Beim Kultklub der Anderen

cache/images/article_1349_duran_140.jpg Von der heimischen in die deutsche Regionalliga: Seit dieser Saison kickt der Wiener Jungprofi Sargon Duran bei Tennis Borussia Berlin, einem Traditionsverein mit bewegter Geschichte.
Klaus Stimeder | 04.02.2010
4.400.
In Worten: viertausendvierhundert Euro. Es hatte nicht viel gefehlt, dass eine verheißungsvolle Kickerlaufbahn an dieser Summe gescheitert wäre. Zumindest ins Stocken gebracht hätte sie sie bestimmt. »Wenn der Vater das damals nicht gezahlt hätte, hätte ich bei Simmering bleiben müssen. Wer weiß, was dann passiert wäre.« Obgleich noch jung an Jahren, hat Sargon Duran in seiner Karriere schon einiges erlebt. Von Didi Constantini ist der 22-Jährige noch nicht einberufen worden. Aber wenn es nach Duran geht, soll das noch werden. Langfristig. »Im Fußball kanns schnell gehen. Gestern spielst du noch in der Regionalliga, morgen in der Nationalmannschaft «, sagt Duran. Bei ihm klingt das weder anmaßend noch überheblich. Er will es einfach.


Wenn ein Ivanschitz nach Mainz wechselt oder ein Fuchs nach Bochum, ist das den heimischen Tageszeitungen eine dicke Schlagzeile wert. Motto: Wir haben es geschafft. Einer von uns darf bei den Großen mitspielen. In Deutschland, in der Bundesliga. Als Sargon Duran vom Regionalliga- Ost-Vizemeister SV Horn zu Tennis Borussia in die deutsche Hauptstadt wechselte, stand das nur in einschlägigen Lokalmedien. Grämen tut sich der Abwehrspieler deshalb nicht: »Ich sehe das positiv. So kann ich mich in Ruhe weiterentwickeln.«

Schule statt Käfig
Sargon Duran ist einer von rund 1,46 Millionen Österreichern mit sogenanntem Migrationshintergrund. Seine Eltern sind Assyrer, sie wanderten einst aus der Türkei ein. Das Volk der Assyrer lebte im Altertum vorwiegend im mittleren und nördlichen Mesopotamien, dem heutigen Irak. Sie beherrschten Ägypten und Babylonien, ihr Reich erstreckte sich zeitweise vom heutigen Israel bis zum Persischen Golf. Dementsprechend stolze und geschichtsbewusste Leute sind sie: Sargon Durans Eltern gaben ihrem Sohn den Namen eines der größten Könige, die die Assyrer-Dynastien hervorbrachte. Sein Namenspatron ist Sargon II. (721-705 v. Chr.), König des neuassyrischen Reichs und Namensgeber der Sargoniden-Dynastie.

 »Mein Vater und meine Mutter haben mich immer unterstützt. Das hat mir auch bei zachen Sachen weitergeholfen«, sagt Sargon Duran. Aufgewachsen in Wien- Landstraße, startete er seine Karriere auf der Simmeringer Had. Ein »Käfigkicker« war der Handelsakademie-Absolvent nie: »Dafür hatte ich allein schon wegen der Schule keine Zeit.« Mit 16 wechselte Duran dann zur Vienna. Nach einer Querele, die viel über den Zustand des österreichischen Amateurfußballs erzählt. Nachdem ihm sein Stammverein, bei dem er zu diesem Zeitpunkt seit elf Jahren gekickt hatte, keine Freigabe erteilt hatte, zahlte sein Vater den Simmeringern 4.400 Euro, damit sein Sohn nach Döbling wechseln konnte. Für einen Schneider, der seine Familie zu diesem Zeitpunkt noch fast im Alleingang erhalten musste Sargon Duran hat eine ältere Schwester und einen jüngeren, geistig behinderten Bruder, die Mutter ist Hausfrau ein Batzen Geld. Zwei Jahre hielt es Duran auf der Hohen Warte. Dann  ging es weiter zu den Rapid Amateuren. Nachdem ihm der erhoffte Sprung in Rapids Erste versagt blieb, ging er nach Niederösterreich. In Horns Abwehr stieg er zur fixen Größe jenes Teams auf, das in der abgelaufenen Saison letztlich erfolglos um den Aufstieg mitspielte. Duran musste mitansehen, wie die Vienna in die Erste Liga aufstieg. Weil ihm noch ein Jahr in der Regionalliga »schlicht und einfach zu wenig gewesen wäre«, sah er sich nach einer neuen Perspektive um. Ein befreundeter Manager vermittelte ihm Anfang Juni ein Probetraining bei TeBe, wo er bei Trainer Thomas Herbst Eindruck machte. Der Klub gab ihm einen Zweijahresvertrag, seitdem ist Sargon Duran Stammspieler. »Sargon hat sich aufgrund seines Willens durchgesetzt«, sagt Herbst heute, »er ist enorm laufstark, weshalb wir ihm offensiv Freiheiten lassen. Und er macht viel für die Mannschaft, deshalb wird er auch von seinen Mitspielern akzeptiert.«

