Julo: Im Jahr 1965 hat mich mein Vater, der ein glühender Austrianer war, zum Spiel Austria gegen Wacker Innsbruck mitgenommen. Die Wacker Innsbruck haben bei uns im Hotel gewohnt, das Spiel war am alten Red Star-Platz hinter der Stadthalle. Innsbruck war erst kurz in der ersten Liga, hat aber 3:0 gewonnen, was meinen Vater irrsinnig geärgert hat. Mir hingegen hat das total getaugt, und die Innsbrucker haben mich dann im Hotel als Art Maskottchen adoptiert. Worauf ich natürlich sofort zum Innsbruck-Fanatiker geworden bin!
ballestererfm: Wie alt warst du damals? Julo: Sechs. Und dadurch, dass im Hotel immer wieder Mannschaften kaserniert waren, bin ich ab dem Alter immer öfter zu den Matches mitgegangen. Richtig arg wurde es, als Leopold Stastny Innsbruck verließ, um Nationaltrainer zu werden und dann dauerhaft bei uns im Fürstenhof gewohnt hat. Da bin ich immer mit zu den Erstliga-Partien aber auch in die unteren Ligen, die sich der Stastny sehr wohl auch angeschaut hat.
ballestererfm: Wie kommt es, dass im Fürstenhof die ganzen Kicker ein und aus gingen - wie in einem Durchhaus?
Julo: Das war reiner Zufall. Irgendeiner hat damit angefangen und dann hat das eine gewisse Eigendynamik entwickelt, vor allem als der Stastny eingezogen ist. Ständig waren Leute wie der Schurl Schmidt, der Erich Hof oder der Senekowitsch da und haben mit dem Stastny Schmäh geführt und fachgesimpelt. Dazu kamen Journalisten, wie der Peter Linden und Ex-Spieler wie der Maxl Horak, Mitglied jener legendären Sport-Club-Elf, die 1958 Juventus mit 7:0 besiegt hat. Der hat bis zu seiner Pensionierung bei uns als Nachtportier gearbeitet.
ballestererfm: Der Horak galt ja als Spieler, der aus dem Schatten nie herausgerannt ist!
Julo: Dem würde ich nicht widersprechen. Er war aber ein Super-Kicker, der sehr viele Tore geschossen hat, und er hat immer die Papp´n offen gehabt. Er war ein großer Geschichtenerzähler. Wir haben einmal ein Interview gemacht, das hat sieben Stunden und vierzehn G´spritzte gedauert.
Nachbar Teamchef Dauergast Leopold Stastny
ballestererfm: Wie ist Leopold Stastny in den Fürstenhof gekommen?
Julo: Weil er ein bequemer Mensch war, war ihm das Hotel angenehm. Er hatte mit dem Portier seinen lebenden Anrufbeantworter, ein Lokal, in dem er als Teamchef seine Besuche empfangen konnte. Das alles hat er sehr geschätzt, und er war dann auch durchgehend von Ende der 60er-Jahre bis ungefähr 1980 bei uns im Haus.
ballestererfm: Stastny gilt ja heute noch als böhmisch-wienerisches Original. Was hast du mit ihm erlebt?
Julo: Er war ein absolut schrulliger Typ! Auf neudeutsch würde man sagen ein Scherzkeks - obwohl er diesen Ausdruck sicher verdammen würde! An eine G´schicht kann ich mich gut erinnern. Ich bin mit ihm und meinem Kärntner Onkel auf einem Sport-Club-Spiel gewesen. Die Einführung der Zehnerliga ab Saisonende war beschlossene Sache, bedingt durch die Ligaverkleinerung musste der Sport-Club absteigen. Das Publikum dort hat den Stastny natürlich sofort erkannt und gleich bei unserem Eintreffen haben die angefangen zu schimpfen: »Wegen eich Oarschlecher miaß ma osteign. Ehs Oarschlecher, ehs« und so weiter. Ohne aufzuhören. Der Stastny ist irgendwann aufgestanden und hat gesagt: »Liebe Leute, es ist zwar richtig, dass der Sport-Club absteigen muss. Aber das ist nicht die Schuld vom Nationaltrainer. Das haben die Präsidenten der einzelnen Landesverbände bestimmt. Einer, der am meisten für diese Zehnerliga war, ist der Kärntner Präsident. Und der sitzt jetzt übrigens grad da neben mir.« Worauf mein Onkel, der nicht oft auf den Fußballplatz gegangen ist, die Flucht antreten musste. Der Stastny hat natürlich keine Miene verzogen dabei.
ballestererfm: Hat er immer so verwegene Aktionen angezettelt?
