Die Schmährufe waren laut und zahlreich, als Inter Mailand am Ende der Saison 2005/06, nach 17 Jahren Abstinenz, am grünen Tisch wieder italienischer Meister wurde. Im Jahr darauf hinterließ die Wiederholung des Titels der Nerazzurri immer noch den schalen Beigeschmack der Begünstigung durch Punkteabzüge bei Konkurrenten. Zur Weihnachtspause 2007/08 steht der FC Internazionale Milano jedoch aufgrund fußballerischer Leistungen an der Spitze der Serie A und als Gruppensieger in der K.-o.-Phase der Champions League. Der entscheidende Qualitätssprung gelang zwar mit dem Kauf von Ibrahimovic und Vieira, die Juventus nach seiner Verstrickung in den Calciopoli-Manipulationsskandal abgeben musste. Es ist jedoch Trainer Mancini zuzuschreiben, dass die Luxustruppe während der letzten Saison endlich zur Einheit wurde. Zuvor hatte Präsident Massimo Moratti seit 1995 weit mehr als eine Schiffsladung Zigaretten für den Erwerb lustloser Stars in den Wind geblasen, nur um sich den Traum einer neuen »großen Inter« zu verwirklichen.
Wolkenkratzer aus Treviglio
Leuchtturm der äußerst erfolgreichen historischen Inter-Mannschaft der 60er Jahre war der am 4. September 2006 im 65. Lebensjahr an Krebs verstorbene Giacinto Facchetti. Die Strahlkraft des fairen Sportlers und beispielhaften Menschen Facchetti zeigt der RAI-Film »Il Capitano« von Alberto D'Onofrio, der ein Jahr nach dem Tod des ehemaligen Rekordkapitäns von Inter und der Nationalmannschaft bei den Filmfestspielen von Venedig präsentiert wurde. Der Dokumentarstreifen lässt aus emotionalen Erinnerungen von Familienmitgliedern, Freunden, Weggefährten und prominenten Inter-Fans sowie historischen Aufnahmen ein berührendes Bild eines großen Familienmenschen und bescheiden gebliebenen Fußballstars entstehen, der geprägt war von Disziplin und Arbeitsethos der Nachkriegsgeneration.
Besonders gut vermittelt die Dokumentation einen Eindruck von der eleganten Spielweise eines für damalige Verhältnisse revolutionären Verteidigers - auch für Menschen, die nie ein Spiel des großen Blonden aus Treviglio mit dem Körper eines Leichtathleten gesehen haben. »Facchetti«, sagte Trainer Helenio Herrera 1961, »wird eine Säule meiner Inter sein.« Und so war es. Mit den Großmeistern des Catenaccio wurde er viermal italienischer Meister und gewann zweimal den Meistercup und den Weltpokal. Als »Cipeletti«, wie ihn Herrera nannte, nach dem italienischen Pokalsieg mit Inter 1978 abtrat, hatte er 476 Spiele für die Blau-Schwarzen in der Serie A bestritten und mit 75 Toren für Inter und das Nationalteam echte Stürmerqualitäten im nicht gerade offensiven italienischen System bewiesen. Damit war er der erste moderne Linksverteidiger schlechthin. Auch in Bezug auf Ernährung und Trainingsdisziplin führte Facchetti laut seinem Freund und Mannschaftskollegen Sandro Mazzola das Leben eines perfekten modernen Profisportlers.
Die Bedeutung des hünenhaften Verteidigers, die sich postum in der Umbenennung der italienischen Primavera- Jugendmeisterschaft in »Premio Giacinto Facchetti« und der Verleihung des FIFA-Presidential-Award ausdrückt, fand zur aktiven Zeit im Gewinn des bisher einzigen italienischen Europameistertitels 1968 und dem Vizeweltmeistertitel 1970 ihre Symbole. Er ist für Fabio Cannavaro immer noch »der Kapitän der Nationalmannschaft«, und das nicht nur, weil er für sie 70 Partien als Spielführer absolvierte, sondern weil er laut dem Journalisten Marco Civoli »Verantwortung übernahm und die Mannschaft schützte«. Nur ein einziges Mal wurde der überlegte Verteidiger ausgeschlossen - weil er dem Schiedsrichter applaudiert hatte.
