"Beim Derby ist nichts passiert"

cache/images/article_2200_1310220046_140.jpg Am Überfall auf das linke Kulturzentrum Ernst-Kirchweger-Haus sollen rechte Austria-Fans beteiligt gewesen sein. Der Verein distanziert sich, offenbart jedoch auch seine Hilflosigkeit im Umgang mit rechter Gewalt.
Moritz Ablinger | 18.11.2013

Am 27. Oktober dieses Jahres findet in Wien-Favoriten das 307. Wiener Derby statt. Unweit der Generali Arena befindet sich das linke Kulturzentrum Ernst-Kirchweger-Haus (EKH). Dort plant die Kommunistische Gewerkschaftsinitiative International (KOMintern) am frühen Nachmittag ihre Kampagne für die Arbeiterkammerwahlen im kommenden März. Sie trifft sich in den Räumlichkeiten des türkischen Kulturvereins ATIGF, der sich seit den 1980er Jahren für die Rechte von Migranten einsetzt und ein freundschaftliches Verhältnis zur KOMintern pflegt. Gut dreißig Leute nehmen an der Gewerkschaftssitzung teil, die um 13.30 Uhr ein plötzliches Ende findet. "Ein Kollege von uns hat während der Versammlung kurz weg müssen. Als er im Stiegenhaus war, haben wir Rufe gehört: ,Nazis, Nazis! Weg mit den Kindern'", sagt KOMintern-Mitglied Thomas (Name von der Redaktion geändert. Die Aktivisten verlassen die Vereinsräume und finden ihren Kollegen blutüberströmt auf der Stiege sitzen. Im Eingangsbereich des Hauses spielen sich noch immer turbulente Szenen ab. Die Angreifer werden von Anwesenden bis zur nächsten Kreuzung vertrieben. Von dort werfen sie Flaschen auf das Haus, immer wieder sind rechtsradikale Parolen zu hören. Die Angegriffenen rufen die Polizei, nehmen die Sache dann aber selbst in die Hand. "Wir waren in der Überzahl und haben uns deswegen entschlossen, die Angreifer zu verfolgen", sagt Thomas. "Aber das war Zufall. Normalerweise ist am Sonntag nur die ATIGF im Haus."

Einschlägig bekannt
Neun der Angreifer werden tatsächlich von den EKH-Aktivisten gestellt und anschließend der Polizei übergeben. Aus Austria-Fankreisen heißt es, dass sie zunächst lediglich wegen Besitz von verbotenen Substanzen festgehalten werden, es stellt sich allerdings heraus, dass sieben der neun Festgenommenen wegen Gewaltdelikten amtsbekannt sind, die zwei anderen wegen Verstößen gegen das Verbotsgesetz. Auch Mihaly "Salo" K. soll unter den Eindringlingen sein. Er ist im rechtsextremen Real-Madrid-Fanklub "Ultras Sur" organisiert und wird, ebenso wie einige andere der Angreifer, von der Polizei dem Umfeld der Fangruppe "Unsterblich Wien" zugerechnet. Austria-Fans, die nicht namentlich zitiert werden wollen, berichten, dass "Unsterblich" den Vorfall in der Fanszene als Missgeschick herunterspiele. Der Angriff sei zufällig erfolgt, eigentlich habe man sich mit Rapidlern zu einer Prügelei verabredet, sei plötzlich jedoch aus dem Kulturzentrum angepöbelt worden. Im EKH will man nicht an einen Zufall glauben. Thomas sagt: "Wir vermuten, dass der Angriff der ATIGF gegolten hat und die Nazis einfach überrascht waren, dass so viele Leute da waren." Der Leiter des Favoritner Polizeikommissariats, Michael Lepuschitz, wiederum sagt: "Wir wissen derzeit noch nicht, ob der Angriff gezielt und organisiert war." Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung ermittelt nun und versucht zu klären, ob der Überfall einen politischen Hintergrund hatte. Zu einer Stellungnahme per Telefon oder E-Mail war das Amt auf ballesterer-Anfrage bereit.

Ein gewisser Radikalismus
Das Derby gewinnt Rapid 1:0. Die Gastgeber müssen tags darauf nicht nur sportliche Probleme analysieren, der Verein distanziert sich auch vom Angriff auf das EKH. "Es ist kein Geheimnis, dass es eine gewisse Form von Radikalismus im Stadion bei uns gegeben hat, allerdings liegen Vorfälle schon lange zurück", heißt es in der Aussendung. Austria-Vorstand Markus Kraetschmer bedauert gegenüber orf.at den Angriff und fordert von der Polizei ein hartes Vorgehen. Danach kommentiert die Austria den Fall nicht weiter, das übernimmt die Realität. Beim Auswärtsmatch der Wiener bei Atletico Madrid elf Tage nach den Vorfällen im EKH sind in der Gästekurve ein Keltenkreuz und ein Transparent von "Ultras Sur" zu sehen. Bereits zwei Wochen zuvor hing beim Heimspiel gegen die Madrilenen ein Banner des Wiener Ablegers der "Ultras Sur" in der Austria-Kurve.

Der Verein will das Problem mit Haus- und Stadionverboten in den Griff bekommen. Zwanzig gibt es derzeit, vor allem gegen Personen aus dem "Unsterblich"-Umfeld. Der Begriff Rechtsradikalismus bleibt in der Aussendung der Austria dennoch ausgespart. Im Stadion hätten Politik, Gewalt und Pyrotechnik nichts verloren, heißt es ganz allgemein. Thomas, der selbst Austria-Fan ist, sagt: "Zu schreiben ,Wir distanzieren uns davon und haben das verboten' reicht nicht, es muss bewusstere Aufklärungsarbeit geben." Die wollen die rund 300 Menschen leisten, die sich laut Polizeischätzung am Tag nach dem Angriff auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten versammeln, um gegen rechte Gewalt zu demonstrieren. Beim Derby selbst ist es im Stadion zu keinerlei Vorfällen gekommen, auch einschlägige Transparente sind nicht zu sehen. Die Polizei ist zufrieden. "Die Maßnahmen der Austria funktionieren", sagt Lepuschitz. "Beim Derby ist bis auf ein paar Bengalen ja nichts passiert." Was außerhalb des Stadions geschieht, falle nicht in die Verantwortlichkeit des Vereins, heißt es immer wieder. Dennoch will die Austria weitere Stadionverbote prüfen, sobald ihr die Namen der EKH-Angreifer bekannt sind, und unterläuft damit ihre eigene Aussage: Im Stadion selbst haben die Täter schließlich nichts getan, dort weder Politik noch Gewalt oder Pyrotechnik propagiert. Die Geschehnisse im EKH ebenso wie bei den beiden Partien gegen Atletico Madrid zeigen jedoch vor allem eines: Die bisherigen Maßnahmen der Wiener Austria haben das Rechtsradikalismusproblem noch lange nicht gelöst.

Foto: Austria 80

Referenzen:

Heft: 87
Rubrik: Fansektor
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