Das Match um Mitbestimmung

In Innsbruck steht nicht nur die sportliche Zukunft des Vereins auf dem Spiel. Nach der kurzfristigen Absage der Generalversammlung sehen die Wacker-Fans das Wesen des Mitgliedervereins infrage gestellt.

Benjamin Schacherl | 10.12.2014

Geleitet von dem Willen der Mitglieder, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten", heißt es in der ersten Zeile der Präambel der Vereinsstatuten des FC Wacker Innsbruck, der auf den folgenden Seiten als demokratischer Mitgliederverein bezeichnet wird. Die dort so stark hervorgekehrte Mitgliederverbundenheit können große Teile der Innsbrucker Fanszene derzeit nicht erkennen. "Viele Anhänger fühlen sich ziemlich verarscht", sagt Michael Gruber, Vertreter der "Faninitiative Innsbruck".

Demokratiepolitischer Bankrott?
Die Wogen gehen in Innsbruck seit Anfang November hoch. Nach der 1:4-Niederlage beim LASK sagte der Klubvorstand die wenige Tage später geplante Generalversammlung des Vereins ab. Man müsse Vereinsverantwortliche vor den Fans schützen. Laut Präsident Josef Gunsch seien einige Wacker-Spieler nach dem Match abgepasst und bedroht worden. Auch der Vorstand sah sich eigenen Aussagen zufolge Beleidigungen und Gewaltandrohungen ausgesetzt. Diese Argumentation hält Gruber für einen Vorwand. "Der Vorstand wollte sich nach der Niederlage nicht der negativen Stimmung stellen", sagt er. "Im Gegenzug kommt es zu einer pauschalen Verurteilung der Fanszene." Von der aktiven Szene seien keine der genannten Aktionen gesetzt worden. Die "Faninitiative Innsbruck" bezeichnete die Absage der Generalversammlung in einer Aussendung als demokratiepolitischen Bankrott.

"Aus unserer Sicht hätte zu diesem Zeitpunkt eine Diskussion nicht mit rational geführten Argumenten vonstattengehen können", schreibt Präsident Gunsch, der für ein Telefongespräch nicht zur Verfügung stand, via E-Mail. Man habe für Kritik an den Spielern und der sportlichen Führung Verständnis, allerdings seien Grenzen überschritten worden. "Natürlich wollen wir in diesem Zusammenhang nicht alle Fans in einen Topf werden", schreibt Gunsch. Täglich würden zahlreiche E-Mails in der Geschäftsstelle eingehen, in denen die Fans ihren Unmut zum Ausdruck bringen. "Manchmal recht konstruktiv, allerdings auch oftmals unter der Gürtellinie."

Pragmatischer Vorwand
Gerhard Stocker, von 2002 bis 2008 Wacker-Präsident, versucht derzeit, die aufgeheizten Gemüter zu beruhigen. Er ist für die Betreuung der Mitglieder verantwortlich und hat einen guten Draht zur Fanszene. Die Absage der Generalversammlung sei aus pragmatischen Gründen erfolgt, wie er dem ballesterer erklärt: "Man hat sich gefragt, was man den Mitgliedern außer dem positiven wirtschaftlichen Ergebnis präsentieren soll. Es sind ja noch so viele Baustellen offen." In der Kommunikation seien aber Fehler gemacht worden. "Es hat viel zu lange gedauert, um klarzumachen, dass man nicht vor der Kritik der Fans wegläuft", sagt Stocker.

Das Verhältnis zwischen Vorstand und Fans bleibt angespannt. Beim 2:0-Heimsieg gegen den SV Horn am 7. November präsentierte die Ultragruppe "Verrückte Köpfe" ein an den Vorstand adressiertes Spruchband: "Das Bedrohungsszenario isch nur a Gschicht, in schwierigen Zeiten stellt ihr euch nicht!" Auch Michael Gruber verweist auf die enttäuschenden sportlichen Ergebnisse der letzten Jahre: "Die Fans haben den Abstieg hingenommen, weil sie gewusst haben, dass es nicht gut um den Verein steht." Mehrmals hatte Wacker die Lizenz lediglich mit Auflagen und in zweiter Instanz erhalten. "Der jahrelange Misserfolg ist frustrierend, es fehlt die Perspektive", sagt der Wacker-Fan. Am Ende der Herbstsaison liegen die Innsbrucker mit elf Niederlagen aus 20 Spielen auf einem Abstiegsplatz.

Selbstzerfleischung statt Zusammenhalt
"Es wird ein gerechtfertigter Protest angeprangert, statt die Fans zu informieren", sagt Gruber. Daher komme es jetzt zur Selbstzerfleischung zwischen Fans und Funktionären. Präsident Gunsch hält er zugute, dass er bereit sei, Hilfe von Stocker anzunehmen, der aktuell die Vereinsabende mit den Mitgliedern moderiert. Die von den Fans gewünschte Rückkehr in das tägliche Geschäft kann sich der Ex-Präsident jedoch nur unter bestimmten Bedingungen vorstellen: "Es hat damals klare Strömungen gegeben, die meinen Rücktritt gefordert haben. Man müsste überprüfen, ob es eine breite Unterstützung gibt."

Im aktuellen Konflikt müsse man die Mitglieder wieder dafür gewinnen, mit dem Verein zusammenzuarbeiten. "Die Proteste sind ja verständlich. Aber wenn die Mitglieder nur auf dem eigenen Verein herumhacken, ist das genauso schädigend wie manche Aktionen vom Verein", sagt Stocker. Präsident Gunsch verspricht unterdessen ein rasches Nachholen der Generalversammlung, die nun für Jänner geplant ist. Spätestens dann wird sich zeigen, ob der Verein das hält, was er in seiner Außendarstellung verspricht. "Eine Mitgliedschaft beim Wacker bietet die einzigartige Möglichkeit das Vereinsleben aktiv mitzugestalten", heißt es in der Bewerbung der Vereinsmitgliedschaft. "Der FC Wacker Innsbruck als deklarierter Mitgliederverein steht und fällt mit seinen Mitgliedern."   

Referenzen:

Heft: 98
ballesterer # 120

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