»Das Leben ist wie eine Rose«

cache/images/article_1718_dsc02088_140.jpg Kaum ein Tormann legte seine Position so offensiv und verspielt an wie Rene Higuita. Heute tritt Kolumbiens Ex-Teamtormann ruhiger auf, er möchte mit der konservativen Partei in die Lokalpolitik. In einer Wahlkampfpause sprach er mit dem ballesterer über seinen Einfluss auf das FIFA-Regelwerk und den Guardiola Kolumbiens.
Robert Florencio | 13.10.2011
Im kolumbianischen Rio Negro ist Wahlkampf. Zur Unterstützung der Kandidaten für die Kommunalwahlen ist Prominenz aus der Provinzhauptstadt Medellin in das Dorf angereist. In einer Scheune warten schon die mit Plakaten ausgerüsteten Parteigänger der konservativen Partei. Als der Kandidat für den Gouverneursposten, Alvaro Vasquez, das Mikrofon in die Hand nimmt, lobt er Rene Higuita. Dieser habe alleine durch seine Präsenz die Zustimmung für seine Partei in den letzten Wochen beträchtlich erhöhen können. Der Geschmeichelte sitzt auf der Rednertribüne im hintersten Eck und schaut der Veranstaltung bedächtig zu. Immer wieder prasseln Fotowünsche auf den ehemaligen Tormann ein, seine Popularität scheint ungebrochen.


ballesterer: Wie sind Sie in die Politik ­gekommen?
RENE HIGUITA: In meinem Heimatort Guarne (ein Dorf außerhalb von Medellin, Anm.) laufen viele Dinge in der Kommunalpolitik nicht richtig. Anfang dieses Jahres habe ich mich dazu entschlossen, bei der Bürgermeisterwahl anzutreten. Doch die Politik ist ein schwieriges Feld, daher wollte zuerst Erfahrungen sammeln. Dank der Unterstützung der Senatorin Liliana Rendon bin ich auf dem richtigen Weg, um in vier Jahren für das Bürgermeisteramt kandidieren zu können.

Im Wahlkampf ziehen Sie auch durch arme Stadtviertel, die jenen ähneln, in denen Sie Ihre Karriere begonnen haben.
Die meisten Sportler in Kolumbien kommen aus den armen Einkommensschichten. Für uns war es ein harter Kampf, eine Profikarriere zu beginnen. Das hat schon beim Kauf einer Fahrkarte für den Bus zum Training begonnen. Damals hat es auch noch keine Kunstrasenplätze gegeben, auf denen man bei schlechtem Wetter trainieren kann. Von Bibliotheken zur Fortbildung, wie sie heute auch in den benachteiligten Vierteln dieser Stadt stehen, konnte nicht die Rede sein. Für die jüngeren Generationen hat sich schon einiges verbessert. Aber auch für sie gilt einer meiner Lieblingssprüche: Das Leben ist wie eine Rose. Sehr schön, aber mit zahlreichen Dornen gespickt. Wir müssen diese Rose regelmäßig gießen, damit sie nicht verblüht.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was bleibt?
Am nachhaltigsten ist sicher die Rückpassregel, die wegen meiner Spielweise bei der WM 1990 eingeführt wurde: also dass der Tormann den Rückpass nur mehr mit dem Fuß oder dem Kopf spielen darf. Weitere Höhepunkte sind der Eintrag in die Statistik als weltweit drittbester Torschütze unter den Tormännern mit 44 Treffern und natürlich der »Skorpion«, der mich 1995 bei einem Freundschaftsspiel in England berühmt gemacht hat und als eine der spektakulärsten Abwehraktionen aller Zeiten gilt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den »Skorpion« auszuprobieren?
Ich habe das schon fünf Jahre vorher gemacht, als ich einen Werbespot für einen Softdrinkhersteller gedreht habe. In einer Filmszene hat mich ein Bub mit einem Fallrückzieher überrascht und ich sollte einen ebenso spektakulären Abwehrreflex zeigen. Da habe ich den »Skorpion« erfunden. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich ihn in meiner Karriere gemacht habe. Ein paar Mal ist er auch misslungen. Bei dem Spiel in England habe ich gedacht, dass schon auf Abseits entschieden worden sei. Ich wollte das Kunststück ohne Risiko zeigen.
Ein hohes Risiko sind Sie auch im WM-Achtelfinale 1990 gegen Kamerun eingegangen, als Sie bei einem Dribbling am Mittelkreis den Ball an Roger Milla verloren und ein billiges Tor kassiert haben. Daraufhin wurden Sie für das Ausscheiden verantwortlich gemacht und haben sogar Morddrohungen erhalten.
Was soll ich dazu noch sagen? Der Fußball lebt auch von Irrtümern. Ich habe einen Fehler gemacht, vielleicht bin ich zu übermütig in diesen Spielzug hineingegangen. Was aber viele vergessen: Wir waren schon 0:1 hinten. Die Leute, die mir die Schuld am Ausscheiden geben, machen es sich definitiv zu einfach.

Warum sind Sie nicht mehr im Fußballgeschäft aktiv?
Die Führungsebene des kolumbianischen Fußballverbandes war bis dato der Meinung, auf meine Dienste verzichten zu können. Dasselbe gilt für den Vereinsfußball. Auch hier hat mich mein Stammverein Atletico Nacional Medellin nur fallweise für das Training engagiert. Für längerfristige Verträge hat es angeblich immer am Geld gemangelt. Und das beim reichsten Verein des Landes, dessen Präsident den Getränkekonzern Postobon, den Hauptsponsor der Liga, besitzt.
Kolumbien hat mit Leonel Alvarez einen neuen Teamchef. Was trauen Sie ihm zu?
Leonel ist mein Freund und war mein Teamkollege in der fantastischen Atletico-Nacional-Mannschaft Ende der 1980er Jahre, die die Copa Libertadores gewonnen hat. Der Verband hat nach vielen Jahren endlich einmal eine richtige Entscheidung getroffen und den Guardiola Kolumbiens geholt. Bis dahin hatte es den Anschein, dass die maßgeblichen Funktionäre nichts vom Profisport verstehen. Mit Leonel werden wir uns sicher für die WM in Brasilien qualifizieren.

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