Das Wanderjahr

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Der Wiener Sport-Club und der Wiener Sportklub wollen fusionieren. Doch der Weg dahin führt über den Rasen: Der Sport-Club muss in der untersten Liga wieder Fußball spielen. Ein Trainingsbesuch.

Jakob Rosenberg | 14.08.2016

Wie heißt die Mannschaft?“ Die U16 des Wiener Sportklub hat gerade ihr Training abgeschlossen, eine Gruppe Jugendlicher bleibt am Rand des Trainingsplatzes stehen und schaut dem Team, das sie auf dem Kunstrasen abgelöst hat, auf die Beine. Die Männer in den grünen und rosa Überziehtrikots haben das beste Fußballeralter zum Großteil schon überschritten, auch das Idealgewicht dürften einige hier nicht auf die Waage bringen. „Das ist der Wiener Sport-Club“, sagt einer der Burschen. „Mit C geschrieben.“ Ab September spielt die Mannschaft in der 2. Klasse B des Wiener Verbands – der untersten Leistungsstufe. Ihr Antreten ist die jüngste Episode einer komplizierten Geschichte und der Anfang vom Ende eines jahrelangen Streits.

Der große Krach
Diese Geschichte nimmt im Herbst 2001 Fahrt auf. Der Wiener Sport-Club, dreimaliger Meister im Fußball, aber seit den 1950er Jahren ohne Titelgewinn, spielt nur noch in der Regionalliga und steckt in einem Konkursverfahren. Mit einem Trick sollen die Probleme gelöst werden: Das Präsidium gründet einen neuen Verein, den Wiener SK, der in der Winterpause den Platz der WSC-Fußballsektion übernimmt. Der Wiener Verband und später auch die Bundesliga spielen mit und erkennen den Verein an, der Sport-Club hingegen bleibt auf den Verbindlichkeiten sitzen. Doch statt liquidiert zu werden, gelingt es den verbliebenen Funktionären, die Gläubiger zu bedienen. Um sich weiter Wiener Sportklub nennen zu dürfen, muss der neue Verein eine Art Lizenzgebühr an den alten entrichten, die zur Entschuldung herangezogen wird.

Seither leben die beiden Vereine in unterschiedlichen Welten: Der Sportklub hat sich als Regionalligist etabliert, Nachwuchsteams und eine Frauensektion, der Sport-Club konzentriert sich auf die anderen Sektionen wie Fechten, Radsport und Wasserball. Berührungspunkte gibt es dennoch, vor allem bei den Fans, die dem Sportklub und seinen Gegnern von der Friedhofstribüne aus zujubeln. Seit einigen Jahren engagieren sie und Mitglieder beider Vereine sich um die Rückführung des WSK in den WSC.

Überraschende Statuten
„Ich bin erst vor ein paar Jahren zum Verein gekommen und habe mir gedacht, diese Zwiegespaltenheit muss man aus der Welt schaffen“, sagt Lutz Giese, der im WSK- Vorstand für die Rückführung verantwortlich ist. Im letzten Jahr sind die Verhandlungen zwischen den beiden Vereinen intensiviert worden. „Wir wollen im Einvernehmen zusammengehen“, sagt auch Thomas Kaider vom WSC. „Wir wollen wieder Fußball spielen, das bietet sich gemeinsam mit dem WSK an, schließlich gehen die Fans dorthin.“ Beim Gespräch in seiner Fahrradwerkstatt in Wien-Hernals bezeichnet sich Kaider selbst als Kind der Friedhofstribüne. Über den Fußball sei er zum WSC gekommen, später wurde er Leiter der Fahrradsektion und seit Neuestem auch interimistischer Sektionsleiter der Fußballer.

Die Gespräche zur Rückführung verlaufen positiv, wie beide Seiten versichern, doch ein nicht unbedeutendes Detail wäre fast übersehen worden: die Regeln des Wiener Fußballverbands. Eine Fusion ist nur zwischen zwei Vereinen möglich, die zuletzt auch im Verband aktiv waren. Für den WSK trifft das zu, für den WSC nicht. „Wir haben im April erfahren, dass wir den Spielbetrieb aufnehmen müssen. Das war ein bisschen überraschend“, sagt Kaider. Bis Mitte Mai mussten ein Trainingsplatz, eine Heimstätte und eine vorläufige Kaderliste her. Spiel- und Trainingsort ist der Sportplatz in der Erdbrustgasse in Wien-Ottakring, ein Entgegenkommen vom Pächter, dem WSK. „Wir haben als Trainingstermin ursprünglich Freitag von 21.00 bis 22.00 Uhr zugewiesen bekommen – das ist witzlos“, sagt Kaider und spielt damit auf den den klassischen Spieltermin des WSK in der Regionalliga an, Freitag um 19.30 Uhr. „Schlussendlich haben wir uns auf Donnerstag 20.30 Uhr geeinigt.“

Abwehr mit Lücken
Am letzten Juli-Donnerstag geht es schon um 20.00 Uhr mit Aufwärmübungen neben dem Kunstrasenplatz los. Nach ein paar heißen Tagen bläst ein angenehmer Wind durch die Stadt, es herrscht perfektes Fußballwetter. Im Team finden sich zahlreiche von der Friedhofstribüne bekannte Gesichter, auch der aktuelle Pressesprecher und der ehemalige sportliche Leiter des WSK sind dabei. Für einige der 24 Spieler ist es eine Woche nach Vorbereitungsbeginn die erste Einheit, vor dem Training rennt der Schmäh. „Ich möchte meinen Kindern den Spielerpass zeigen, der beweist, dass ich einmal bei einem dreifachen Meister gespielt habe“, sagt einer der Kicker. Als Patrick Kasuba das Wort ergreift, kehrt sofort Ruhe ein. Der Spielertrainer mit Profivergangenheit ist eine Autorität, wirklich kennen tut er seine Mannschaft noch nicht. Gleich zu Trainingsbeginn fordert er die Spieler auf, sich einem der Bereiche Tor, Verteidigung, Mittelfeld oder Sturm zuzuordnen – heute stehen Trainingsspiele auf dem Kleinfeld an.