Professionelle Scharner-Anleihe
In der deutschen Pyramide stellt die dreigleisige Regionalliga seit der Einführung einer dritten Profiliga im vergangenen Jahr die vierthöchste Spielklasse dar. Unterschiede zum österreichischen Pendant sind trotzdem spürbar. »Hier wird viel aggressiver und disziplinierter gespielt. Das Umfeld ist ein ganz anderes, es ist einfach alles viel größer. Und die Einstellung zum Fußball ist eine andere. In Deutschland ist Fußball in jeder Hinsicht Teil des alltäglichen Lebens«, sagt Sargon Duran. Und wie wirkt sich der Unterschied im Geldbörsl aus? Wie viel er bei TeBe verdient,  will Duran nicht sagen, aber: »Es ist ziemlich genau doppelt so viel, wie ich in Österreich verdient habe.«

TeBe-Geschäftsführer Olaf Sievers will zu Durans Gehalt ebenfalls keine Angaben machen. Allgemein würde sich die Höhe der Gehälter »zwischen 400 und 2.000 Euro netto« bewegen.

Was die Frage nach dem Geld angeht, gibt sich Sargon Duran für sein Alter erstaunlich professionell. Und auch sonst ist die Phrase vom »Sich voll auf den Fußball konzentrieren« bei ihm keine leere. Duran trinkt nicht, raucht nicht und nimmt seit einem halben Jahr die Dienste eines Mentaltrainers in Anspruch. »Den Paul Scharner haben damals deswegen alle ausgelacht. Und jetzt schaus dir an: Jetzt lacht er.« Der Leistung ist es offenbar zuträglich. »Sargon spielt derzeit auf sehr hohem Niveau. Ich würde sogar sagen, über dem, das die Liga hat«, sagt TeBe-Sprecher Hagen Liebing, im Hauptjob Musikredakteur des Stadtmagazins tip und als ehemaliger Angestellter der besten Band der Welt auch als Buchautor bekannt (»The Incredible Hagen: Meine Jahre mit Die Ärzte«).

Die Hoffnungen des in den vergangenen Jahren nicht eben erfolgsverwöhnten Klubs der Aufstieg in die Regionalliga gelang nach acht dürren Jahren in der Oberliga Nordost stützen sich heute auch auf den Legionär. Und vice versa. Mittelfristig will Duran mit TeBe den Sprung in Liga drei schaffen. Langfristig in die zweite Liga. »Im Endeffekt betrachten wir die als unsere natürliche Heimat. Man darf nicht vergessen: Wir haben in der gesamten Vereinsgeschichte nur zweimal Bundesliga gespielt (in den Saisonen 1974/75 und 1976/77, Anm.). Und das schlecht«, sagt Hagen Liebing. So bleibt das Spiel in der höchsten Klasse wohl noch länger den TeBe-Frauen vorbehalten: Sie spielen seit dieser Saison in der Bundesliga.

