Das Rückgrat vom Bosporus

cache/images/article_1575_58fans_mar_140.jpg Alen Markaryan ist der bekannteste »Amigo« von Besiktas Istanbul. Der Armenier prägt das Auftreten der Fangruppe »Carsi« diesseits und jenseits des Stadions seit fast drei Jahrzehnten. Kurz vor Ablauf seines Stadionverbots sprach er mit dem ballesterer über falsche Welten, Präsidenten und Planeten.
Erhan Altan, Helmut Neundlinger | 30.11.2010
Wenn Rapid am 15. Dezember im Istanbuler Inönü-Stadion für das Rückspiel in der Europa-League zu Gast ist, darf auch Alen Markaryan wieder die Tribüne betreten. Mit Anfang Dezember endet sein sechsmonatiges Besuchsverbot im Stadion von Besiktas. Und die Zeit ist mehr als reif für ein lautstarkes Comeback. »Der Tribüne fehlt derzeit das Rückgrat«, sagt der 44-Jährige, der die Spiele in letzter Zeit via TV in seinem Kebap-Restaurant Aleni Kebap Salonu am Rand des Stadtteils Besiktas verfolgen musste. »Die Stimmung wirkt kraftlos.« Kein Wunder, denn laut Markaryan wurden im vergangenen über 300 Stadionverbote vor allem gegen Vertreter des harten Kerns der »Carsi« verhängt eine empfindliche Schwächung für eine der lautstärksten Fangruppen der Welt.

Eier für den Präsidenten
Markaryans Körpersprache verrät dennoch keine Spur von Unruhe oder Frustration über den zeitweiligen Ausschluss. Einzig sein muskulöser Oberkörper und eine markante Doppelnarbe über dem rechten Auge lassen erahnen, dass er in zugespitzten Situationen wohl kaum dem Kind-von-Traurigkeit-Syndrom anheimfallen würde. Markaryan erzählt die Geschichte seiner Leidenschaft mit der Gelassenheit eines Mannes, der in seiner mehr als 30-jährigen Fankarriere jede nur erdenkliche Verrücktheit erlebt hat: Konfrontationen mit dem Militär während der Diktatur, tätliche Kämpfe um die Vorherrschaft auf der Tribüne, unvergessliche Schelmenstreiche auf Kosten der verhassten Fenerbahce-Anhänger, aber auch kollektive Blut- und Geldspendenaktionen zugunsten Bedürftiger.

 

Gemessen an Markaryans Biografie nimmt sich die Willkür des derzeitigen Besiktas-Präsidenten Yildirim Demirören als Posse mit Ablaufdatum aus. Vor dem Klubkongress zur Wiederwahl des Präsidenten im Februar hatte sich die Atmosphäre zwischen Demirören und den verschiedenen Fangruppen dramatisch zugespitzt. Nach dem Gewinn der Meisterschaft 2009, der 14. in der 107-jährigen Klubgeschichte, hatten die Anhänger den durchwachsenen Verlauf der folgenden Saison mit zunehmender Unruhe verfolgt. »Ich habe noch versucht, die Energien in einer Abstimmung zu bündeln«, sagt Markaryan, der in der Folge jedoch die Kontrolle über die Ereignisse verliert. Beim Champions-League-Spiel gegen Wolfsburg hagelt es zusätzlich zu den Schmähgesängen gegen Demirören, dessen Gattin und dessen Mutter auch Eier in Richtung Präsidentenloge. Zudem eskaliert wenig später die Lage auf der Tribüne: »Als ein Junge eine Fackel abgebrannt hat, wollte ich intervenieren und sie löschen. Aber von den herbeieilenden Polizisten wurde ich sofort als Aggressor abgestempelt.«

Quaresma in der falschen Welt
Ein Grund mehr für die Klubführung, die aufmüpfigsten »Carsi« zu disziplinieren. Und um die breite Masse ruhigzustellen, griff der Präsident tief in die Tasche: Neben dem deutschen Ex-Real-Madrid-Trainer Bernd Schuster verpflichtete er den Portugiesen Ricardo Quaresma und den Madrilenen Gutierrez Hernandez, genannt Guti zwei exzentrische Edeltechniker, deren spontane Genialität gerade bei den anarchistisch gestimmten Besiktas-Fans auf fruchtbaren weltanschaulichen Boden zu fallen scheint. Vor allem Quaresma spielte sich innerhalb weniger Partien in die Herzen des Publikums und wird seither nicht müde, diese uneingeschränkte Liebe verbal zu erwidern. »Bisher habe ich immer nur für mich gespielt«, sagte er unlängst. »Seit ich hier bin, spiele ich für die Fans.«

 

