Das Derby der weißen Stühle

Viel bleibt unklar nach dem Platzsturm und dem Spielabbruch im Istanbuler Derby zwischen Besiktas und Galatasaray. Sicher ist jedoch: Das Stadion ist zum Ort politischer Auseinandersetzungen und deren Deutungen geworden.
Nicole Selmer | 17.10.2013

Es sind die weißen Plastikstühle, die von den Bildern des Istanbuler Derbys zwischen Besiktas und Galatasaray am 22. September im Gedächtnis bleiben. Zunächst hatten sie auf der Laufbahn des Atatürk-Olympiastadions als Sitzgelegenheit für das Sicherheitspersonal gedient, später wurden sie von auf den Platz stürmenden Fans durch die Gegend geworfen. Beim Stand von 2:1 für die Gäste sah Galatasaray-Spieler Felipe Melo in der 92. Minute nach einem Foul Rot, auf dem Weg in die Kabine hob er demonstrativ sein Trikot in die Luft. Besiktas-Anhänger liefen von der Gegengerade auf den Platz, die Spieler in die Kabinen. Ordner und Polizei schwärmten aus, Bengalen wurden gezündet, es kam zu Prügeleien. Das Spiel wurde abgebrochen, Besiktas erwarten nun Geisterspiele und eine Geldstrafe. Schnell machten nach dem Spiel in Artikeln, Kommentaren und sozialen Medien verschiedene Deutungen die Runde: alles Hooligans; alles ein Coup von Premier Erdogans Partei AKP, um die regierungskritische Besiktas-Fangruppe "Carsi" zu diskreditieren; alles geplant, um Besiktas sportlich zu stürzen. In den Vor- und Nachgeschichten des Derbys werden die Verknüpfungen von Fußball und Politik sichtbar, die seit den Gezi-Protesten im Sommer komplexer und explosiver geworden sind.

Fußball nach Gezi
Besiktas war als Tabellenführer ins Derby gegangen - weit entfernt von seinem angestammten Viertel. Nach der vergangenen Saison wurde mit dem Abriss des Inönü-Stadions unweit des Zentrums der Protestbewegung begonnen. Seitdem trägt der Verein seine Heimspiele im größten Stadion des Landes, dem Atatürk-Olympiastadion außerhalb der Stadt, aus. Zum Spiel gegen Galatasaray kamen gezählte 76.127 Zuschauer, das ist Derbyrekord. Auswärtsfans waren nicht darunter, das wiederum ist seit zwei Jahren Derbysitte. Zu den Zuschauern gehörte auch Yagmur Nuhrat. Sie ist Besiktas-Fan, hat als Soziologin zum Thema Fairplay im türkischen Fußball geforscht und die Gezi-Proteste für den ballesterer analysiert. Die politischen Demonstrationen gegen die Regierung, bei denen "Carsi" eine führende Rolle spielte, sind nach Ligastart in den Stadien präsent. So auch beim Derby, wie Nuhrat sagt: "Vor dem Spiel haben Fans Sprüche aus der Protestbewegung skandiert, andere Fans haben dagegen gepfiffen. Um diese Sprüche zu übertönen, wurden auch ständig Werbebotschaften über die Stadionlautsprecher gespielt."


Politische Parolen im Stadion wurden mit Saisonbeginn vom türkischen Fußballverband verboten. Rufe wie "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand" ertönten dennoch, nicht nur in Istanbul. "Politische Parole, politische Parole" skandierten nach Berichten der deutschen taz etwa die Fans von Genclerbirligi in Ankara. Aber auch der Widerstand gegen den Widerstand ist präsent, nicht nur durch Stadionlautsprecher oder den übertragenden Sender LigTV, der Protestgesängen schon mal den Ton abgedreht hat. So auch beim Derby im Olympiastadion. "Es waren mehr als 75.000 Leute bei dem Spiel, da ist es ganz normal, dass auch viele Gegner der Protestbewegung darunter sind", sagt Nuhrat. "Die AKP bekommt bei den Wahlen rund 50 Prozent, es gibt also nicht nur Regierungsgegner."

Komplott von "1453 United"?
Eine weitere Reaktion auf die Politisierung des Fußballs im Zeichen der Gezi-Proteste sind offenbar die Neugründungen von Fanklubs unter dem Label "1453" - benannt nach dem Jahr der Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen und damit dem Ende des Oströmischen Reiches. Wie politisch konservativ oder eben auch dezidiert unpolitisch die "1453"-Gruppen sind, die es bei Besiktas, Fenerbahce, Caykur Rizespor und Kasimpasa gibt, ist schwer zu beurteilen. Nach dem Derby wurden Verbindungen zwischen Besiktas' "1453 Kartallari", den Adlern von 1453, und der Jugendorganisation der regierenden AKP publik gemacht, unter anderem in einem Blogbeitrag von Derya Lawrence. Der Journalist vermutet, dass der Platzsturm von den "1453"-Fans ausgegangen sei und dass daher "die AKP an dem Versuch beteiligt war, einen Keil in die Besiktas-Fans zu treiben". Diese These hat sich in den Tagen nach dem Spiel ebenso wenig erhärten lassen wie Schuldzuweisungen an "Carsi" oder die umgekehrte Unterstellung, "Carsi" hätte diskreditiert werden sollen. Die Gruppe allerdings sei im Oberrang des Stadions platziert gewesen und scheide daher ziemlich sicher als treibende Kraft hinter dem Platzsturm aus, sagt Nuhrat, die vor zu einfachen Erklärungen warnt. Der Platzsturm sei von unterschiedlichen Gesängen begleitet worden. "Es hat Gezi-Parolen gegeben, aber es ist auch kurz ,Gott ist groß' gerufen worden", sagt sie. "Das ist ein Indiz dafür, dass ,Carsi' nicht am Platzsturm beteiligt war, weil das ein religiöser Slogan der politischen Rechten ist. Das heißt aber nicht, dass die Platzstürmer unbedingt AKP-Anhänger waren. Der Spruch ist in den Stadien weitaus verbreiteter, als man denken würde."


Dass die Ereignisse beim Derby sehr schnell aus dem Fußballkontext in einen politischen übertragen wurden, zeigt, dass die Grenzen zwischen beiden Bereichen verwischt sind. Das Stadion ist zum Raum politischer Proteste und Gegenproteste geworden, den weder die Regierung noch die verschiedenen Fangruppen kontrollieren können. Von wem der Platzsturm tatsächlich ausging, bleibt derzeit ebenso unklar wie die Frage, ob es sich tatsächlich um ein geplantes Vorgehen handelte. "Ich glaube, dass verschiedene Faktoren zusammengekommen sind: die Niederlage von Besiktas, der Hass auf Galatasaray, der Ärger über den Schiedsrichter und die Gezi-Proteste", sagt Soziologin Nuhrat. "Der Platzsturm war sicher ein außergewöhnliches Ereignis, aber bei der aktuellen Verbindung zwischen Fußball und Politik ist außergewöhnlich ja schon fast normal."

Referenzen:

Heft: 86
Thema: Istanbul
ballesterer # 121

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