Tennis ohne Schläger

Bei den Männern gilt Tennis Borussia nach Hertha BSC und Union traditionell als der drittgrößte Klub der Hauptstadt. Trotzdem verloren sich in der Aufstiegssaison im Schnitt nur knapp unter 600 Zuschauer im Rund des Charlottenburger Mommsenstadions, der Spielstätte des Vereins. Eine, positiv formuliert, auf altmodische Art charmante und aufs Wesentliche reduzierte Arena. Negativ formuliert eine bessere Bruchbude, vergleichbar mit dem Stadion des Wiener Sportklubs in Dornbach. Die »Mommse« fasst 11.000 Zuschauer. Von den heutigen Besuchern kann sich kaum einer daran erinnern, sie jemals voll erlebt zu haben. So klein die Fankurve, so vielfältig stellen sich die Meinungen auf ihr dar. Die einen sind stolz auf die »familiäre Atmosphäre « bei TeBe; die anderen schreiben politische Korrektheit groß. Schmähgesänge auf Gegner und Schiedsrichter halten sich in engen Grenzen. Wer sich nicht daran hält, wird schon einmal gemaßregelt. Aber alles im Rahmen, wie 11Freunde - Chefredakteur Philipp Köster bescheinigt, der sein Urteil über den Anhang mit dem Titel einer ehemaligen Vereinshymne untermauert: »Tennis, Tennis ohne Schläger! TeBe ist absolut okay.«

Sargon Duran macht der mangelnde Zuspruch nichts aus: »TeBe hat wenige, aber sehr aktive und sympathische Fans.« Warum der Verein so wenig Zuschauer hat? »Wir sind Wendeverlierer«, sagt Hagen Liebing: »Die gebürtigen Berliner unter den Stadiongängern sind mit dem Ost-West-Gefälle groß geworden und entscheiden sich entsprechend, welchen Klub sie unterstützen.« Tatsächlich erscheint die Hauptstadt in Sachen Fußball ebenso geteilt wie der Rest der deutschen Gesellschaft. Der Westen wählt mehrheitlich CDU und FDP, der Osten noch nicht einmal mehr die SPD, sondern, wie bei den vergangenen Bundestagswahlen, die Linke. Im Fußball lautet die Faustregel: Der Osten zieht in die Alte Försterei im Stadtteil Köpenick, wo sich Union gerade anschickt, um den Aufstieg in die Bundesliga mitzuspielen. Der Westen geht zu Hertha. Kein Verein hat es bis heute geschafft, diese Teilung zu überwinden.

Dalli, dalli in der Führerloge
Derart eingequetscht tut sich TeBe schwer. Zudem kämpft der Klub mit einem Ruf, der für viele potenzielle Fans abschreckend wirkt: dem des »Reichenklubs«. Vor wie nach dem Zweiten Weltkrieg galt TeBe der Mehrheit der Berliner außerdem als »Judenklub «, weil zahlreiche Funktionäre des Vereins Juden waren. Als Aushängeschild diente dabei ein Mann, der von Anfang der 70er bis Mitte der 80er Jahre mit seiner Sendung »Dalli, Dalli« Generationen von Fernsehzuschauern unterhielt. Wenn TeBe heute ein Tor schießt, springt auf der Anzeigetafel im Mommsenstadion der einstige Showstar und langjährige TeBe- Präsident Hans Rosenthal hoch und ruft sein »Wir sind der Meinung, das war «. Und von den Rängen schallt es zurück wie einst in den Mehrzweckhallen von Böblingen, Bamberg und Castrop-Rauxel: » spitze!!!«.