In Quaresmas eigensinnig-romantischer Spielweise findet sich auch Alen Markaryan wieder. Er hat die Zeit draußen vor der Tür genützt, um ein Buch über den Stürmer zu schreiben, das Ende Oktober erschienen ist. »Als ein Verlag bei mir angefragt hat, ob ich das machen will, habe ich mir mir zuerst nur gedacht: Was gibt es über einen erst 27-Jährigen groß zu erzählen?«, sagt Markaryan, der vier Jahre lang als Kolumnist für die in einer Auflage von 300.000 Stück erscheinende Sportzeitung Fotomac tätig war. Ausgehend von einem längeren Gespräch mit Quaresma hat Markaryan ein 70-seitiges Manuskript geschrieben, das laut eigenen Angaben einen augenzwinkernden Schlagabtausch zwischen Realität und Fiktion vollführt. »Im Interview mit Quaresma habe ich bemerkt, dass wir aus ähnlichen Verhältnissen stammen. Auf meine Frage nach seiner Weltanschauung hat er geantwortet: Was soll ich von einer Welt halten, in der alle immer falscher werden?«

Schreien gegen die Diktatur
Für Markaryan hat sich die Frage nach dem richtigen Leben im falschen schon früh auf die unmittelbare Umgebung des grünen Rasens verlagert. Ursprünglich aufgewachsen im Istanbuler Stadtteil Besiktas, nimmt ihn sein Vater mit fünf Jahren zum ersten Mal ins Stadion mit. Als die Familie in den asiatischen Teil der Stadt übersiedelt, wird der Stadionbesuch für den nunmehr jugendlichen Alen zur regelmäßigen Flucht vor wachsenden sozialen Spannungen. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spitzen sich die Konflikte zwischen linken und rechten politischen Gruppen immer mehr zu und sind auch für die jugendlichen Fans mit Händen zu greifen. Als am 12. September 1980 das türkische Militär einen Putsch durchführt und eine Diktatur errichtet, fällt das Land für die nächsten Jahre in eine dauerhaft gespannte Agonie. »Die Gefühle, die sich anderswo nicht ausdrücken konnten, haben sich auf dem Fußballplatz entladen«, sagt Markaryan   so etwa 1982, als Besiktas das erste Mal nach 15 Jahren wieder vor dem Titelgewinn steht. »Eigentlich hat es ein nächtliches Ausgehverbot gegeben, aber die Fans haben sich am Abend vor dem letzten Spiel in Besiktas versammelt und sind geblieben. Als das Militär aufmarschiert ist, um die Ansammlung aufzulösen, ist es zu Schreiduellen wie im Stadion gekommen.« Die Fans harrten die Nacht über aus und kauften am nächsten Morgen die Kartenkassen leer. Nach dem Meisterschaftstriumph wurden im ganzen Land Besiktas-Fahnen gehisst zum ersten Mal überhaupt in der Türkei und durchaus als verstecktes politisches Zeichen.

Anarchisten des Marktes
Auch auf der Tribüne kam es in den frühen 1980er Jahren oftmals zu Auseinandersetzungen, da damals noch alle drei Istanbuler Großklubs Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce im Inönü-Stadion spielten. Markaryan verzichtet im Gespräch auf eindringliche Schlachtbeschreibungen und belässt es bei dem Hinweis, dass dies »bis auf wenige Momente eine sehr schöne Zeit« gewesen sei. Dem Armenier scheint der in Ultra-Kreisen verbreitete Hang zur Selbststilisierung weitgehend zu fehlen: Seine Berichte formuliert er meist unter dem kollektiven »Wir«, das aus den seinerzeitigen Kämpfen hervorgegangen ist und allmählich unter dem Etikett »Carsi« bekannt wurde was auf Türkisch Markt bedeutet. »Wir kamen aus allen Teilen der Stadt und haben den Markt von Besiktas in der Nähe des Stadions nur aus pragmatischen Gründen als Treffpunkt gewählt.«


Anfang der 1990er Jahre stieg Markaryan schließlich zum »Amigo« auf. »Ich habe da nie besondere Ambitionen gehabt, in der Gruppe hat es einfach verschiedene Funktionen gegeben: Einer hat Klarinette gespielt, ein anderer getrommelt und so weiter. Ich bin mit einigen anderen auf dem Mauervorsprung zum Spielfeld hin gestanden und war für die Kommunikation mit anderen Fangruppen zuständig. Als man nach einem tödlichen Mauersturz eines Fans nur noch einen Einpeitscher zuließ, hat sich die Gruppe auf mich geeinigt.«

