Das Ende des Waffenstillstands

cache/images/article_2270_img_0177_140.jpg Nach einem Angriff von Neonazis lag der Ultra Showan Shattak aus Malmö eine Woche lang im Koma. Fangruppen in ganz Europa zeigten sich solidarisch, in Schweden demonstrierten Tausende gegen die steigende rechte Gewalt.
Nicole Selmer | 10.04.2014

"Die Malmö-FF-Familie vereint gegen Nazis", verkündet ein blau-weißes Spruchband im Heimsektor, als der südschwedische Verein Mitte März im Cup den Stockholmer Zweitligisten Hammarby empfängt. Am Oberrang hängt zudem eine große Fahne mit dem Gesicht eines jungen Mannes: Malmö-Ultra Showan Shattak, der eine Woche zuvor durch Neonazis schwer verletzt wurde. Der Vorfall hat in Schweden eine Debatte über rechte Gewalt ausgelöst und die Proteste dagegen auf die Straße und in die Stadien getragen.

Internationale Solidarität
Der grobe Ablauf der Ereignisse am 8. März stellt sich heute so dar: Showan Shattak befindet sich mit einer kleinen Gruppe nach der abendlichen Demo zum Frauentag auf dem Weg zu einem Fest. Sie treffen auf sechs Männer, vier davon gehören der neonazistischen Svenskarnas Parti an. Die Gruppe ist mit Messern bewaffnet. Bei dem Zusammenstoß werden vier Demonstranten - zwei Frauen und zwei Männer - verletzt, Showan Shattak so schwer, dass er eine Woche lang im Koma liegt. Rund 20 weitere Demoteilnehmer hören Hilferufe, kommen dazu und vertreiben die Angreifer.


Bereits am nächsten Tag finden spontane Demonstrationen statt, die "Ultras Malmö" malen für ihr Gruppenmitglied ein Wandbild mit dem Spruch "Kämpa Showan" - "Kämpfen, Showan". Der Slogan wird schnell von Fanszenen im In- und Ausland aufgegriffen. "Es ist unglaublich: Nicht einmal einen Tag später ist ein ,Kämpa Showan'-Banner bei Hertha Berlin im Block gehangen", sagt Karl Lunden. Der Fan des Göteborger Klubs Örgryte IS engagiert sich gemeinsam mit Shattak in der schwedischen Faninitiative gegen Homophobie. Die "Fotbollssupportrar mot homofobi" sind seit Herbst 2013 aktiv, sie bieten bei Fangruppen und Vereinen Vorträge an. Die Resonanz auf die Kampagne sei sehr positiv gewesen, sagt Lunden. Aber nicht ausschließlich.


Die Svenskarnas Parti berichtete im November über das Engagement von Shattak auf ihrer Website: "Bekannter Linksextremist steht hinter Homokampagne der Malmö-Fans." Ein Zeichen dafür, dass es sich am 8. März um einen gezielten und politisch motivierten Angriff handelte. Davon gingen auch die "Ultras Malmö" in ihrer ersten Stellungnahme aus. Die großen schwedischen Medien berichteten in den Tagen nach dem Vorfall zunächst jedoch eine andere Version: Es sei in Malmö zu einer Auseinandersetzung zwischen extremistischen Gruppen gekommen. Die Grundlage für diese Darstellung lieferte die Polizei in ihrer ersten Pressekonferenz, in späteren Verlautbarungen hieß es, man habe noch keinen genauen Überblick über die Ereignisse. Die Boulevardzeitung Expressen hingegen schrieb sogar, der "Messerstreit" sei von den Linksextremisten begonnen worden, die Neonazis mit Flaschenwürfen gejagt hätten.

Verharmlosung rechter Gewalt
"Das Bild, das wir bei Gesprächen mit Augenzeugen gewonnen haben, unterscheidet sich sehr stark von dieser Version", sagt Mathias Wag vom Netzwerk Researchgruppen. Der Zusammenschluss von Journalisten und Aktivisten hat bereits in der Vergangenheit zum schwedischen Rechtsradikalismus geforscht und publiziert. Researchgruppen hat die Ereignisse von Malmö rekonstruiert, die Erkenntnisse wurden zunächst via Twitter verbreitet und fanden dann auch Eingang in die schwedischen Medien. "Die Polizei ist erst gekommen, als die Angreifer gerade vertrieben wurden", sagt Wag. "Daher ist sie in ihrer ersten Version von einer Schlägerei ausgegangen." Zeugen hätten einen der Täter, der vermutlich für die Messerstiche gegen Shattak verantwortlich ist, vor Ort identifiziert, er sei von der Polizei jedoch nicht festgehalten worden. Der Betreffende ist kein Unbekannter: Andreas C. ist seit vielen Jahren in der schwedischen Neonaziszene aktiv und war wenige Tage zuvor noch in der Ukraine, um dort die politischen Gesinnungsgenossen der Swoboda-Partei zu unterstützen. Jetzt wird nach ihm wegen Mordversuchs gefahndet.


