Cup der Demonstrationen

cache/images/article_2125_brasil_140.jpg Brasilien hat sich beim Confederations Cup von seiner ereignisreichen Seite gezeigt - im Stadion und auf der Straße. Dass die Massenproteste zur WM 2014 wieder aufleben, ist wahrscheinlich. Denn sehr viele Brasilianer finden: Das System stinkt!
Martin Curi, Reinhard Krennhuber | 15.07.2013

Rio de Janeiro, 30. Juni 2013: Ein dramatischer Confederations Cup geht zu Ende. Mit zwei Machtdemonstrationen: Im ausverkauften Maracana-Stadion von Rio zerlegt die brasilianische Nationalmannschaft Welt- und Europameister Spanien mit 3:0 und zeigt, dass auch bei der Heim-WM 2014 mit ihr zu rechnen sein wird. Auf den Straßen vor dem 500 Millionen Euro teuren Fußballtempel sorgt derweil ein Heer von 11.300 Sicherheitskräften dafür, dass Demonstranten das groß inszenierte Finale nicht nachhaltig stören. Das Vorhaben gelingt. Dennoch blicken die brasilianischen Politiker der WM im kommenden Jahr mit ungleich mehr Ungewissheit entgegen als Teamchef Luiz Felipe Scolari. Die Massendemonstrationen der vergangenen Wochen - die größten in Brasilien seit 30 Jahren - haben sie hilflos und überfordert dastehen lassen.  

20 Cent und die Institution Null
»Es war eine beeindruckende Protestwelle«, sagt Simoni Guedes. Die Anthropologin der Universidade Federal Fluminense hat sich in den 1970er Jahren als erste brasilianische Sozialwissenschaftlerin mit Fußball beschäftigt. Dennoch sagt auch sie: »Wir sind alle sehr überrascht von dem, was passiert ist, und müssen es erst analysieren.« Einen Ansatz dazu hat Guedes bereits geschaffen, als sie den Begriff vom Fußball als Institution Null geprägt hat. »Gemeint ist damit eine zentrale Institution einer Gesellschaft, die zunächst neutral ist«, so die Sozialwissenschaftlerin zum ballesterer. »Fußball ist eine Tabula Rasa und kann die unterschiedlichsten Bedeutungen - sowohl gute, als auch schlechte - annehmen. Während des Confed-Cup ist er zu einem Vehikel geworden, um politische Forderungen zu transportieren.«


Ihren Anfang nehmen die Proteste rund eine Woche vor der Eröffnung - zunächst ohne Fußballbezug. In Sao Paulo, anders als bei der WM kein Schauplatz der Generalprobe, lassen Studenten die Preiserhöhung für Bustickets um 20 Centavos auf 3,20 Reais nicht auf sich sitzen und gehen auf die Straße. Die Polizei versucht, den friedlichen Protest gewaltsam niederzuschlagen, und verletzt dabei zahlreiche Demonstranten, einige Journalisten und ein paar Menschenrechte. Mit dem Effekt, dass die Proteste auf der zentralen Avenida Paulista von Tag zu Tag größer wurden. Neben dem frustrierenden Zustand des öffentlichen Verkehrs in der Elf-Millionen-Einwohner-Metropole ist mit dem Verhalten der Polizei ein weiter guter Grund dafür gegeben.  

Linke Chaoten, zornige Mittelschicht
Mit der Eröffnung des Confed-Cup erreichen die Proteste die Hauptstadt Brasilia. Bereits am Tag vor dem Spiel zwischen Brasilien und Japan lassen Mitglieder der »Bewegung Obdachloser Arbeiter« auf einer Zufahrtsstraße zum Mane-Garrincha-Stadion medienwirksam 200 Autoreifen in Flammen aufgehen, um gegen WM-bedingte Zwangsumsiedelungen tausender Familien zu protestieren. Zu Schaden kommt dabei nur das fragile Verkehrssystem der Stadt, das infolge des Polizei- und Feuerwehreinsatzes zusammenbricht. Beim Spiel am nächsten Tag demonstrieren einige hundert Menschen gegen die hohen Ausgaben rund um die WM. Als eine Gruppe versucht, ins Stadiongelände vorzudringen, greift die Polizei zum Tränengas. Unbeteiligte Zuschauer müssen sich ebenso wie die Demonstranten vor dem Gas und den wild durch die Menge reitenden Militärpolizisten in Sicherheit bringen.


Die Antwort folgt im Stadion. Das Publikum buht Staatspräsidentin Dilma Rousseff und FIFA-Boss Sepp Blatter gnadenlos aus, der Protest erreicht eine neue Dimension. Die Demonstranten auf der Straße konnten die Fernsehsender des Medienriesen O Globo noch als linke Chaoten abstempeln; bei den Fans der Nationalmannschaft, die zu weiten Teilen aus der Mittelschicht kommen, ist das nicht ohne Weiteres nicht möglich. Die Schmach für Dilma und Blatter wird einem Millionenpublikum per Liveübertragung ins Wohnzimmer geliefert und erhöht die Aufmerksamkeit für die Proteste. Blatter macht sich noch ein bisschen unbeliebter, als er den Brasilianern die Pfiffe als Respektlosigkeit auslegt.


In den folgenden Tagen spitzt sich die Lage zu. Rund um das erste Spiel in Rio zwischen Italien und Mexiko kommt es vor dem Maracana zu Straßenschlachten. Beim Match zwischen Nigeria und Tahiti in Belo Horizonte legen Studenten und Aktivisten der Gruppe »Passe Livre« (Freifahrt) mit Straßensperren den Busverkehr zum Stadion Mineirao lahm und verursachen dabei Staus in der Gesamtlänge von 115 Kilometern. Auch in Recife und Fortaleza werden Spiele der Gruppenphase zum Schauplatz von Demonstrationen, denen die Polizei mit den immer gleichen Mitteln entgegentritt: Schlagstöcke, Gummigeschosse, Tränengas.

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Referenzen:

Heft: 83
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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