Boykott und Bürokratie

Der türkische Fußball steckt in der Krise: Spielmanipulationen, Gewalt, sportliche Bedeutungslosigkeit und das fanunfreundliche Passolig-System bestimmen das Bild. Dahinter stehen Konflikte zwischen einer autoritären Regierung, alteingesessenen Machtzirkeln und rebellierenden Ultras.
Klaus Federmair | 14.04.2015

Ein paar dutzend Besiktas-Fans sitzen mit Transparenten und Radiogeräten im Abbasaga-Park, lauschen der Live-Übertragung, stimmen Gesänge an. Die grüne Oase im Istanbuler Stadtteil Besiktas scheint noch nicht im Fernsehzeitalter angekommen zu sein. Nicht weit entfernt baut der Besiktas Jimnastik Kulübü an einem neuen modernen Stadion; das im Radio übertragene Heimspiel findet 20 Kilometer entfernt im Olympiastadion statt, in dem sich nur ein paar tausend Zuschauer eingefunden haben.

Ein Fanausweis zum Abgewöhnen
Die Radiofans nennen sich „Anti-Passolig BJK“ und kommen aus dem Umfeld der Fangruppe „Carsi“. Sie protestieren gegen den seit Saisonbeginn für jeden Match-besuch nötigen Fanausweis Passolig. Auch Anhänger anderer Klubs schauen sich die Spiele aus Protest nicht mehr im Stadion, sondern gemeinsam außerhalb an. „Ich kaufe eine Jahreskarte, aber nicht Passolig. Also kann ich nicht mehr zu den Heimspielen unserer Fußballmannschaft fliegen“, sagte auch Faruk Celebi, Vorsitzender der Österreich-Abteilung des größten Galatasaray-Fanklubs „ultrAslan“, bei der „Club 2x11“-Diskussion des ballesterer über türkische Fankultur im März in Wien. „Ich schaue mir möglichst alle Auswärtsspiele in Europa an, aber auch Basketball- und Volleyballmatches von Galatasaray.“ Die Fenerbahce-Fangruppe „Vamos Bien“ verkündete im Februar 2015: „Der Boykott geht noch nicht weit genug.“


Dabei verfolgen in der Saison 2014/15 bisher im Schnitt nur knapp 20.000 Anhänger die Spiele von Galatasaray und Fenerbahce. 2013/14 waren es bei beiden Großklubs noch deutlich über 30.000 gewesen, im Jahr davor über 40.000. Bei den meisten anderen Vereinen der türkischen Süper Lig sieht die Situation ähnlich aus. Besiktas kommt nur noch auf einen Heimspielschnitt von 16.000, Spitzenreiter beim Zuschauervertreiben ist aber Genclerbirligi. Die Spiele des Klubs aus der Hauptstadt Ankara verfolgen in dieser Saison um mindestens zwei Drittel, nach manchen Quellen sogar bis zu 90 Prozent, weniger Fans im Stadion als noch vor einem Jahr.

Gegenwind aus Ankara
Ein Genclerbirligi-Fan, der sich dem Boykott angeschlossen hat, ist Tanil Bora. Der Politologe kommentiert das Fußballgeschehen seit 15 Jahren in einer wöchentlichen Kolumne für die seit einem Jahr nur noch online erscheinende Tageszeitung Radikal. Auch er war beim „Club 2x11“ zu Gast und erklärte, dass die Zuschauer den Stadien seit Passolig aus unterschiedlichen Gründen fernbleiben: „Es gibt diejenigen, die bewusst dagegen protestieren, es gibt aber auch eine Menge Leute, denen die ganze Bürokratie zu viel ist.“ Zu ergänzen wäre noch eine dritte Gruppe, nämlich Zuschauer, die sich Spiele von verschiedenen Vereinen anschauen wollen. Durch den Fanausweis ist es nur noch möglich, die Spiele desjenigen Klubs im Stadion zu sehen, als dessen Fan die Karte ihren Besitzer ausweist.


Die Fans von Genclerbirligi setzen den Boykott nicht nur am konsequentesten um, sondern bringen den Verband auch gerichtlich unter Druck. Mithilfe der in Ankara ansässigen Fanrechtevereinigung „Taraf-Der“ haben sie eine Klage gegen Passolig eingebracht. Gürkan Özocak von der Vereinigung der türkischen Fananwälte bescheinigt den Fans gute Erfolgschancen: „Die E-Ticket-Regeln widersprechen ganz klar den Datenschutzbestimmungen in der Verfassung.“ Neben dem Datenschutz sind Konsumentenrechte zentrale Punkte der Passolig-Klage. Wer die Fankarte erwirbt, muss nicht nur eine Menge persönlicher Daten angeben, sondern zugleich auch ein Bankkonto bei der bisher relativ unbedeutenden Aktif Bank eröffnen. Diese steht der islamisch-konservativen Partei AKP des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen Familie nahe.

Rechtfertigungsversuche
Im nagelneuen Istanbuler Hauptquartier des Fußball-verbands sahen sich die PR-Strategen zwei Monate nach Saisonstart veranlasst, den Zusammenhang des rasanten Zuschauerrückgangs mit der Einführung von Passolig kleinzuschreiben. „Es liegen keine wissenschaftlichen Daten vor, die nachweisen, dass das E-Ticket-System der einzige Grund für den Zuschauerschwund ist“, hieß es in einer Pressemitteilung. Vielmehr habe sich Passolig als wirksames Instrument zur Eindämmung der Gewalt erwiesen: „Dank des Systems wurde die Person identifiziert, die beim Derby Galatasaray gegen Fenerbahce den Spieler Gökhan Gönül verbal attackiert hatte, und vorbeugend mit Stadionverbot belegt.“ Verbandspräsident Yildirim Demirören liefert die schrillen Töne zur Rechtfertigungskampagne. „Wer Passolig nicht mag, soll eben nicht ins Stadion gehen“, sagte er dem Fernsehsender ntvspor.


Mitarbeit: Öncel Secgin


Den vollständigen Artikel über die Krise im türkischen Fußball gibt es in der aktuellen Printausgabe des ballesterer Nr. 101 (seit 16. April 2015 im Handel bzw. im Austria Kiosk der APA) zu lesen.

Referenzen:

Heft: 101
Thema: Türkei
ballesterer # 120

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