»Das sind Politiker, keine Vertreter des Fußballs«

cache/images/article_1630_osim_refik_140.jpg Der bosnische Verband wird von FIFA und UEFA unter Druck gesetzt. Die internationalen Verbände stoßen sich an einer Regelung, die vor 16 Jahren den Frieden ermöglichte öffentliche Ämter werden in Bosnien von dreiköpfigen Präsidien geleitet. Doch die FIFA will nur einen einzigen Präsidenten.
Bosniens Fußball hat Potenzial. Die Spieler der Nationalmannschaft um Edin Dzeko, Miraljem Pjanic und Zvezdan Misimovic lassen die Anhänger im ganzen Land auf gemeinsame sportliche Erfolge hoffen. Sie haben gute Chancen, sich in Gruppe D für die Europameisterschaft 2012 zu qualifizieren. Das erstplatzierte Frankreich liegt bei einem Spiel mehr nur fünf Punkte voran.


Die Qualifikation könnte allerdings am grünen Tisch scheitern. Der bosnische Verband wurde am 1. April 2011 von der FIFA und der UEFA suspendiert. Derzeit können weder die Nationalmannschaften noch die Klubmannschaften an internationalen Bewerben teilnehmen. Die Forderung der Fußball­oberen: Bosnien soll einen einzigen Präsidenten bestellen. Stattdessen wurde der Verband bis zuletzt von einem dreiköpfigen Präsidium geleitet, von einem Kroaten, einem Serben und einem Bosniaken. Das spiegelt die seit dem Friedensvertrag von Dayton bestehende politische Konstruktion der Besetzung sämtlicher öffentlicher Ämter wider. Diese Parität ermöglichte nach dem Bürgerkrieg pragmatisch den Frieden. Sie erweist sich aber, mehr als 16 Jahre nach Kriegsende, als in der Praxis lähmend. Zuletzt lehnten die serbischen und die Mehrheit der kroatischen Delegierten Ende März eine Satzungsänderung im Sinne der FIFA ab, das Ultimatum verstrich.

Osim solls richten
Am 26. Mai 2011 soll die nächste Generalversammlung stattfinden, knapp vor dem nächsten Qualifikationsspiel am 6. Juni gegen Rumänien. Bis dahin führt ein sechsköpfiges »Normalisierungskomitee« unter der Leitung von Ivan Osim den Verband. Das Komitee soll einen Vorschlag für ein neues Statut und neue Führungsstrukturen erarbeiten, Osim setzt dabei auf die Zusammenarbeit aller drei Bevölkerungsgruppen. Die bestehenden Probleme beschreibt er wie folgt: »Alle Gruppen in der Fußballföderation sind politisch und national orientiert. Das Problem ist immer, wie jemand heißt, nicht, was er kann. Die kämpfen alle gegeneinander. Das sind Politiker, keine Vertreter des Fußballs.« Osim führt noch ein weiteres Problem an: Der Verband habe eine Million Euro Schulden bei der FIFA. Für sie gelte es jetzt eine Finanzierung zu finden. Darüber hinaus müssen die zukünftigen Finanzgebarungen des Verbands auf solide Beine gestellt werden. Osim spricht aber auch ganz offen vom dritten Auftrag der FIFA: Es müsse eine Lösung für bestehende Verdachtsfälle von Korruption gefunden werden. Der Weltverband verlangt, dass sämtliche Verbindungen zu ehemaligen Verbandsfunktionären gekappt werden.

Wahl ohne Alternativen
Osim ist zuversichtlich, bis zur Generalversammlung Ende Mai einen für alle Seiten akzeptablen Lösungsvorschlag vorlegen zu können. Diesen Optimismus teilt auch Komiteemitglied Dragan Kulina. Der Präsident des FK Slavija Sarajevo sagt: »Es herrscht eine gute Atmosphäre. Wir alle wollen etwas ändern und die Auflagen erfüllen.« Er spricht ebenfalls von einer Herrschaft politischer Funktionäre, die auf die Anliegen der Fußballklubs zu oft vergessen. Einer der Klubvertreter im Komitee ist Darko Ljubojevic, Sportdirektor des Tabellenführers Borac Banja Luka. Kulina setzt große Hoffnungen in Ljubojevic, da er über gute Verbindungen im serbischen Teil des Landes verfüge. Er soll Verständnis dafür schaffen, dass diese Präsidentenwahl keine politische Entscheidung darstellt, sondern nur den Fußball betrifft. Das Komitee sei sich bewusst, keine Alternative mehr zu haben, wenn in Bosnien wieder international Fußball gespielt werden soll.

Referenzen:

Heft: 62
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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