Rausch heißt auch die Programmschiene, in der "Das Rudel" beim Filmfestival Youki in Wels läuft, wo es nach der Vorführung jedoch ganz sachlich zugeht. Geduldig beantwortet Hupe erst die Fragen des Publikums und dann die des ballesterer.

ballesterer: Union hat vor wenigen Jahren noch in der vierten Liga gespielt, heute geht es um den Aufstieg in die Bundesliga. Was bedeutet dieser sportliche Erfolg für die Fanszene?

   Stefan Hupe: Als wir das "Wuhlesyndikat" 2002 gegründet haben, hatte Union in der zweiten Liga 8.000 Zuschauer, nach den Abstiegen waren es deutlich weniger. Durch den Stadionbau und den neuerlichen Aufstieg ist der Zuspruch stark gestiegen. Diese Saison werden wir einen Schnitt von 20.000 Zuschauern haben. Die Alte Försterei ist also fast immer voll. Aber es sind viele Leute dazugekommen, die nicht gewusst haben, wie Liebe zum Verein bei uns gelebt wird. 

Wie wird sie denn gelebt?

    In Ostzeiten war Union auch ein Sammelbecken für Leute, die mit dem System nicht einverstanden waren. Es ist nicht so sehr um den sportlichen Erfolg oder um tollen Fußball gegangen. Man ist wegen Union zu Union gegangen. Das hat sich bis heute gehalten: Die Mannschaft wird auch bei Niederlagen nicht ausgepfiffen, vor Schlusspfiff verlässt kaum jemand das Stadion. Die neuen Leute finden das gut, aber sie beteiligen sich nur bedingt am Support.

Wie würden Sie die Fankultur bei Union beschreiben?

   Union hat eine gewachsene Fanszene. Auch wenn es zu DDR-Zeiten einen erfolgreicheren Verein in Berlin gegeben hat, war Union definitiv populärer. Nach unserer Gründung haben wir nicht sagen können, wir machen alles anders, sondern den Kontakt zu den Älteren gepflegt. Ein gutes Beispiel ist der Umstieg zu einer Megafonanlage im Block in dieser Saison. Da hat es unter einigen Fans die Befürchtung gegeben, dass zeitweise nur noch der Capo zu hören sein wird. Aber es ist uns gelungen, das abzufangen. Wir haben eine Testphase gemacht, wo alle mitbekommen haben, dass da jetzt keine großen Boxen hinkommen, und eine Diskussionsrunde organisiert. So konnten wir die Leute von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme überzeugen.

Eine Aktion, die bald wieder ins Haus steht, ist das Weihnachtssingen in der Alten Försterei. Wie stehen Sie als Ultras dazu?

    Die Aktion war eine Idee des Fanklubs "Alt-Unioner", die sich vor ein paar Jahren kurz vor Weihnachten ins Stadion geschlichen und bei Kerzen und Glühwein ein paar Lieder gesungen haben. Das ist immer größer geworden. Irgendwann waren es ein paar tausend Leute, und sie mussten die Erlaubnis des Vereins und des Bezirks einholen - heute kommen 20.000. Einige Fans kritisieren, dass es so riesige Ausmaße angenommen hat und das Familiäre etwas verloren gegangen ist. Auf der anderen Seite ist es gute Werbung für den Verein.

Die Ultraszene erlebt massive Konflikte - mit Medien, Behörden, Vereinen. Bei Union ist das anscheinend anders.

    Wir haben das Glück, dass unsere Vereinsführung nicht bei allem mitmacht. Die Fans sind in die Vereinsarbeit sehr stark eingebunden. Daher gibt es bei Heimspielen keine großen Probleme, sondern eher auswärts. Ich glaube ohnehin, dass die Fans und Vereine zuerst die eigenen Hausaufgaben machen müssen. Und dazu gehört, dass Gästefans nicht als Sicherheitsrisiko behandelt werden.

Das "Wuhlesyndikat" wurde 2002 gegründet. Inwiefern unterscheidet sich das damalige Ultrasein vom heutigen?

    Der Sicherheitsapparat ist damals kräftig hochgerüstet worden, weil schon klar war, dass die WM 2006 in Deutschland stattfinden wird. Seither sind die Ultras viel stärker in den Fokus der Öffentlichkeit und der Polizei gerückt. Vor zehn Jahren hat es deutlich mehr Freiräume gegeben. Bei Union haben damals ein, zwei Leute Stadionverbot gehabt, heute sind es 20 bis 30. Und Sachen wie vergangenes Jahr in Köln, wo gegen unsere gesamte Gruppe ein bedingtes Stadionverbot ausgesprochen worden ist, waren ebenfalls nicht auf der Tagesordnung.

Was ist in Köln passiert?

    Wir sind kurz vor Spielbeginn im Stau gestanden und aus den Bussen raus, um den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Dabei sind wir von Kölner Zivilpolizisten begleitet worden, die aber nicht eingeschritten sind. Eine Ecke weiter sind wir direkt vor der Heimkurve gestanden, wo es zu vereinzelten Auseinandersetzungen gekommen ist. Im Nachhinein hat man uns vorgeworfen, die Kölner Kurve angegriffen zu haben - das ist absurd. Wer greift mit 80 Leuten und den ganzen Materialien eine Kurve an? Wir sind eingekesselt worden, mussten unsere Personalien angeben und haben das Spiel nicht gesehen. Danach sind einige Stadionverbote verhängt worden, und die restliche Gruppe hat zwei Jahre Stadionverbot auf Bewährung bekommen.

Ende November ist es in Kaiserslautern zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. Was sind die Konsequenzen?

    Was der Auslöser war, weiß ich nicht. Die Polizei ist jedenfalls von Anfang an sehr provokant aufgetreten. Nach dem Spiel wurden Fans von Sicherheitskräften wörtlich zu Duellen außerhalb des Bahnhofs aufgefordert. Das habe ich so noch nicht erlebt. Auch weil der Fanbeauftragte verletzt worden ist, hat Union den Einsatz sehr scharf verurteilt. Rechtliche Konsequenzen werden die Vorfälle aber wohl wieder nur für die Fans haben.

ZUR PERSON:

Stefan Hupe (29) wurde von seinen Eltern schon im Kinderwagen zu Union-Spielen gekarrt. Nach seinem Wechsel auf die Hintertortribüne der Alten Försterei gründete er 2002 mit Freunden das "Wuhlesyndikat". Die Ultragruppe mit rund 45 aktiven Mitgliedern benannte sich nach dem Fluss, der durch den Stadtteil Köpenick fließt.

 

Foto: Stefan Hupe sen., union-foto.de

Referenzen:

Heft: 88
Thema: Polizei
Verein: Union Berlin
ballesterer # 120

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