Die Ikone als Präsident
Fast logischerweise widmete sich die lokal verwurzelte Inter-Ikone nach ihrer aktiven Zeit beinahe ausschließlich dem Mailänder Nobelklub, in dem er als Generaldirektor, Vizepräsident und zuletzt als Präsident über ein Vierteljahrhundert lang versuchte, seine Einstellung - »athletische und technische Eigenschaften reichen dir, um nach oben zu kommen, aber das, was dich gewinnen lässt, ist der Charakter« - den Spielern zu vermitteln. Fast schüchtern übte er sein Amt als stiller, aber strenger Hüter und als Vaterfigur aus.
Ob er als Präsident wirklich das ruhige Gewissen von Inter war, wird allerdings in Zweifel gezogen. Hauptsächlich Luciano Moggi und der rechtskräftig mit Berufsverbot belegte Schiedsrichter Massimo De Santis werfen ihm Verwicklung in Calciopoli und den sogenannten Telecom-Sismi-Skandal rund um illegale Telefonüberwachungen vor. Es handelt sich dabei sicher auch um Versuche der Hauptprotagonisten des Fußballskandals, »alle in die gleiche Suppe zu werfen«, wie sich Facchettis Sohn Gianfelice ausdrückt. Der Film »Il Capitano« aus dem Hause Inter ist jedoch abseits seiner privaten Ebene auch Teil der Marketingstrategie des Klubs, sich als einzigen der großen drei norditalienischen Vereine darzustellen, der nicht nur nicht an den kriminellen Machenschaften beteiligt war, sondern dem dadurch, wie Moratti zuletzt sagte, »mehr als nur ein Titel fehlt«.
Cipe und Calciopoli
Klar scheint laut Danilo Nuccini, einem von De Santis umworbenen Schiedsrichter, dass er seinen guten Bekannten Facchetti schon im Jahr 2002 konkret über die »Methode Moggi« der Kontrolle der italienischen Schiedsrichter informierte. Der damalige Inter-Vizepräsident forderte den Schiedsrichter danach laut La Repubblica auf, sich den Behörden anzuvertrauen, ging aber nicht selbst zur Polizei, sondern konsultierte seinen Freund Moratti. Dieser riet ihm, nicht auszusagen, um sein Ansehen nicht zu beschädigen, und sagt dazu im Film: »Zu entdecken, dass die Schiedsrichter korrupt waren, hat ihn völlig durcheinandergebracht und wirklich verletzt.« Über die weitere Vorgehensweise des Inter-Führungsduos gibt es bisher nur Mutmaßungen, die Gegenstand der Ermittlungen von Francesco Borrelli, dem Chefermittler des italienischen Fußballverbands, sind. Dennoch passen diese und andere Handlungen Facchettis, wie die zu seiner Zeit als Funktionär erfolgte Ausstellung eines falschen Reisepasses an Alvaro Recoba und die Überwachung von Christian Vieris Handy über den ehemaligen Telecom- Italia-Sicherheitschef Giuliano Tavaroli, nicht in die Propaganda vom Unschuldslamm.
Tavaroli steht im Zentrum der strafrechtlichen Verfolgungen im Telecom-Sismi-Skandal, eine direkte Verwicklung Facchettis in die Überwachung der Telefone von Moggi, De Santis und Co. konnte bisher aber nicht nachgewiesen werden. Ebenso wenig beweist ein den Medien zugespieltes Abhörprotokoll eines Gesprächs zwischen Facchetti und dem mittlerweile sportgerichtlich verurteilten Schiedsrichterkoordinator Pierluigi Pairetto zweifelsfrei, dass auf die Zuteilung der Referees zu Inters CL-Spielen Einfluss genommen wurde. Fest steht nur, dass Facchetti mit Pairetto telefonischen Kontakt pflegte.
»Il Cipes« früher Tod verhindert eine endgültige Aufklärung. Der Kapitän wurde bei seinem Begräbnis im September 2006 unter tosendem Applaus der Inter-Fans verabschiedet und verließ für immer das Feld. Er selbst wollte stets »ein bisschen weniger Fußballer und ein bisschen mehr Mensch sein«. Ob Inter mit ihrem Naheverhältnis zur Telecom Italia jene Integrität in Zukunft für sich beanspruchen kann, die Giacinto Facchetti symbolisiert, wird sich weisen. Legenden sind schon oft missbraucht worden.






erscheint am 12. Juli 2013.
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