Bei den Spielen ist die fehlende Abstimmung unter den Mannschaftsteilen augenscheinlich, alle paar Minuten wechselt Trainer Kasuba zudem die kompletten Blöcke. Die gerade ausgewechselten Spieler analysieren die taktischen Fehler von außen und rufen ihren Kollegen ständig Anweisungen zu. Nach der Hälfte des Trainings weiß Team Rosa nicht mehr, wer sich für die Verteidigung gemeldet hat: „Wir waren doch zu viert“, ruft der alleingelassene Verteidiger. Noch nicht jeder mag seine Position gefunden haben, dennoch herrscht bei der Trainingseinheit gute Stimmung – und manchmal auch so etwas wie Stolz. „Kannst aufschreiben – erstes Tor des WSC: Alan Zalas“, sagt der Schütze des Führungstors von Team Rosa nach seiner Auswechslung dem ballesterer.

Verhandlungsthema Schulden
„Manche Leute nennen unsere Liga Schutzgruppe, andere Wirtshausliga. Aber auch in dieser Liga ist das Um und Auf, dass man halbwegs zusammenfindet“, sagt Sektionsleiter Kaider, der ebenfalls mitspielt. Wenn sich die Mannschaft gefunden hat, werden wohl auch die Rückführungsverhandlungen wieder aufgenommen. „Wir sollten möglichst schnell gemeinsam verschriftlichen, dass wir einen Plan haben, wie das bis Sommer 2017 funktionieren kann“, sagt WSK-Vertreter Giese. Auch wenn zahlreiche Details noch nicht definiert sind, spießt es sich nach dem Wiederantritt der WSC-Fußballer vor allem an einem Thema, den Finanzen. „Wir sind gebrannte Kinder, der Fußball hat schon einmal einen massiven Crash verursacht“, sagt Kaider. „Als kleiner Amateursportverein können wir keinen Verein mit Schulden übernehmen.“ Verbindlichkeiten von 250.000 bis 300.000 Euro soll der WSK im Mai 2016 noch zu bedienen gehabt haben. „Realistisch gesehen, werden wir nicht alles bis 2017 abbauen können“, sagt Giese. „Es hat im Frühjahr schon Gespräche darüber gegeben, mit welcher Summe der WSC leben könnte.“

Der finanzielle Punkt führt auf beiden Seiten zu Nervosität. Zwar habe der Sportklub mit seinem neuen Präsidium den Schuldenstand in den letzten Jahren reduziert, doch der WSC befürchtet, als Gesamtverein abermals von den Finanzproblemen einer Sektion überrollt zu werden. Die WSK-Funktionäre wiederum fürchten eine Wiederholung der Geschichte mit umgekehrten Rollen. Der WSC könnte den Platz des WSK im Ligabetrieb einnehmen, den Altverein aber mit seinen Verbindlichkeiten zurücklassen. „Bei aller Liebe zum Verein wollen wir nicht mit unserem Privatvermögen für Schulden haften, die andere zu verantworten haben“, sagt Giese. „Da müssen wir eine gemeinsame Lösung finden.“

Hoffen auf die Friedhofstribüne
Derzeit seien verschiedene Varianten im Gespräch: Internationale Testspiele sollen ebenso der Entschuldung dienen wie die möglichen Sponsoringaktivitäten einer Gruppe rund um Unternehmer Erich Kirisits, der vor drei Jahren Rapid-Präsident werden wollte und sich seit fast einem Jahr beim WSC engagiert. Auch Spendenaktionen seien geplant, sagt Giese. „Wir sind auf die Fans angewiesen, für eine Entschuldung werden wir wohl 75.000 bis 100.000 Euro von ihnen brauchen.“ Einstweilen werden einige Fans aber noch dringender auf dem Platz gebraucht.

Gegen Ende der ersten Trainingseinheit werden die Kombinationen schon etwas flüssiger, es fallen mehr Tore – bei schwindenden Kräften aber auch mehr Weitschüsse. Die Fehlschüsse und die geringer werdende Motivation, den Ball im Dunklen aus dem Gebüsch zu fischen, führen zu kurzen Geplänkeln zwischen den Spielern und den Ersatzleuten. Doch für kraftraubende Auseinandersetzungen fehlt es an Energie. Immer wieder fällt der Satz: „Wie soll das am Samstag auf dem Großfeld über 90 Minuten klappen?“

Sein Testspieldebüt wird der WSC gegen den FK Borac Vienna aus derselben Leistungsstufe nur 0:3 verlieren. Bis zum Meisterschaftsstart Anfang September hat die Mannschaft noch ein Monat Zeit, sich einzuspielen. Zum Saisonauftakt erwartet sich Kaider auch den einen oder anderen Zuschauer. „Auf der Friedhofstribüne gibt es einige sehr treue Leute, wenn wir 100 Fans zusammenbekommen, wäre ich schon sehr glücklich“, sagt er – und verspricht vollen Einsatz am Platz. „Als Wiener Sport-Club hat man ja einen Namen. Wir werden sicher kein Punktelieferant sein.“  

Foto: Lena Vanusa Baur

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