Bruchlandung des Austria-Pilotprojekts

cache/images/article_1344_49fans_aus_140.jpg Das »Fanprojekt« der Wiener Austria ist Geschichte. Die Maßnahmen nach der Eskalation im Spiel gegen Bilbao setzten dem erhofften Vorzeigemodell ein abruptes Ende. Der ballesterer hinterfragt die hochgesteckten Erwartungen.
Ein Fetzen, eine Fackel, ein Platzsturm zu viel. Als beim Europa-League-Spiel gegen Athletic Bilbao einige Fans unter einem »Viva Franco«-Transparent durch die Absperrung der Osttribüne auf den Rasen vordrangen, fand nicht nur die Heimserie der Wiener Austria ein Ende. »Nach Bilbao war uns klar, jetzt ist die letzte Chance, die wir den Fans gegeben haben, vorbei«, zog Austrias AG-Vorstand Markus Kraetschmer Bilanz.

 

Die scheinbare Harmonie in der violetten Fanszene nach dem Rückzug des Magna-Konzerns wurde schon zuvor immer wieder durch Eklats getrübt. Der Böllerwurf auf den damaligen Rapid-Goalie Georg Koch im Sommer 2008, faschistische Umtriebe auf der Tribüne beim UEFA-Cup-Spiel gegen Lech Posen, die Hausverbote und der Protest dagegen zu Beginn der laufenden Saison sowie ein vom Vorsängerpodest gesteuerter Schlägertrupp zur »Abmahnung« nicht konform gehender Fans im Spiel gegen Funchal die schwarze Liste der »Veilchen« wurde immer länger.

 

Mit der Androhung einer saftigen UEFA-Strafe im Nacken schnürte der Verein einen umfangreichen Maßnahmenkatalog. Die »Rädelsführer« des Bilbao-Eklats sollen ausgesperrt, der Fanblock eingenetzt und die Mikro-Anlage der Vorsänger abgedreht werden. Auch abseits der Tribüne rührte der Klub kräftig um: Das Fanzentrum wurde geschlossen, das »Fanprojekt« beendet und die beiden Sozialarbeiter Martin Schwarzlantner und Maureen Schorn gekündigt. »Das war eine Entscheidung aller Gremien, nicht von mir alleine«, beteuert Kraetschmer gegenüber dem ballesterer. »Wir haben davor zahlreiche Feedback-Gespräche mit den Sicherheitsfirmen und der Exekutive geführt.« Der Europa-League-Eklat war aber laut Kraetschmer nicht der einzige Faktor, der den Verein zum Handeln veranlasste: »Es hätte durchaus sein können, dass aufgrund unserer Beobachtungen seit Sommer die eine oder andere Maßnahme auch ohne Bilbao gekommen wäre.«

 

Neue Kosten-Nutzen-Rechnung
Besonders das Ende des »Fanprojekts« schlägt hohe Wellen, zieht sich die Austria damit doch aus ihrer Pionierrolle in Sachen Sozialarbeit zurück. Erst im März 2009 wurde gemeinsam mit der neuen Osttribüne das Fanzentrum eröffnet und das Fanbetreuungsteam personell verstärkt. Referenzpunkt der violetten Fanarbeit waren die deutschen Fanprojekte. Volker Goll, Mitarbeiter der deutschen Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), zeigt sich vom abrupten Kurswechsel in Wien überrascht: »Zeitlich kannst du nicht sagen, in zwei Jahren sind Probleme gelöst. Da schauen wir nach drei, vier Jahren mal vorsichtig hin. Stabil sind Projekte, die zehn Jahre arbeiten.«

 

Als Bauernopfer will Kraetschmer die gekündigten Sozialarbeiter dennoch nicht verstanden wissen. Tatsächlich bemängelt er, dass »die Sozialarbeiterschiene nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat. Primäraufgaben unseres Fan- und Sicherheitskonzepts, etwa einen ungestörten Spielbetrieb zu garantieren, haben wir damit nicht erreicht.« Dass derlei überhaupt zu den Aufgaben eines Fanprojekts zählt, wird von Volker Goll jedoch zurückgewiesen. »Fanprojekte sind eine Schnittstelle der Kommunikation. Es wäre utopisch zu glauben, dass zwei Sozialarbeiter für tausende Fans Probleme verhindern können. Im besten Fall können sie es schaffen, dass Konflikte anders aufgearbeitet werden und daraus gelernt wird.«

 

Das ist in Wien-Favoriten derzeit zu wenig. Kraetschmer argumentiert mit ökonomischen Zwängen und rechnet vor, dass der Verein jährlich 200.000 Euro in das »Fanprojekt« gesteckt habe. Die zusätzlichen Kosten durch Strafzahlungen von 135.000 Euro nach Fanausfällen alleine im Jahr 2009 hätten den budgetierten Fan- und Sicherheitsetat gesprengt. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die Volker Goll neu ist: »So eine schlichte Rechnung habe ich noch nie gehört. Bislang wurde das immer positiv diskutiert, so in der Richtung: 1.000 Polizisten bei einem Spiel Dresden gegen Cottbus kosten so und so viel und wenn man sich die Arbeit der beiden Fanprojekte ansieht, dann spart das Geld.«