Am Wochenende nach dem Angriff kam es in Malmö zu einer der größten Demonstrationen in der Geschichte der Stadt. 10.000 Menschen gingen auf die Straße, um gegen Rechtsextremismus zu protestieren. "Ein Grund für die heftigen Reaktionen war die Medienberichterstattung samt der Verharmlosung der rechten Gewalt", sagt Mathias Wag. Bereits im Dezember 2013 war eine friedliche Kundgebung gegen Rassismus im Stockholmer Stadtteil Kärrtorp von Neonazis angegriffen worden, in den ersten Stunden nach dem Vorfall berichtete das schwedische Fernsehen hier ebenfalls von einem Zusammenstoß extremistischer Gruppen.

Neue Allianzen
Eine Ausblendung politischer Konflikte und die Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus hat auch im Fußball Tradition. Karl Lunden sagt: "In der schwedischen Fanszene herrscht seit den 1990er Jahren eine Art Waffenstillstand zwischen links- und rechtsextrem. Im Prinzip bedeutet das: Man steht nebeneinander auf der Tribüne und blendet politische Überzeugungen aus. Was zählt, ist nur die Farbe deines Vereins." Die vereinsübergreifenden Reaktionen von schwedischen Fangruppen der vergangenen Wochen deuten auf einen Sinneswandel hin. "Es ist aber viel zu früh, um zu sagen, ob das Bestand haben wird", sagt Lunden.


Showan Shattaks Zugehörigkeit zur Fußballszene hat die Fans mobilisiert. Nicht nur seine Ultragruppe meldete sich mit einem klaren Statement zu Wort, auch in anderen Stadien tauchten Spruchbänder gegen Nazis und Fahnen mit dem Schriftzug der Faninitiative gegen Homophobie auf. Bemerkenswert ist, dass zumindest für den Moment auch neue Allianzen geknüpft worden sind: Auf der großen Demonstration in Malmö, ebenso wie bei den Solidaritätsbekundungen im Internet, standen feministische und linke Organisationen, Ultragruppen und Fußballfunktionäre nebeneinander. "Das ist über-raschend, Insbesondere weil der Mordversuch an Showan ja nicht im Anschluss an ein Fußballspiel, sondern nach einer feministischen Demonstration geschehen ist", sagt Karl Lunden. "Ich hätte mit einer Sympathiewelle linker Gruppen gerechnet, aber nicht mit dieser breiten Resonanz."

Die Marke Malmö
Schwerer als die Fans tun sich die Vereine mit der Politik. So hatte der Klub Malmö FF das Anti-Nazi-Spruchband der Ultras zum Cupspiel zunächst untersagt - man wolle keine Politik im Stadion. Erst nach massiven Protesten der Fans lenkte der Vorstand ein. "Es ist schwierig, wenn ein Fußballverein plötzlich zum Spielball der Politik wird", sagte Malmö-Geschäftsführer Hakan Jeppsson in einem Zeitungsinterview. "Solche Fragen können wir nicht über Nacht klären. Aber ich, der Vorstand und Malmö FF sind nicht die Bösen. Wir sind es nicht, die Menschen mit Messern angreifen und auf der Straße demonstrieren." Karl Lunden ist über die zögerliche Reaktion verwundert. "Ich verstehe das nicht, zumal mehrere Vereinsangehörige bei den Demonstrationen dabei waren und die Mannschaft sogar ein Foto vor dem ,Kämpa Showan'-Wandbild der Ultras gemacht hat", sagt er. Die Malmöer Ultras selbst finden in einem Statement auf ihrer Website deutliche Worte für das Verhalten der Vereinsführung: "Das ist rückgratloses Scheißgerede, um die ,Marke' Malmö FF zu retten."

 

Foto: Jonas Füllner

Referenzen:

Heft: 91
Rubrik: Fansektor
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