Eine Episode, die die Geschichte von TeBe vielleicht am besten illustriert, stammt von Rosenthal selbst. Das Kind jüdischer Eltern, Jahrgang 1925, wuchs am Prenzlauer Berg auf und hatte die Schrecken des Nationalsozialismus am eigenen Leib erfahren. Während sein Bruder und zahlreiche andere Verwandte im Holocaust umkamen, entkam er Hitlers Schergen, indem er in einer Kleingartenanlage untertauchte, wo er sich bis zur Befreiung durch die Alliierten versteckt hielt. Der 1987 verstorbene Entertainer berichtet in seiner Autobiografie »Zwei Leben in Deutschland« über das Highlight seiner Funktion als TeBe- Präsident: »Wenn wir die Aufstiegsrunde erreichen sollten, das wusste ich, dann würden wir ins Olympiastadion einziehen dürfen. Das war unser Traum. Mein Traum war es jedoch ganz besonders, denn ich stellte mir vor, dass ich dann als Präsident in der Ehrenloge sitzen würde; genau auf dem Platz, den Hitler eingenommen hatte, als er 1936 die Welt zu den Olympischen Spielen empfing. Der würde sich im Grabe umdrehen, dachte ich mir, wenn er wüsste, dass auf seinem Platz der kleine Hans Rosenthal sitzt.« 1966 war es so weit, TeBe erreichte die Aufstiegsrunde. »Ich entwarf eine Sitzordnung für die Ehrengäste. Für meine Frau und mich reservierte ich den Platz in der Führerloge. Dort ließ ich mich dann nieder, erhob mich wieder und grüßte nach allen Seiten. Alle möglichen Gedanken gingen mir durch den Kopf. Es war ein seltsames Gefühl für mich. Eine Mischung aus Triumph und Gruseligkeit, Abscheu und Behagen.«

Der Mythos und die Pyramide
Neue Nahrung erhielt das Klischee vom »Reichenklub« samt latent antisemitischen Untertönen Ende der 90er, als die Kapitalanlagegesellschaft Göttinger Gruppe glaubte, aus TeBe mit viel Geld, aber wenig Sachverstand eine Art zweite Hertha machen zu können. Den bei den Fans beliebten Trainer Hermann Gerland, heute Co-Trainer beim FC Bayern, ersetzte man 1999 durch Winnie Schäfer, der sich mit dem Rausschmiss diverser Identifikationsfiguren schnell unbeliebt machte. Durch seinen Rückzug als Präsident, mit dem er den (mittlerweile insolventen) Göttingern den Einstieg möglich machte, hatte auch der mittelbare Rosenthal-Nachfolger und Schlagerproduzent Alois Nussbaum alias Jack White das Seine zum Imagedesaster beigetragen.

»Damals wurden zum richtigen Zeitpunkt falsche Entscheidungen getroffen. An den Folgen leiden wir bis heute«, sagt Hagen Liebing. Den Träumen von der Bundesliga folgte der Absturz. Dass TeBe sein Image trotzdem nicht loswird, liegt auch den Konkurrenten allen voran an denen aus dem angeblich chronisch benachteiligten Osten, die ein lebhaftes Interesse daran haben, den Mythos des »Reichenklubs« aufrechtzuerhalten. Die buchhalterische Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Während die Gegner aus Magdeburg, Chemnitz oder Halle mit Budgets von vier bis fünf Millionen Euro operieren, muss TeBe laut Geschäftsführer Olaf Sievers mit 1,3 auskommen. Ironie der Geschichte: Die Gründungsurkunde des Klubs aus dem Jahr 1902 wurde in einem Café an der Spandauer Brücke unterzeichnet dort, wo heute die Hackeschen Höfe liegen, in Ostberlin.

Sargon Duran, der jüngst samt seinem von einem Sponsor bezahlten Auto von einer Vereins-WG in eine eigene Wohnung in Charlottenburg übersiedelte, hat sich mit den Eigenheiten seines neuen Vereins nicht wirklich auseinandergesetzt. Braucht er auch nicht, meint er: »Ich will mich hier vor allem in die Auslage stellen.« Und wenn das nicht funktioniert? Dann eben ein neuer Transfer. Hauptsache, weiter die Pyramide hinauf. Eine Rückkehr nach Österreich kann sich Duran prinzipiell vorstellen. »Aber nur, wenn es sportlich einen klaren Aufstieg bedeuten würde. Also Bundesliga.«

Referenzen:

Heft: 48
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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