Freunde von Pluto
Auch wenn Markaryan betont, dass die »Carsi« keine politische Gruppe im engen Sinn seien, reichen ihre Aktionen oft weit über die engen Grenzen reinen Fantums hinaus. In den vom neoliberalen Globalisierungswahn gebeutelten 1990er Jahren entwickelt die Gruppe den Slogan »Carsi kendine de karsi« (»Carsi« auch gegen sich selbst). Die darin ausgedrückte Fundamentalopposition wendet sich in guter anarchistischer Manier gegen jede Institutionalisierung, also konsequenterweise auch gegen die eigene. »Wir sind gegen die Mächtigen, aber für jene, denen ihr Recht vorenthalten wird«, formuliert Markaryan den ernsthaften Kern des »Carsi«-Grundsatzes. Konkret manifestiert sich dieser in Blutspendeaktionen und Geldsammlungen für Schulen, aber auch in politischen Solidaritätserklärungen etwa für den im Jänner 2007 ermordeten armenischen Schriftsteller und Publizisten Hrant Dink. »Wenn wir im Stadion ein Transparent entrollen, redet am nächsten Tag die ganze Türkei darüber«, sagt Markaryan. Engagiert haben sich die Ultras auf diesem Weg unter anderem gegen Kernkraftwerke und ungewöhnlich für Fußballfans den Abriss eines berühmten Istanbuler Theaterhauses. »Und als die NASA Pluto den Status als Planet aberkannte, protestierten wir dagegen mit dem Transparent: Wir alle sind Pluto.«

 

Die konstanteste Zielscheibe des subversiven »Carsi«-Humors ist und bleibt jedoch die unmittelbare Konkurrenz: Kurz nach der Verpflichtung des argentinischen Kickers Ariel Ortega durch Fenerbahce bemalte eine Gruppe von »Carsi« ein Transparent mit der Aufschrift »Ortega Löwenherz« auf Türkisch samt einem kleineren Schriftzug mit der vermeintlichen Übersetzung des Spruchs ins Spanische. Vor dem Fenerbahce-Stadion gaben sie sich als »Fener«-Fans aus, die leider keine Karten mehr erhalten hatten, und konnten eine Gruppe von echten Fenerbahce-Anhängern dazu überreden, das Transparent mitzunehmen und im Stadion zu entrollen. Dumm nur, dass diese Fans nicht Spanisch konnten, sonst wäre ihnen nämlich aufgefallen, dass die spanische Übersetzung »Ortega, du feiges Huhn« lautete.

 

Die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs und die damit einhergehende Beschränkung und Zähmung der Fankultur nimmt Markaryan mit wachsender Sorge wahr: »Einmal war ich im Nou-Camp-Stadion bei einem Spiel von Barcelona. Dort singt kein Mensch, es gibt überhaupt keine Stimmung.« Unvorstellbar für einen, dessen Tribüne schon mal auf Flughafenniveau lärmen kann und mit amtlich beeideten 132 Dezibel in einem Spiel gegen den Liverpool FC den Lautstärkenweltrekord für sich verbuchen konnte. Um die Wirkung dieses Furors noch zu verstärken, führte Markaryan vor einigen Jahren mit einem »Pscht« das Ritual der kurzzeitigen völligen Stille vor Matchbeginn ein. Auf »Eins, zwei, drei« donnert das Getöse anschließend umso eindrucksvoller durch das Inönü-Stadion, dessen Modernisierungsrenitenz einen perfekten Rahmen für die lebendige Widerständigkeit der »Carsi« abgibt. Gegen Ende des Spiels singen sie: »I love you, Alen« und »Alen zurück aufs Feld«. Die kritische Masse fordert ihr Rückgrat zurück, das ihr langfristig wohl mehr Halt geben wird als noch so spendable Präsidenten.

 

Nachtrag: Kurz nach Drucklegung des Artikels wurde Alen Markaryan am 27. November angeschossen und schwer verletzt


Es war nicht die europäische, sondern die asiatische Seite des Bosporus, die Alen Markaryan zum Verhängnis wurde. Mit der Fähre gelangt man in kaum 15 Minuten vom Vorplatz des Inönü-Stadions nach Üsküdar. Dort, wo Alen seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, holte ihn am 27. November jene Gewalt wieder ein, von der man beides behaupten kann: dass sie ebenso zufällig wie systematisch über einen hereinbricht, wenn man augenblicksweise auch den dunklen Seiten des Lebens ausgesetzt ist.


Die Hintergründe jener Schüsse, die der Besiktas-»
Amigo« Harun D. auf Alen Markaryan abgegeben haben soll, lassen sich bislang nicht eindeutig klären. Auch der Grad der Verletzung ist noch ungewiss: D. traf Markaryan in das Bein und ins Knie ob er jemals wieder normal wird gehen können, steht nicht fest. Was in den Medien und Fanforen an Spekulationen und Gerüchten kursiert, legt als Motiv eine Mischung aus Rivalität und Intrige nahe: Von D. heißt es, er habe sich bei einem Bekannten mächtig über Marakaryan ausgelassen. Dieser dritte Involvierte habe die Suada unbemerkt auf seinem Handy aufgezeichnet und Markaryan vorgespielt. Markaryan wiederum soll D. zunächst per Telefon zur Rede gestellt und ihn zu einem Treffen in Üsküdar, dem Fährhafen auf der asiatischen Seite des Bosporus, überredet haben. Dort kam es dann zu den Schüssen. Der Tatverdächtige behauptet, in Panik reagiert zu haben.

Referenzen:

Heft: 58
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png