Geschichtsnachhilfe

Inhaltlich stellt sich die Frage, wie das »Fanprojekt« mit dem Problem der rechtextremen Ausfälle umgegangen ist. »Königsweg gibt es da keinen«, sagt Goll, »doch ohne Antirassismus geht gar nichts.« Auch bei der Austria war es Aufgabe der beiden Sozialarbeiter, politische Bildung in ihre Tätigkeit einfließen zu lassen. »Ein gewisses Verständnis und eine Verantwortung gegenüber der Historie des Klubs wecken«, nennt Kraetschmer den violetten Geschichtsunterricht und nimmt auch gleich den Ordnerdienst in die Pflicht. Schließlich habe der aus »mangelnder politischer und historischer Bildung« nicht verhindert, dass neben dem »Viva Franco«-Banner auch ein mit dem Austria-Logo adaptiertes und von der Gruppe »Unsterblich Wien« gezeichnetes Reichsadler-Transparent ins Stadion gelangte.

 

»Mit Nazi-Kadern versuchen wir erst gar nicht zu arbeiten, die erreichen wir sowieso nicht. Alle anderen, ob das jetzt Mitläufer sind oder nur Fans, die sich vielleicht nicht trauen, ihre Stimme dagegen zu erheben, werden von uns aber angesprochen«, beschreibt Goll die Zielgruppe einer möglichen Antirassismus-Arbeit. Wesentliche Bedingung für den Erfolg sei, wie bei jedem anderen Projekt auch, die Zeit. »Gerade bei einer dynamischen Jugendszene ist Kontinuität wichtig, denn Kontakte zu den jungen Fans bekommst du nur durch Kontakte zur älteren Generation.«

Sicherheit durch Nacktscanner

In die Bundesliga-Rückrunde startet die Austria ohne gewohnte Fanarbeit. »Wenn wir die Mittel hätten, würden wir sagen, jetzt erst recht, aber es bestehen andere Prioritäten«, erläutert Kraetschmer. Wünschen würde sich der AG-Vorstand auch mehr institutionelle Unterstützung: »Wenn es durch andere Förderstellen, etwa die Bundesliga, die Gemeinde Wien oder das zuständige Ministerium, Mittel gibt, sind wir gerne bei neuen Projekten dabei.« Dadurch könnte auch ein strukturelles Problem gelöst werden, das Goll umreißt: »Wir würden nie einer Förderung zustimmen, die allein bei einer Ebene angelegt ist. Fanprojekte sind klassisch unabhängig.« Dadurch lassen sich unangenehme Wahrheiten gegenüber Fans, Polizei und Verein leichter präsentieren. Deutsche Verhältnisse sind in Favoriten aber noch kein Thema, erst im Sommer soll es einen Neustart geben. Wohin dieser führen wird, ist noch völlig unklar. »Der richtige Mix aus Sozialarbeit und Sicherheit«, beschreibt Kraetschmer die Idee.

 

Bis dann setzt der Verein auf eine harte Linie. So sollen Fälle, wie jene von als offen rechtsradikal bekannten Fans, die immer wieder trotz Hausverbot im Horr-Stadion zu finden waren, nicht mehr vorkommen. »Vielleicht waren wir zu weich«, sagt Kraetschmer. »Leute, bei denen wir ein Auge zugedrückt haben, haben uns ins Gesicht gespuckt.« Umso kompromissloser möchte die Austria nun agieren. »Manche Fangruppen kann es mit 80 oder 90 Prozent Stadion- oder Hausverboten treffen.« Außerdem erwartet die Fans im Horr-Stadion ein neuer Ordnerdienst. »Die Polizei kann man ja nicht wechseln«, so Kraetschmer. Finanzielle­ Zuwendungen für Auswärtsfahrten und Choreographien wird es im Frühjahr keine geben. Gerade noch die »Pflichtleistungen«, etwa den Verkauf von Auswärtstickets, will die Austria gemäß den Bundesliga-Richtlinien gegenüber den eigenen Fans erfüllen.

 

Der violette Anhang nimmt die Sanktionen vorerst gelassen hin, keine zehn Abos wurden bisher retourniert. Protest gegen die Maßnahmen gesteht der Verein seinen Fans zu. »Wir werden alles tolerieren, was in einem demokratischen Rahmen passiert«, verspricht Kraetschmer, appelliert aber gleichzeitig an Mitglieder und Fans, an einem Strang zu ziehen. »Viele, die nichts dafür können, sind von den Maßnahmen genauso betroffen«, räumt er ein und verweist auf einen gewagten Vergleich. »Wenn man fliegen will, muss man sich auch den Kontrollen unterziehen. Und jetzt kommt auch noch der Nacktscanner.«

 

Zum Thema: 

FairPlay-Stellungnahme und internationale Reaktionen zur Beendigung der präventiven Fanarbeit bei der Wiener Austria

Referenzen:

Heft: 49
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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