Julo: Manchmal hat er während eines ganzen Spiels den vor ihm Sitzenden alle fünf Minuten mit dem Regenschirm angetippt, um dann so dreinzusehen als könnte er kein Wässerchen trüben. Natürlich ist der vorne nie draufkommen, wer das war. Das war typsich für den Stastny. In Hernals hat er auch immer um einen Schilling gewettet, dass der Sport-Club zuerst in Richtung Friedhof spielt. Wenn man gewonnen hat, hat man nach dem Anpfiff genau 20 Sekunden Zeit gehabt, um das Geld einzufordern. Ansonsten war es verjährt...
ballestererfm: Wie war Stastny als Hotelgast? Hat er sich da seriöser gegeben?
Julo: Einmal hat der ORF eine zeitversetzte TV-Übertragung aus Südamerika gebracht, Brasilien gegen Deutschland, glaub ich. Wir hatten eine deutsche Reisegruppe zu Gast, die haben sich das Spiel natürlich angeschaut. Leopold Stastny war auch dabei, und die Deutschen haben sehr wohl gewusst, dass hier der österreichische Nationaltrainer sitzt. Er ist vor dem Fernseher gesessen und hat dann gesagt: »Na ja, jetzt wird der auf der linken Seite durchgehen, und dann wird er zum Stürmer flanken. Der wird dann knapp verschießen, das sieht man schon jetzt. Aber es wird sehr, sehr gefährlich.« Und ganz genauso ist es dann auch gekommen. Und so ging das neunzig Minuten lang weiter. Ohne dass er mit der Wimper gezuckt hätte. Die Deutschen sind verfallen! Was die nicht gewusst haben war, dass der Stastny das Spiel beim ÖFB schon vorher gesehen hatte.
ballestererfm: Welche anderen Spieler oder Trainer haben einen nachhaltigen Eindruck auf dich hinterlassen?
Julo: Buffy Ettmayer hat mir immer Schaumrollen mitgebracht. Die Herren Sieber und Wollny, zwei Innsbruck-Spieler, haben mir mit sechs Jahren das Schnapsen beigebracht. Gut erinnere ich mich auch noch an Ernst Hlozek, der hat als Rapid-Trainer die Mannschaft hin und wieder bei uns kaserniert. Vom vierzehnten Bezirk an den Gürtel im siebenten Bezirk! Das war irgendwie eine gute Idee, finde ich. Damals waren auch noch internationale Teams wie Honved Budapest bei uns im Hotel - heute würde man das nicht mehr machen, da nimmt man was Ruhiges am Stadtrand mit viel Platz.
Underdogs aus Favoriten Eine Innenansicht der Wienerliga
ballestererfm: Wann bist du zum FavAC-Fan mutiert? Julo: 1976 bin ich zum ersten Mal in die Kennergasse zum FavAC gegangen. Irgendwie war das noch underdogmäßiger als Innsbruck. Und dort habe ich auch wichtige Freunde kennengelernt. Rockmusiktechnisch und überhaupt. Wannst am FavAC-Platz ein Grillwürschtl gegessen hast, war das gleich ein ganz anderes Erlebnis als die Plastikwurscht mit vakuumverpackten Ketchup im Stadion.
Julo: Dass es fast zur Manie geworden ist, ist noch nicht solange her. So richtig arg ist es geworden, als der FavAC in der Saison 1996/97 endgültig abgestiegen ist. Damals entstand auch die Idee zu wienerliga.at. Heute bin ich soweit, dass ich mir im Fernsehen keinen Fußball mehr anschaue. Ich schau mir nicht einmal mehr die Weltmeisterschaft an.
ballestererfm: Die Bundesliga auch nicht?
Julo: Aahh! Nie!
ballestererfm: Was stört dich am Fernsehfußball besonders? Das inszenierte Spektakel? Die Reporter?
Julo: Die Reporter sind sicher ein Grund. Der zweite ist, dass man immer nur das sieht, was einem die Kamera gibt. Bei einem Live-Spiel bin ich die Kamera, da schau ich dorthin, wo´s mich interessiert. Das muss jetzt nicht unbedingt der Ballführende sein. Aber selbst wenn ich auf den Ballführenden schau, sehe ich auch, was das Publikum macht, wie das Wetter ist. Ich bin mitten drin, es ist ein ganz anderes Feeling. Wenn ich hingegen ins Kastl schau, verlier ich die Konzentration.
ballestererfm: Die Weltmeisterschaft zu negieren, klingt aber nach einer Übung für sehr fortgeschrittene Unterhausfanatiker!
Julo: Nicht, weil es mich nicht interessieren würde. Aber ich bin oft vier- bis fünfmal pro Woche am Fußballplatz. Selbst in den toten Zeiten schau ich mir zwei bis drei Testspiele die Woche an. Da setzt du dich nicht auch noch zuhause hin und... Außerdem - ich kann es mir im Fernsehen wirklich nicht mehr anschauen!
ballestererfm: Welche Entwicklungen hat der Wiener Regionalfußball in den letzten zehn Jahren durchgemacht?
Julo: Die Professionalität fängt immer weiter unten an. Du wirst heute in der Wienerliga kaum mehr einen Spieler sehen, der vor dem Match ein Bier trinkt. Das war vor zehn, fünfzehn Jahren noch anders. Vor dreißig Jahren war es wie man am Maxl Horak sieht sogar noch in der ersten Liga drinnen. Heute kannst du ohne viermal Training pro Woche auch in der Wienerliga nicht mehr mitspielen. Hier rennen wir in Richtung Professionalismus. Ob das gut ist oder nicht, ist die große Frage. Dass früher per se alles besser war, stimmt natürlich nicht.
ballestererfm: Hat sich das Publikum verändert?
JULO: Eigentlich nicht. Anverwandte plus ein paar Verrückte, die sich das halt gern anschauen. Wobei ich mir sicher bin, dass das Vergnügen bei einem Spiel der zweiten Division um einen Schaas besser ist! In der Wienerliga ist alles viel näher, für viel weniger Geld, mit einer besseren Kantine. Nur siehst Du halt weniger Fans. Bei 300 Zuschauern sind 200 da, weil sie das Match interessiert und nicht weil sie Fortuna- oder Gersthof-Fanatiker sind.
ballestererfm: Das heißt die üblichen Verdächtigen?
Julo: Ja, das macht die Atmosphäre aus. Spätestens nach dem dritten Match auf demselben Platz kennst du deine Leute. Und du stehst neben dem oder dem und debattierst über Gott, die Welt, und den Hundskick, den du gerade siehst. Das ist es, was mir taugt.
ballestererfm: Also wenig neuen Gesichter auf den Rängen. Wie beurteilst du die Situation auf dem Spielfeld? Wie steht es um die Nachwuchsarbeit?
Julo: Die ist ein großes Problem für die Vereine von der Wiener Liga abwärts, weil sie kaum mehr bezahlbar ist. Und die Vereine haben meist nur einen Rasenplatz, auf dem dann 14 Mannschaften trainieren müssten. Das geht natürlich nicht, was heißt, du brauchst noch einen Kunstrasenplatz. Der ist wiederum nicht so besonders gut für die Kinder, nicht besonders gut für den Fußball.
ballestererfm: Können sich kleinere Vereine nicht auch dank ihres guten Nachwuchses über Wasser halten?
Julo: Fakt ist, dass die Großen den Vereinen aus der Verbandsliga die besten Spieler wegkaufen. Da gibt es festgelegte Preise, so um die 30.000 bis 40.000 Schilling, für die der Verein die Spieler hergeben muss. Sachen wie bei Ostbahn XI, die sich damals am Prohaska eine goldene Nase verdient haben, sind nicht mehr möglich. Wenn der Spieler weg will, musst du ihn verkaufen. Irgendwann wird es aber dann die kleinen Vereine nicht mehr geben und somit auch deren Nachwuchsarbeit nicht mehr. Wer macht das dann? Woher kommen die Talente, die die Austria jetzt von Donaufeld, von Stadlau oder vom FavAC holt.
ballestererfm: Gibt es nicht auch Schwierigkeiten beim Funktionärsnachwuchs?
Julo: Es gibt keine jungen Funktionäre, das tut sich niemand an. Kein Junger sagt, ich stecke 30 Stunden in der Woche in den Verein und sogar noch Geld rein. Diejenigen, die sich engagieren, haben oft die Sportmanagement-Schule im Hinterkopf, und wollen das dann auf Red Star ummünzen. Das geht aber nicht, das Vereinsleben hat mit Management nichts zu tun.
ballestererfm: Beim Sportklub gibt es engagierte junge Funktionäre aus den eigenen Reihen. Wie ist es, wenn es einen so nach oben katapultiert?
Julo: Das Problem der Leute auf der Friedhofstribüne - auf die du ja anspielst - ist, dass sie von vornherein gespalten sind. Das sind Anti-Funktionärstypen. In einer Wienerliga ist das okay, weil die Bindung zum Verein eng ist. In der zweiten Liga geht es aber nur mehr professionell, da brauchst du fünf bis sechs vollamtliche Funktionäre. Dort kaufst du keinen Spieler mehr ein, indem du mit ihm in der Kantine sitzt und sagst: »Hearst Oida, spüst für a paar Hunderter mehr bei mir.« Da geht alles über Spielervermittler, da gibt´s eine Menge Sachen, auf die du aufpassen musst. Ich seh das Problem beim Sportklub nicht im sportlichen Bereich, sonder eher darin, ob sie den Sprung in die Professionalität schaffen und ob sie ihn überhaupt wollen.
ballestererfm: Möchtest du mit dem FavAC in die zweite Liga aufsteigen?
Julo: Ich nicht! Und auch für den Sportklub wären zwei bis drei Jahre länger in der Regionalliga sicher nicht schlecht gewesen. Vor allem für die Friedhofstribüne, vielleicht auch für den Verein.
Eingenetzt - Die Wienerliga im World Wide Web
ballestererfm: Mit dem Internetjournal wienerliga.at gelingt dir ein bemerkenswerter Spagat: Landesligafußball egal wo in Österreich gilt eher als verstaubt, während das Internet ein neues Medium für ein vorwiegend junges Publikum ist. Wie hast du das geschafft? Julo: Am Anfang bin ich auf die Plätze gegangen und hab die Leute um Sachen wie eine Vereinsbeschreibung oder Kaderlisten gefragt. Die haben dann gesagt »Wo machst du des? Im Internet? Is des a Zeitung?« Es war absolutes Neuland für die meisten. Heute ist das ganz anders: Wir haben im Monat 1,5 bis 1,7 Millionen Zugriffe und ich geh davon aus, dass sich nicht so viele Wienerligafremde die Seite anschauen.
ballestererfm: Welche Auswirkungen hat wienerliga.at auf den Wiener Fußball?
ballestererfm: Wie entstand die Idee zu der Seite?
Julo: Nachdem ich 1995 mit der FavAC-Seite begonnen habe, bin ich relativ schnell dazu übergegangen, auch über Wienerliga- und Ostligamatches zu berichten. Die Folge war, dass die Zugriffe in die Höhe geschnellt sind, ich die nicht auf den FavAC bezogenen Berichte auf meiner Seite aber immer komischer fand. Dann habe ich mit dem Gerri Eichinger, der davor die Sportklub-Seite gemacht hat, eben wienerliga.at gegründet.
ballesterer fm: Wie sieht der Fan Julo Formanek aus, wenn er am Spielfeldrand steht?
Julo: Bier in der rechten, Zigarette in der linken Hand. Und ich war nie einer der viel gesungen hat. Ich brauch keinen Rauch, keine Gesänge. Beim FavAC bin ich viel zu nervös zum Singen, da geh ich meist nur hin und her. Also bin ich sicher ein schlechter Fan.
ballesterer fm: Und die Schiris? Kriegen die ihr Fett ab?
Julo: Nein, im Gegenteil. Was ich manchmal mache, und wofür mich einige hassen, ist, dass ich die Fans maßregle, wenn sie zuviel schimpfen. Ich gebe im Zweifelsfall eher dem Schiri recht, als dem eigenen Spieler oder Fan.
ballesterer fm: Was ist für dich das Salz in der Suppe, wenn du am grünen Rasen stehst?
Julo: Ich wollte schon immer eine Sammlung von Spielerausdrücken und verbalen Einwürfen aus dem Publikum zusammenstellen. Es gibt zehn bis zwanzig Floskeln, die bei jedem Wienerliga-Spiel vorkommen. Zum Beispiel: »Des hob i überhaupt nu nia gsegn!« ist ein absoluter Klassiker. Auch - je nach Farbe der gegnerischen Mannschaft - »Schiedsrichter, ziag da a rots/greans/blaus ... Leiberl an!«, oder »Wannst ned spün kannst, hau wenigstens eini!« sind Dauerbrenner. Ich würde das gerne sammeln und von einem guten Kabarettisten vortragen lassen.
ballesterer fm: Was sind die schönsten Fußballplätze Wiens?
Julo: Den FavAC-Platz finde ich abgesehen davon, dass ich FavAC-Fan bin schon ganz gut. Die Tribüne im Haus ist auch okay, so lange ich nicht darauf stehen muss. Es schaut ein bisschen mehr wie ein Stadion aus, obwohl es noch immer ein Fußballplatz mit Erdwällen ist. Außerdem gefällt mir der Fortuna-Platz, genannt die »Krottenbacher Alm«. Der ist irgenwie kurios, trotz Kunstrasen: Mitten in einem Park, rundherum Föhren, und der riesengroße Felsen gleich neben der Outlinie. Die Hohe Warte ist das schönste Stadion für mich. Auch wenn die Tribüne katastrophal hässlich ist, bleibt die Arena mit dem unvergleichlichen Ausblick. Das Naturding ist einmalig in Europa.
ballesterer fm: Gibt´s noch irgendwo wurmstichige Uralt-Holztribünen?
Julo: Nein. Die letzte wirklich schöne, gedeckte Holztribüne hat es bei der Rapid auf der Pfarrwiese gegeben. Aber tribünenmäßig gefällt mir eigentlich eh wenig. Wenn du mich fragst, ob mir das Nou Camp-Stadion gefällt, sag ich: »Des is a Schaas!«






erscheint am 12. Juli 2013.
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